Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 572 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sir. 31 an den Gegenstand seines Vortrages, Rudolf von Habsburg, erinnert werden mußte, worauf er, sofort feine ganze Fassung findend, ausrief: „Ja, Rudolf von Habsburg, der hat die Czechen gehaut, dem müssen wir ein Hoch bringen". Mir will es aber doch scheinen, daß der erlebte Vorfall eine treffliche Illustration zur Handhabung der Staatsgrundgesetze ist. Brünn, 24. Juli 1895. Marinus. „Gegen die BlutlüFe." Unter dem Titel: „Gegen die Blut lüge" bringen verschiedene Schweizerische Zeitungen folgende Notiz: „Das Vaterland" nimmt in der jüngsten Freitagsnummer von den „Enthüllungen eines g e 1 a u, 1 e n E x - R a b b i n e r s" nach einem in Venedig erscheinenden Blatte Notiz, wodurch die Behauptung. daß die Inden bei ihren Riten Christenblut verwenden, bestätigt werden soll. Obwohl das „Vaterland" ausdrücklich jede Verantwortlichkeit für diese Enthüllungen ablehnt, wäre es doch möglich, daß der eine ober andere weniger unbefangene Leser diese Flunkereien für baare Münze nehmen könnte. Es scheint deshalb am Platze, zu betonen, daß schon die ganze äußere Form dieser Mittheilung durch die Namenlosigkeit des Ex- Rabbiners das Gepräge böswilliger Erdichtungen an d>.r Stirn trägt. Was würde man von Jemanden sagen, der gegen irgend eine einzelne Persönlichkeit eine so ungeheuerliche Anschuldigung Vorbringen wellte und nichteinmal den Muth hätte, mit seinem Namen'dafür einzustkhen! Und hier wird eine ganze Rrligionsgenossenschast eines barbarischen Verbrechens bezichtigt und der Name desten, der diese blutrünstigen angeblichen Enthüllungen macht, wird nicht einmal genannt! Wer die traurige Geschichte dieser Blmlüge kennt, die ursprünglich von den Römern gegen die Bekenner des Ebristenthums erhoben wurde, für den ist das ganze Gebühren schon durch diese äußere Form gerichtet. Zur Sache selbst, daß ein solcher Gebrauch niemals bei den Juden existiric und mit keinem Schein von Reckt je nachgewiesen werden konnte, wird für Katholiken das Zeugniß hervorragender Kirchenfürsten genügen. — Von den zahlreichen, hierhergehörigrn Aktenstücken, welche die gegen Inden erhobene Blutbeschuldigung in den schärfsten Ausdrücken als böswillige Verleumdung bezeichnen, seien hier folgende erwähnt: 1. Bulle Jnnocenz IV. vom 28. Mai 1247. 2 Bulle vom gleichen Tage, die sich auf den gleichen Fall bezieht. 3. Bulle Ji'.noncen; IV. vom 5. Juli 1247 an die Erzbischöfe und Bischöfe Deutschlands. 4. Bulle Jnnocenz IV. vom 25. September 1253. 5. Bulle Gregors X. vom 7. October 1272. 6. Bulle Martino V. vom 20. Februar 1422. 7. Bulle Pauluo HI. vom 12. Mai 1540. 8. Gutachten des Cardinals Ganganelli, spätern Papstes Clemens XIV. aus dem Jahr 1759.* > Auch von gegenwärtig lebenden Kirchenfürsten hat sich eine große Anzahl entschiedenst gegen, diese Beschuldigung ausgesprochen. — Es möge zum Schluß hier das Votum des hochwürdigsten Bischofs von Fulda (jetzt Fürstbischof in Breslau) Herrn G. Kopp vom 4. November 1882 folgen, welches erklärt: „D aß die Annahme, es könnte von Juden Christenblut zu rituellen Zwecken jemals gebraucht iv o r d e n sein, w e d e r durch d i e G e s ch i ch t e z u begründen ist. u n d d a ß eine derartige Beschuldigung, auf welche Voraussetzungen immer sie zurückgeführt w erdeit möge, als eine entschiedene, f r e v e n 1 l i ch e ll n w a h r h e i t bezeichnet wer d en mu ß." Baden, den 3. Juli 1895. Dr. H. Ehrmann, Bezirks-Rabbiner. Grauenhafte Folgen antisemitischer Bolksverhetzung. In einem Dorfe bei Saratow verschwanden vor Kurzem zwei kleine Mädchen, Töchter eines Landwirthes. Unter den Bauern verbreitete sich das Gerücht, daß die Kinder von einem Juden, dem Gastwirth des Dorfes, geraubt und zu Ritualzwecken geschlachtet worden sind. Die Bauern überfielen die Gastwirthschaft des Juden, plünderten sie, ebenso die im ersten Stockwerke befindliche Privatwohnung, fesselten den Gastwirth, seine Frau und seine drei Kinder,und steckten darauf das Haus in Brand. Die Unglücklichen starben alle den Flammentod, da die Polizei viel zu spät.eintraf. An demselben Tage noch wurden die beiden Mädchen, die man ermordet glaubte, gesund und munter im Hause eines in einem Nachbardorfe wohnenden Verwandten gefunden. Der Ursprung des Nothschild'schen Reichthums. Die unlängst erschienenen Memoiren des Generals Marbots *) Aus diesem Gutachten erfahren wir, daß sogar die Jesuiten von den Schweizern im 17. Jahrhundert solchen Verbrechens beschuldigt wurden. — Das Gutachten, sowie die