Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 31 Seite 563 Dr. Bloch's Wochenschrift. sind selbst innerhalb eines Staates zwischen den verschiedenen Stämmen, Ständen und Confessionen mächtig. * *) Um kurz zusammen zu fassen: Die Prüfung der Judenfrage setzt eine Prüfung unserer Culturzustände voraus, n. zw>: 1. aus einem logischen Grunde: weil diese Zustände den Maßstab ergeben, an welchem die Juden zu messen sind; 2. aus psychologischen Erwägungen, weil Erregungen des Volksgemüths — um eine solche handelt es sich bei der Judenfrage — eine Prüfung des erregten Gemüths zu ihrem Berständniß voraussetzen; 3) aus geschichtlicher Ursache: s) weil uns nur aus der Prüfung der „Wirthsvölker" die Erklärung werden kann,weshalb . die Judenfrage nach Ort und Zeit in Stärke, Motiven und Erscheinungsform wechselt, und b) weil an der Erziehung der Juden Gesetz und Beispiel ihrer Umgebung einen so maßgebenden Antheil haben. Wenn die Juden somit zunächst in den Hintergrund rücken, so soll damit nicht bewiesen werden, daß sie die gemachten Vorwürfe nicht verdienen oder an ihrem Schicksal nicht die Schuld tragen. Hier soll überhaupt nichts bewiesen, sondern nur die Methode dargelegt werden, die zu einer richtigen Auffassung der sogenannten Judenfrage führt. Wodurch hat das Schlagwort von der „Schmach des Jahrhunderts" zu solcher Bedeutung gelangen können? Sicherlich war es zu seiner Verbreitung förderlich, daß es von Kaiser Friedrich angewendet worden ist. Es muß aber einen günstigen Boden schon vorgefunden, verbreiteten Jnstincten entsprochen haben. Jede Zeit ist stolz darauf, wie herrlich weit sie es gebracht hat, und thatsächlich darf unser Jahrhundert als ein Jahrhundert des Fortschritts gepriesen werden. Man hat bei der Beurtheilung der Ergebnisse des geistigen Fortschritts indessen meist einen falschen Maßstab angelegt. Das achtzehnte Jahrhundert galt als das Jahrhundert Schiller's, Goethe's und Lessing's, und indem man das Bewußtsein hatte, seither nicht still gestanden zu sein, war man schmerzlich verwundert, Gefühle und Gesinnungen verbreitet zu sehen, die den von unseren Dichterheroen erstrebten Idealen durchaus nicht entsprechen. Man hatte übersehen, daß diese Geistesfürsten durch eine Kluft von ihrem Volke getrennt waren, hatte nur sie gesehen und nicht die Rohheit und Unbildung, die im Volke noch allgemein war en, wie man in der Ferne nur die Häupter der Alpen sieht und nicht die Düngerhaufen an ihrem Fuße. Seitdem ist die Bildung allgemeiner geworden, sie hat sich in geradezu überraschender Weise verbreitet — aber damit sind auch weniger erlauchte Geister zu Wort gekommen. Jede Demokratisirung bewirkt einen scheinbaren Niedergang des Geistes — aber nur einen scheinbaren, die Männer, deren Gebühren uns wie ein Mißton berührt, waren vor hundert Jahren nicht besser und gebildeter, sondern ungebildeter und stumpfer — nur kamen sie nicht zu Wort, weil sie zu stumpf waren; sie lebten, aber wir sahen sie nicht. Wenn also unser Jahrhundert überschätzt wird, so liegt das nicht daran, daß dessen Fortschritte übertrieben werden, sondern daß das achtzehnte Jahrhundert, welches stets den Ausgangspunkt unserer Betrachtungen bildet, eine zu hohe Werthschätzung genießt?) Die schiefe Idee von der „Schmach des Jahrhunderts" mußte übrigens den Jnstincten derjenigen zusagen, welche weder Juden, noch Antisemiten sind — und in dieser Lage be- *) Bekannt ist zum Beispiel der Preußenhaß Sigl's, des Herausgebers des baierischen „Vaterland". Ebenso bekannt, daß es zu den mühseligsten Obliegenheiten der türkischen Soldaten gehört, in Jerusalem zwischen den verschiedenen christlichen Confessionen Zusammenstöße zu hindern. Nicht bestritten wird, daß der Haß gegen die Juden geschichtliche Besonderheiten hat, aus die wir an geeigneter Stelle zurückkommen. Hier genügt der Nachweis, daß der Haß in Europa nicht eine vereinzelte Ausnahme, sondern eher eine Regel ist. 2) Ein Beispiel für die Sitten vor hundert Jahren. Die „Magdeburger Zeitung" vom 10. September 1793 meldet aus Carlsruhe 27. August: In der abgewichenen Nacht setzten 50 Mann von dem Gyulaischen Freicorps unter Anführung eines Lieutenants bey Grefsern über den Rhein; 10 derselben, worunter 2 Kanonier waren, erstürmten 1 Batterie von 2 Zwölf-und 1 Achtpfunder, säbelten nieder, was sie erreichen konnten und ängstigten die Flüchtigen mit einem Feuer aus ihrer - eigenen Kanone, warfen sodann die 2 schweren Kanonen, welche die Schiffe nicht tragen konnten, in den Rhein, und brachten den 8-Pfund er nebst einem Dutzend Franzosenköpfe herüber nach Stollhofen, kein Mann blieb bey dieser muthvollen Unternehmung". Diese abeffynische Kriegsführung, wird mit