Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 541 Schule dadurch zu einer religiös-indifferenten werden würde? Nein, die Schule würde dadurch das, was die Stadtbehörde in Posen gewallt hat: eine echt paritätische; drei Confessiouen würden in derselben gelehrt, natürlich abgesondert. Der eigentliche Grund, weßhalb sich die Staatsbehörde so sehr sträubt, die Genehmigung des Antrages zu ertheilen, ist nur kur; und schwach angedeutet, fast verschwiegen. Die Behörde hegt die Meinung, durch Zulassung der Juden, namentlich der jüdischen Lehrer, würde die Schule „entchristlicht". Meine Herren, schadet es den Christen, wenn Juden unter Ihnen wohnen, schadet es den Protestanten, wenn sie mit Katholiken Zusammenleben, und schadet es den Katholiken, wenn Protestanten sich unter ihnen befinden? Im Gegentheil. WettN man zwei sich abstoßende Pole zusammenbringt, so stärkt sich jeder Pol; von Indifferenz oder Schwächung der Confessionen wird unter solchen Verhältnissen nimmer die Rede sein. Aber was die Kinder lernen, wenn sie vermischt zusammensitzen, d.h., wenn Kinder verschiedener Confessiouen zusammensitzen, ist Toleranz und Humanität, das sind die großen Tugenden und Eigenschaften, welche die Staatsbehörde zu befördern, nach allen möglichen Richtungen zu fördern, die Pflicht hat. Dagegen hat sie weder das Recht, noch die Pflicht, für die Gläubigkeit zu sorgen. In dieser Beziehung ist der Staat völlig incompetent .... Es gibt auch unter den Lehrern an höheren Schulen welche, die die Juden mit Gleichgiltigkeit oder Verachtung betrachten. Dies ist an solchen Schulen, welche zu gleicher Zeit von jüdischen Kindern besucht werden, etwas äußerst Nachtheiliges und für den pädagogischen Einfluß Gefährliches. Wie curirt man, frage ich, solche Lehrer, wie bringt man ihnen Humanität und Toleranz bei? Das kann am erfolgreichsten dadurch geschehen, daß man in das Lehrer-Collegium einen jüdischen Mann hineinsteüt, wie es die Posener Behörden beantragt haben. Ich sage, meine Herren, wenn sie die Leiden, die Schwierigkeiten, die ein Jude, der sich zum Lehreramt ansbildet, zu überwinden hat, erkennen könnten, so müßten Sie voraussetzen: das muß ein Manu von vorzüglicher pädagogischer Begabung sein, sonst würde er die ungeheuren Schwierigkeiten nicht überwinden. Ich sage, um der Toleranz und Humanität willen muß man in das Lehrer-Collegium einen mit allen anderen gleichberechtigten jüdischen Lehrer hineinsetzrn. Noch vortheilhafter wirkt das auf die Schüler. Wenn es nach meinem Wunsche ginge, so würden wir nur Simultanschulen haben; denn nichts wirkt für Menschenachtnng und Humanität vortheilhafter, als wenn Kinder verschiedener Confessiouen freundlich nebeneinander sitzen". Diese Ausführungen verfehlten ihre Wirkung nicht, Herr Dr. I. wurde in der That bestätigt, und Adolph Diesterweg gebührt das Verdienst, die staatliche Anstellung des ersten jüdischen Gymnasiallehrers in Preußen bewirkt zu haben. Uebrigens hatte bereits i. I. 1847 der Domcapitular von Brandt im „Vereinigten Landtag" gegenüber der Behauptung, „daß die jüdische Moral nicht auf der Höhe stehe, die zum Unterricht christlicher Schüler nöihig sei", erklärt (S. 2093 des amtlichen Berichtes): „Ich weiß gerade ans Erfahrung, daß ein jüdischer Lehrer auch bei christlichen Kindern ein guter und