Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 550 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 30 ihm ein heidnischer Harnfpex nachgesrrebt. Bileams Anschläge waren von keinem Erfolge gekrönt, weil Gott dessen Fluch in Segen verwandelte. Unser Mönch aber machte es umgekehrt. Er verwandelte Gottes Segen. Israels Unsterblichkeit, in einen Fluch. Und merkwürdig, trotz ihres historischen Widerspruches zu den Berichten der Evangelien und ethischen Widersinns fand die Ahasver-Sage selbst in Kreisen höherer Intelligenz Eingang. Hat doch erst vor einigen Jahren das „Vaterlands ihren hochwürdigen u .d hochgeborn.n Lesern allen Ernstes die Mähr aufgetischt, die Juden müssen fortleben, um für die Sünde der Kreuzigung Jesu zu büßen. Wie oft hat das „Vaterland" dem neutestamentarischen Christus — vom kirchlichen ist hier keine Rede — im Herzen seiner Bekenner, den Garaus gemacht! Und trotzdem ist es jetzt von der Besvrgniß bewegt, infolge eingetretener Abonnentenschwindsucht einem seligen Ende entgegen zu gehen! Warum sichert nicht die so häufige Tödtung Christi dem „Vaterland" ebenfalls Fortdauer? Die Juden, die nur einmal Christi Leib gelobtet, sind zur Unsterblichkeit „verurtheilt"; wer aber den Geist Christi täglich und stündlich tödtet, wird mit vorzeitigem Tode „gesegnet". Wo liegt die Logik in dieser waltenden Gerechtigkeit? Jndeß verdient doch diese Behauptung wegen ihrer allgemeinen Verbreitung eine nähere Auseinandersetzung. Der Gedanke, welcher der Ahasver-Sage zu Grunde liegt und in dem Referate des „Vaterland" reproducirt wurde, geht von folgender Anschauung aus. „Ohne Blut kann die Sünde nicht verziehen werden. Aus Erbarmen mit dem sündhaften Menschengeschlechte kam der Gottmensch zur Welt, um am Kreuze aus dem Leben zu scheiden, damit sein vergossenes Blut alle Sünden der Rechtgläubigen sühne. Die Juden aber, die den Gottesmord vollzogen, müssen leben und ihre Sünden bis zur Wiederkunft Christi büßen. Darum hat keine angewandte Todesart sie bisnun aus der Reihe der Völker zu streichen vermocht." Bevor ich mich anschicke, die Quelle bloßzulegen, aus welcher der Sagendichter seine Weisheit geschöpft, möchte ich erst Nachweisen, daß die Ahasver-Dichtung eine Persiflage auf das Christenthum comme il faut ist. „Ohne Blut kann dke Sünde nicht verziehen werden". Dieser Satz ist impersonell. Daher tritt das Unchristliche nicht so offenkundig zutage. Ich frage das „Vaterland" zunächst: wer vergibt denn eigentlich die Sünden? Doch Gott? Demnach muß dieser Lehrsatz in activer Form lauten: „Ohne Blut kann Gott keine Sünden verzeihen"!!!! Warum nicht? Und darüber haben sich die hochwürdigen Leser des „Vaterland" nicht entsetzt! ' Weiter! Daß Christi Geburt nur Mittel zum Zwecke seiner Kreuzigung war, ist ein katholisches Dogma, denn es steht in Uebereinstimmung E mit den Ueberlieferungev des Neuen Testamentes. Ist aber auch die weitere Deduction des „Vaterland" respective der „Ahasver- Sage" mit diesem Dogma in Uebereinstimmung zu bringen? Wir Juden müssen leben und leiden, weil wir Jesmn gekreuzigt? Angenommen, wiewohl nicht zugegeben, die Juden hätten Jesum wirklich gekreuzigt, so hätten sie ja nur dem Plane Gottes gemäß gehandelt, nur das vollzogen, toa% sein unabänderlicher Rathschluß gewesen. Und dafür, daß sie gethan, was Gottes Wille war, sollen sie strafbar sein? Ist das nicht eine Blasphemie? Und selbst wenn man schon über diese grobsinnige Blasphemie hinwegsehen wollte, ist es doch nicht gewiß mit den ethischen Principien irgend einer Religion