Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-02 · 31 (2.8.1895) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
31 (2.8.1895)
Date
1895-08-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021093--04769-3028972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 31 Dr Bloch's Wochenschrift. Seite 567 In seinen philosophischen und geschichtlichen Werken spricht V i c o oft von Juden und Judenthmn, und stets mit der höchsten Achtung und Bewunderung. Als katholischer Christ betrachtet er zwar die Zerstreuung der Juden als göttliche Fügung zur Verbreitung des Christenthnms, aber er ist weit davon entfernt, die jüdische Religion als bloße Vorschule oder Vorbereitung des Christenthnms zu betrachten. Judenthum und jüdische Religion haben bei ihm einen selbstständigen Werth, einen viel höheren Werth als alle heidnischen Religionen der sogenannten Arier. Auf das Alte Testament gestützt, zeigt er, wie der Ahnherr des hebräi'chen Volkes, Abraham, aus der Mitte eines götzendienerischen Volkes ausgesondert, von Gott dazu berufen wurde, die echte und unverfälschte, auf den wahren Gottesglanben gebaute Familienherrschaft zu gründen, die im Geschlechte der hebräischen Patriarchen fortlebte. „Diese hebräische Familrenherrschaft unterscheidet sich von der heidnischen (besonders römischen) dadurch, daß das Recht über Leben und Tod der Kinder nicht dem Vater, sondern Gott zusteht, wie es die Erzählung von der Opferung Israels beweist." „Die Religion, welche Moses verkündete, lehrt den wahren Gott kennen, nicht einer: Himmel, wie die Heiden, oder ein Weltgebäude, wie ihre Philosophen, sondern einen Gott über Himrnel und Welt, was, als die Griechen auf der höchsten Strrfe ihrer Cultur angelangt waren, erst der göttliche Plato begriff. Der Gesetzgeber Moses läßt alle Lykrirge, Solone und Decemviren weit hinter sich. Er war der größte Historiker, Philosoph und Gesetzgeber, lange bevor heidnische Gesetzgeber, Philosophen und Historiker existirten." *) „In seinen Gesetzen verbietet Moses nicht blos ungerechte Handlungen, sondern auch ungerechte Gesinnungen, ninunt also einen Standpunkt ein, welchen unter den Heidenvölkern erst spät, bei vorgeschrittener Bildung, die griechische Philosophie erreichte." „Die mosaische Agrargesetzgebung ist einerseits auf vollkouunene Reinerhaltung des religiösen Glaubens, andererseits ans Fernhaltung jedes Rechtsstreites berechnet und nach den Grundjätzen der humansten Billigkeit bemessen. Die bei den Heiden durch Ausbeutung des stricteu Rechtes veranlaßten Streitigkeiten, Kämpfe und Empörungen waren bei den Hebräern ganz unmöglich." „Das von Abraham stammende Volk repräsentirt das reine. Menschenthum, ohne verthierte Riesen, wie seine Religion rein ist von abergläubischen Riten. Alle religiösen Institutionen des hebräischen Volkes bezwecken die Erhaltung und Förderung der Gotteserkenntniß, die Verhütung vor dem Versinken in heidnische Rohheit und Entfremdung von Gott. Während die heidnischen Priester ihre religiösen Geheimnisse sorgfältig verbargen, lagen die Vorschriften der jüdischen Religion in Schriften vor, zugänglich Jedem, der lesen konnte.* 2 3) Es gab keine Arkanwiffenschaft bei den Hebräern." „Wie in der jüdischen finden sich auch in den heidnischen Religionen manche Reinigungsceremonien, und religiöse Waschungen werden vorgeschrieben; aber alles dies bezieht sich bei diesen nur auf den Körper, während die Reinheit der Seele, das in: Gefühle der sittlichen Unreinheit zerknirschte Herz, nur von der Religion der Hebräer gefordert wurde." Und Vico beschränkte sich nicht auf das Alte Testament, das er viel häufiger in seinen Werken citirt als das Neue, und die Hebräer, die vor vielen hundert Jahren gelebt hatten, zu bewundern, er stand auch in freundschaftlichem Verkehr mit dem Juden Joseph Attias, den er in seiner Selbstbiographie den gelehrtesten Juden seiner Zeit nennt. Neben vielen schmeichelhaften Briefen von christlichen Gelehrten und Kirchenfürsten ließ er in der Selbstbiographie auch einen Brief dieses Juden abdrucken. *) De r:>nstautia philologiae, cap. X. und XI. 2) ibid. cap. 20. De reriun dominioe, de poenis. 