Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Bloch's Wochenfchrist. benahm sich der Corpora! Mortko Fuhrmann. Der Zugsführer Samuel Stern, der Infanterist Benjamin Roth, der Zugsführer Saul Weiner, der Titular-Gefreite Abraham Singer, Jakob Langer, Markus G o l d b e r g, — sie alle wurden wegen ihrer unerschrockenen Tapferkeit von ihren Borgesetzten belobt. Sie gereichten der tapferen Division Vecsey, die das Treffen bei Lenkovie am 21. September 1878 so ruhmreich lieferte, zur hohen Ehre. Wir haben lange nicht alle Feldzüge und lange nicht alle die Namen genannt, an welche die Schmähpost ihr tückisches „(!)" anzuheften pflegt. Die österreichischen Soldaten jüdischen Bekenntnisses stehen keinem anderen in irgend einer Hinsicht nach, oft wurden sie sogar als nachstrebenswerthe Muster aller militärischen Tugenden aufgestellt. Sie haben in zahllosen Schlachten für ihr Vaterland als brave Krieger sich erwiesen. Die Pflichten wurden bereitwillig und freudig erfüllt. . . Die Rechte lassen ein wenig auf sich warten. Man muß Geduld haben. Vielleicht erleben wir noch die Zeit, wo die tobten Buchstaben zur lebendigen Wahrheit werden. Es wünscht sich ja Jeder lange zu leben. 6. 6. Der heidnische Ursprung der Ahasver-Sage. Vom Rabbiner Dr. Simon W o l f f s o h n. In Nr. 24 dieses geschätzten Blattes hat Herr Dr. Kopfstein die Ahasver-Sage aufgerollt. Herr Dr. Kopfstein, der die Literatur des „Ewigen Juden" um einen hochinteressanten Beitrag bereichert, verräth in seiner Behandlung dieser Materie ein feines Gehör, um das ich ihn beneiden könnte. War ei doch so glücklich, einen elegischen Ton aus der Ahasver-Sage herauszuhören. Neugierig bin ich, ob der fluchende Christus oder der „Ewige Jude" den Tasten des zart besaiteten Gemüthes eines armenischen Mönches aus dem 13. Jahrhundert, dem Zeitalter der Kreuzzüge, die elegischen Töne entlockt bat. Wenn ich ein so hart gesottener Sünder bin, mein Innerstes gegen die wehmüthigen Accorde hermetisch zu verschließen, so ist die Schuld dem Geiste ihrer Entstehungszeit beizumessen. Die Kreuzzüge, diese Erstlingsfrucht am Baume christlicher Nächstenliebe, waren nicht so beschaffen, um in mir den Glauben an ein elegisches Motiv eines Dichters in der Mönchskutte zu befestigen. Man vergegenwärtige sich nur das ganze Treiben der Klosterbrüder in jener Zeit. Solange die christliche Kirche in den ersten Jahrhunderten ihrer Gründung von heidnischen Haruspizes aller erdenklichen sittlichen Verbrechen beinzichtigt wurde, hat sie die Mutter-Religion mit ihrer bis dahin unangetasteten Ehre gedeckt. Da fand es das Mönchthum in seiner Blülhezeit für angemessen, endlich die erste Rate der Dankesschuld dem Judenthum abzutragen. Und diese Ratenzahlung bestand * in nichts Geringerem als in der Ueberwälzung der Anschuldigungen, deren die Kirche vormals geziehen wurde, auf die Mutterreligion. In dieser Zeit gerade hat der hirnverbrannte Schädel eines armenischen Mönches zwei Mißgestalten ausgeboren, wie sie nur unter Ariern existenz-berechtigt sind, und sie mit einem serusalemischen Heimatsschein versehen.Kann ein solcher Vorgang für harmlos angesehen werden? Zur besseren Begründung meiner Zweifel will ich die ganze Ahasver-Sage in gedrängter Kürze citiren. Ihr zufolge trug Jesus aus seinem Gange nach Golgatha selber das Kreuz. Ermüdet, will er vor der Thür des Juden Ahasver rasten. Von diesem weggejagt, stößt er den Fluch aus: „Ich werde ruhen, du aber sollst wandern, bis ich wiederkomme!" Entsetzlich ist die Art, wie sich die Erfüllung dieser Verwünschnng vollzieht. Lebensüberdrüfsig, wandert