Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 Seite 547 Dr. Bloch's Wochenschrift Wiener Schneider eine absolute Notwendigkeit ist. Dieselben Schneider, welche in der Saison, d. i. drei, vier Monate des Jahres für die feinsten Kundenschneider arbeiten, sind froh, wenn sie während des achtmonatlichen Jntervalles von den Confectionären beschäftigt werden, dermaßen einen wenn auch nicht reichen, immerhin aber namhaften und sichern Verdienst erzielen, was aber noch weit wichtiger ist. im Stande gesetzt sind, einen Stock geschulter Gesellen das ganze Jahr hindurch zu erhalten, welchen sie sonst aus Mangel an Arbeit würden entlassen müssen. Nicht immer die hohen Löhne sind es, welche der Arbeiter wünscht, weit wichtiger ist diesem die Sicherheit, das ganze Jahr hindurch regelmäßig Beschäftigung zu finden und diese kann ihm nur die Confectionsindustrie allein bieten, nicht aber der Kundenschneider. Angenommen auch, daß die Löhne in der Confectionsindustrie nichthoch sind, im Vergleiche zu denjenigen, welche der fürstliche Abgeordnete und dessen Genossen den landwirthschaftlichen Arbeitern bezahlen, sind sie wahrhaft fürstlich. Man vergleiche nur die behäbige Lebensweise der bei der Confection beschäftigten Schneider und die erbärmlichen Zustände der in elenden Lehmhütten wohnenden Feldarbeiter der fürstlichen und gräflichen Großgrundbesitzer, und man wird sich ein Urtheil bilden, was von den Recriminationen des Prinzen Liechtenstein zu halten ist. Sie sind daraus berechnet, gegen die Inden zu Hetzen und zu schüren. Die Ausfälle des bramarbasirenden Prinzen würden sich wahrlich nicht lohnen, darauf zu reagiren. Wir haben von denselben nur deshalb Act genommen» weil sie im Parlamente von keiner Seite die gebührende Abfertigung erfahren haben. Man ließ es ruhig geschehen, daß die Industriellen eines der wichtigsten heimischen Industriezweige beschimpft, verdächtigt und in ihrer Ehre angegriffen wurden. In jedem anderen Parlamente würden derartige Angriffe die entschiedenste Zurückweisung gefunden haben, sowohl seitens des Präsidiums, als auch von der Regierunqsbank. Die Wiener Kleiderfabrikanten haben mit großer Aufopferung an Geld und Zeit einen Industriezweig geschaffen, der O'sterreich in allen. Hemisphären bekannt gemacht und den heimischen Unternehmungsgeist zu Ehren gebracht hat. Viele Millionen Gulden jährlich beträgt der Kleiderexport Wiens und ist deffen Bedeutung in handelspolitischern. ationalökonomischer und finanzpolitischer Richtung von höchster Bedeutung, inbesondere aber auch von hoher Wichtigkeit für unsere Handelsbilanz, mit Rücksicht auf die Regelung der Valuta und der endlichen Aufnahme der Barzahlungen, die der beschämenden Zettelwirthschaft endlich einmal ein Ende bereiten soll. Es muß deshalb tief bedauert werden, daß der provisorische Leiter des Handelsministeriums es der Mühe nicht Werth gefunden hat, sich der angegriffenen Firmen auch mnr mit einem Worte anzunehmen. Wenn in Consequenz deffen der Unternehmungsgeist und die Lust. Exportverbindungen anzuknüpfen'und den ^Port- Handel zu pflegen, erlahmt, so ist es nicht zumindest dem Umstande zuzuschreiben, daß den maßgebenden Factoren das Verständniß mangelt, der Pflege unseres Außenhandels den nöthigen Schutz angedeihen zu lassen und diejenigen, welche sich mit dem Export vaterländischer Fabrikate befassen, vor unberechtigten Angriffen zu beschützen. Eduard Beer. Der geopferte Iedlirzka. Ein schwerer, in seiner Tragweite kaum zu ermessender Schlag steht der Haupt- und Residenzstadt Wien bevor. Mit Zagen ^schreiben wir es nieder: Jedliczka, der große Jedliczka, der Antisemiten-Heros Jedliczka wird dem zukünftigen Gemeinderathe Wiens nicht mehr angehören! Hätten wir nicht die freudige Gewißheit, daß Wien schon manche fürchterliche Schicksalsfügung überwunden, uns verließe der Muth, diesen unabwendbaren Verlust zu verkünden. Ja, Jedliczka, der seit Jahren mit nie versiegender Kraft die Juden und die deutsche Sprache gleichmäßig verfolgte, sie in den Koth zerrte, in dem er und seine Intimen sich so kannibalisch wohl fühlen, wird diese Mission in dem zukünftigen