Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 553 gleich zu 5 Jahren Gefängniß und 500 Pfund Oieldstrafe. Zum Glück war es ein sehr fideles OKfängniß, in dem Se. Lordschaft Rabbi Israel die Zeit zubrachte. Täglich hatte er Tischgesellschaft, es wurden aber nur streng rituell zubereitete Speisen aufgetragen, er unterhielt sich vorzüglich und alle 14 Tage gab er ein größeres Ballfest. Politische Flugblätter flatterten aus der Zelle oder dem Salon mit den vergitterteil Fenstern in New-Gate heraus, wo Gordon residirte, Pasquille, Pamphlete, hochfliegend und dreist. O seine Lordschaft war noch lange nicht so toll, als seine Gegller meinten und wünschten. Gvrdon-Jsrael lebte die fünf Jahre als streng orthodoxer Jude. Was von einem solchen gefordert wird, das befolgte er mit der genauesten Sorgfalt. Den Bart ließ er sich wachsen und jeden Sabbath wurde- „Minje" gemacht. Neun erwachsene Juden betraten pünktlich zur festgesetzten Stunde den zrinr Gebete bestünillten Raum —■ Mylord war der Zehnte. Die Ostwand des Gemaches zeigte die Tafeln mit den zehn Geboten als einzigen Schmuck. Gordon legte den Talles an mtb betete mit inbrünstiger Andacht. — Das Anlegen der Tefillin besorgte er immer mit einer Weihe und Würde, die die etwa Anwesenden tief ergriffen. Keine Spur einer komödiantischen Selbstbespiegelung. Seine Ueberzengung, sein Glanbenseifer als Jude, sie waren echt, und nichts konnte ihn von dem einmal in das Herz geschlosseneil Glauben lnehr abwendig machen. Man niag sich denken, was da Alles verversucht wurde! Von liebevollem Zuspruch an bis zur Drohung und Einschüchterung. — Die fünf Jahre waren zu Ellde. Doch wollte man ihn nicht eher aus seiner Haft entlassen, als bis er eine hohe Caution für ein 14jähriges Wohlverhalten erlegt hätte, eine sehr fiimreiche Einrichtung, vermöge welcher man die ganze Welt nck libitum einsperren könnte. Er besaß nichts mehr. Zwei Juden, die er als seine Bürgen namhaft machte, lvareu nicht in der Lage, die Höhe der geforderten Summe aufzubringcn. Bei!der betreffenden Gerichtsverhandlung erschien Gordon mit bedecktem Haupte und verweigerte, als der Sitte und Satzung seines Glaubens widersprechend, es zu entblößen. Der Gerichtsdiener schlug ihm den ^Hut vom Kopfe, den er rasch mit einem bereit gehaltenen Sammtkäppchen bedeckte. Er kehrte wieder in seine Haft zurück, starb jedoch bald darauf im Älter voll erst 41 Jahren. Seine Allgehörigen erfüllten seinen letzten Wunsch nicht. Auf dem jüdischen „guten Ort" wollte er zur elvigen Ruhe bestattet sein. Seine Gebeine ruhen aber auf dein Gottesacker der St. James-Capelle, Hamstead-Rvad . . . Uni die Pietät ist es doch eine edle Sache! Bon zwei anderen Proselyten im vorigen Jahrhundert erzählt eine alte hebräische Handschrift, welche der polnische Dichter Kraszewski erworben hat linb die er sich übersetzen ließ. Vieles spricht dafür, sowohl innere als mich äußere Merkmale, daß wir es hier mit einem authentischen Schriftstück zil thun haben. Es lvird in unbeholfener Ausdrncksweise schlicht Thatsache an Thatsache gereiht lind der Leser gewinnt den Eindruck, daß ent simpler, einfältiger Mann einfach zll Papier bringt Alles, was er gesehen, und Alles, was er gehört hat. Zwei edle polnische Jünglinge, der eine aus dem bekannten Geschlechte der Potocki lind der andere, Namens Zaremba weilten studienhalber in Paris. Da treffen sie in einer . Weinstube einen alten deutschen Inden, der lernt". Sie fragen ihn nach dein Buche. - - Es war der Pentateuch — nach der Sprache, nach den seltsamen viereckigen Buchstaben und er gibt ihiien alle erwünschten Aufklärungen. „Ist dies Alles Wahrheit?" — „Das ist göttliche Wahrheit" betheuerte der Rabbi. Er muß ihnen Einiges erzählen, Schwieriges erläutern mtb sie finden an dem Manne Gefallen. Sie nehmen ihn zum-Lehrer. Sehr wider feinem eigenen Willen. In einem halben Jahre hatten die eifrigen Schüler das ganze „Chumesch" inne. Tann ging's, sie warerOganz Feuer und Flamme für ihr neues Studium, an die Propheten tind Kethnbim. Sie gingen weder mehr auf ihre Hochschule noch in die Kirche. Der Rabbi tadelte sie deswegen, aber sie schüttelten verneinend ihre Häupter. Sie beschlossen insgeheim, Juden zu werden und gelobten es sich mit heiligen Eiden. Ter jtmge Potocki beabsichtigte nach Amsterdam zu