Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021093--04773-3028976- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 31 Seite 571 L: X-'-nT-.fflSSh.^ . 7^,- M-».- . :>.s-.^rfS!L*s«- - .rr*'V.U rys3S»g ->*.v .'^ÖK ’ü^EE '&G. :•.< Dr. Bloür's Wochenschrift Spässc mit einem Hausirer. Ein Act aitt'semitischer Rohheit beschäftigte heute den Strafrichter Dr. Sedlaczek (Leopoldstadt). D.r Hausirer Samuel Schweizer war in das Gasthaus „zum Blumenstöckl" im Prater gekommen, wo ihn der Schlossergehilfe Josef I a n i s ch zu sich an den Tisch rief und im Vereine seiner Gesellschaft verspottete. Schließlich griff Jantsch in den Kasten des Hausirers, nahm ein Taschenmesser heraus und rief: „S o I u d', jetzt k a n n st geh en, am Sonntag darf st du nicht hansiren." Vergebens bat der Hausirer um Rückstellung des Messers. Jantsch kümmerte sich nicht weiter um ihn und ging tanzen. Nach einstündigem Warten bat endlich der Hausirer einen Sicherhcitsmann um seine Intervention, der auch Jantsch aufs Commissariat überstellte. Heute hatte sich nun Jantsch vor dem Bezirksgerichte wegen Diebstahles zu verantworten. Der Angeklagte verantwortete sich damit, er wollte mit dem Juden nur einen Spaß machen. — Richste r: Es zeugt von Rohheit, mit einem armen Teufel solche Scherze zu machen. — DeralsZeuge vernommeneHausirerSchw e izer erzählte den Hergang und setzte hinzu: Aber das bin ich gewohnt." — Richter: Glauben Sie, daß er Ihnen das Messer wirklich nehmen wollte? Zeuge: Ich muß das glauben, denn ich habe eine Stunde gewartet urid er hat es rrotz Bitten nicht zurückgegeben. — Der Richter vertagte schließlich die Verhandlung zur Einvernahme des Wachmannes. „Kauft nur bei Christen". Wien, 27. Juli. Die Hernalser Marklcommissäre B a u e r und Weinlich beanständeten kürzlich bei dem im XVII. Bezirke, Lacknergasse Nr. 15, etabtirten Selchermeister Ferdinand Rubi siebenu n dv i e r z i g Kilo Schweinefleisch, das bereits eine breiige Masse bildete und im höchsten Grade gesundheitsschädlich war. Der staatsanwaltschaftliche Funktionär des Bezirksgerichtes Hernals, Dr. Sko da, erhob wider Rubi die Anklage wegen Uebertretung gegen die körperliche Sicherheit. Bei der am 25. Juli vor dem Strafrichter Adjuncten Dr. G erst mann durchgeführten Verhandlung wurde Ferdinand Rubi, der wegen eines ähnlichenDelictes, bereits vorbestraft ist, in conMniaeiurn zu v i e r z e h n T a g e n A r r e st's verurtheilt. — Des gleichen Deliktes war vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Döbling. Adjuncten Dr. Ko sch in, der Gemischtwaarenverschleißer Joseph Pirga (Mariengaffe 18) angeklagt. In seiner Filiale in Döbling wurden nämlich vom Marktcommissär Dominik Neubauer mehrere dürre Würste saisirt, deren penetranter Geruch — wie es in der Relation heißt — allein die gefährliche Beschaffenheit dieser Eßwaaren zeigt. Der Angeklagte gab zu seiner Verantwortung an, die beanständeten Würste wurden von den Kunden förmlich gesucht, da man gerne so trockene Würstchen esse. Als der Richter dem Angeklagten zwei der in seinem Geschäfte saisirten und dem Gerichte als Lorpus delicti eingeschickten Würste vorwi-s, bemerkte der Angeklagte zum Marktcommissär: Wie können Sie behaupten, daß diese guten Würste gesundheitsschädlich seien? Der Marktcommissär theilte jedoch keineswegs den Geschmack des