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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-19 · 29 (19.7.1895) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
29 (19.7.1895)
Date
1895-07-19
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 29 Dr. Blocht Wochenschrift. Seite 543 er mit einem Trunkenen zusammen. Dieser taumelte fluchend weiter, der kleine Blinde siel in die Ecke eines geschlossenen Thorweges. Erhalte sich bei dem Falle nicht beschädigt und nach kurzer Ueberlegung beschloß er, bis zum Morgen hier zu bleiben; wenn er sich zusammenkrümmle, war er vor dem Regen geschützt. Der Sitz war hart, doch Blind-Ohre war schon sehr müde und von der Nässe mitgenommen, auch hatte er gar keine Ahnung mehr von einer einzuschlagenden Richtung, und mit bis an das breite Kinn herangezogenen Knieen schlief der kleine Mann bald ein. Der aufschließende Hausmeister weckte ihn. Er zitterte vor Kälte. Er ließ sich den Weg zum Tempel beschreiben. Dort angelangt, fand er auch ohneweiters die Richtung, um in seine ärmliche Wohnung zn gelangen; sie war nicht weit von der des blinden Sängers. Zähneklappernd und fröstelnd legte sich Blind-Ohre zu Bette. Als der Knabe, den er gerettet, am nächsten Morgen aufwachte und seine Mutier bereits neben seinem Bettchen sah — sie betrachtete immer das gerettete und verloren geglaubte einzige Kind — frug dieser: „Wo ist denn der gute Blind-Ohre, Mama?" Jetzt erst fiel den Eltern ein, daß dieser es gewesen, der ihnen das Kind wieder gebracht; sie wollten ihm danken, ihm lohnen. Aber wie ihn finden?! Sie ließen es an Bemühungen nicht fehlen, sie frugen bei allen Bekannten. Niemand kannte seine Wohnung, selbst die Gemeindeverwaltung nicht, von der er seine kleine monatliche Unterstützung regelmäßig holte. Doch war Blind-Ohre eine so bekannte und nie fehlende Straßenrype, daß man sicher war, irgend einer der Bekannten und Verwandten werde ihn schon am nächsten Tage sehen und den dankbaren Eltern bringen. Sie warteten aber darauf vergebens. Man sah weder ihn, noch den blinden Sänger. Dieser saß am Bette des schmerkranken Freundes; er Pflegte den Fiebernden, er kühlte seine heiße Stirne, er suchte seine wilden Phantasien zu beschwichtigen. In den ersten Tagen gelang ihm dies nur schlecht. Dann aber spielte er die Guitarre, und als der Kranke sogleich ruhiger wurde, sang er ihm auch einige Lieder, und die Paroxysmeu wichen. Immer ergriff nun der Säuger dieses Mittel, so oft sein Freund unruhig zu werden begann und immer besänftigte er ihn damit. So waren neun Tage vorübergegangen. Der Arzt meinte, man sei an dem Wendepunkte angelangt. Eben war der Kranke wieder unruhig. Der Freund suchte ihn zu trösten. Blind-Ohre drückte ihm dankbar die Hand, dann bat er flüsternd: „Singen!" Voller und auch noch weicher wie sonst erklang das Lied, es ward zum Dankgebet, hatte doch der Freund sein Bewußtsein zurückerlangt. Der Sänger dankte und flehte zugleich, er bat um die Erhaltung des einzigen Freundes. Und es kam ein Vertrauen über ihn, daß der Kranke sich bald besser fühlen werde, und so sang er mit vollem Herzen und Hoffnung und Trost, von Liebe und Freude, von Glück und von Seligkeit. Er bemerkte gar nicht, daß das Elternpaar des geretteten Kindes mit diesem eintrat. Er hörte nicht das Schluchzen der Frau, er ahnte nichts von der tiefen