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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-26 · 30 (26.7.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
30 (26.7.1895)
Date
1895-07-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 546 Nr. 30 Dr. Bloch's Wochenschrift. semitischen Schreckensnränner, welche ihre eiserne, impetuose Kraft, gegenüber der Aengstlichkeit und Furchtsamkeit der anderen Parteien genau abzuschätzen wissen. Unausgesetzt wird jetzt von einer geradezu abgrundtiefen Corruption in grandiosem Maßstabe gesprochen. Allein die Vorgänge bei der Wahl in Kolomea haben das Licht der Oeffentlichkeit nicht zu scheuen. Man öffne doch nur einmal diese Acten und man wird Beispiele von Aufopferung und Heldenmuth seitens dieser bodenlos geschmähten jüdischen Wählerschaft finden, wie sie noch nirgends erlebt worden find! Die Abgeordneten Lewicki und Szczepanowski waren Zeugen dieser Wahl, sie weilten persönlich an Ort und Stelle und sie wissen, unter welchen Demüthigungen und Gefahren die jüdischen Wähler von Kolomea, Sniatyn und Buczacz zur Urne gingen, sie wissen, welche Begeisterung sie beseelte, sie wissen, daß da nicht blos eine Wahl, sondern ein wilder, brutaler Kampf stattgefuuden hat, iu welchem nicht weniger als drei Juden todtgeschlagen und viele verwundet wurden. Bestechliche Wähler opfern nicht ihr Leben für den Mann chres Vertrauens! Seit Jahren ist es der dringendste Wunsch des Abgeordneten Dr. Bloch, daß die Geheimnisse dieser Wahl, welche wahrhaftig dem Judenthume nicht zur Unehre gereichen, an's Tageslicht kommen, und seit Jahren wird die Erfüllung dieses Wunsches hinausgeschoben, bleibt das Mandat Dr. B l o ch's, zun: Gaudium der Antisemiten, mit einem Mangel behaftet und wird gegen Letzteren unablässig von antisemitischer Seite die Anklage erhoben, daß er sich an dieses mangelhafte Mandat anklammere. Das ist einfach eineunhaltbare Situation! Der Träger eines nichtverificirten Mandates verfügt nicht über das Bollgewicht seiner Stellung. Gilt dies schon von jedem anderen Abgeordneten, so gilt es im zehnfachen Maße von einem Manne, dessen Wählerschaft zum größten Theile aus Juden besteht und dem — mit oder ohne seinen Willen — die dornenvolle Aufgabe zugefallen ist, die Ehre des Judenthums von der parlamentarischen Tribüne herab zu vertheidigen. Seine Glaubensgenossen werden dem Abgeordneten Dr. Bloch das Zeugniß nicht versagen, daß er unter den schwierigsten Verhältnissen von der schwankenden Grundlage eines bestrittenen Mandates aus, unausgesetzt mit geheimen und offenen Widersachern kämpfend, auf sich allein angewiesen, unerschrocken und ehrlich seine parlamentarische Pflicht zu erfüllen strebte. Dies hat die ungezügelte Wuth der Reactionäre innerhalb aller Parteien gegen chn entfesselt und der seither unendlich gesteigerten Macht dieser Reactionäre fällt Dr. B l o ch zum Opfer. Den bübischesten Beschinrpfungen der Gegner schutzlos preisgegebcn, einem Clubzwange unterworfen, der unter den obwaltenden Umständen gegen ihn mit besonderer Strenge angewendet wird, weil eben seine Wahl noch immer nicht einwandfrei ist und weil die Partei den Mangel, der auf derselben haftet, nicht auf sich selbstsitzen lassen will, verfügt er nicht mehr über die Kraft, seiner Aufgabe in vollem Maße gerecht zu werden. Die antisemitischen Excesse gegen die Juden haben sich im letzten Sessionsabschnitte des Abgeordnetenhauses immerfort gesteigert, aber Dr. Bloch mußte zu alle dem s chw eig en. Vor einigen Tagen-hat ein Vertheidiger im Gerichtssaale dem Präsidenten, der.ihn schweigen hieß, zugerufen: „Ich bin nicht zum Schweigen, sondern zum Reden da!" Auch dem Abgeordneten Dr. Bloch wird Schweigen geboten, und wenn er dem Vertrauen seiner Wähler gerecht werden will, so muß auch er rufen: „Ich bin nicht da, um Diäten einzustecken und wie ein seelenloser Mechanismus Ja und Nein zu sagen,' ich bin da, um zu reden, um gegen Lüge und Verleumdung zu protestiren, und wenn man mir das Reden unmöglich macht, lassen mirEhre und Pflicht keine andere Wahl, als mein Mandat niederzulegen!" Und vor dieser Nothwendigkeit ist Dr. Bloch angesichts der neuerlichen Verzettelung, welche