Angeklagten und beharrte dabei, daß Jedermann von dem Genüsse solcher Würste krank werden müsse. Behufs Vorladung der Verkäuferin Pirga's wurde schließlich die Verhandlung vertagt. Vom Sammlern, das dem Wolfe das Wasser trübt. Wieder einmal eine Gerichtsverhandlung, welche die unsäglich verrohende Wirkung des Antisemitismus an einem grellen Beispiele zeigt. Ein alter Jude, dessen weißes Haar, wenn nicht Achtung, so doch zumindest Schonung verlangt, trifft im Eisenbahncoupe mit mehreren Burschen zusammen, die in herausfordernder Weise „Hoch Lueger!" „Hoch Schneider!" „Nieder mit den Juden!" schreien. Der alte Mann reagirt in keiner Weise auf diese Bübereien. Darob erbittert, versetzt ihm einer jener Bengel beim Aussteigen auf dem Bahnhofe einen Tritt auf das Sprungbein des rechten Fußes. Der Greis setzt sich nun zur Wehre und stößt den Burschen bei Seite. Die Polizei schreitet ein und arretirt— den rohen Angreifer? Bewahre! Sie nimmt den alten Mann fest und dieser wird wegen Uebertretung gegen die körperliche Sicherheit angeklagt mit der Motivirung, der Bursche hätte durch den Stoß fallen und sich verletzen können! — Der angeklagte Greis spürt heute noch Schmerzen in dem verletzten Fuße, aber trotzdem ging der Attentäter frei aus! In unseren Gerichtssälen gibt es jetzt so manchen Fall, welcher beweist, daß zwar nicht die Göttin der Gerechtigkeit, wohl aber die Anklagebehörde blind ist. Der Richter sprach den Greis frei mit der Motivirung, der alte, schwächliche Mann sei schon dem äußeren Anscheine nach gar nicht im Stande, den kräftigen, 21jährigen Burschen durch einen Stoß zu gefährden. Die jüdischen Aerzte in den Sommerfrischen. Der bekannte antisemitische Ruf: „Kauft nicht bei Juden!" ist von Seite unserer Glaubensgenossen nie mit einem ähnlichen Rufe erwidert worden. Ebenso hat die antisemitische Hetze gegen die jüdischen Aerzte, die ja bei einem großenTheile der christlichen Bevölkerung nicht ohne Wirkung geblieben ist, uns nicht abgehalten, unsere Gesundheit und unser Leben, wie die Gesundheit und das Leben unserer Familien, nach wie vor christlichen Aerzten anzuvertrauen, eine Liberalität, die ja nur zu billigen und die aller Anerkennung wertst ist. Allein wenn wir diese unsere Liberalität so weit treiben, daß wir selbst unsere Feinde und Schmäher zum Nachtheile der Gewerbetreibenden, respective der Aerzte jüdischen Glaubens fördern und unterstützen, so kommt dies einer Ehrvergeffenheit ziemlich nahe. Und wenn die in den Sommerfrischen uns überall begegnenden Inschriften antisemitischer Rohheit, wie z. B.: „Hinaus mit den Juden! Hängt die Juden auf!" und dergleichen uns nicht mahnen, von unserer Liberalität einsichtigeren und maßvolleren Gebrauch zu machen, so ist dies leider als ein Mangel an Selbstachtung zu beklagen. Und wenn wir uns schließlich in den Sommerfrischen von solchen christlichen Aerzten behandeln lassen, die für uns nichts als Verachtung. Spott und Hohn haben und die in echter antisemitischer Gesinnungslosigkeit ihre Judenfeindlichkeit während der Sommerfrische-Saison sorgfältig verbergen, um fie nach Ablauf derselben wieder hervorzuheben und noch rücksichtsloser zur Geltung zu bringen; wenn wir, sage ich, zur Bereicherung solcher Judenfresser und zur Hebung ihres ärztliches Renommees so viel beitragen, während wir die