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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-26 · 30 (26.7.1895) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
30 (26.7.1895)
Date
1895-07-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Blvch's Wochenschrift. Gliniany. Ueber 2OO Familien, bestehend aus Männern, Weibern und Kindern, darunter Wöchnerinnen, liegen auf einer Weide nächst Gliniany, nackt, ihrer Hütten beraubt, schmachtend vor Hunger — keine einzige Nahrungsquelle — auss Betteln angewiesen. Christliche barmherzige Schw°stern haben theilweise den armen Wöchnerinnen und Kindern Hilfe geleistet. Die Hilfe ist umi'o dringender nothwendig, da jetzt bei warmen und trockenen Wetter, diese Leute ans der Weide liegen können unter freiem Himmel, was wird aber geschehen mit diesen, wenn ein nasser und kalter Herbst hereinbricht — was werden die Armen aller Aermsten thun? Es ist eine Seuche zu befürchten, wo alle zusammen dem sicheren Tode erliegen müssen. Das hierortige Hilfskomitö hat sich an die Großen der Residenz Wien gewendet und um dringende Hilse gebeten — aber diese Bitten gelangten leider an taube Ohren — Niemand der bekannten Wohlthäter Wiens hat zur Linderung des Unglückes oeigetragen. Zwar haben Se. Majestät der Kaiser 2000 fl., der Landesansschnß in Lemberg 500 fl., die Cultusgemeinde Brünn 50 fl., die Lemberger Cultusgemeinde 500 fl. eingesendet — Graf P o t o c k i, der selbst nach Gliniany kam und das Unglück besichtigte, spendete 400 fl. — und andere Corporationen schickten an das Hilfscomite ansehnliche Betrüge. Wenn man aber die Zahl der Nothleidenden berücksichtigt, da jüdische Familien selbst nach dem jetzt verfaßten Ausweise 350 betragen, da stellt es sich heraus, daß mit diesen Spenden so vielen Familien unmöglich geholfen werden kann — es ist sonach nothwendig, daß unsere Glaubensgenossen aufgefordert werden, Beträge an das Glinianyer Hilfskomits zu übermitteln. Purgstall, 18. Juli 1895. Herr Med.-U.-Dr. Baruch Ko.hn in Purgstall ist zum Schulaufseher für die Ertheilung des Religionsunterrichtes an den öffentlichen Volksschulen irn politischen Bezirke Scheibbs vom Leiter der israelitischen Cultus gemeinde Ibbs a. d. Donau gewählt worden. Teschen, 22. Juli 1895. Ein ehrwürdiger Greis, ein wahrhaft frommer Israelit, ein edler Menschenfreund in des Wortes weitester Bedeutung, ein liebevoller Vater aller Armen und Bedrängten, ein fürsorglicher Gatte und opferwilliger Verwandter war es, der Donnerstag am 18. d. im 76. Lebensjahre plötzlich und unvermuthet das Zeitliche gesegnet und seine reine, unbefleckte Seele dem Herrn über Leben u:'d Tod zurückgegeben hat. Herr Leopold Wolf, durch beinahe 40 Jahre Vorstand der hiesigen Chewra-Kadifcha, Vorstandsmitglied der Cultusgemeinde und ebensolange in uneigennützigster Weise als Mohel in fast ganz Ost-Schlesien thätig, wurde gestern den 21. d. unter dem Geleite einer fast unabsehbaren Menschenmenge aus Nah und Fern zu Grabe getragen. Der Gesammtausschuß der hiesigen Cultusgemeinde unter Führung seines verdienstvollen Präses, des Herrn I. Ph. Giesing er, und zahlreiche Deputationen aus den Nachbargemeinden eröffneten den imposanten Leichenzug. Unter allen Anwesenden tvar kaum einer, der ihm nicht in ungeheuchelter Hochachtung und Verehrung ob seines biederen, patriarchalischen Charakters oder in tiefgefühlter Dankbarkeit ob seines gemeinnützigen, humanitären Wirkens und Schaffens als letzten Tribut der Pietät und Liebe eine stille Thräne nachgeweint hätte. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. A. L e i md ö r f e r widmete dem Verblichenen einen warmempfundenen Nachruf, beklagte selber in ihm einen treuen Freund und väterlichen Berather und verdolmetschte in gewohnter, meisterhafter, vom Herzen strömender und zu Herzen fließender Beredtsamkeit die Gefühle aller Anwesenden. Sowohl vor dem Trauerhause, als auch in der Leichenhalle wurden unter der Leitung des rühmlichst bekannten Obercantors Herrn W. P oborsky Chöre angestimmt, die nicht minder zur Hebung der ergreifenden Trauerandacht wesentlich beitrugen. In würdiger Anerkennung der Verdienste des Verblichenen um ba§ Wohl seiner Gemeinde wird am 15. August l. I. im hiesigen israelitischen Gotteshause zum ehrenden Andenken des theuern Verklärten eine Gedächtnißfeier abgehalten werden. Ehre seinem Andenken und Ruhe und Friede seiner Asche. Feuilleton. Vereint. Novelle von Elise Orzeszko, ausschließlich autorisirte Uebersetzung aus dem Polnischen von Malwina Blumberg. (Schluß.) „Werden Ew. Gnaden glauben? Ich weiß heute noch, daß es waren damals dreiundzwanzig Minuten nach Zehn. .." Nachdenklich