Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 552 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 30 des Saatenmarktes in Wien verzichten, weil jetzt ein distinguirtes Publicum in Wien verkehrt. Worauf Prinz Liechtenstein den geschmackvollen Zwischenruf leistete: „Und nicht die Körndljuden". Der Wunsch dieser Herren soll von ungarischer Seite erfüllt werden. Das Kadischgebet nach seiner ethischen Behandlung. Im Nachhange zu dem unter obiger Spitzmarke citirten Auszuge Ph. Lederer's (Ossterr. Wochenschrift Nr. 12 vom 22. März a. c.) dürfte Ihren Leserkreis die Aeußerung Leop. Kompert's über das „Kadischgebet" (Wertheimer's Jahrbuch 1860) wesentliches Interesse bieten: „Es ist dies jenes seltsame, von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrtausend zu Jahrtausend überkommene Gebet, das, in der Sprache des alten Zion lautend, einen wesentlichen Bestandtheil des täglichen Gottesdienstes bildet. Sein Ursprung ist geheimnißvoll; Engel sollen es vom Himmel herabgebracht und die Menschen gelehrt haben. Um dieses Gebet schlingen sich die weichsten Fäden kindlichen Empfindens und menschlichen Erinnerns; denn es ist das Gebet der Waisen! Wenn Vater oder Mutter stirbt, sollen es die nachgelaffenen Söhne täglich am Morgen und Abend im Gotteshause durch's ganze Trauerjahr und am jedesmaligen Todestage sprechen, denn es wohnt ihm eine gar wunderbare Kraft inne. Aus dem Munde von Waisen klingend, sprengt es die Gräber und sogt den todten Eltern daß ihr Kind ihrer gedenke, dann tritt es unmittelbar vor Gottes Thron und bittet dort um den ewigen Frieden der Dahingeschiedenen, um Schonung und Barmherzigkeit! Fürwahr! wenn es irgend ein Band gibt, stark und unauflöslich genug, um Himmel und Erde aneinander zu ketten, so ist es dieses Gebet! Es hält die Lebenden einander und bildet die Brücke in das geheimnißvolle Reich des Todes. Fast könnte man sagen, dieses Gebet sei der Hüter und Wächter des Volkes, von dem allein es gebetet wird, in ihm liegt die Bürgschaft seiner eigenen Fortdauer. Kann ein Volk untergehen und in das Nichts zerstäuben — so lange ein Kind seiner Eltern gedenkt? Welche Stürme, welche Fäulniß müßten vorangegangen sein, welche Mächte müßten an dem Baue eines Volkes genagt und gerüttelt haben, der auf dem Felsengrunde der „Familie" ruht? Es mag seltsam klingen. Mitten aus dem Taumel der wüstesten Zerstreuung hat dieses Gebet der Erinnerung manches verwilderte Gemüth aufgeschreckt, daß es sich besann, und wenigstens für kurze Zeit im Andenken an die todten Eltern sich gleichsam heiligte. Solch' ein Gemüth überkommt es dann mit Schauern, wenn es die Wege überschaut, die es bisher gegangen, und sie mit denen vergleicht, die es gegangen wäre, wenn das Auge von Vater oder Mutter noch über ihm leuchtete! Eben weil dieses Gebet eine Wiedergeburt des am Menschen Vergänglichen im Geiste ist, weil es ein bloßes Sterben nicht zugibt, weil es die Blüthe, die vom Baume der Menschheit welk abgefallen ist, im Gemüthe wieder auferstehen und sich entfalten läßt, darum ist es von so heilkräftiger und heiligender Gewalt, zu wissen: Du stirbst, Tu trittst aus dieser ewig ruhelosen, so hinfälligen Hülle in ein geheimnißvolles Jenseits, aber die Erdscholle, die über Deinem Haupte rau'cht und fällt, deckt Dich nicht ganz; es bleiben solche zurück, die wissen, daß Du gestorben bist, die, wo sie immer auf dem weiten Erdenrunde, ob im Gewände der Armuth oder im schimmernden Prunke des Reichthums sich befinden, dieses Gebet Dir nachsagen; zu wisien: Du nennst keinen grünen Fleck in diesem Lande sein, Du läßt ihnen kein Haus, keinen Hof und Acker zurück, daß sie Dein gedenken müssen, dennoch bewahren sie Dein Andenken als ihr theuerstes Erbe. . . unbedeutend, verachtet, eine Schaumblase, die Du im Leben warst, erheben sie Dich, wenn Du längst nicht mehr bist, zur Bedeutendheit. . . Sie raffen Dich aus dem Staube der Vergänglichkeit auf" u. s. w. Jos. Perlberger. Zwei Proselyten. Wir haben in diesen Blättern bereits die ergreifende Geschichte erzählt von dem Manne, der unter der Regierung Friedrichs des Großen zum Judenthume übertrat — ans freien