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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-02 · 31 (2.8.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
31 (2.8.1895)
Date
1895-08-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 562 Nr. 31 Dr. Blvch's Wochenschrift. Dienst zu leisten. Nachahmung ist der stärkste Grad der Schmeichelei, deshalb lieben Nationen, die sich nicht des ererbten Besitzes an Patriotismus erfreuen, sondern gewissermaßen Parmnus des Baterlandsgefühls sind, alle Unterthanen assimilirt und möglichst gleichartig zu sehen. Wie man indessen auch über den Werih der Assimilation denken mag, daß sie ein wichtiger Factor war, die Juden zu dem zu machen, was sie sind, steht außer Frage. Jedem Kenner der einschlägigen Literatur wird bekannt sein, daß die Vorwürfe gegen die Juden nach Ort, Zeit rc. verschieden stad. Wenn seinerzeit Henrici den Juden zum Vorwurf machte, daß sie ihrer krummen Körperbeschaffenheit wegen nicht mehr als ein Glas Bier vertragen könnten, so konnte die Synode sich diesen Borwurf nicht gut zu eigen machen. Und um ein weniger skurriles sociales Gebiet zu betreten: Derselbe Jude, welcher in Rußland angeblich die gesammten Schätze des Landes als Wucherer an sich gebracht hat, wird in Amerika nach Möglichkeit von der Einwanderung ausgeschlossen — weil er zu arm ist, und während man ihm in Rußland vorwirft, daß er ein Faulpelz sei, der seine Hände nicht regen wolle, steht man ihn in Amerika und Australien nicht gern, weil er ungezählte Stunden für niedrigeren Preis als die Gewerkschaftslöhne arbeite. Dieser Widerspruch ist unlösbar, wenn man nicht weiß, daß in Rußland Gesetze und öffentliche Meinung von denen gemacht werden, die gut genug gestellt sind, um borgen zu können, in Australien aber von denen, welche von ihrer Hände Arbeit leben. — Und von der Verschiedenheit der gemachten Vorwürfe abgesehen, wie läßt es sich aus den Eigenschaften der Juden allein erklären, daß ihre Behandlung nach Ort und Zeit verschieden ist, daß mit Zeiten der Verfolgung Zeiten der Duldung gewechselt haben und wechseln? Gerade die antisemitische Auffassung, welche die Juden als eine Nation mit (schlechten) Eigenschaften betrachtet, die durch Jahrtausende sich stets gleich geblieben sei, kann ohne genaueres Eingehen auf die Eigenschaften der „Wirthsvölker" keine Erklärung für die Erscheinung bieten, daß der Antisemitismus in Stärke, Formen, Motivirung rc. nach Zeit und Ort verschieden ist. Um mich mathematisch auszudrücken: Wer die Juden als Constante behandelt, kann die Verschiedenheit ihrer Behandlung nur durch den Nachweis erklären, inwieweit die „Wirthsvölker" nach Zeit und Ort variabel sind. Erst diese Prüfung der „Wirthsvölker" ergibt aber auch den Maßstab, an welchem die Juden zu messen sind. Unser Denken vollzieht sich in Vergleichen, selbst bei so einfachen Urtheilen, wie den Bezeichnungen hoch, tief, lang, breit, die scheinbar nur objective Feststellungen enthalten, liegen, wenn auch unbewußt, Vergleiche zu Grunde. Das Wort groß bedeutet bei einem Stock etwas anderes als bei einem Menschen oder einem Zimmer. Bei einem Zimmer etwas anderes für einen Dörfler oder einen Berliner, bei einem Stock etwas anderes für Kinder und Erwachsene, bei einem Menschen etwas anderes für Japaner oder Westphalen. In verstärktem Maße sind ethische Urtheile relativ, da hier der zum Vergleich in Gedanken herangezogene Gegenstand nicht zu messen und nicht zahlenmäßig bestimmbar ist, sondern als unkörperlicher eigentlich nur in der subjectiven Vorstellungswelt des Urtheilenden besteht. Wenn von sogenannter philosemitischer Seite betont wird, der Antisemitismus sei zwar als inhuman zu verwerfen, die Juden sollten andererseits aber bedenken, daß sie viele Fehler haben, so liegt darin unzweifelhaft die stillschweigende Voraussetzung, daß ihre Mitbürger keine oder mindestens weniger Fehler besitzen. In der That, so wenig unsere Mitbürger als Einzelmenschen von einander halten, so gering sie sich als Junker, Judenliberale, Umstürzler, Pfaffen, Radaupatrioten, Reichsfeinde, Reactionäre gegenseitig achten, so günstig wird ihr Urtheil, wenn sie sich mit dergemeinsamen Bezeichnung desAriers oder civilisirten Europäers begreifen können. Auf diesem Collectivstolz beruht die Nichtachtung gegen alle Stämme und Völkerschäften, welche diesem Ring nicht angehören, eine Nichtachtung, welche Rechte dieser sogenannten Wilden überhaupt nicht anerkennt und zum Beispiel in den Colonien ihren Besitz mehr oder weniger als herrenloses Gut betrachtet. *) Ob die Juden eine Eigenschaft in besonders hohem oder geringem Maße haben, läßt sich demnach nur feststellen, wenn *) Diesen Verhältnissen in den Colonien wird ein besonderes Capitel gewidmet sein. Aeußrrst drastisch und naiv