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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-02 · 31 (2.8.1895) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
31 (2.8.1895)
Date
1895-08-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 568 Dr. Vloch's Wochrnschrrftk. Nr. 31 Verfertiger dieser Adresse in hebräischer Quadratschrift war Herr Hirsch Buninwwitsch, gebürtig aus Wolosin, wohnhaft in Wilna, eine angesehene Persönlichkeit der dortigen Gemeinde. Unter den unzähligen Dankadressen, welche Sir Moses zu jener Zeit von so vielen Gemeinden der Diaspora erhielt, erregte die Wilnaer wegen ihrer besonders schönen Ausführung seine höchste Bewunderung. Derselbe ließ daraus in Wilna anfragen, ob der Schreiber der Adresse etwa geneigt wäre, für ihn eine Sefer Thora (Gesetzesrolle) anzufertigen. Der Verfertiger der Adresse, obwohl damals noch kein geübter Thoraschreiber, übernahm dennoch die schwierige Arbeit und befriedigte den edlen Philantropen mit derselben in einem solchen Grade, daß er alljährlich den Auftrag erhielt, eine Pergamentrolle zu schreiben und im Lause der Jahre deren 27 ansertigte. Bei Gelegenheit der ersten Rückkehr aus St. Petersburg im Jahre 1846 hielt Sir Moses sich einige Wochen in Wilna auf und beauftragte nochmals persönlich den genannten Herrn, für ihn dort eine Sefer Thora zu schreiben. Dies war bereits die vierte, die er ansertigen sollte und Sir Moses schrieb in Wilna eigenhändig die Anfangsworte zu dieser Thorarolle. Nach dem Ableben des Herrn Hirsch Bunimowitsch wurde dessen Sohn Elias, jetzt in Frankfurt a. M. wohnhaft, mit weiteren Aufträgen von Sir Moses beehrt und fertigte für denselben bis zu seinem Hinscheiden im Jahre 1885 neun Pergamentrollen an. Die vielen schriftlichen Anerkennungen von Seiten Montefiore's geben Zeugniß davon, in welch hohem Grade Sir Moses auch von den Arbeiten dieses berühmten und meisterhaften Thoraschreibers befriedigt war. Zum hundertjährigen Geburtstag Montefiore's im Jahre 1883 wurde Herr Elias Bunimowitsch als Delegirter der Wilnaer Gemeinde nach Ramsgate gesandt. Eine eben fertig gewordene Thorarolle nahm er gleich mit, um sie persönlich Sir Moses zu überreichen. Bei dieser Gelegenheit drückte der greise Philanthrop demselben seine Bewunderung und seinen Beifall aus über die vortreffliche und künstlerische Anfertigung dieser Gesetzesrolle, den herzlichen Wunsch hinzufügend, daß der Ueberbringer noch lange Jahre für ihn arbeiten möge. Nach Beendigung meiner akademischen Studien in Bonn brachte ich ein Jahr in Brüssel zu, um eine größere Gewandtheit in der französischen Umgangssprache mir anzueignen, und ich hegte damals auch schon den Wunsch, im Englischen mich weiter auszubilden, womöglich an der Quelle, wozu sich mir bald eine passende Gelegenheit darbieten sollte. — Am Ende des in Brüssel verlebten Jahres kam nämlich der berühmte Gelehrte Dr. Louis Loewe zum Gebrauche einer Badecnr nach Aachen. Er kam häufig in das Haus meiner Eltern und fragte dieselben, ob ich nicht geneigt wäre, eine Lehrerstelle in seinem zu Brighton gelegenen Pensionat anzunehmen. Meine Eltern waren für dieses günstig erscheinende Anerbieten wohl eingenommen und ich zögerte auch nicht lange mit meiner Einwilligung. Herr Dr. Loewe, ein ausgezeichneter Redner und eine herzgewinnende liebenswürdige Persönlichkeit, hatte damals schon durch seine Gelehrsamkeit einen großen Ruf sich erworben — namentlich durch die Herausgabe eines englisch-türkischcirkassischen Wörterbuches und durch die gründliche Kenntniß der Hieroglyphen, worin er es mit Champollion, de Sazy und Lepsius aufnehmen konnte. Kein Wunder, daß viele gelehrte Gesellschaften ihn zu ihrem ordentlichen und Ehrenmitglied ernannten — eine Zeit lang war er Oriental Linguist and Hebrew Lecturer beim Herzog von Sussex, dem Onkel der Königin Victoria. Später erwählte ihn Sir Moses Montefiore zu seinem ständigen Secretär und Reisebegleiter und übergab ihn nachher das Rectorat des Theological College, der von ihm gegründeten jüdischen Hochschule, welche Ehrenstelle der allgemein gefeierte Gelehrte