erhob sich der Graf von seinem Sessel. „Mein lieber Berek," sagte er, „ich verstehe wohl, warum Du die Uhr nicht verkaufen willst. Du liest auf ihr, so wie ich auf der meinen — die Vergangenheit." „Ew. Gnaden haben gesprochen die Wahrheit", erwiderte der Jude und schüttelte sein Haupt mit großer Befriedigung. „Und Ew. Gnaden lesen auf Ihrer Uhr dasselbe, was ich auf de.' meinen — die Vergangenheit. Jeder hat sie". Seite 557 Sie standen einander gegenüber und konnten sich nicht trennen. Sie fühlten, daß ein unsichtbares Band sich um sie schlinge und daß sie — trotzdem sie doch in Allem verschieden — Berständniß und . . . Liebe für einander hatten. Und um ihre schwachen, gebückten Gestalten floß der Strom der Zeit mit einförmigem, hastigem Geflüster: „Tik-tak", „Tik-tak", „Tik-tak", Tik-tak". Der Graf ließ sich wiederum auf seinen Sessel nieder, und die Art und Weise, wie er dies that, ließ deutlich erkennen, daß er ein längeres Gespräch anzuknüpfen beabsichtige. Plötzlich begann eine Uhr, das Geräusch übertönend, mit tiefer, reiner Baßstimme die eilfte Stunde zu verkünden. „Eins, zwei, drei!" Beim vierten Schlage schlug sie, gleich einem Jüngling, der einem reifen Manne zu Hilfe eilt, ein dünnes Stimmchen an. „Eins, zwei!" Beim sechsten Schlage erklangen mehrere Uhren, beim siebenten wurde die Zahl noch größer. „Eins, zwei, drei!" erklangen alle im Chor. Dann begannen die Stimmen einzelweise zu verstummen, bis endlich der letzte Schlag der eilften Stunde nur mehr von zwei Uhren ange. kündigt wurde. * Mehrere Monate waren verflossen. Es war ein heller, sonniger Frühlingstag. Der alte Berek hatte sein kleines Zimmer verlassen und stand aus den zu demselben führenden Stufen. Das Sonnenlicht umstrahlte seine nicht große, etwas gebückte Gestalt und sein schneeweißer Bart schimmerte in silbernem Glanze. Bon der wohlthuenden Wärme durchdrungen, blickte der Alte heiter die schmale Straße entlang, über welche ein tiefblauer, wolkenloser Himmel seine Wölbung ausbreitete. Es war um die Mittagszeit und ein lebhaftes Treiben wogte durch die Straßen. In dem Geräusch jedoch, welches aus der Entfernung zu ihm drang, unterschied das Ohr des Juden ungewöhnliche Klänge. Es war ein von mehreren Baß-- stimmen geführter, melodischer Gesang, der bald sich hebend, bald senkend, feierlich durch die Luft dahinströmte. Eine Weile lauschte Berek, dann nickte er mit dem Kopfe Ec kannte die Bedeutung dieser Klänge. Ein Begräbniß fand statt und der Zug näherte sich der schmalen Straße, deren Bewohner jetzt, in Erwartung eines interessanten Schauspiels, allesammt in's Freie strömten. Auch Berek blickte in die Richtung, aus der die Trauergesänge ertönten. Bald war der Zug sichtbar. An der Spitze desselben schritten mehrere in Weiß gekleidete Priester, ein großes, ichwarzes Kreuz erhob sich in der sonnenklaren Luft, blau und roth gestickte Fahnen wehten und lodernde Fackeln bildeten eine Reih? gelber, düsterer, todter Flammen. Düster auch klang das dumpfe, langsame Gerassel der Räder des sechsspännigen Leichenwagens, aus dessen Spitze ein reich mit Silber beschlagener Sarg sich befand. Hinter dem vornehmen Leichenwagen schritten langsam und paarweise in tiefe Trauer gekleidete Leidtragende. Ihre Trauergewänder jedoch waren nicht frei von Putz. Die schweren Kleider der Frauen schleppten am Boden, ihre schwarzen Kreppschleier wallten bis zu den Füßen nieder, die glänzenden Cylinderhüte der Männer waren mit Trauerflor umwunden. In den Händen hielten alle Leidtragenden reich mit Gold uud Elfenbein verzierie Audachtsbücher. So schritt, zwischen zwei Reihen lodernder Fackeln und der Spalier bildenden Menge ein langer Zug von Trauernden dahin. Seit Langem schon hatte man in dieser Stadt kein so reiches und vornehmes Begräbniß gesehen. Ruhig betrachtete Berek den Trauerzug und nur hin und wieder wiegte er sinnend sein schneeweißes Haupt. Plötzlich jedoch, als einige in der Menge etwas lauter gesprochene Worte an sein Öhr schlugen, zuckte er zusammen und sich hoch aufrichtend, begann er zu fragen: „Was? was? wer? Wer ist's? Ein Graf! Welcher Graf? Was ist das? Wer ist gestorben? Wessen Begräbniß ist das?" Schon war Berek inmitten der Menge und wendete sich mit diesen, auf seine blutlosen Lippen sich drängenden Fragen an einen der Vorübergehenden. „Aber haltet mich doch nickt auf," erwiderte der Angeredete ärgerlich, „Wessen Begräbniß? Des Grafen Strumienica. Nun? So laßt doch meinen Rockschoß los! Welcker Strumienica? Aber der Vater ... der Vater . . . der alte Graf Tarier? . . . Jetzt laßt mich aber gehen, ich habe Eile!"

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