in Einklang zu bringen, wenn von der Gottheit behauptet wird, daß sie an uns Spätgeborenen ahndet, was unsere Väter in aufsteigendem Grade vor mehr denn 1800 Jahren gesündigt, gesündigt zur Sühne für die Menschheit, gesündigt nach dem Willen Gottes, gesündigt, damit Gott fortan den Sündern verzeihen könne, was er vordem nach dem „Vaterland" nicht konnte. Nach dieser Auseinandersetzung lann e§ keinem Zweifel unterliegen, daß der hohle Schädel eines armenischen Mönches das Ehebett war, in welchem die Absicht, die Wahrheit zu verdunkeln, von hassenswerthem Hasse empfangen, und daß aus dieser Empfängniß die Ahasver- Sage sich aus gestaltet, die echt Teuflisches unter christlicher Larve vorstellt. Somit könnte ich eigentlich schon den Ahasver-Dichter dem Urtheile der öffentlichen Meinung überrntworten und sicher sein, daß diese ihn nach Verdienst würdigen werde. Und in der Thal läßt mich das Berttauen zum Genius der Menschheit voraussetzen, Jeder, der der sittlichenW^hrheitnoch zugänglich ist, werdemitBefriedigung den Nachweis entgeqennehmen, daß, w^r sich unterfängt, die göttliche Wallung nach den Eingebungen des blinden Hasses zu beurtheilen, religiöse Fragen weniger nach den Resultaten ernster, wissenschaftlicher Forschung zu lösen, als durch Virurtbeile noch mehr zu verdunkeln, der eigenen Religion einen schlechten Dienst erweist. Und wenn ich geichwohl den aufgenommenen Faden noch weiterspinne und die Sage auf ihrem eigentlichen, heidnischen Ursprung zurückleite, so gebe ich nur dem Drange nach, der wissenschaftlichen Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen und für den Mönchsdichter Milderungsgründe zu bringen. So wahnwitzig die Dichtung des „Ewigen Juden" auch ist, so wenig Anspruch hat ihr Autor auf einen Rang unter den Originaldichtern. Denn seinen Ahasver hat n nach einem griechischen Modell gezeichnet. In ihm ist die heidnische Anschauung über Zweck der Menschenopfer personincirt in Verbindung mit einem beim Opfercultus angewendeten Brauche. Dieser Brauch ist dem Typus des „Ewigen Juden" so ähnlich, daß ich kein Bedenken ttage, sie zu identificiren. Hoffentlich wird sich das „Vaterland" nicht bekreuzen, wenn ich hier Nachweise, daß bei den arischen Griechen Menschenopfer nach mehr als nach 100 Jahren nach Jesu Kreuzigung üblich. waren. Dies ist aus vielen Berichten heidnischer wie christlicher Historiker zu ersehen, (vid. Clem. Alex. Protr. c. 3, p. 36. Pott, und Euseb. pr. eu. IV, 16). Bon dem Lykäischen Zeus ist gewiß, daß .hm noch zu Pausanias Zeit, also noch im zweiten Jahrhundert nach Christi, in Arkadien auf der Höhe des Lykäischen Berges am Feste der Lykäen Menschen geopfert wurden.. Diese Menschenopfer hatten durchwegs den Charakter der Sühnopfer. Dies ist deutlich genug durch die Legende erwiesen, die man über die Menschenopfer hatte, welche dem orchomenischen Zeus dargebracht wurden. Ebenso erwiesen ist es, daß der Priester, der die ausersehenen Menschen zur Sühnung des göttlichen Zornes geopfert, zur Strafe für dies piuw. scelus neun Jahre lang unstät und flüchtig war und erst im zehnten Jahre den heimatlichen Boden wieder betteten durfte. Vergleichen wir nunmehr diese heidnffche Einrichtung mit der Ahasver-Sage. Beide beruhen auf der Anschauung, daß Menschenblut ein verläßliches Mittel?