Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-02 · 31 (2.8.1895) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
31 (2.8.1895)
Date
1895-08-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021093--04767-3028970
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 31 Dr. Blvch's Wvchrnschrist. Seite 565 Sterblicher so tiefe Weisheit besessen, wie er," fügte ein Dritter hinzu. „Das ist noch gar nichts", meinte eine wackere Antisemitin, „aber im vornehmsten Rang des Paradieses, unmittelbar neben der heiligen Jungfrau, weist er der Sarah, der Rebekka, der Judith und Ruth und einer Menge anderer Judenweiber die besten Plätze ein. Ganz wie im Burgtheater drängen sich die Jüdinnen hier vor und eine ordentliche Arierin müßte sich schämen, in einem solchen Paradiese sich auch nur eine Viertelstunde aufzuhalten. Da sitze ich schon lieber neben der Frau Potiphar, obwohl der Jude Dante sie in den tiefsten Abgrund der Hölle verdammt, weil sie den Judenjungeu Josef verleumdete." „Was? Wegen ein Bischen Lüge und Verleumdung eines Juden zur ewigen Hölle verdammt?" schrie der Redacteur einer antisemitischen Zeitung und schlug verzweifelt die Hände zusammen. „Mir ist es ganz gleich, ob diese Inden und Jüdinnen im Paradiese oder in der Hölle sitzen," meinte ein bürgerlicher Pfaidler, „wenn sie nur nicht hier aus Erden Manschetten und Krügen verkaufe«." t Viel lebhafter gestaltete sich die Debatte, als an die Reinigung der d euts ch en Literatur gegangen wurde. Die strammsten Nationalen erklärten sie für durch und durch verjudet und wollten als rein germanisch nur Wagner's Nibelungen, die Schriften Düring's, Treitschke's und säinintliche Werke Schönerer's und Ahlwardt's gelten lassen. Gemäßigte wollten auch die Schriften Luther v gestatten, wogegen sich aber heftige Opposition erhob. Man warf dem großen Reformator vor, daß er durch seine Bibelübersetzung ganz Deutschland verjudet und demoralisirt habe. Ein Redner wies auf den blühenden Zustand des mächtigen Spanien hin, wo das Lesen der Bibel stets verboten war und erst vor einigen Jahren eine ganze Ladung von Bibelübersetzungen consiscirt und verbrannt wurde; „dagegen seien die Engländer, die so fleißig die Bibel und besonders das Alte Testament lesen, ein ganz herabgekommenes, armes unterdrücktes Volk. Darum lasset uns ein Hoch ausbringen auf unseren stets überzeugungstreuen Dr. Lueger, denn nur sein und seiner Parteigenossen unermüdliches Wirken kann Oesterreich vor einem Herabsinken zu dem Range Großbritanniens bewahren, es zu der Macht und dem Wohlstand Spaniens erheben, aus Ungarn ein zweites Cuba machen." (Wacker! wacker!) Ein anderer, wegen seines Martyriums allgemein verehrter unverfälschter Arier — er hat alle Reden des Herrn von Pacher angehört und ist davon taub geworden — wies den entnationalisirenden Einfluß der Bibel an dem Beispiel des kleinen David nach, der mit der ganzen Frechheit eines „jüdischen Jüngels" auf Goliath losgeht und ihn von vorn angriff, während der wackere Germane Hagen dem Siegfried dem er Freundschaft heuchelte, das Schwert von hinten in den Rücken stößt. „Und was für ein unmoralisches Buch sind erst die Psalmen dieses Juden David, ich wundere mich, daß man gestattet hat, sie in den Kirchen zu singen." „Ist es nicht offene Aufwiegelung, wenn es darin (82) heißt: „Wie lange wollt' ihr unrecht richten und die Person der Gottlosen vorziehen? Schaffet Recht dem Armen und den Waisen und helfet dem Elenden und Dürftigen zum Recht." „Mir scheint", sagte ein gelehrter Antisemit, „das ganze Buch erst von den modernen Juden zur Schmähung der Antisemiten erfunden zu sein. Auf wen sonst können denn Verse paffen wie: „Verstummen müssen falsche Mäuler, die da reden wider den Gerechten", oder „Die Versammlung der Bösen, ^welche ihre Zunge schärfen wie ein Schwert, die mit ihren Ästigen Worten zielen wie mit Pfeilen" und erst der ganze fünfzehnte und der 101te Psalm und Der Redner hätte noch weiter auf die Psalmen und die ganze Bibel geschimpft, wenn ihn der Präsident nicht mit der