Erschütterung des Mannes. Er sang aus tiefster Brust, aus übervollem Herzen. . .. Hätte er das himmlische, glückliche Lächeln um den Mund des Freundes sehen können, es wäre ihm die schönste Gabe in der Nacht seines Daseins gewesen; er würde nicht so gebrochen dagestanden haben, als er aus dem Angstschrei der Dame, aus den Worten dks Mannes entnommen, daß Blind-Ohre ihn nicht mehr hörte. Im Entsetzen schwieg der Sang, in schrillem Klang riß eine Saite. . . . Nun ist der blinde Sänger auch alt, sehr alt. Der schwarze Bart ist weiß geworden, die Stimme fast erloschen, die hohe Gestalt gebrochen. Er liebt die Kinder, hatten sie im Grunde seinen Freund doch auch gern gehabt. Er singt noch immer von Lenz und Liebeslust und Lebensglück, wenn auch ohne Sehnsucht, doch die jungen Leute lauschen ihm trotzdem ebenso gläubig und werfen ihm Geldstücke zu, wie es die älteren früher gethan. Er erzählt ihnen von all den herrlichen Dingen, welche die Jugend erfreuen, von Liebe, Treue, Hoffnung und Ewigkeit und Gott . . . doch selber glaubt er nicht daran. ... W. F. Vereint. Novelle von Elise Orzeszko, ausschließlich autorisirte Ueberfetzung aus dem Polnischen von Malwina Blumberg. (Fortsetzung.) „Wenn Ew. Gnaden mir wollen zuhören", begann der Jude langsam, „so werde ich Alles erzählen. Es werden jetzt bald sein vierzig Jahre, daß ich habe diese Uhr. Ich hatte sie gekauft nicht theuer, wollte sie verkaufen weiter und ein bischen verdienen bii diesem Geschäft. Zu jener Zeit war mein Sohn Mojsche, der jetzt ist ein Kaufmann und führt einen großen Handel mit Getreide, ein kleiner Junge und ging in den Cheder. Ich hatte damals noch keine anderen Söhne und hatte große Furcht, er könne bleiben mein Einziger und ich liebte ihn sehr. Aber was das auch war für ein Kind, mein Mojsche! Wenn Ew. Gnaden ihn hätten gekannt, Sie hätten sich gewundert, daß so ein Kind kann überhaupt sein auf der Welt. An dem Tage nun, da ich hatte gekauft diese Uhr, kam mein Mojsche nach Hause aus dem Cheder, so schwach, so traurig und so blaß, daß ich bekam Furcht, er solle nicht werden krank und Gott solle mir nicht nehmen diesen meinen einzigen Sohn. Gleich wie er kommt ins Zimmer, setzt er sich in einen Winkel, starrt zu Boden, will nicht essen, sagt, er habe Kopfschmerzen, er sei sehr müde und der Melamed sei sehr strenge, und er, Mojsche, wolle nicht mehr leben! Ei, ai! So ein Kind soll nicht wollen leben! Das ist schrecklich und eine große Sünde! Wie ich habe gehört seine Worte, habe ich mit beiden Händen gegriffen an meinen Kopf und seine Mutter hat gegriffen an ihren Kopf und seine Schwestern, wie sie sehen unsere Verzweiflung, weinen laut. Da, ganz plötzlich, fängt an zu schlagen die Uhr. Und da es war die zehnte Stunde, rief der Kuckuck zehnmal. Beim erstenmale blickte Mojsche erstaunt auf, beim zweiten starrte er nicht mehr zu Boden, beim dritten leuchteten seine Augen aus und er rief: „Ei Tate, was ist das? Wo hast Du das hergenommen?" Und er lachte die Uhr an, wie ein Mensch, der lange sitzt im Dunkel, anlacht die Sonne. Ich war glücklich, daß er lacht, und springe auf den Schemel, drücke auf die Sprungfeder, welche haben gesehen Ew. Gnaden, und da fliegt heraus der Kuckuck und schlägt mit den Flügeln und ruft noch lauter. Nu, wie mein Mojsche das sieht, springt er aus seiner Ecke, umfaßt seine ältere Schwester