Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 564 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 31 gegründet ist, aber wir haben angefangen, an der europäischen Civilisatiori etwas zu zweifeln. Wir wurden so nach Jahren zu der Frage gesührt, ob denn unsere Mitbürger wirklich die vortrefflichen Eigenschaften besitzen, die wir bei ihnen voraussetzten, ob der Antisemitismus wirklich eine Schmach dieses trefflichen Jahrhunderts sei. Wir leben in einer Zeit des Ueberganges, in der Neues werden will, und darin liegt die Stärke der antisemitischen Bewegung. Die Antisemiten werden daher immer denen überlegen sein, welche unsere Welt für die beste aller Welten halten und nur das Bestehende bewahren wollen. Auf die Dauer läßt sich aber die Fiction, daß nur die Juden das Unglück unserer Zeit sind, nicht aufrecht erhalten, „judeureine" Länder leiden nicht weniger als verjubele. Darum ist der Antisemitismus ein Uebergangsstadium, die Logik der Tyatsachen macht sich geltend, weitere Kreise als die handvoll Juden werden der Gegenstand der Unzufriedenheit, der An isemitismus wird die Vorfrucht der Socialdemokratie. Die Stärke der Socialdemokratie liegt in der Kritik; was später werden wird, weiß Niemand, denn in die Zukunft sehen, ist Niemandem vergönnt. Wohl aber gewinnt die Ueberzeugung immer mehr Boden, daß es viel schlechter, als es ist, auch später nicht werden kann. Dieser Ueberzeugung arbeitet der Antisemitismus vor, er trägt Zweifel und Kritik in Kreise, die anderen Parteien verschlossen sind. Darin liegt seine geschichtliche Bedeutung. Wenn diese erst allmälig erkannt wird, so hat das Schlagwort von der Schmach des Jahrhunderts sein reichlich Theil an Schuld, indem es die bestehenden Zustände, das neunzehnte Jahrhundert, als musterhaft voraussetzt und dadurch ein Hemmniß der Kritik wird. Ohne Kritik aber kein Fortschritt. Darum haben die sogenannten Philosemiten, die in der Judenfrage nur einen Kampf zwischen Juden und Antisemiten gesehen haben und nicht eine Frage des gesammten Volkslebens, nicht nur die Vertheidigung der Juden in eine schiefe Richtung gebracht, sondern auch ihrem Lande einen schlechten Dienst geleistet, indem sie den Blick von den tieferen Ursachen der Bewegung abgelenkt haben. Eine Prüfung unserer Zustände auf weiterem Feld als dem kleinen Kampfgebiete zwischen Antisemiten und Juden muß zeigen, wie der Antisemitismus geradezu Zeit und Ort seines Entstehens und seiner Wirksamkeit entspricht, daß er eine natürliche Erscheinung und nicht d i e „S ch m a ch des neunzehnten Jahrhunderts" ist. luäaens. (Ein zweiter Artikel folgt.) Die Reinigung der arischen Literatur und Kunst von allem Semitischen. Sie hatten endlich gesiegt! Der Antisemitismus herrschte in ganz Europa; die Juden waren nach Asien zurückgejagt worden, nachdem man ihnen ihr Vermögen abgenommen und unter die Antisemitenführer vertheilt hatte, die dafür ihren armen Anhängern die schönsten, von Uneigennützigkeit triefenden Reden hielten und auf die „Ausbeuter" schimpften. Aber Eines betrübte die Herzen der edlen, reinen Arier — das Judenthum waren sie los geworden, aber den jüdischen Geist konnten sie aus Literatur, Wissenschaft und Kunst nicht verbannen. Man hatte zwar die Leclüre der Bibel in allen Schulen verboten, die Buchhandlungen der Bibelgesellschaften geschlossen, alle Exemplare des Alten Testaments, deren man habhaft werden konnte, verbrannt, aber auf Schritt und Tritt wurden Augen und Ohren der reinen Arier von jüdischen Reminiscenzen beleidigt. In den Kirchen hörte man noch, trotz Pfarrer Deckert, die Psalmen des Juden David singen, sah man noch die Bilder und Statuen von Juden und Judenstämmlingen. „Bei Wotan, dem Gott meiner Ahnen, das muß anders werden," sprach ein Enkel von Schmul Leib Kohn und Drumont klatschte Beifall. So wurde denn ein Antisemitencongreß einberufen, um Maßregeln behufs Reinigung der europäischen Kunst und Literatilr vom jüdischen Geiste zu beschließen. Düsseldorf hatte um die Ehre gebeten, zum Sitze