Stücken und eigenem Antriebe. Die Wahrheit und Heiligkeit unserer Lehre wirkten mit solcher unwiderstehlicher Überzeugungskraft Ms seinen Geist und sein Gemüth ein, daß er sich von seinem Väterglauben, von seinen Angehörigen, von Amt und Würden losriß, um jener bestgehaßten Religionsgenossenschast sich anzuschließen, um Jude zu werden. Was hatte ihm das Judenthum zu bieten? Keinerlei Vortheile, die sich in die Tasche stecken ließen. Im Gegentheil — nur eine Einbuße an scheinbarer äußerer Ehre, an Ansehen und Einfluß. Man untersuchte seinen Geisteszustand! Und doch zögerte er keinen Augenblick — es gab damals noch Idealisten, die Race scheint inzwischen ausgestorben zu sein — und bedauerte auch später niemals den Schritt, den er gethan. Er starb als frommer Jude, als Vorsteher und ein Grabstein mit hebräischen Lettern bezeichnet die Stätte, wo seine Gebeine ruhen. Sein Beispiel steht nicht so vereinzelt da in der Geschichte unseres Glaubens, als minder Eingeweihte wohl denken. Ein Lord, ein wahrhaftiger Lord ist Jude geworden und von ihm sei in Kürze das Wichtigste berichtet. Die Gordons — wir folgen unserem Gewährsmann Dr. N. Samter, welcher mit großer Sorgfalt die historischen Daten zusammengestellt hat — sind ein uraltes, schottisches Adelsgeschlecht, dessen Ursprung sich in dem mythischen Nebel verliert, der die Gestalt des sagenhaften Königs Gordios umschleiert. Lord George Gordon, der dritte Sohn des Herzogs Cosmo George Gordon war um 1780 der Vorsitzende der sogenannten protestantischen Association, welche sich die in unseren Augen wenig rühmliche Aufgabe gestellt hatte, dem Kctholicismus in den vereinigten Königreichen womöglich den Garaus zu machen. „Popery",wie sie ihn nannten, wäre vielleicht am genauesten mit „Päpstlerei" zu übersetzen. Es liegt dieselbe Verachtung in dem Wort, wie wenn heute ein Antisemit „Jud" ruft und die größte Beschimpfung damit ausgesprochen zu haben vermeint. War doch „prussien'' lange nach 1870 noch eine Beleidigung, eine Schmähung" in Frankreich und ist es vielleicht heute noch in besonders chauvinistisch veranlagten, überhitzten Sprudelköpsen. Einige Gesetze, welche die Katholischen gar zu hart drückten, sollten in ihren strengsten Bestimmungen gemildert werden. Darob große Unruhe in London — Volksaufstand — lärmendes Gewühl erregter Menschenmassen. An Excessen gröblichster Art - wir in Wien können uns das ganz besonders lebhaft vorstellen — fehlte es keineswegs. Ob auch gespuckt wurde, wissen wir nicht. Darüber schweigen die Quellen. Militärmacht mußte aufgeboten werden, um die rasende, fanatische Menge zu beruhigen. Leiter der Bewegung war — Lord Gordon, der, seitdem er Mitglied des Unterhanses gewesen, durch den unparlamentarischen Ton, den er anzuschlagen pflegte, durch beleidigende Unterbrechungen und heftige Zwischenrufe sich oft unliebsam bemerkbar machte. Dieser Lord Gordon trat zuin Judenthnm über. Rabbi Jakob in Birmingham nahm ihn in den Bund der Kinder Israels auf. Als R. Israel ben Äbraham Abinn wurde er in der Hambro - Synagoge zur Thora aufgerufen ititö „schnoberte" im Mi-Scheberach 100 Pfund Sterling für die Armen. „Mylord ist toll geworden", lautete die allgemeine Stimme über ihn. Ein spleeniger Lord, der nicht mehr weiß, durch welche Bizarrerien nnd Excentricitäten er sich selbst unterhalten soll. Doch die öffentliche Meinung irrte sich gar sehr. Mylord war es sehr gewaltig unr sein Judenthmn. Von der Anklage des Hochvcrraths, als Regisseur des Ausstandes gegen die Päpstler, war er freigesprvchen worden. Ein Lord, der nur das thut, was der Regierung des - Landes im Grunde in den Kram paßt, wird ja immer freigesprochen. Jetzt, wo man das Bedürfnis; fühlte, dem Juden R. Israel ben Abraham etwas am Zeuge zu flicken, stellte man ihn wegen Beleidigung der Marie Antoinette vor die Schranken. Er hatte sich im ,/kublie Advertiser", demselben Blatte, wo die berühmten anonymen Junius-Briefe, die glänzendsten Pamphlete der Welt erschienen, in etwas despectirlicher Weise über die schmutzige. Halsbandgeschichte verlauten lassen. Das mußte gesühnt werden. Die beleidigte Gerechtigkeit verdonnerte ihn auch