Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021093--04763-3028966- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dr. Bloch’s Jahrgang W ..»/V *^aKSs?\^S5 S ▼ B ^j Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthnms. 8km= H. ft. PoysparftErn-Nmt C learingverkehr Nr. 810.976. Rrdartion und Administration: Vien Antrrr Augartrnfiratzr 1a. TeIephon>Nr. 6535. — —<&~ 3K-- Wien, 2. August 1895. Erscheint jeden Freitag. --)r-» - Wan abonniri bei allen postanssallen des In- und Auslandes. Srrngsvrris für Lrsterrriüi Halbjährig 4 fl. — 8 K-. Einzelexeinplare 25 kr. lür's Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Kr. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4»al gespaltene Petitzeile 12 kr. I Inhalt: Le i t art i ke l: Der christliche Staat und die Juden. — Die Reinigung der arischen Literatur und Kunst von allem Semitischen. — Ein katholischer Philosoph über das Judenthum. — Zur Erinnerung an Sir Moses Montefiore. — V o m Jahrmarkt des Lebens: „Was geht das mich an? Mich geht das gar nichts an!" „Deutsche Treue." Deutsche Zucht und Sitte! Hammerstein's Urbild. Spässe mir einem Hausirer. „Kaust nur bei Christen." Vom Lämmlein, das dem Wolfe das Wasser trübt. Tie jüdischen Aerzte in den Sommerfrischen. Unsere Gymnasiallehrer. „Gegen die Blutlüge." Grauenhafte Folgen antisemitischer Bolksverhetzung. Ter Ursprung des Rothschild'schen Reichthums. Rudolf von Gneist über den Chauvinismus. Stambulow ein kosmopolitisch-semitischer Politiker! Goethe über Toleranz. Chauvinistischer Wahnsinn. Felix Faure und die Juden. Die Juden als Ackerbauer. Roms List und Asias Böl'erpest. Emin Paschas Glaubensbekenntnis Das neue Heilserum Dr. Marmorek's. verwirrende Urtheile. — Correspondenzen: Wien, Marienbad, Netschetin, Nachod, Klosterneuburg, Graz, Roznau, Kolomea, Paris, London, New-Uork.— Vermischtes: Wien, Prag, Brody, Luhatschowitz, Berlin, Paris, Venedig. — Feuilleton: Ein polnisch-jüdischer Magnat.— Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Der christliche Staat und die Juden. I. Die „Assimilation" und die sogenannte „Schmach des Jahrhunderts." Wer in der Weltgeschichte eine Reihenfolge von Ursachen und Wirkungen sieht, darf Anomalien in den geschichtlichen Erscheinungen nicht a s möglich zugeben. Wird uns ihr Zusammenhang nicht klar, so liegt das nicht an den Ereignissen, die immer natürlich sein müssen, sondern an unserem Unvermögen, die Logik der Thatsachen zu verstehen; in keinem Land, zu keiner Zeit vollziehen sich Ereignisse, die Zeit und Ort nicht angemessen wären. Es war deshalb ein arger Gedankenfehler, ein Verstoß gegen die Grundsätze geschichtlicher Auffassung, den Antisemitismus als „die Schmach des Jahrhunderts" zu bezeichnen und damit auszusprechen, daß unser Jahrhundert, in dem wir es sonst so herrlich weit gebracht, die antisemitische Bewegung als Makel aufweise. Die Thatsache, daß der Antisemitismus im 19. Jahrhundert wiederholt Erfolge errungen hat, steht fest, demnach war entweder der Antisemitismus zu Unrecht getadelt — oder unser Jahrhundert zu Unrecht gelobt worden. Eine vernünftige geschichtliche Kritik hätte darzulegen versucht, inwiefern der Antisemitismus gerade aus den Bestrebungen und Zielen unserer Zeit emporgewachsen ist; ihn eine Schmach des Jahrhunderts zu nennen, war etwa ebenso so sinnreich, wie einen Einzelmenschen als edlen Charakter zu bezeichnen, dem nur sein Geiz oder seine Habsucht zur Schmach gereiche, oder