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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-19 · 29 (19.7.1895) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
29 (19.7.1895)
Date
1895-07-19
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 542 Kindermädchen, wohl auch manche junge Frau sahen in den Hof hinab, von wo die zitternden Töne einer Guitarre heraufdrangen, zuweilen übertönt von einer halb erloschenen Stimme. Man warf in Papier gewickelte Kupfermünzen hinunter, und der Begleiter des Sängers suchte sie mit seinem Hule aufzufangen. Hier duldet man noch die Hofsänger, Harfenspieler und Straßenmusikanten und belohnt ihre „Kunstleistungen". An dem untersten Absatz des Treppenhauses blieb ich stehen, um durch das dem Hofe zugewendete bunte Fenster dieses Stück meiner eigenen frühen Kindheit nochmals zu schonen. Welche wundervolle Gruppe war es doch, die sich meinem Auge bot! Kinder in kurzen Kleidern mit nackten Beinchen oder in Höschen steckend, die Arme zum Theile ineinander verschlungen, den kleinen Finger des einen Händchens im Munde, wahrend das andere einen Kreisel, einen Stab, eine Peitsche oder eine Trompete hielt; mir beiden Händen hielt der eine Knabe einen großen Ball fest, ein kleines Mädchen wiegle ihre Puppe. Im weiten Kreise umstanden die Kleinen einen alten Mann, besten Gesicht ein weißer, langer Vollbart umrahmte. Neben der Gruppe stand ein größerer Junge, den Hut in der Hand, die Blicke nach oben gerichtet, gleichwie der Alte mit der Guitarre. Eben hatte der Alte sein Lied vollendet, er ließ sich hustend auf den mitgeführten Feldstuhl nieder, ich warf durch das bewegliche Fenster ein Geldstück hin, der Junge fing es auf und die Gruppe löste sich. Wieder erhob sich der Weißbart, sang mit zitternder Stimme von Gott, von Liebe, von Lenz und vom Vaterland. Seine Augen waren weit geöffnet, als schaute er all das Herrliche, wovon die Lippen überfloffen, und doch sah er nichts — nichts. In trübe Gedanken versunken, entfernte ich mich. Dieselben wichen bald'einer wehmüthigen Erinnerung, in deren Mittelpunkt neben dem Sänger sein Freund, ein anderer Blinder, stand. Ich weiß Beider Namen nicht. Für den anderen Blinden gab es wenigstens eine Bezeichnung im Kinderkreise, einen Spottnamen zwar, aber immer einen Namen. Wenn der kleine Mann, kaum viel größer als die Schuljungen, in seinem dunkelgrauen Anzug auf mit den Spitzen nach auswärts gerichteten großen Plattfüßen daherkam, in der einen Hand den dicken braunen Krückenstock, mit dessen eisenbeschlagcner Spitze er bald auf das Trottoir aufstieß, bald vor sich hinfühlte, die offene Linke mit den gekrümmten Fingern vor- und seitwärts tastend bewegend, wenn der kleine Mann mit dem unförmlich großen Kopfe, der von einem weichen, niederen, schwanen Hute mit ungeheuerer Krämpe beschattet war, bedächtig dahinschritt, riefen wir Kinder ihm immer „Blind-ohre" nach. Wir riefen es wohl zumeist in ausgelassenem Spotte, und selbst die allerkleinsten Nesthäckchen fielen in den Ruf ein; man wußte aber auch keinen anderen Namen, weil ihn die Eltern der jüdischen Kinder, mit denen er für diese unbegreifliche Geschäfte hatte und die ihm stets Geschenke gaben, auch nie anders nannten. Der Name mochte vielleicht daher entstanden sein, weil die religiös freieren jüdischen Leute, die die Synagoge nicht regelmäßig besuchten, bei Todesfällen in den Familien und bei Jahrestagen, welch letztere der kleine Mann immer genau wußte und nie mehr vergaß, ihm den Auftrag gaben, die Gebete für das Seelenheil im Tempel zn sprechen. Beten heißt im jüdischen Jargon auch „ohren", daher wahrscheinlich der Name „Blind-Ohre". Der Sänger war überall beliebt. Ob ihn Jemand hier gekannt, bevor er erblindete, weiß ich nicht, nur dessen erinnere ich mich genau, daß sein Gesang die Großen an Fenster und Thüren und die Kleinen zu ihm hinlockte, denn er sang, daß die Herzen hüpften, die Augen leuchteten, die Mieder zu enge wurden und der Sonnenschein doppelt hell erglänzte. Er brachte selten neue Lieder, aber er sang immer mit dem gleichen Wohllaut in der Stimme, mit der gleichen Sehnsucht, mit demselben Schmede und derselben Freude, immer, immer das Nämliche und doch schien es immer neu. Seine Lieder und seine Art, zu singen, prägte sich dem Hörer ein, und oft überraschte ich mich in spateren Jahren, wenn ich die von ihm gesungenen Worte so vor mich hin summte: ügy-e azt, mondja, ügy-e azt mondja te vagy az angyala ragyogö csillaga . . .*) Mit welchem flehenden und jubelnden Ausdrucke sang er das! Ein anderes Lieblingslied von ihm und von seinen Zuhörern war das: „Die Liebe kaust man nicht'" Damals hörte ich ihm wie einem Boten auf fremden Welten zu. Heute verstehe ich ihn besser, ich kenne die fr-mden Wellen und verstehe feinen Schmerz, daß er aus ihnen ausgeschlossen war. Später sah ich einmal auchBlind-Ohre bei dem Sänger stehen, auch er lauschte und das häßliche Gesicht schien verschönt. Doch als er bemerkte, daß die Kinder, so lange er dabei stand, ihren lauten Spott nicht ließen, tappte er sich so schnell als möglich fort. Er hätte dem Manne so gerne weiter und immer zugehört. Er wußte, daß der Sänger gleich ihm in ewiger Nacht wandelte, und staunte, woher Jener von den vielen Wunderdingen wußte und im Liede erzählen konnte! Wie kam's, daß die weiche Stimme Erscheinungen vor dem Hörer hinzauberte, von denen Blind-Ohre nur so weit eine Idee hatte, *) Sagt es Dir nicht (Dein Herz), daß Du sein Engel, sein strahlender Stern bist? Nr. 29 als er aus der Bibel davon vorlesen gehört, oder was er aus anderen heiligen Büchern nach eifrigem Vorsagen gelernt? Blind-Ohre kannte nämlich nichts außer der hebräischen Heiligen Schrift und auch von dieser nur die Worte; für deren Inhalt begann ihm erst jetzt ein merkwürdiges Verstandniß anszudämmern; er begann die Welt, die Poesie, die Liebe zu begreifen, seit er den anderen Blinden kennen gelernt, seit dessen Gesang in das alte und noch so ganz unberührte Herz gedrungen, das Wort des Blindgewordenen, der im Gegensatz zu ihm wußte, was er verloren, und beklagte, was ihnen Beiden entgangen. Sie waren Freunde geworden. Der Sänger erklärte dem Anderen die Welt, welche er besang. Er that's nun oft besonders für ihn, für ihn griff er in die Saiten und dieser hörte, staunte, und wenn er jetzt betete, da war es kein mechanisches Gemurmel mehr, er wußte, wofür zu danken, zu bitten. Die ununterbrochene Reihe von Palästen am Donauufer, welche Denjenigen entzückt, der heute auf dem Dampsboote in Pest ankommt, stand damals noch nicht da. Wenn die Beiden, wie sie oft thaten, nach des Tages Mühen am späten Abend dort hin- und herwandelten, traten ihre Füße nicht Asphalt, sondern wateten im Sand. Blind-Ohre war froh des geräuschlosen Ganges, umso deutlicher konnte er das Murmeln der Wellen hören, und er verstand es setzt wie das leise Spiel der Lüste. Er ahnte den Glanz der Sterne, das Lächeln des Mondes. Er wußte, daß die Welt schön ist, und er, der nur die Nacht gekannt, genoß nun zu allen Zeiten die Freuden des Tages, wie sein Freund sie ihm schilderte. An einem Herbstabend gingen sie wieder an dem majestätischen Strome entlang. Da hörten sie in der Nähe das Weinen eines Kindes. Der Sänger stutzte. Was wollte ein Kind hier, unmittelbar an dem Wasser, an dem