dem Legitimationsausschusse beliebte, angelangt. Man will das Mandat von den ihm vermeintlich anhaftenden Mängeln nicht befreien. Und so ist denn an den Abgeordneten Dr. Bloch die Pflicht herangetreten, abzuwägen, wodurch er seinen- Glaubensgenossen einen besseren Dienst erweise, durch sein Verbleiben in einem Parlamente, welches ihn zum Schweigen verurtheilen will, oder durch seinen Verzicht auf ein Mandat, das man geflissentlich nicht zu einen: v o llg iltig en m ad) en will, um auf solche Weise den Waffen seines Trägers ihre Schärfe zu nehmen. Die Entscheidung kann keinen Augenblick zweifelhaft sein! Der Zahnstocher gegen die Scheere. Wien, im Juli. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 16. Juli hat der christlich-sociale Abgeordnete Prinz Liechtenstein eine jener Reden gehalten, die vieler Worte sind, jedoch jeden Gehaltes und sittlichen Ernstes entbehren, nur den Zweck verfolgen, aus dem Fenster zu sprechen und die denkunfähigen Wähler des prinzlichen Abgeordneten zu captiviren^ zu reizen und aufzustacheln. In der Wahl der Mittel, diesen Zweck in der unfehlbarsten Weise zu erzielen, ist der bermelinverbrämte Deputirte niemals scrupulos und verlegen. Er schimpft auf die Juden, verdächtigt sie und kann des vollsten Beifalles seiner engeren und werteren Gesinnungsgenossen — in Anderem unterscheidet sich die Gesammtheit des Arierthums derzeit nicht — gewiß sein und braucht sich gar nicht der Befürchtung hinzugeben, in puncto Judenbeschimpfung der Verleumdung und Verdrehung geziehen zu werden, da sich einer derartigen Aufgabe zu unterziehen gegenwärtig nicht fair ist. Prinz L i e ch t e n st e i n hat sich in der erwähnten Parlamentsrede zur Entwicklung seiner christlich-socialen Theorien ein sehr dankbares Thema gewählt. Um die Nothwendigkeit einer noch weiteren Rückwärtsbewegung auf gewerbegesetzlichem Gebiete ad oculus zu demonstriren, hat er die Situation iu einem Industriezweige geschildert, welcher vorzugsweise von jüdischen Firmen cultivirt wird. Es ist dies die Kleiderconfection, ein Industriezweig, in welchem der österreichische Export noch immer nahezu ohne Rivalität, in welchem die heinnsche Fabrikation im Oriente dominirend ist. Dies ist dem Prinzen Liechtenstein wohlbekannt, ebenso, daß die Confectionsindustrie gerade sich für die betreffenden Kleingewerbe als Nothwendigkeit, ja als eine Wohlthat erweist. Allein ihm Handelt es sich nicht um das Wohl und Webe des arischen Schneiders, sondern darum, die semitischen Confectionäre an den Pranger zu stellen. Wer die agitatorische Manier des Prinzen Liechtenstein kennt, deren er sich bei seinen Reden iutra et extra mnros bedient, den wird es nicht befremden, wenn wir constatiren, daß derselbe es auch diesmal mit der Wahrheit nicht genau genommen hat. Ec beschuldigt die Confectionsindustriellen, daß sie sich des Sitzgesellenthums behufs Ausbeutung der betreffenden Arbeiter bedienen. Dies ist aber entweder eine Ignoranz oder eine Unwahrheit. Seit Einführung der Gewerbenovelle gibt es ein Sitzgesellenwesen überhaupt nicht, da nur genossenschaftlich incorpocirte Schneider beschäftigt werden dürfen. Einen großen Effect glaubte der rothe Prinz mit der Anführung der in der Confectionsmdustrie gangbaren Löhne zu erzielen. Letztere fabricirt aber für die arbeitenden, kleinbürgerlichen Classen der Bevölkerung. Wenn eine Arbeiterhose um einen Gulden schon verkauft wird, so kann für dieselbe allerdings nichtzwei odermehrGulden blos nurfür dieFagon gezahlt werden. Nicht nur die Prinzen von Geblüt, sondern auch die Kellner traten Fracks, für welchen Letzterer nicht den vierten Theil desjenigen Betrages bezahlen kann, als z. B. der jüngst mit einer halben Million Schulden verstorbene Vetter des prinzlichen Abgeordneten seinem Hofschueider für die Fa^on seines Paradefracks schuldig geblieben ist, wenn er es nicht vorgezogen hat, auch gleich den Stoff zum Frack beim Schneider zu p u m p e n. Die offenkundige Thatsache dagegen hat Prinz Liechtenstein in seiner bekannten heuchlerischen Augenverdreherei verschwiegen, daß die Confectionsindustrie für Neunzehntel der

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