3) ibid. cap. 168. Und wie verhielten sich hervorragende Zeitgenossen zu den^so vjel Judenfreundliches enthaltenden Werken Vico's? Man weiß, daß damals in Italien Bücher nicht ohne Erlaubniß geistlicher und weltlicher Censur gedruckt werden durften; der geistliche Censor begnügte sich aber nicht, den Druck eines Werkes von Vico einfach zu gestatten, sondern überhäufte in seinem Gutachten darüber das Werk und den Verfasser mit den größten Lobsprüchen. Cardinal Lorenjo C o r s i n i, dem er eines seiner Werke gewidmet hatte, dankte ihm in der verbindlichsten und schmeichelhaftesten Weise dafür, und als er später die zweite Auflage desselben dem Neffen dieses inzwischen zum Pap st e (Clemens XII) gewählten Cardinals sandte, antwortete dieser, das Werk habe auch in dieser Urnarbeitung den vollen Beifall Seiner Heiligkeit gefunden. Das geschah vor mehr als anderthalb Jahrhunderten! Und Johann Baptist B i c o war ein echter, reiner arischer Christ, geboren in Neapel, zu einer Zeit, da den Juden dort seit mehr als hundert Jahren der Aufenthalt verboten war. Sollte aber trotzdem ein Antisemit ihn zum „Judenstämmling" machen wollen, so würden wir Juden uns nicht dagegen sträuben. Solche Geschenke werden wir stets gerne von den Ariern annehnren, wenn sie nur die Lueger und Liechtenstein, die Schneider und Vergani für sich behalten. _ M. Zur Erinnerung an Sir Moses Mvntefiore grb. am 8. Marcheschwan 5544 (1784) gest. am 16. Nw 5645 (1885). Bon Dr. Joseph F i e b e r m a n n (Frankfurt a. M. >. Es war an einem schönen Vormittag im Spätherbst 1838, als eine elegante Equipage vor der Aachener Synagoge auf dem Hirschgraben stehen blieb. Es sammelte sich bald eine große Menge von Personen, um die unerwartet eingetroffenen fremden Gäste in der Nähe zu betrachten und anzustaunen. Dieselben schienen ganz hervorragende Persönlichkeiten zu sein, was man nicht nur an dem vornehmen Aeußeren der hohen Reisenden, sondern auch an den schmucken Rappen, den feingekleideten Livreebedienten und an dem auf der Innenseite des Wagenschlags angebrachten ritterlichen Wappen mit der hebräischen Ueberschrift Jerusalem leicht erkennen konnte. Die Neugierde des immer zahlreicher anwachsenden Publicums wurde auch bald befriedigt; denn nur selten hatten Aachens Mauern eine stattlichere Persönlichkeit beherbergt, als den Mann, der jetzt aus dem Wagen stieg. Es war Sir M o s e s M o n t e f i o r e, welcher mit seiner edlen und hochherzigen Gemahlin Lady Judith, seiner heldenmüthigen und steten Reisebegleiterin, die Synagoge besuchte, in welcher damals noch der Gottesdienst in der altherkömmlichen Art und Weise abgehalten wurde. Bald hatte sich auch der Vorstand der jüdischen Genieinde zur Begrüßung der hohen Gäste eingefunden, an dessen Spitze Herr Jsaac Levy stand, eine hohe Gestalt, die aber von Sir Moses noch weit überragt wurde. Nachdem der Letztere sich nach allen Einzelheiten der jüdischen Gemeinde genau erkundigt hatte, ließ er ein Andenken an seinen Besuch zurück, indem er die Mittel zur Einrichtung der Gasbeleuchtung 1 nnd zur Anschaffung eines dazu gehörigen Kronleuchters für die Synagoge gewährte. Ich war damals ein achtjähriger Knabe und hatte keine Ahnung davon, daß ich später noch einmal aus englischem Boden in Ramsgate mit dem „Fürsten in Israel" und seiner edlen Gemahlin Zusammentreffen würde. Zwei Jahre nachher, im Jahre 1840, sandte die Wilnaer Gemeinde eine Dankadresse an Sir Moses Mvntefiore, — wegen seiner Bemühungen zur Errettung seiner imglücklichen mit dem Tode bedrohten Glaubensgenossen in Damascus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.