erwähnten Bullen sind abgedruckt in der Schrift: „Der B i u t a b e r g l a ub e," von Prof. Tr. rheol. Strack. (Paris, Plon 1891), der unter Napoleon I. commandirte, enthalten über den Ursprung des RothschÜd'schen Reichthums bemerkenswerthe Nachrichten. Sie bestätigen und ergänzen das bereits Bekannte, erhalten aber gesteigertes Interesse, weil General Marbot selbst Zeuge der betreffenden Geschehnisse war. Er erzählt: „Als der Kurfürst von Hessen-Kassel nach England flüchten mußte, vertraute er sein ganzes Baarvermögen dem Frankfurter Bankier dritten Ranges Rothschild, dessen Ehrlichkeit ihm bekannt war, an. Er verlangte nur von ihm die einstige Rückerstattung des Capitals, das 15 Millionen betrug, die Zinsen sollten ihm gehören als Entlohnung für. seinen gefahrvollen Dienst. Nun wurde aber den Franzosen, die über den geringen Fund im Kasseler Schlosse ergrimmt waren, hinterbracht, daß ein Frankfurter Jude kurz zuvor einen ganzen Tag bei deru Kurfürsten verweilt habe. Eine kaiserliche Commission begab sich sofort zu Rothschild, um nach Kriegsrecht die Tasse mit Beschlag zu belegen. Aber man fand auch dort nichts. Drohungen, Versprechungen hatten keinen Erfolg. So wollte mau denn den frommen Juden zwingen, einen Eid zu leisten, daß er nicht wisse, wo das Geld verborgen sei. Als Rothschild sich weigerte, zu schwören, wollte man ihn eiusperren, was aber Napoleon selbst verbot. Hierauf schlug man ihm vor, die Hälfte des Schatzes an Frankreich einzuliefern, die andere Hälfte für sich zu behalten und dafür von der französischen Regierung ein Document anzunehmen, in dem diese erklärt, daß sie das Geld gewaltsam genommen habe. Alles vergeblich, Rothschild hielt sein Wort und lieferte das Geld bis auf den letzten Heller an den Kurfürsten aus. als dieser im Jahre 1814 in sein Land zurückkehrte. So erwarb sich der kleine Bankier das Vertrauen der Höfe und den Grundstock seines späteren Vermögens." So manche unserer „arischen" Herren, die als Führer an der Spitze des antikemitischen Mobs wider „jüdische Unehrlichkeil" zetern, können sich eines gleichen redlichen Ursprungs ihres Vermögens kaum rühmen. Rudolf von Gneist über Chauvinismus*): „Das Wesen der menschlichen Freiheit besteht in Selbstbeherrsch, ng und deren Vorbedingung ist Selbstprüfung und Selbsterkenntniß. Der Maßstab für die Uncultur der Nationen ist daher heutigen Tages der Grad des Chauvinismus, mit welchem sie die rein animalischen vermeintlichen Vorzüge ihrer Race zur Grundlage ihrer Ansprüche machen. Eine gütige Vorsehung hat uns Deutschen eine späte, aber glückliche Entwicklung unseres Staatswesens gewährt; möge sie uns auch die gewohnte Sellstprüfung und Erkenntniß unserer nationalen Schwächen und Fehler bewahren." Stambulow ein kosmopolitisch-semitischer Politiker! Am Tage des Begräbnisses Stambulow's wurde in Sofia ein Flugblatt verbreitet, worin es u. A. heißt: „Bürger der Hauptstadt! Die Vorsehung hat den bulgarischen Staatsmännern und dem Lande eine große Lehre ertheilt, nämlich, daß derjenige, der tobtet und durch Machtmittel regiert, durch Machtmittel stirbt. Stambulow ist todt. Mit der Massakrirung Stambulow's wurde auch sein politisches Sy'iem massakrirt, welches die Geschichte mit dem Namen Stambulow's schwarze Schieckensherrschaft bezeichnen wird. Bulgarien hat schwere Tage durchgemacht, es stand unter Stambulow unter einem drückenderen Joche als unter den Türken. Bürger! Der Feind alles Slavischen, Stambukow, gab sich vollkommen der k o s m o p o l i t i s ch-s e m i t i s ch e n Politik hin. Er wollte ans der bulgarischen Hauptstadt einen Ofen-Pester Boulevard machen und aus dem bulgarischen Heer ein ungarisches Armeecorps. Dem Tyrannen von Tirnowo waren die österreichischen Gulden lieber als das bulgarische Ideal." Es sollte uns gar nicht wundern, wenn demnächst von den „aufrichtigen Söhnen Bulgariens", wie sich die Verfasser des Flugblattes nennen, Stambulow als Werkzeug der Alliance israelite hinaestellt wird. Goethe über Toleranz. Aus den reichen Schätzen des „Goethe- und Schiller-Archivs" in Weimar veröffentlicht dessen Director, Hofrath Professor Dr. Suphan, in dem soeben erschienenen sechzehnten Bande des „Goethe-Jahrbuchs" einen von Goethe im Herbst 1816 verfaßten, aber ans unbekannten Gründen nicht in Druck gegebenen Aufsatz. Goethe bespricht darin die für das Jahr 1817 bevorstehende und allgemein für den 31. October beabsichtigte 300jährige Jubelfeier der Reformation und erklärt sich für die Verlegung des *) Aus E. Löwenthals: „Internationales Säcular-Album",! Berlin, K. Siegismund 1892.