Ahasver, fluchbeladen, durch nahezu 1900 Jahre, ohne int Tode Erlösung zu finden. Alle seine Selbstmordversuche bleiben erfolglos. Vergebens stürzte er sich kopfüber von hohem Felsenberge in eine jähe Untiefe. Sein Schädel scheiitt härter als der Stein, auf den er anschlug. Vom Grauen vor seiner eigenen Gestalt erfaßt, springt er in des Meeres brandende Wogen. Aber das Wasser scheint judenscheu. Es speit den wasserscheuen Juden aus. In seiner Verzweiflung nimmt er zum Feuer Zustucht. Doch wie den Dornbusch in der Wüste, verzehrt auch ihn nicht die lodernde Flamme. Ob Schußgeld, respeclive Hängen und Köpfen sich wohlthätiger erweisen werden, kann vorläufig nicht gesagt werden. Ich frage zunächst, was wohl den Sagendichter veranlaßt, Jesum zum Selbstträger seines Kreuzes zu machen? Ein flüchtiger Blick auf das jüdische Strafrecht genügt, um die Mähr nach Gebühr zu würdigen, Jesus wurde gezwungen, an den Vorkehrungen zu seiner Hinrichtung thätig mitzuwirken. Wohl war dergleichen unter der Herrschaft des Kreuzes üblich. Solange die menschlichen Gewissen der kirchlichen Jurisdiction unterstanden, waren solche moralische Marler an der Tagesordnung; nicht aber in Judäa, wo eine humane Behandlung jedes Delinquenten gesetzlich geregelt war. In richtiger Würdigung dieser humanen Gesetze berichtet der Evangelist Matthäus (27, 32): „Unb ind em s i e hinausgingen, sandelt sie einen Me n scheu von Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, daß er ihm sein Kreuz trug." Ebenso Seite 549 berichtet der Evangelist Marcus, daß Simon von Kyrene Kreuzträger Jesu war: „U n d zwangen einen, der v o r ü b e r g i n g, mit Namen Simon v o n Kyrene, der v o nt Felde k a tu, (b e r ein Vater war Alexandri und Rufi) daß er ihm das Kreuz trüge." (15,21) Desgl. lautet die bezügliche Miltheilung des Ev. Lucae °. , U n d ut l s sie ihn h i n f ü h r t e n, ergriffen sie einen Simon von Kyrene, der kam r> o m F e l d e. n it D legten das Kreuz auf i h n, d a ß e r e s Jesu Nachtrag e." (,2;;, 26. ) Also drei Zeugen, deren Glaubwürdigkeit kein Christ anzweiseln darf, der nicht bankerott an seilten Glauben sein will, rcseriren übereinstimmend, daß Jesus sein Kreuz nicht selbst getragen. Warum zieht der Sagendichter den Schleier der Vergessenheit über Simon von Kyrene und maäit im Widerspruch zu den c-lirten Evangelien Jesum zum Kreuzträger? Könnte ich es über mich gewinnen, eine elegische Tendenz als leitenden Getauten des „schweigsamen Mönches in Armeniens öden Gefilden" anzuerkennen, würde ich nicht ansteheo, die geluttge::e Turchsührung dieser elegischen Absicht zu bewundern, denn jünnnlicher konnte sein Sujet nicht anssallen. Ist doch sein Christus eine erbärmliche Caricatur zu dem Christus in den Evangelien. Derselbe Jesus, der im Neuen Testamente seinen Jüngern befahl, die zu segnen, die ihnen fluchen, sweidet hier fluchend aus dent Leben. Dorr betet er für seine Widersacher; hier verfolgt er noch nach 1800 Jahren mit seiner Rache den „ewigen Juden". lind ist er vielleicht in der Zeichnung des Ahasver glücklicher? Ist cs ihm gelungen, in ihm einen Typus zu entwcrfei', der Zeit und Ort der Handlungen mit historischer Treue reflectirl? In einem Staate, in welchem ein Gesetz Richter und Henker nachdiüekl-chst verpflichtet, bei Utlqedsvollstrecknngen i nt Deli n g nent e n den e i g e n c n B r n d e r zu acht eil, ist ein Unhold in magnam dei gloriam einfach ein Nonsens. Im „Ewigen Inden" sind i.eiglich Kreuzzügler verewigt. Man tranchire nur den „Inden Ahasver" und an dem Duite erkennt man cine zähe Klvsterspeiie, bereitet nach mönchischer