moralischer Lehrer sei«! kann. Aus meinen eigenen Wahrnehmungen weiß ich dies und fühle mich daher veranlaßt, es hier zur allgemeinen Kenntniß zu bringen". Wien-Mariahilf. Der Vorstand des Talmud-Thora und Bethausvereines, VI. Stumpergasse 42, hat Herrn Dr. Julius Maz Bach aus Wien zu einer Gastpredigt eingeladen und findet dieselbe Samstag den 20. Juli a. c. um 9 Uhr Vormittags statt. Wien. 8. Juli. Gestern fand die Trauung der anmnthigen Tochter des Blinden-Jnstituts-Directors an der hohen Warte, Fräulein Paula Heller, mit Herrn weä. vr. R e i n e r im Tempel der Seitenstertengasse in solennster Weise statt und wohnten oem feierlichen Acte viele Honoratioren, darunter Architect Fleischer, Cultusvorsteher Dr. Stein, Prediger L ö w y, Rabbiner G rü n, Schriftsteller B r u >.r u e r, Director Plohn, Dr. Rosenthal n. v. A. bei. Herr Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n u vollzog die Ceremonie und hob besonders den Segen der frommen Häuslichkeit hervor, den beide Brautleute an sich selbst erfahren, namentlich wäre das edle Beispiel liebevollster Opferwilligkeit und aufrichtiger Theilnahme für fremdes Glück und Geschick im Hanse des Herrn Direktors H eller bildend und belehrend, ebenso sei der ärztliche Beruf des Bräutigams nur auf der Basis wahrhafter Humanität und Nächstenliebe denkbar. Obercantor Singer trug die liturgischen Gebete mit Chor und Harmoniebegleituug in meisterhafter Weise vor, und die heißesten, herzlichsten Segenswünsche folgten den Neuvermählten seitens der Theilnehmendeu dieser erhebenden Feier auf ihren neuen, gemeinsamen Lebensweg. Wien. Am 28. d. M. fand im Restaurant Robitschek das 4. Stiftungsfest der Verbindung österreichisch-schlesischer Hochschüler statt, die mm den Namen „Jwria" annabm, dadurch den jüdisch-nationalen Charakter anerkennend. Präses Fried begrüßte die Erschienenen und schilderte die Verhältnisse, welche diese Wandlung berbeiführten. Es sprachen stuck. mell. Mayer und Dr. Bierer aus Sofia von der Kadimah, Rappaport von der Unitas, G r ü n f e l d von der Gamala, Lauser von der Jüdisch-akademischen Lesehalle und Prediger G r ü n, der in Schlesien das Gymnasium absolvirle, als Gast und Vertreter der ethischen Gesellschaft über das messiauische Reich des Friedens, der Freiheit und des Fortschrittes, worauf sich passend das Bundeslied „Das Reich der Freiheit" anschloß. Mediciner P o b o r s k y (Sohn des Obercantors in Teschen) und Cantorats-Candidat Frankel aus Czernowitz trugen einige wirkungsvolle Sologesänge vor. Recitator Eduard G r ü n sprach unter lebhafter Acclamation den ersten Faust- Monolog. woraus Quartette und Violinproductionen folgten, die mit großem Beifalle ausgenommen wurden. Um Mitternacht schloß der gemüthliche Abend mit einer solennen Kneipe. Lemberg. Zum außerordentlichen Professor der Physiologie an der hiesigen neuerrichteten medicinischen Facultät wurde der Privatdocent in Krakau Dr. Adolf Beck ernannt. Mit ihm hält der erste jüdische Professor seinen Einzug in die Hallen unserer Alma mater, die bis je Nt nur einen jüdischen Docenlen beherbergt. Neutra. (Ehrende Auszeichnung) Der Stadtphysikus Herr Dr. Ludwig M u n e l s in Neutra ist in Anerkennung seiner Verdienste auf dem Gebiete der Hygiene zum außerordemlichen Mitgliedebes ungarischen Landes-Sanitätsrathes