späten Abend? Der jugendliche Begleiter hatte die beiden Blinden für kurze Zeit sich selbst überlassen. Der Sänger ries mit seiner weithin schallenden Stimme: „Bist Du allein Kind?" Noch lauter schrie das angerufene Wesen auf — es war ein etwa sechsjähriger Knabe — der glänzend schwarze, große Bart des Rufenden mochte alle Räubergeschichten in ihm erwecken, die ihm Vater und Amme je erzählt. Aus Furcht vor den beiden Männern lief der Knabe laut schreiend, so weit und so schnell ihn die kleinen Beinchen tragen konnten; er stand furchtbewegt erst hart am Rande des Wassers still, da er sah, daß ihm die Männer gefolgt waren. „Wir thun Dir nichts, mein Kind!" rief der kleine Blinde mit seiner sanften Stimme. Einen Schritt weiter, und das Kind war verloren, schon hatte es in namenloser Angst vor den ihm furchtbaren Fremden diesen Schritt thün wollen, als es nach den gehörten letzten 'Worten überrascht und noch zagend fragte: „Bist Du das, Blind-Ohre?" „Ja, mein Kind," antwortete dieser freudig. Seinem feinen Ohre war der Ton des Vertrauens nicht entgangen. Langsam kam der Knabe näher, er erkannte den grauen Anzug, den großen Hut, das große Gesicht. Laut weinend stürzte er zu dem blinden Manne hin, faßte die runzelige, kleine Hand und schluchzte. „Du bist gut, Blind-Ohre, vor Dir fürcht' ich mich nicht. Bitte, führe mich zu meiner Mama!" Kinder haben eine wunderbare Gabe, zu erkennen, ob Jemand Ihnen gut ist. Der Knabe hatte Blind-Ohre fast immer nur ärgerlich gesehen, scheitend und drohend; er hatte ihn immer verspotten helfen, und überdies flößen ausdruckslose Augen Kindern immer Sckeu ein, aber daß der Verhöhnte ein guter Mensch sei, das wußte der Kleine doch. Er faßte die Hand, er fürchtete nichts mehr, er wußte sich geborgen. Blind-ohre war keinen Augenblick im Zweifel, wohin und wem das Kind gehöre. Er war gerührt durch dieses Vertrauen und versprach dem Knaben, ihn sogleich nach Hause zu führen. Den Sänger überließ er dem inzwischen herbeigekommenen Führer. Es war bereits spät in der Nacht, als der Blinde mit seinem Schützlinge in dessen Elternhause ankam. Er war am Nachmittage sortgelaufen, einem Bärenführer nach. Man hatte ihn bei der Großmutter vermuthet. Angstverzehrt suchten ihn die Eltern, die Verwandten halten sich ihnen angeschlossen oder gingen zu gleichen Zwecken auf anderen Wegen. Schon war die Polizei auf den Beinen. Eben waren die Sucher ermüdet und verzweifelnd zurückgekommen, die Mutter halb wahnsinnig vor Angst. Nun erschien der Knabe. Der Jubel entsprach der vorhergegangenen dumpfen Trostlosigkeit. Inmitten desselben schlich Blind-Ohre weg. Er ging vergnügt und zufrieden davon. Unklar dämmerte es in ihm auf, daß es doch etwas Schöneres sei, den Lebenden zu nützen als für die Todten zu beten. Mit einem Gefühle, wie er es bisher nur empfunden, und auch dann nur in minderem Maße, wenn sein Freund ihm vor der Welt von Gott und von der Liebe sang, machte sich der kleine Blinde auf den Heimweg. Er wollte Niemandes Dank empfangen, denn mußte nicht im Gegentheil er dankbar sein, daß er so viel Freude hatte erwecken können? Für ihn war es gleich, ob Tag auf seinem Wege lag oder nächtliches Dunkel. Als er einige Zeit gegangen war, zum Theil noch voll von der ungewohnten freudigen Bewegung, deren hörender Zeuge er gewesen, mußte er sich sagen, daß er den rechten Weg verfehlt hatte. Er machte Anstrengungen, sein Heim doch noch aufzufinden, und doch glaubte er zu fühlen, wie er sich immer weiter von seinem Ziele entfernte. Es begann auch zu regnen, er war bald durchnäßt. Da stieß Dr. Bloches Wochenschrift.

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