gehen und dort seinen Uebertritt zu bewerkstelligen. Vorher reiste er erst noch nach Rom. Von da aus schiffte er sich nach Holland ein. In Amsterdam wurde er Jude. Von Zaremba hörte er nichts weiter. Dieser reifte nach Hanse, verheiratete sich mit der Tochter des Hetman Tyszkiewicz, die ihm nach Jahresfrist ein Söhnlein schenkte, und vergaß den Potocki, seinen Freund, und der geschworene Eid kam ihn: ganz aus den: Sinn. Eines Tages drang die Kunde zu ihm von dem verschollenen Potocki, der zuletzt in Rom gesehen worden war und seitdem verschwunden war. Er beschloß, mit seiner Gentalin nach Amsterdam zu reisen, wo er den Freund zu treffen hoffte. Dort ging er zum Rabbiner, denn der unerfüllte Eid bedrückte schwer laftettd sein Gewissen uttd wurde — Jude. Als Probe der nüiven, ungekünstelten Diction des Manuseriptes sei hier eine Stelle eingeschaltet, welche von bcm schlichten, ehrlichen Sinne des Berichterstatters Zeugniß ablegt und eben deshalb umso ergreifender wirkt: „(Stutä TageS erwartete ihn leine Frau lange vergebens; als er nicht heimkam, wnrde sie sehr besorgt und ging Abends mit einem Diener aus, um ihren Gatten zu suchen. Letzterer aber schickte ihr einen Boten, daß sie ihn nicht suchen möge, da er Jude geworden sei. Wie die Iran das hörte, fiel sie zu Boden und ward ohnmächtig. Als man sie wicderherstellte und sie fragte, was ihr widerfahren sei, antwortete sie nnter großem Jammern: „Mein Mann ist Jude geworden, und ich fürchte für sein Leben". Da lachten die Leute und sagten: „Hier in Holland ist es erlaubt, Jude zu werden." Sie kam zu ihrem Manne. Dieser aber weinte und schrie laut: „O komme.uicht zu mir, denn ich bin Jude, ich bekenne den Glauben, den Alle verspotten und verfolgen, und Du bist ja eine Edelfrau, Tochter eines Hetmanu!" Sie aber achtete nicht darauf, sondern rief unter Thränen: „Auch ich will zum jüdischen Glauben übertreten.^ Ihr Mann ging daraus ein und ließ eine jüdische Iran kommen, welche sie über alle Vorschriften und Gebräuche der jüdischen Religion belehrte. „Wenn Du alle diese Vorschriften und Gebräuche kennst", sagte Zaremba zu ihr, „und dann kommst und zum Judenthum übertreten willst, wird man Dich mit Liebe aufnehmen." Die Frau wurde Jüdin, kam zu ihrem Gatten und sprach mit Freude: „Nun bin ich Dir gleich". Um sie auf die Probe zu stellen, heuchelte Zaremba: „Ich habe vor, mich von Dir scheiden zu lassen und eine Jüdin zu heiraten, und ich rathe Dir, einen Juden zu ehelichen, so werden wir besser in die Gebote Gottes eingeweiht werden". Aber die Frau erwiderte: „Ich will Dir rin Gleichniß erzählen. Einmal wandertcn Zwei durch den Wald, sie verirrten sich und wußten nicht aus noch ein. Da geschah ein Wunder und sie fanden den richtigen Weg. Und einer von ihnen sprach zu seiirem Gefährten: „Jetzt laß' uns von einander Abschied nehmen und jeden von uns seinen eigenen Weg wandeln". Da sprach der Zweite: Ist das gerecht? Früher als wir im Dunklen irrten, waren w i r beisammen; n n n w i r den richtigen W e g g e f u n d e n, sollen wir uns trennen? Jetzt müssen wir erst recht vereinigt bleiben und uns des Wunders freuen, das u n s Gott ger h an." So sprach die Frau, und der Mann erkannte die Reinheit ihres Herzens, und sie lebten beisammen in Amsterdam eine lange Zeit. Dann begaben sie sich nach dem Heiligen Lande. Das Schicksal des Juden Potocki gestaltete sich weitaus tragischer. Er zog nach Litthauen. In der Stadt Jlja wurde er als ein zntn Judenthum Bekehrter erkannt und in Ketten nach der Hauptstadt Wilna transportirt. Dort erfuhren die Herren, daß sie den Sohn des gewaltigen Magnaten Potocki vor sich hätten. Er nannte sich nur Abraham, den Jude n Abraham. Der Bischof selbst begab sich in das Gefüngniß zu ihnt, nnt ihn rückzubekehren zu seiner Väter Glauben. Er kant im Ornate und trug ein goldenes Crucifix in den Händen. — Vergebliche Mühe! Ein Jahr lang schmachtete der Unglückliche im Kerker, ein tiefes, feuchtes Verließ und ganz anders, als der des Lord Gordon zu New- Gate. Ant zweiten Tage des Wochenfestes wurde er auf öffentlichent Marktplatze verbrannt. Der Henker riß ihm die Zunge ans dem Munde. Ten jüdischen Glauben schwur er nicht ab. „Gepriesen seist Du, o Ewiger" rief der Märtyrer „der Du durch mich Deinen Flamen vvr aller Welt heiligen lassest."