Behagen gemeldet. findet sich ja die große Mehrheit. Sie hat die angenehme Stellung der Donna Bianca, in Heine's Disputation aussprechen zu können, daß der Rabbi und der Mönch, soll heißen Antisemiten und Juden, beide nichts taugen. Zweifellos gibt es unter den sogenannten Philosemiten eine Anzahl hochherziger Männer, welchen jede Ungerechtigkeit zuwider ist und die deshalb den Antisemitismus bekämpft haben?) Ebenso ist es sicher, daß unter den antisemitischen Führern eine besonders große Zahl dunkler Existenzen zu Ehre und^ Anerkennung gelangt ist. Aber nicht zu leugnen ist, daß eine Anzahl sogenannter Judenliberaler dasselbe Gefühl des „arischen" Collectivstolzes hat, wie die Antisemiten, wenn sie zu diesen nicht übergehen, so können sie in der Rolle scheinbarer Unparteilichkeit ihrer Eitelkeit fröhnen und nach beiden Seiten vornehmen Tadel austheilen?) Man gab die Vorwürfe gegen die Juden als theilweise begründet zu, aber man sollte bedenken, daß die frühere Gesetzgebung sie corrumpirt habe und daß die Art ihrer Bekämpfung unserer Zeit doch nicht angemessen sei. Und so that man Unrecht an den Juden und an seinem Baterlande. An den Juden, indem man sie von vorneherein als schlechter hinstellte und nur Mitleid und christliche Liebe für sie in's Feld führte. Gewöhnt, ihr Urtheil fertig von ihrer christlichen Umgebung zu beziehen, haben die Juden den Tadel, der von scheinbar so befreundeter Seite kam, als berechtigt hingenommen. Allerdings hatte europäische Selbstgefälligkeit wenigstens so weit auf sie abgefärbt, daß jeder Theil der Juden in dem anderen die Schuld sah?) Die jüdischen Realitätenbesitzer sahen das goldene Zeitalter, in dem Wolf und Lamm friedlich beieinander grasen, nur dadurch hinausgeschoben, daß ihr polnischer Glaubensgenosse einen Kastan und Peies trägt. Sie schwärmten daher in Verbindung mit den ihnen nahestehenden „Judenliberalen" für Assimilation um jeden Preis — ich hätte beinahe »8ÄN8 phrase« gesagt, und das wäre nicht richtig gewesen. Umgekehrt fühlte mit mehr Recht der polnische Jude, daß in den Augen seiner christlichen Mitbürger eine jüdische Villa oder ein jüdisches Zinshaus mehr sittliche Entrüstung erregt als ein jüdischer Kaftan. Die Juden wurden dadurch von vorneherein in die unangenehme Lage gedrängt, sich entschuldigen zu müssen. Voll Mitleid für ihre — oder richtiger der anderen Juden — große Fehler, standen sie der europäischen Civilisation mit kritikloser Bewunderung gegenüber. Aber dieser für die Bertheidigung höchst ungeeignete Zustand dauerte nicht an, weil ihre Gegner in ihren Anklagen nicht Maß zu halten verstanden. Als wieder einmal die Fabel vom Ritualmord epidemisch wurde, da mußte es auch blöden Gemüthern aufdämmern, daß nicht die Eigenschaften der Juden, sondern d i e ihrer Mitbürger für die Entwicklung des Antisemitismus entscheidend waren. Aehnliche Wirkung der Fabel hatte schon vor nahezu zweihundert Jahren der Proselyt Christian G e r s o n befürchtet?) „Was soll zum sechsten dies nutzen, daß man sie (die Juden) überreden will, es stehe Dieses oder Jenes in ihren Büchern, oder daß sie dies und jenes thun sollen, welches ihnen und ihren Büchern aufgedichtet wird? daraus sie dann die Gedanken schöpfen, unsere ganze Religion sei auf Lügen gegründet". Die Wirkung ist, wenn auch nicht wörtlich, eingetreten. Wir glauben nicht, daß ihre Religion auf Lügen *) Die Suttner, Kießling Nothnagel rc. und in Deutschland die Gneist und Rickert sind eben glorreiche Ausnahmen. 2) Abgesehen davon, daß man auf diese Weise auch die deutschen Casino mit jüdischem Gelde bauen konnte. Daß diese Sorte Deutsche ohne Staatsprivilegien sich gegen die Slaven nicht halten kann, ist kein Wunder — aber auch kein Schade. *) Darin unähnlich den Juden der Bibel. Es gibt meiner Ansicht nach keinen besseren Beweis für ihre sittliche Höhe als die Thalsache, daß sie die Strafpredigten der Propheten mit der gleichen Ehrfurcht aufbewahrten, wie andere Völker die Zeugen ihres Ruhmes und die Lobgesänge ihrer Siege. Wie es keinen besseren Beweis für die eitle und herrschsüchtige Gedankenrichtung des civilisirten Europäers gibt, als daß im österreichischen und Preußischen Parlament (hier sogar von einem Geistlichen, Stöcker) die Strafpredigten der Propheten unter dem Jubel der Erwählten der Nation als Beweis für die Schlechtigkeit der Juden angeführt werden konnten. Als ob es in Europa an Stoff zu Strafpredigten gefehlt hätte! Und nichl vielmehr an Propheten. An deren Stelle begnügte man sich mit Hofpredigern, die theils den Souveränen, theils dem souveränen Volke zum Munde redeten. 4) Der jüdische Talmud sürnehmster Inhalt. Leipzig, 1732 Siehe Antisemitenspiegel, Seite 312.