des Congresses gewählt zu werden, aber inan konnte es der sonst gut arischen Stadt nicht verzeihen, daß sie den Juden Heine geboren zu werden gestattet hatte und zog ihr das stets judenreine Saybusch vor. Am ersten Erehtage des Weinmonats im 3465. Jahre nach Baldnr's Geburt wurde der Congreß eröffnet, zu dessen Ehrenpräsidenten die Geister von Pfefferkorn, Hoogestraten und Eisenmenger gewählt wurden. Die Referate waren den bewährtesten antisemitischen Gelehrten — Ahlwardt, Türk, Drumont, Gregorig, Deckert u. s. w. — anvertraut. Nachdem eine Huldigungsadresse an den Fürsten Bismarck abgesendet worden war, auf die aber keine Antwort eintraf, begannen die Verhandlungen, über die wir in Kürze berichten wollen. Von allen Anwesenden wurde der Grundsatz acceptirt, daß aus Literatur und Kunst alles von Juden und Judenstämmlingen Herrührende, sowie alles zum Lobe oder zur Verherrlichung von Juden und Judenstämmlingen Geschriebene, Gedruckte, Gemalte, Geformte und Gesungene entfernt werden müsse. Meinungsverschiedenheiten zeigten sich nur in Detailsragen, wie z. B. ob Bücher, die nur einige den Juden günstige Stellen enthalten, ganz vernichtet oder nach Entfernung der mißliebigen Stellen wieder zugelassen werden sollten, ob der Nachkomme eines Juden in der fünften Generation noch als Judenstämmling zu gelten habe u. s. w. Eine lebhafte Discussion über die Vertheilung des eingenommenen Eintrittsgeldes entspann sich auch zwischen Rector Ahlwardt, der es ganz für sich beanspruchte, und Pfarrer Deckert, der es in Luftvilla-Losen anlegen wollte. Erst nachdem mitgetheilt wurde, daß das eingenommene Geld Herrn Bergani in Verwahrung gegeben worden sei, wurde die Debatte abgebrochen. Daß die Vernichtung sämmtlicher Werke von Mendelssohn, Heine, Börne, Auerbach, Ebers, der Gemälde und Statuen von Meierheini, Antokolski, Bernstamm u. s. w., der Musikalien von Meyerbeer, Rubinstein, Felix Mendelssohn, Halevi u. s. w. beschlossen wurde, ist selbstverständlich. Ebenso wurde die Aufführung aller von Juden verfaßter Opern und Theaterstücke verboten. Aus der französischen Literatur wurden Racine wegen seiner Athalie und Esther, Florian wegen seiner die Juden verherrlichenden Novelle Eliser und Naphtali, Lamartine wegen mehrerer judenfreundlicher Aeußerungen, Mirabeau wegen seiner Vertheidigung der Juden ausgeschlossen. Von Engländern wurden Milton wegen seines ganz im jüdischen Geiste gedichteten Verlorenen Paradieses, Byron wegen seinen hebräischen Melodien, Walter Scott wegen seines Jvanhoe, Macauley wegen seiner Rede für die Judenemancipation, Prescott, weil er die Vertreibung der Juden aus Spanien getadelt, Shakespeare, weil er dem Juden Shylock die Christen beleidigende Worte in den Mund gelegt hat, verdammt. Aus der polnischen Literatur wurde ihr größter Meister, Mickiewicz, ausgemerzt wegen der Verherrlichung des Juden Jankiel im Pan Tadeusz und verschiedener judensreundlicher Aeußerungen. Taffo's Befteites Jerusalem wurde schon seines Titels wegen für ein ganz verjudetes Werk erklärt, ebenso Boccaccios Decamerone wegen der Novelle von den drei Ringen. Am schlimmsten aber erging es der Göttlichen Komödie Dante's, die allgemein als erzjüdisches Buch erklärt wurde. „Ich habe es selbst in Knigge's Conversationslexikon gelesen, daß Dante einen Juden Mandl, der sich Emanuel nannte, zum Freunde hatte", sagte Wundarzt Türk. „Er will uns ja im vierten Gesänge seiner Aölle weißmachen, daß Christus den Abraham und Moses, den Jacob und Jsaac und noch andere Juden aus der Hölle befreit und in's Paradies gesührt habe. Ja selbst den König David, von dem Pfarrer Deckert so schöne Geschichten zu erzählen weiß, läßt er einen der vornehmsten Plätze im Paradiese zwischen den frömmsten, christlichen Fürsten einnehmen und nennt ihn den Sänger des heiligen Geistes." „Den höchsten Sänger des höchsten Gottes!" rief ein Anderer. „Noch zwei Judenkönigen läßt er die Freuden des Paradieses genießen, den Chiskia und den^Salomon und vom Letzteren sagt er gar, es habe kein