Bemerkung unterbrochen hätte, daß die Bibel ja ohnehin schon abgeschafft sei und jetzt nur über die deutsche Literatur verhandelt werde. Das Resultat der nun folgenden Debatte, bei der die bedeutendsten Redner zu Worte kamen und die bekannte gründliche und geschmackvolle Literaturkenntniß der Antisemiten documentirteu, war, daß der größte Theil der deutschen Classiker auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt wurde. Klopstock wegen seines Messias, Gellert, weil er in einer „Schwedischem Gräfin" eineil edlen, großmüthigen polnischen Juden geschildert hatte, Herder wegen seines „Geistes der hebräischen Poesie" und seiner „Briefe zur Beförderung der Humanität", Lessing, der „Judenstännnling und Freimaurer" ohne weitere Motivirung; Hebbel, wegen „Judith", „Herodes und Mariamne" und seiner vielen jüdischen Freunde : Otto Ludwig, wegen seiner „Makkabäer": Rückerl, wegen 'eines „Herodes" und seiner orientalischen Poesien: Gustav Freytag, weil er eine Jüdin geheiratet und in seinen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit" gesagt hatte: „Die Juden, die Enkel der asiatischen Wanderstämme, sind unsere Landsente und brüderliche Mitstreiter geworden." Goethe und Schiller konnte zwar nichts eigentlich semitisches nachgewiesell werden, aber sie wurden nach einer 'ehr wirksamen Rede des hochwürdigen Doetor Sebastian Brunner ebenfalls verdannnt. Nachdem so die ganze europäische und am gri'nldlichsten die deutsche Literatur „gereinigt" worden war, schritt man zur Verhandlung über die Kunst. Händel's „Messias", Haydn's „Schöpfung", Bach's „Passionen" wurden natürlich wegen ihrer biblischen Stoffe, Mozart's „Zauberslöte" als freimaurerisch verurtheilt, ebenso alle Oratorien lind in Musik gesetzte Psalmen. In der bildenden Kunst giilg man mit einer Rigoroität vor, die dem bilderstürmenden Kaiser Cvnstantin Cvprolymos reinlichen Angedenkens grenzenlose Freude gemacht hätte. Mit großer Schärfe wurde gegen den ...verjudeten" Michelangelo lvsgezogen, der es gewagt hatte, in einer christlichen Kirche das großartige Bildwerk des Juden Moses und daneben die Statuen der „Jndenweiber" Rahel und Lea aufzustelleu. Ueber letztere machte Pfarrer Deckert einige geistvolle Bemerkungen in seiner Planier, die-große Heiterkeit erregten. Außer der Zerstörung des „Moses" wurde auch die des heiligen Petrus in der Peterskirche, des heiligen Paulus auf der Antouienssäule, der Loggien Raphaels im Batiean mit den Darstellungen aus dem Alten Testament von Lionardo da Vinci's Abendmahl und die Entfernung stimmtlicher Madonnenbilder aus allen arischen Kirchen und Gemäldegalerien beschlossen. Speeiell aus dem Wiener kunsthistorischen Museum sollten außerdem weggeschafft werden: Andrea del Sarto's Tobias, Tiztoretto's Findung Mvsis, Giorgiones Drei Weisen aus dem Morgenlande, Murillo's Johannes der Täufer, Rubens Magdalena, Lucas Eranach's Paradies u. s. w. Ein kunstgelehrter Redner erklärte, er könne es gar nicht begreifen, wie ein arischer Maler solche Werke zur Verherrlichung von Semiten malen konnte, das passe für einen Inden wie Raphael, dessen Familiennamen absichtlich verschwiegen werde; er habe gewiß Veilchenroth oder Rosengrün geheißen. Mechanikus Schneider meinte, solche Gemälde könne ein Jude gar nicht malen, sie seien gewiß von einem Arier gemalt und der Jude Raphael habe nur seine falsche Stampiglie darauf gedruckt. Rauschendes „Wacker, wacker" lohnte die geistreiche Rede, woraus der Präsident mit einen: kurzen Resunw der gefaßten Beschlüsse den Congreß schloß. „Wir haben", sagte er, „die Literatur und Kunst Europas von allem Semitischen gründlich gereinigt. Wir haben mehr als die Hälfte unserer Literaturen, mehr als drei Viertel der Kunst auf den: Altar des reinen Arierthums geopfert. Mögen Böswillige sagen, daß es die besten und schönsten Theile von Kunst und Literatur waren, wir gehen stolz und zufrieden auseinander, mit dem Bewußtsein, die echten Nachkommen der reinsten Arier, der — Vandalen zu sein". L.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.