Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 566 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 31 Thomas Huxlry und die Bibel. Von Prof. Dr. G. Deutsch. In verschiedenen Nekrologen über den kürzlich verstorbenen englischen Naturforscher, die mir zu Gesichte kamen und von denen ich voraussetze, daß sie vielfach in jüdischen Kreisen verbreitet sind, fand ich eine Darstellung, die den Eindruck erwecken muß, daß Huxley ein Religionsspötter im Sinne der Voltaire'fchen Schule gewesen ist. Wie falsch diese Auffassung ist, soll aus folgendem Citate aus seinen We.rken hervorgehen, welches auch gegenüber den rohen Angriffen auf das Allst Testament, wie sie in den Kreisen der Deutschnationalen üblich sind, dem jüdischen Lesepublicum von Interesse sein dürftet Ich gebe das Citat in möglichster Vollständigkeit mit Einschluß mancher Stellen, an denen vielleicht einzelne Bibelgläubige Anstoß nehmen dürften, um von vorneherein dem Vorwurf die Spitze abzubrechen, als hätte ich durch Anführung von aus dem Zusammenhänge gerissenen Stellen den eigentlichen Sinn derselben alterirt. Im 5. Bande von Huxley's gesammelten Essays, betitelt: Loienee and Christian Tradition, New-York 1694, p. 55 ff., findet sich folgende Stelle: „Manche Leute scheinen zu glauben, wenn zugegeben wird, daß die alte Literatur, enthalten in unseren Bibeln, nicht mehr Anspruch auf Unfehlbarkeit habe, als irgend eine andere Literatur, daß die Israeliten und ihre christlichen Nachfolger eine große Zahl supranaturalistischer Theorien und Legenden acceptiren, welche keine beffere Begründung hatten als die des Heidenthums, dann bleibe nichts übrig, als die Bibel als Maculatur bei Seite zu werfen. „Ich bin dieser Behauptung immer entgegengetreten. Es scheint mir. wenn es irgend etwas gibt, was widerlicher ist, als der orthodoxe Bibelvergötterer, dann ist es der heterodoxe Philister, der in einer Literatur, die in mancher Beziehung unerreicht dasteht, nur eine Zielscheibe für schlechte Witze und eine Gelegenheit sieht, seine dünkelhafte Unkenntniß dessen, was er vergangenen Generationen schuldet, zu entfalten. „Bor 22 Jahren plaidirte ich für den Gebrauch der Bibel als eines Mittels zur Volkserziehung und ich wage es zu wiederholen, was ich damals sagte: „Bedenket die große geschichtliche Tbatsache, daß dieses Buch seit drei Jahrhunderten mit dem Besten und Edelsten in der englischen Geschichte verwoben war, daß es das nationale Epos Groß-Britanniens geworden ist und Jedermann vertraut ist. Hoch und Niedrig von John d' Groat's Haus bis Land's End*), wie Dante und Taffo einst den Italienern vertraut waren. Bedenket, daß es in dem re'nsten und vornehmsten Englisch geschrieben ist und eine Fülle großartigster Schönheiten in literarischer Form aufzuweisen hat und endlich, daß es verhindert, daß der letzten Bauernmagd, die niemas ihr Dorf verließ, die Existenz anderer Gegenden und Civilisationen und einer großen Vergangenheit, die sich bis zu den äußersten Grenzen der ältesten Nationen der Welt erstreckt, unbekannt bleibe. „Wo ist ein anderes Buch, durch dessen Studium Kinder so menschlich erzogen werden könnten, durch das sie fühlen lernen, daß jede Figur in dieser langen historischen Procession gleich ihnen nur einen momentanen Intervall in dem weiten Zwischenraum zwischen den Ewigkeiten ausfüllt, und daß Jedermann die Segnungen oder Flüche erntet, je nachdem er sich bemüht, das Gute zu thun und das Böse zu meiden, wie man den Lohn seiner Arbeit erntet?