so logisch wie der bekannte Reim — Häßlichkeit entstellet immer selbst das schönste Frauenzimmer. Es soll nicht bestritten werden, daß instinctiv hie und da der Zusammenhang des Antisemitismus mit der allgemeinen Culturgeschichte empfunden wurde, daß dann und wann die Beziehungen dieser Bewegung zu den chauvinistischen und antikapitalistischen Volksregungen flüchtig berührt worden sind. Dagegen fehlt es an eingehenderen Darlegungen dieser Art. Die reichhaltige Literatur in der sogenannten Judenfrage beschäftigte sich auf der einen Seite nur mit den „Juden", allenfalls mit „Judengenoffen", auf der anderen nur mit den Antisemiten. Sie zeigte aber nicht, wie beide Theile — Juden und Antisemiten — Kinder ihrer Zeit und Products ihrer Heimat sind. Daß die Juden weit mehr ein Product als ein Factor unserer Cultnr sind, darauf ist öfter hingewiesen, daß der Christ erst den Juden zu dem gemacht hat, was er ist, ist wiederholt betont worden. Hierbei hat man aber fast ausschließlich an die Privilegia odiosa, an die Sondergesetzgebung bezüglich der Juden und deren materielle und psychologische Wirkungen gedacht. Das treffende, oft wiederholte Wort, daß jedes Land die Juden hat, die es verdient, ist meist in dem Sinn verstanden worden, daß es aus dem Walde herausschreit, wie es in ihn hineinschreit, daß die Behandlung als Paria auch schlechte Gesinnungen zeitigt. Die weitaus mächtigere Bedeutung des Beispiels für die Erziehung ist indessen nicht in gleicher Weise gewürdigt worden. Wiederholt haben allerdings die Rabbiner des Mittelalters auf diese Einflüsse hingewiesen, sie haben betont, daß ihre Glaubensgenossen tugendhaft seien in tugendhaften Städten und lasterhaft, wo die Sitten verderbt seien. Als im späteren Mittelalter die Gesetzgebung des Ghettos die Juden zusammenschloß und der Einwirkung von Außen entzog, mußte dieser Einfluß der Umgebung sich indessen verringern, der nunmehr seit dem Beginne der Emancipalion, also seit etwa hundert Jahren, in schnellem Wachsen begriffen ist. Man hat es als merkwürdig — je nach der religiösen Stellung des BeurtheUers als ein Wunder oder eine besondere Raceneigenthümlichkeit — betrachtet, daß die Juden sich „trotz der Verfolgungen" in einer gewissen Eigenart erhalten haben. Ausreichende Geschichtskenntniß würde belehren, daß die Erhaltung sich nicht trotz der Verfolgungen, sondern durch sie vollzogen hat, wie denn mit dem Nachlassen der Verfolgungen auch die Eigenart der Juden im Schwinden begriffen ist. Die Forderung, daß der Jude sich assimiliren soll, ist für Westeuropa heute unsinnig; wenn man hier dem Juden einen Borwurf machen kann, so ist sein Fehler darin zu suchen, daß er die „europäische Cnltur" kritiklos angenommen, nicht aber, daß er störrisch von ihr sich fern gehalten hat. Er ist ein nachahmendes Thier, und wie alle Nachahmer, hat er sein Vorbild einigermaßen karikirt. Das Chamäleon ist das Wappenthier der Assimilation. Wie das Chamäleon mangels genügender Waffen die Farbe seiner Umgebung annimmt, um nicht bemerkt zu werden, paßten sich auch die Juden ihrer Umgebung an. ') Sie haben zum Beispiel mit dem Studiren auch das Saufen gelernt, das Raufen, den Farbenschnickichnack und den studentischen Hochmuth, kurz sie haben sich die Gelegenheit entgehen lassen, durch eine richtige Kritik bei der Assimilation ihren „Wirlhsvölkern" einen großen Das geschah natürlich nicht bewußt, sondern instinctiv — genau wie beim Chamäleon.