und sängt an mit ihr zu tanzen vor der Uhr, und die beiden Kleinsten fasten einander an den Händchen und tanzen ebenfalls, und Alle lachen laut vor Freude, daß sie haben gesehen einen so schönen Vogel. Die Mutier, welche steht am Herd und kocht das Esten, lacht ebenfalls und ich klettere nicht hinunter vom Schemel, sondern danke Gott in meinem Herzen, daß Mojsche schon gesund ist und nicht mehr denkt ans Sterben; und ich danke Ihm, daß Er hat verwandelt die große Trauer in meinem Hause in so große Fröhlichkeit." Es mußte in der That eine ungewöhnlich große Fröhlichkeit gewesen sein, denn noch jetzt, nach vierzig Jahren, sah man ihren Abglanz auf den dichten Runzeln, dis das Antlitz des Juden durchquerten, und hörte ihr Echo in seinen leisen, gedehnten Lachen. Mit blitzenden Augen fuhr er, die Hände ausbreitend, zu erzählen fort: „Nu, konnte ich damals verkaufen diese Uhr, wenn Gott mir hatteerwiesen durch sie so große Gnade? Ein Bischen hatte ich Furcht, das Glück zu verscheuchen, und dann war es mir leid um die Kinder, welche hatten so große Freude an dem Kuckuck und immer tanzten, wenn er fing an zu rufen. ... An Kauflustigen fehlte es nicht, aber ich dachte: „Es hat noch Zeit!" Ich werde sie noch behalten ein Bischen, bis Gott mich heimsucht mit einer schweren Krankheit." Er holte tief Athem, blickte zur Decke empor und fuhr fort: „Als Gott mich heimsuchte mit dieser schweren Krankheit, konnte ich nicht schlafen, vielleicht einen ganzen Monat. Wissen Ew. Gnaden, was das ist, wenn man hat große Schmerzen und der Kopf ist voll von finsteren Gedanken und man liegt so die ganze Nacht mit weitgeöffneten Augen und starrt hinein in die Dunkelheit? Da habe ich gesehen in dieser Dunkelheit Dinge, welche nie soll erblicken ein rechtschaffener Mensch. Ich sah meinen Tod und meine Kinder vaterlos und im großen Elend, und sah alle Sünden, die ich begangen, und mich ergriff Furcht vor der Vergeltung im Jenseits. . . . Aber wie nur der Kuckuck seinen Rus ausstößt, verschwinden diese Bilder und an ihre Stelle treten andere. Und wissen Ew. Gnaden, was sich dann zeigte meinen Augen? Dann sah ich vor mirStrumienice und mich selber als jungen Burschen, wie ich da stand an dem Zaun und blickte auf den Wald, der sich hinter dem Schlosse dahinzog. ... Ei, welch schöner Sommer! Aus dem Garten, in dessen dichtem Grün das weiße, schimmernde Schloß steht, kommt so prachtvoller Blumenduft herüber. . . . Auf einem hohen Baume steht in einem großen Nest ein Vogel mit einem langen Schnabel und füttert seine Kinder mit Fröschen, die er von der Wiese gebracht hat. Und in dem grünen Walde ruft ein Kuckuck, geradeso wie der Kuckuck in der Uhr. Und als ich sah alle diese Bilder, lachte ich wie ein Kind, dem man zeigt ein Spielzeug, und ich dankte Gott, daß er mir hatte geschenkt einen Gegenstand, der mir malte im Dunkeln so Helle, schöne Bilder. . . Er hielt inne und saß mit gesenktem Haupte, die Hände auf den Knieen gefaltet, eine Weile nachdenklich da. Der Graf, der ihn aufmerksam zugehört batte, schwieg ebenfalls, und in der Stille, welche die beiden welken, gerunzelten Stirnen umgab, erklang das einförmige, hastige Geflüster der Zeit: „Tik-tak, Tik-tak, Tik-tak!" Endlich vernahm man aus diesem Geflüster wiederum des Indens gedämpfte Stimme:

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