glaubensgenössischen Aerzte vornehm ignoriren, so untergraben wir selbst unser Ansehen, und unsere Ehre und wir haben dann gar kein Recht, uns zu entrüsten, wenn uns Aufdringlichkeit, Kriecherei und dergleichen schöne Dinge zum Borwurfe gemacht werden. Von wemwerden uns aber in den Sommerfrischen die Aerzte empfohlen? Nun, in der Regel von dem christlichen Hausherrn, dem Hotelier und dem Apotheker, die bei der gegenwärtigen Verbreitung der antisemitischen Seuche ja in den meisten Fällen judenfeindlicher Gesinnung sind. Haben wir nun die Auskünfte solch getrübter Quellen ohne Weiteres auf Treu und Glauben anzunehnun? Durch ihre bekannte und anerkannte Tüchtigkeit, durch ihre erprobte Gewissenhaftigkeit, Treue und Hingebung in der Ausübung ihres Berufes gereichen uns die glaubensgenössischen Aerzte zur Ehre und, einen großen Theil unserer Intelligenz repräsentirend, bilden sie sozusagen das Rückgrat unseres Volkes; sollte es demzufolge nicht unsere Pflicht sein, ihnen in ihrem schweren Kampfe gegen die bald offen, bald im Geheimen wühlende antisemitische Meute beizustehen und sie durch unseren Zuspruch zu fördern? Nicht genug aber, daß wir dies nicht thun, schädigen wir sie noch und führen indirect den Ruin ihrer ^'stenz herbei, indem wir uns der antisemitischen Aerzte bedienen. Denn das Publicum beurtheilt den Arzt vornehmlich nach dem Umfange seiner Praxis, nach der Größe seiner Clientel. In dem Maße nun, in welchem wir direct oder indirect zur Vergrößerung der Clientel der antisemitischen Aerzte beitragen und dadurch ihr Renommee heben, in demselben Maße sinkt das berufliche Ansehen der mit jenen an demselben Orte thätigen jüdischen Aerzte. von denen sich in der Folge selbst die bereits erworbene Clientel abwendet, um sich den neuen, von uns selbst geschaffenen „Größen" zuzuwenden. Es ist daher lebhaft zu wünschen, daß unsere in den diversen Sommerfrischen weilenden Stammesgenoffen sich auch nach der besprochenen Richtung hin der sich selbst schuldenden Achtung entsinnen und ihrer hart bedrängten Connationalen eingedenk sind. CH. D. Lippe. Unsere Gymnasiallehrer. Bor einigen Tagen trat ich Abends in ein Gasthaus und setzte mich ruhig an einen einsamen Tisch. In meiner Nähe war ein anderer vollbesetzter Tisch, um welchen herum eine Anzahl Herren in lebhafter Discusfion saß. Aus einzelnen Worten erkannte ich, daß ich eine Lehrergesellschaft vor mir hatte, die ihre Schulangelegenheiten discutirte und. da mich solche Dinge nicht interessiren, wandte ich ihnen nicht die leiseste Aufmerksamkeit zu. Es war daher nicht meine Schuld, wenn folgende, mit besonderer Heftigkeit hervorgestoßene Bemerkung an mein Ohr drang: „hat die einfachsten Thatsachen aus der österreichischen Geschichte nicht gewußt, a Jud war's auch; also ganz ungenügend". Meine späteren Erkundigungen ergaben, daß der Sprecher Professor Mieklau vom I. deutschen Gymnasium war und daß an demselben Tage (12. Juli) bei der an dieser Anstalt abgehaltenen Maturitätsprüfung ein jüdischer Schüler reprobirt wurde. Mein Gewährsmann meinte allerdings, daß man Herrn Mieklan's - leußerungen nicht sehr ernst nehmen müsse, denn er sei an jenem Abend schon im zweiten Wirtshause gewesen und derartige Studienreisen bewirken bei ihm mitunter eine solche ' Zerstreutheit, daß er einmal in der Schule erst von den Schülern