kam dieses Gefühl des Raeenübermuths in einem Bortrag zum Ausdruck, den im Juni 1691 Premierlieutenanl Morgen in Berlin vor der geographischen Geman weiß, wie stark diese Eigenschaft anderweit verbreitet ist» Und dann müßte, um festzustellen, ob die Juden wegen dieser Eigenschaft Tadel verdienen, des Weiteren erst der ethische Werth dieser Eigenschaft untersucht werden. Es ist leider außer Zweifel, daß eine geschlossene Weltanschauung in Europa im Allgemeinen nicht vorhanden ist, daß die christlich-orientalische Auffassung des Menschen mit der heidnisch-europäischen häufig im Streit liegt. Man ist häufig ein um so besserer Bürger, ein je schlechterer Christ man ist, Christus und Hermann der Cherusker sind zwei Ideale, die einander ausschließen. Darum dürfen wir eine „christlich-germanische" Weltanschauung nicht als einen vorhandenen Maßstab hinnehmen, sondern wir müssen prüfen, welche Elemente dieser beiden sich eigentlich ausschließenden Ideale ihrer ethischen Bedeutung nach zur Anerkennung gelangt find. Es kann sich dabei leicht Herausstellen, daß die Juden Mißfallen erregen durch Eigenschaften, die der Idee des Christenthums mehr entsprechen als die Ideale ihrer Widersacher. Zu gleichem Ergebniß wie Geschichte und Logik führen psychologische Erwägungen. Der Antisemitismus ist das Gefühl der Abneigung gegen die Juden, nebst den Bestrebungen und Handlungen, die sich aus diesem Gefühl ergeben. Wodurch wird Haß erregt? Anscheinend durch häßliche und hassenswerthe Eigenschaften. Die Juden sind verhaßt — folglich sind sie Hassenswerth. Diese Schlußfolgerung ist volksthümlich, aber falsch. In Deutschland sollte man umsomehr Bedenken tragen, diesen Schluß zu ziehen, als die Deutschen, nach dem Ausspruch so guter Deutscher, wie Moltke und Paul de Legarde, die bestgehaßte Nation sind. Aus den Hexenverfolgungen kann ich keine Schlüsse auf die Eigenschaften der Hexen ziehen, sie dienen allenfalls zum Berständniß der Zeiten und Völker, bei denen diese Verfolgungen stattgefunden haben. Wenn ein Jüngling auf die Schönheit seiner Geliebten Gedichte macht, so schließe ich allenfalls daraus, daß er verliebt ist, oder es wenigstens zu sein glaubt, nicht aber, daß die Besungene auch wirklich schön ist. Mit anderen Worten, ein Gefühl zeigt die Seelenstimmung des Erregten, nicht die Eigenschaften dessen, der das Gefühl erregt hat. Das Auge empfindet einen Schlag in gleicher Weise, wie das elektrische Licht als Lichtreiz, so daß aus der Erregung der Sehnerven nicht auf die Ursache der Erregung geschlossen werden kann, und die Erkenntniß dieser Ursachen nur aus den begleitenden Umständen möglich ist. Das gleiche Gesetz gilt von seelischen Erregungen. Wo so häufig erlittene Unbill zur Milde im Urtheil, empfangene Wohlthat zum Haß geführt hat, darf man aus der Erregung von Mitleid oder Haß nicht ohneweiters Schlüsse ziehen, erst aus der Erkenntniß des erregten Gemüths heraus dürfen wir hoffen, zu einem sachgemäßen Urtheil zu gelangen. Ein einziges Mal in unserem Jahrhundert hat Europa mit der edelmüthigen Thorheit der Verliebten gehandelt, als es — zum Nutzen Rußlands — die türkische Flotte bei Navarin in den Grund bohrte, als Byron bei Missolunghi fiel und Müller seine Griechenlieder dichtete. Sollen wir daraus, daß Griechenland diesen schönen Enthusiasmus erregte, auf besonders liebenswerthe Eigenschaften der Griechen schließen? Sie sind die unbeliebteste Nation der Balkanhalbinsel. Das Wort „Grec“ ist ein ärgeres Schimpfwort als das Wort rjuif.“ Die Philhellenen sahen in ihnen aber nicht die wirklichen Griechen der Jetztzeit, sondern die Nachkommen des Phidias und Homer. — Unser Enthusiasmus bewies nichts für die guten Eigenschaften der Enkel, sondern nur unsere Dankbarkeit für die Leistungen ihrer vermeintlichen Vorfahren, den Einfluß der Gymnasialbildung auf unsere Gedankenkreise. Allenfalls könnte man aus dem Haß gegen die Juden dann einen Schluß ziehen, wenn dieses Gefühl eine Ausnahme bilden würde, sonst aber alle Völker voll Liebe und Zuneigung zu einander wären. Leider ist das Gegentheil wahr, zwischen Deutschen und Czechen, Ungarn und Rumänen, Russen und Polen rc. rc. besteht Haß. Genau genommen besteht zwischen allen Völkern Abneigung, die nur soweit gemildert ist, als gemeinschaftliche politische Interessen die Völker zeitweilig zusammenführen. Bor der Verbrüderung von Kronstadt und Toulon waren die Russen in Frankreich nichts weniger als beliebt, und vor den Zeiten des Dreibundes war „poreo tedesco“ in Italien ein beliebtes Schimpfwort. Aehnliche Antipathien sellschaft, also einer.gelehrten Körperschaft, hielt und der mit den Worten schloß: Auch auf den Tschadsee gehöre die deutsche Flagge, nach dem Wahlsprnche „suum cuique“.

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