ernannt worden. Bisher haben in unserem Comitate die Ernennung in den Sanitälsrath blos Comitatsphysikus Dr. Thuroczy und der Badearzt Dr. Fodor in Pöstysn erhalten. Budapest. Der ungarische Cultusminister hat den Herren Sigmund und Adolph Ko h n e r öffentlich Dank gesagt für die Errichtung einer Schule auf einem ihrer Güter. Die Schule kostete fl. 3000. — Herr Heinrich Kohner spendete dem Waisenhaus in Szegedin fl. 500. Jglau. Am ersten Tage des Wochenfestes hielt Se. Ehrw. Rabbiner Dr. I. I. Unger eine schwungvolle und gedankenreiche Rede: „Die Kindesliebe im Lichte der Offenbarung und Bolkssitte", welche nunmehr auch gedruckt vorliegt. Der verehrte Prediger hat sie dem Ehrenmitgliede und vormalige» Vicepräses unserer Cultusgemeinde Herrn Emanucl S u b a f in Wien zugeeignet als Fest- und Freundesgruß zum Antritte seines 80. Lebensjahres.Herr Emanuel Subak erfreut sich der vollsten Körper- und Geistesfrische. Nach halbhundertjähriger geschäftlicher Thätigkeit als Chei des Hauses Em. Subak & Söhne, Jglau und Brünn, zog er sich in - das Privatleben zurück. Er hatte immer ein warmes Herz und einen reinen Sinn für das Judenthum und erfreut sich der würdige Patriarch der Liebe und Verehrung seines weit verzweigte» Familienkreises, wie aller derer, die ihm persönlich näher getreten, Franzensbad. Componist D. Kahanö ans Wien ist verflossenen Donnerstag aus Teplitz-Schönau hier in Herrn Stöhr's „Stadt Frankfurt" zur Cur angelangt. Wie man uns aus Teplitz-Schönau schreibt, hatte Herr K a h a n ß mit seiner „Tiroler Gavotte" bei dem Militärconcerk in Schönau am 29. Juni einen coloffalen Erfolg durch die persönliche Leitung des ausgezeichneten Militärcapellmeisters Herrn Hans B a u d i s des 18. Infanterie-Regiments Erzherzog Franz Salvator zu verzeichnen. Brünn. Ein Trauersall in unserer Gemeinde hat allgemeine Theilnahme geweckt. Herr Anton Keßler, Besitzer des silbernen Becdienstkreuzes. der Kriegsmedaille und des Dienstkreuzes, Mitglied des Kronprinz Rudolf Militär-Beteranen- Vereines, Gründer des Pensionsfondes für erwerblose Veteranen ist am Montag den 8. Juli im 75. Lebensjahre in ein besseres Jenseits berufen worden. Das Leichenbegängnis gab Zeugniß von der Verehrung, welche der Heimgegangene in allen Kreisen der Gesellschaft genossen hatte. Der Verblichene hinterläßt vier Söhne in angesehener Stellung, von denen einer Herr Ignaz Keßler, der Chef der wohlrenommirten Wiener Firma gleichen Namens ist. Die beiden Blinden. Nach einem Menschenalter, welches ich ferne von meiner Vaterstadt verlebt, suchte ich sie wieder auf. Welche Wandlung fand ich! Was ist aus Pest geworden! Noch stößt zwar an mancher Straßenecke Europa an Asien; in die herrliche Radialstraße münden Gäßchen, welche dem Pest vor fünfzig Jahren und deni Orient von heute anzugehören scheinen, mit niedrigen, unsauberen Häusern und Mühl- Fahrdämmen. Nichtsdestoweniger ist der weitaus überwiegeude Theil der Stadt prachtvoll auferbaut. Palast reiht sich an Palast in den breiten Straßen, selbst die meisten Miethhäuser sind in monumentalem Style gebaut. Auf allen Gängen eines solchen mehretagigeu Hauses standen Kinder, die rothivangigen Gesichtchen au die Eisenstäbe gedrückt, daß nur das Naschen durchdringen konnte; die strammen Küchenfeen und W L! Yi .'X t ■ i . V-'. l.