Gemeinderath anderen Gleichgesinnten und Gleichbegabten überlassen müssen. Man geht über ihn zur Tagesordnung über, die Freundschaft, die Jedliczka mit den Allgewaltigen seiner Partei verband, ist aus dem Leim gegangen! Ein so wichtiges, folgenschweres, wir möchten sagen geradezu historisches Ereignrß muß doch seine Gründe haben? Gewiß. Und diese Gründe sind es, die — im Ernste gesprochen — eigentlich den Fall des Herrn Jedliczka zu einer bemerkenswerthen Thatsache machen. Denn sonst sind wir, ohne Herrn Jedliczka damit schmeicheln zu wollen, von der Ansicht durchdrungen, daß, so billig derzeit auch Papier und Tinte sein mögen, es doch eine unverantwortliche Verschwendung wäre, sie wegen dieses Herrn zu verbrauchen. Aber die Gründe, die I ed liczka's Opferung herbeiführten, machen seine Opferung selbst beachtenswerth. Jedliczka wird geopfert. Darüber ist kein Zweifel. Er wird von Dr. Lueger abgeschlachtet, der — wir wollen damit nicht andeuten, daß die Antisemiten ein Blutrituale sich zurechtgelegt..— ihn als Opfer auf den Altar des Deutschthums niederlegt. Dieses Opfer ist den deutsch-nationalen Herren, auf deren Gunst Herr Lueger bei den bevorstehenden Gemeinderathswahlen nicht verzichten kann, angenehm. Der czechische Herr I e d l i c z k a, der das Schillerffche Deutsch so verhunzte, als wäre es ein Gedicht von Heinrich Heine, ist gewissen Leuten, die wenn auch nicht auf den eigenen Charakter, so doch angeblich auf den deutschen Charakter Wiens großes Gewicht legen, ein Dorn im Auge. Wenigstens als Mitglied des Gemeinderathes. Und so wird Jedliczka nicht mehr Gemeinderath werden. Herr Dr. Lueger hat zwar pro forma, bei der Wählerversammlung in Währing,' der er präsidirte und bei deren Schluß der Tischler Jedliczka als politischer Todter in den frisch von Anderen für ihn gezimmerten Sarg gelegt wurde, das Wort für seinen einstigen Freund und Mitstreiter erhoben. Aber wie kühl, wie matt, wie grausam gleichgiltig that er es! Er meinte, er könne es nicht mit seiner Ehre vereinbaren, Jedliczka so ohneweiters abzuthun. Aber er ließ ihn dann doch so ohneweiters abthun. Wenn man will, so geht's eben. Wenn Lueger für Jemanden eintreten will, so hat er noch etwas von dem Pathos, das er für sich braucht, übrig. Aber Lueger opfert leichten Herzens einen Jedliczka, wenn dafür wieder ihm Opfer gebracht werden, deren Werth er jedenfalls höher anschlägt, als die rhetorischen Erfolge des ungehobelten Tischlers. Es wird auf den ersten Moment vielleicht befremden, wenn wir sagen, es führe ein direkter Weg von der Post von Cilli zu dem Saal von Währing, in welchem Jedliczka von seinen antisemitischen Brüdern abgeschlachtet wurde. Und doch ist es so. Die Post von Cilli hat die verblüffende Nachricht von dem Deutschthum Lueger's gebracht und die Opferung Jedliczka's ist nur eine weitere Etape auf diesem neuen Wege L u e g e r's. Wer ist so naiv, zu glauben, daß der Tribun von Margarethen, der zeitlebens in allen Farben schillerte, in allen Parteilagern hospitirte, mit den verschiedensten Bettgenossen sich vertrug, just bei Cilli sein biederes, treues, nationales, unerschüttlich deutsches Herz entdeckt habe? Man entdeckt nicht, was man nicht hat. Für Dr. Lueger ist eben Alles Mittel für einen Zweck, für ein Ziel: für den Bürgermeisterposten von Wien. Um den zu gewinnen, wäre er wohl einst bereit gewesen, den berühmten Gang nach der Seitenstettengaffe zu machen, so wie er diesem Bürgermeisterposten zuliebe sich mit dm fanatischesten Judenhassern alliirte.' Lueger glaubt dermalen, es sei für ihn vortheilhafter, als Deutscher zu erscheinen und er kämpft daher für Cilli und stößt Jedliczka von sich. Hätte es ihm gepaßt, wäre er mit den siebm Slovenm durch Dick und-Dünn gegangen und hätte mit I e d l i c z k a um die Wette geböhmakelt. Das mag vielleicht ein geringer Trost für Herrn Jedliczka sein, der gerne Gemeinderath wäre, wenn auch schon nicht aus anderen Gründen, um doch etwas zu sein. Nichts als Antisemit zu sein — Du, lieber Gott, das ist doch ganz jämmerlich wenig. Jedliczka fällt für das Deutschthum — Lueger's! Wegen der paar Kleinig-