**) „Gleichzeitig legte ich darauf Gewicht, daß solcher Unterricht Laienhänden anvertraut werde, in der Hoffnung und dem Glauben, daß er sich auf diese Weise den veränderten Anschauungen der Zukunft anpaffen werde, daß Theologie und Legende auf diese Weise mehr und mehr aus dem Gesichtskreise schwinden, während die dauernd interessanten, historischen, literarischen und ethischen Partien mehr in's Licht gesetzt werden würden. „Ich darf noch einen Anspruch, welchen die Bibel an die Achtung und die Aufmerksamkeit eines demokratischen Zeitalters hat, hinzufügen. Durch die ganze Geschichte der westlichen Welt waren die jüdische und christliche Schrift die n nichtigsten *) Vom äußersten Nordosten Englands bis zum äußersten Aordwesten. **) Die Schulräthe, was sie thun können und was sie thnn ollen, 1870, in Critiques and Addresses p. 51. Ursachen der Auflehnung gegen die schlimmsten Formen des clericalen und politischen Despotismus. Die Bibel war die Magna Charta der Armen und Unterdrückten. Bis auf die Gegenwart hatte kein Staat eine Verfassung, in welcher den Interessen des Volkes so ausgiebig Rechnung getragen wird, in welchen die Pflichten der Herrscher gegenüber ihren Rechten so nachdrücklich betont werden, als es in der für Israel entworfenen Verfassung geschieht, welche in Deuteronomium und Leviticus sich findet. Nirgends ist die fundamentale Wahrheit, daß die Wohlfahrt des Staates im Großen und Ganzen von der Rechtschaffenheit der Bürger abhängt, so stark betont. Allerdings schwatzt die Bibel kein leeres Gewäsche über die Menschenrechte, aber sie besteht auf der Gleichheit der Pflichten, auf der Freiheit, jene Gerechtigkeit zu fördern, welche einigermaßen verschieden ist von dem Kampf um „Rechte", auf der Brüderlichkeit, die Sorge trägt für den Nebenmenschen wie für sich selbst." „Jnsoferne als Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit unter den demokratischen Principien begriffen sind, welche diese Namen annehmen, ist die Bibel das demokratischeste Buch der Welt. Als solches begann es durch die häretischen Secten im Mittelalter den clerical-politischen Despotismus von dem Augenblicke seines Entstehens im 11. Jahrhundert zu bekämpfen. Papst und König hatten ihre Hände voll zu thun, um die Albigenser und Waldenser im 12. und 13. Jahrhundert zu unterdrücken; dieLollarden und Hussiten im 14. und 15. Jahrhundert gaben ihnen noch mehr zu schaffen; seit dem 16. Jahrhundert haben die protestantischen Secten immer politische Freiheit begünstigt im Verhältnis zu dem Grade, in welchem sie sich weigerten, außer der Bibel eine endgiltige Autorität anzuerkennen." „Jedoch der ungeheuere Einfluß, den die heiligen Schriften der Juden und Christen ausübten, hatte niemals einen nothwendigen Zusammenhang mitKosmogonien, Dämonologien und wunderbaren Eingriffen in die Naturordnung. Ihre Stärke liegt in ihrem Appell nicht an den Verstand, sondern an das sittliche Gefühl." „Ich will nicht sagen, daß auch nur das höchste biblische Ideal alle anderen ausschließt oder einer Ergänzung nicht bedarf. Ich bin jedoch vollkommen überzeugt, daß die Menschheit noch nicht in der Lage ist und vielleicht niemals in der Lage sein wird, dieses Ideal entbehren zu können." Mn katholischer Philosoph über das Iudrnthum. Wemr man die Schmähungen liest, mit denen die antisemitischen Schmutzblätter fast täglich Juden und Jndeuthum überhäufen, wenn man sieht, wie unreife Halbwisser sich aus schlecht verstandenen, von ihnen zumeist nicht im Original gelesenen, mittelalterlichen Werken eine germanische Religion oder Mythologie construiren, die sie der christlichen und jüdischen Religion vorziehen, wenn man hört, wie selbst ein katholischer Priester von der Kanzel herab die Patriarchen und Heroen der Juden, welche die christliche Kirche unter ihre Heiligen ausgenommen hat, schmäht, wenn man all diesem ekelhaften Treiben einige Zeit zugeschen hat, so wird man umsomehr erquickt und erfreut, wenn man einen wahrhaft frommen, gelehrten und angesehenen Katholiken findet, der den Juden und dem Judenthum die ihnen gebührende Anerkennung zollt. Ein solcher Mann war Giov. Battista V i c o, geboren 1668 in Neapel, gestorben daselbst 1744, als Universitätsprofessor und königlicher Historiograph. Er war aber noch viel mehr als das. Er war einer der bedeutendsten Philosophen seinerzeit und gilt noch jetzt neben Rosmini für den größten Philosophen Italiens. Er war aber auch ein scharfsinniger Historiker und hat zuerst die von der modernen Wissenschaft getheilte Auffassung der älteren römischen Geschichte gehabt. Neben einem solchen Manne verschwinden alle antisemitischen Größen der Wissenschaft von Treitschke bis Gregorig, von Düring bis Rohling.