bis zum Jahre 1885 bekleidete. Bei meiner Ueberfahrt von Brüsselmber Ostende-Dover nach Brighton traf ich auf dem Daiopfboot mit dem damaligen Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, unserem nun in Gott ruhenden Kaiser Friedrich den III. zusammen, mit welchem ich gemeinschaftlich u. A. die Vorlesungen über Politik und Geschichte bei Professor Dahlmann in Bonn gehört hatte und der sich damals aus der Brautfahrt befand. Kurze Zeit nachher las man in den Zeitungen die Verlobung Seiner Königlichen Hoheit mit der Princeß Royal of England — ein Ereigniß, das ganz England und Deutschland mit Jubel und Freude begrüßte. Nach der Uebernahme der von Sir Moses Herrn Dr. Loewe angebotenen Ehrenstelle kam ich als Jnstitutslehrer von Brighton nach Ramsgate zum Reverend I. H. Myers, der ebenfalls ein Knabenpensionat leitete und zugleich als erster Cantor in der Synagoge beschäftigt war. Mit diesem wurde ich auch einmal an einem Samstag Nachmittag von Sir Moses zur Tafel geladen. Die Unterhaltung wurde nur in englischer Sprache geführt, obwohl Lady Judith auch Deutsch verstand. Wir saßen ziemlich lange bei der Tafel und als es Abend geworden war, fingen wir an, zusammen S'miros (Sabbathlieder) zu singen. Viele Jahre waren über diesen schönen Abend dahingegangen: Sir Moses hatte siebenmal Jerusalem besucht, das letzte Mal im Jahre 1875 und acht Jahre später, als der edle Menschenfreund ein Alter erreicht hatte, wie es nur wenigen Menschen zu Thei! ward, übersandte ich ihm am 6. November 1883 einen Glückwunsch zu seinem neunundneunzigsten Geburtstage. Daraus erhielt sich eine sinnig abgefaßte Antwort, welche mit den unvergeßlichen Worten schloß: „Mit dem aufrichtigsten Wunsche, datz der Himmel Ihnen und all' den lieben Ihrigen alles erdenkliche Gute verleihen möge und uns allesammt bald das hohe Glück zuiheil werde, die Welt durch die Anerkennung des einzigen ewigen Gottes uub die Beobachtung seiner heiligen Gesetze gesegnet zu sehen, verbleibe ich mit vieler Hochachtung. Ihr ganz ergebener Moses Montefiore. Merkwürdigerweise traf ich am 7. November 1883, einen Tag vor dem Eintritt Montefiores in sein hundertstes Lebensjahr, zum zweiten Mal mit dem Kroirprinzelr des deutschen Reiches zusammen. Derselbe war damals in Frankfurt, nahm mit seiner erlauchten Geinahlin außer anderen Sehenswürdigkeiten der ehemaligen Freien Reichsstadt auch die Kunstgewerbeausstellung in Augenschein und unterhielt sich bei dieser Gelegenheit in der gemüthlichsten und leutseligsten Art und Weise mit mir über die Vorlesungen, welche Professor Dahlmann vor 30 Jahren im größten Hörsaal zu Bonn vor einem zahlreichen Kreise von Zuhörern gehalten hatte. Unter Anderem richtete er die Frage an mich, ob ich mich noch erinnere, wie behutsam Professor Dahlmann auf dem Katheder die — Kerzen geputzt habe. In demselben Jahre erschienen in allen Zeitungen des In- und Auslandes nrehr oder minder ausführliche Lebensbeschreibungen von Sir Moses mit und ohne Illustrationen; am ausführlichstell und vollständigsten erschien mir eine Sonderbeilage zum Jewisli Chronicle, versaßt von Mr. Israel Davis. Eine so ansprechende, bis in die kleinsten Einzelheiten gehende Lebensbeschreibung des großen Menschenfreundes war lnir bis dahin noch nicht zu Gesicht gekommen; ich war deshalb der Ansicht, daß ich all' denen, welche das englische Werk im Original nicht lesen konnten, durch die Uebertragung desselben in meine Muttersprache einen Dienst erweisen würde, um ihnen das getreue Lebensbild eines Mannes vorzuführen, der, wie Dr. Rülf sich ausdrückte, „hilfbereit und unverzagt stets Gut und Leben für sein Volk gewagt, der ohne Furcht vor Fürsten hintrat, so selbstlos wie kein Zweiter", eines Mannes, der im eisigkalten Winter des Jahres 1846 nach St. Petersburg fuhr und dem Czaren Nikolaus seine Glaubensgenossen zum ,Schutz anempsahl „den sie wirklich haben sollten, wenn sie ihm ähnlich würden", der im Jahre 1872 dem Czaren Alexander II., den Befteier der Leibeigenen, bei der zweihundertjährigen Geburtstagsfeier

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