>ur Sühne sei. Beide haben ferner die Ansicht gemein, daß, wer oie Gottheit durch ein so kräftiges, wirksames Sühnmittel der Menschheit wieder günstig umgestimmt, strafbar sei. Endlich stimmen Beide darin überein, daß Verbannung aus der Heimat die wohl verdiente Strafe dessen sei, der von seinen Mitmenschen" den Zorn Gottes abgewendet. Aber auch der divergirende Punkt soll nicht mit Stillschweigen übergangen werden. Die mythologische Anschauung der heidnischen Griechen von der waltenden göttlichen Gerechtigkeit beschränkt die Strafe ausschließlich auf den opfernden Priester und auf blos 9 Jahre. Da lobe ich mir die klösterliche Ethik, der zufolge Gott der Liebe s.inen Groll auf das ganze Volk überträgt, dem der Opfernde entstammt, und seinen Zorn nach 200mal 9 Jahren noch ungestillt oorwalten läßt!!! Wie groß mag aber das Vertrauen des „Vaterland" zur Denkreife feiner Leser sein, wenn es ihnen eine solche Anschauung von Gott im Namen der Religion einer allumfassenden Liebe zu appliciren gewagt?!?! Zum Tröste sei es dem „Vaterland" gesagt, daß die historische Wahrheit der Ahasver-Sage der theosophischen das Gleichgewicht hält. Wir Juden sind durchaus nicht lebensüberdrüssig, tragen uns auch nicht mit Selbstmordversuchen herum. Jeder Unbefangene bewundert unfern Frohsinn und unsere Schaffensfreudigkeit. Nur einen Kern von Wahrheit birgt der „Ewige Jude". Und das ist: Im Wasser geht der Jude nicht unter. Er bleibt auch nach der Taufe der Jude. Lomnitz, im Juli 1895. Vom Jahrmarkt des Lebens. Freiherr v. Chlumeeky in Znnim. Die Bereinigte Linke hat einen neuen „besten Mann" gefunden. Es ist dies Herr v. Chlumeeky, den der Abgeordnete Hallwich bei dem letzten Clubbankett alle jene ehrenvollen Prädicate zuschrieb, auf welche bisher Herr v. P l e n e r allein Anspruch hatte. Herr v. Chlumeeky hat denn auch sofort bereitwillig die Zügel der Partei ergriffen und in Znaim eine große Programmrede gehalten, welche sich — sehr begreiflich! — weniger mit der jüngsten Vergangenheit als mit der nächsten Zukunft beschäftigte. Herr v. Chlumeeky hat dabei über den Antisemitismus ein entschiedenes Berdammungsurtheil gefällt. Er hat erklärt, daß der Antisemitismus eine Gefahr für Freiheit, Cultur und Humanität, für Staat und Gesellschaft sei und daß alle zulässigen Mittel zur Heilung dieser „Krankheit" angcwendet werden müssen. Es ist recht erfreulich, daß der neue „beste Mann" der Linken sich zu einer solchen Kundgebung aufrafft, aber dieselbe hätte gewiß einen größeren Effcct erzielt, wenn Herr v. Ch l umecky nicht kurz vorher — vielleicht mehr aus Höflichkeit als aus innerer Ueberzeugung — ein Loblied auf die beiden verflossenen liberalen Minister, Herrn v. P l e n e r und Grafen Wurmbrand, angestimmt hätte. Herr v. Plen er hat weder als Führer der Linken, noch als Minister das Geringste gethan, um dem Fortschritte des Antisemitismus Einhalt zu gebieten, er hat diese Bewegung geduldet und groß werden lassen, ohne einen Finger zu rühren. Graf W u r m b r a n d aber hat sie ganz direct gefördert, indem er als Minister alle winhschaftlichen Forderungen der Christlich-Socialen verwirklichte. Das verächtliche Renegatenthum. Zu allen Zeiten und in allen Confessionen hat es Renegaten gegeben, und das charakteristische Merkmal derselben war immer die blindwüthigste Berfolgungssucht gegen ihre früheren Glaubensgenossen. Zur Zeit der osmanischen Weltherrschaft gingen viele Christen zum Islam über und die christlichen Historiker erzählen von dem Fanatismus, mit welchem diese Renegaten gegen ihre ehemaligen christlichen Brüder wütheten, oft entsetzenerregende Einzelheiten. Sie lockten dieselben in Gefangenschaft, verriethen und verkauften sie in die Sklaverei und eiferten in Wort und Schriftzur Ausrottung aller Bekenner