Weise. Der Causalnexus der AhasvenSage und ihrer Entstehungszeit kann nicht angezweifelt werden? Wie bei den heiteren, lebensfrohen Griech n Aphrodite aus des Meeres Schauiii, ebenso ist aus dem Zeitstrome der Kreuzzüge die Ahasver-Sage hervorgegangen, die die düstere Lebensanschaunng klösterlicher Einsamkeit wiedeispiegelt. Während aber jene aus ihrem (Lange durch die Welt würzige Bli'nh n der Liebe ausstceut, Getreuute mit dem Bande h:rziunigec Eintracht umschlungen, hat diese in alleHerzen, die sich ihr erschlossen, den Samen tödtlichen Hasses ausgestreut. Und darin ist auch das Motiv ihrer Entstehung zu suchen. Der fromme Hast der Kreuzfahrer gegen die Juden vermochte nicht ihre ungestillte Sehnsucht nach deren Besitz zu unterdrücken. Wie in der Gegenwart fühlte auch damals das biedere Arierthum sich in demselben Maße von den Juden obgestoßen, wie deren Geld eine wahrhaft christlicbe Anziehungskraft auf dasselbe ausgeübt. Diese Anziehungskraft äußerte sich in der Plünderung und Ermordung der Inden. War dies aber christlich? Der berüchtigte Ritter von der Stampigtic, der im indischen Capital das einzige Mittel seiner Befreiung von der ihm unbequemen Hundsleine sieht, an der ein krtlmmnäsiger Prinz ihn gänge t. emonehlr die Beraubung der Juden auf gesetzlichem Wege. Die frommen Fratres hinwieder wollten die Ausplünderung der Juden, dem damaligen Zeitgeiste entspre.lend, von Religionswegen durchsetzen. Zur Erreicbung dieses Zieles beoienten sie sich bald des Taufwassers, bald des Scheiterhaufens. Aber die durch die Propheten dem Judentbume verheißene Unsterblichkeit machte alle ihre Anschläge zu Nichten. Gleich dem von Bergeshöhe herabgestürzten Ahasver raffte sich d er von der Höhe des Wohlstandes in die Tiefe des Elends geschleuderte Jude wieder auf. entfaltete die ihn: innewohnende Schasfenskrait, die ihm zu neuem Wohlstände verbalf.Und das Taufbecken? So we:.ig Pharao sein Ziel mittels des Wassers erreicht hat, durch das er israelitische Eltern kinderlos gemacht, ebenso sah sich die Kirche, die mit Hilfe des Taufwassers jüdische Kinder elternlos gemacht, von ihrem erhofften Ziele weit ab. Und auch die Scheiterhaufen erwiesen sich wirkungslos. Gleich dem Phönix erhob sich das Judenthum aus der glimmenden Aiche zu neuem Leben,;u verjüngtem Schassen. Diese Erfahrung gab der Kirche zu ernstem Nachdenken Anlaß. Daß alle erlittenen Veriotgungen den Juden vorher von ihren Propheten haarklein verkündigt wurden, ist eine unbestrittene Tbniache. War da nicht zu befürchten, die Bibelgläubigen — auf dieses Epitethon halte das Zeitalter der Kreuzzüge begründeten Anspruch - werden von der buchstäblichen Erfüllung des einen Theiles der Strafandrohungen Rückschlüsse ans den anderen Theil zieheit? Dieselben Erfahrungen, welche den divinatorischen Ursprung aller angedrohten Strafen außer Zweifel setzten, bestätigen auch die'Göttlichkeit der Verheißung: „Und auch dann noch, wenn sie im Lande ihrer Feinde sind, habe ich sie nicht verworfen und nicht ausgestoßen, daß ich sie völlig ausriebe und meinen Bund mit ihnen bräche; denn ich bin der Ewige, ibr Gott, und gedenke ihnen des Bundes mit den Vorfahien." (Dev. 26, 44—15) Und in demselben Grade, als im christlichen Volke der Glaube an die Fortdauer des alten Bundes Wurzel fasse, könnten die Zweifel an der Existenzberechtigung des neuen Bundes sich mehren. Da war guter Rath thener. In dieser kritischen Lage fand ein armenischer Mönch einen Ausweg. Er heckte ttr seinem hirnverbrannten Schadet Ahasver aus. in welchen er sich ein Ziel vorgesteckt, das dem entgegengesetzt war, welchem vor