Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 29 Seite 539 Dr Bloch's Wochenschrift. folgende gewählt: Präsident Julius Kornfeld. Vicepräsidenten Jakob Reif und Philipp Csukasi, (Lnssier Adolf Györi, Controlore Simon Adler und Franz Meislis, endlich 20 hauptstädtische und ebenso viele in der Provinz domicilirende Ausschußmitglieder. Einen hierauf abgehaltenen Vortrag des Professors David Schön: „Probleme des gegenwärtigen Religionsunterrichtes" folgte eine Rede des Dr. Armin Perls aus Fünfkirchen, worin er seine Ansichten über den Religionsunterricht zum Ausdruck brachte, zu welchem Thema auch Samu Deutsch aus Szeged sprach. Die sämmtlichen Redner erfreuten sich großen Beifalls. Lemberg, im Juli. Das Märchen vom Saybuscher Gewohnheitsrechte mit dem stattgehabten Nachspiele ist keineswegs mehr neu. Die Bezirksstadt Wieliczka rühmte sich gleichen Vorrechtes; Juden durften blos in dem Bororte Klasno wohnen. Nur dem in hohem Ansehen bei der Salinenverwaltung gestandenen kaiserlichen Lieferanten Salman B o r n st e i n ward das Ansiedlungsrecht, das später mit Haus und Hof auf Josef Ra paport überging, gewährt. Der städtische Propinationspächter Hirsch Perlberger durfte in den Fünfziger-Jahren, jedocb nur auf den Namen seines Sohnes (di's nunmehrigen Propinationsinhabers) der auf Grund eines Goluchowski'schen Erlasses ein Mittelschulzeugniß beibringen mußte, eine Realität in W. erwerben. Das Wohnen daselbst unterließ derselbe jedoch aus persönlicher Rücksicht. Inzwischen rückte das vielversprechende Constitutionsjahr heran. Ein jüdischer Specereihändler, Namens Bergmann, übersiedelte hierauf nach W. Als die Kunde von dessen Einzug jedoch ruchbar wurde, da begannen unter großem Gejohle der Gassenjungen die Fensterscheiben seiner und seines Schutzherrn Wohnung zu erzittern und zu klingen, während Bergmann mit Hab und Gut am nächsten Morgen auf zwei Fuhren aufgeladen und nach Klasno abgeschoben wurde, besten Uebernahme jedoch der dortigeCultusvorstand verweigerte. — Währenddem die vollbeladenen Fuhren unter freiem Himmel campirten, entspann sich ein fieberhafter Depeschenaustausch mit Wien. Der bereits erwähnte sel. H. Perlberger richtete nämlich als Vorsteher des Vorortes Klasno an den beim Reichsrathe in Wien weilenden Vertreter von Wieliczka. dem Abgeordneten Med. Dr. B e n t k o w s k i. ein umfangreiches, die Geschehnisse schilderndes, telegraphisches Beschwerdeschreiben, worauf Bentkowski den Minister des Innern interpellirte, in ergreifenden Worten das Vorgehen gegenüber einer jüdischen Familie und deren Schutzlosigkeit in W. tadelnd. Die Affaire Bergmann rief, wie die Tagesblätter seinerzeit schilderten, in dem dazumal antisemitenreinen Wien lebhafte Theilnahme hervor. Der Minister machte auch kurzen Proceß. Dem Bezirksvorsteher wurde nun die Aufnahme B's telegraphisch aufgetragen, der auch auf Kosten der Gemeinde W. zurückberufen und in seine neue Wohnung eingeführt wurde. Seitdem wohnen in W. nahezu 100 jüdische Familien, die in bester Eintracht mit der Ortsbevölkerung verkehren. Badeort Lubin. Die hiesigen Schwefelbäder, die bis 33" Schwefelhältigkeit haben, sind bester als die des antisemitischen Baden bei Wien. Wir können nicht unterlassen, die Hochherzigkeit, Zuvorkommenheit des Eigenthümers, Sr. Wohlgeboren Herrn Baron Adolf Brunicki, dessen Humanität gegen Arme ohne Unterschied der Confession mit Gewährung von 40 Percent Nachlaß der Bädertaxen zu erwähnen. Die Badeverwaltung unter Leitun g des Herrn Directors Bratowski, und dessen Zuvorkommenheit gegen alle Curgäste wird allgemein bekräftigt, und die vorzügliche Behandlung des Badearztes Herrn Dr.PawelRad ecki, Redacteurder„HygienischenZeitung" in Krakau, uneingeschränkt gelobt. Die Promenaden und täglichen Concerte. —was wird Schneider hiezu sagen, daß in diesem regen Curorte eine jüdische Musikcapelle unter Leitung des jüdischen Capellmeisters Geiger concertirt,?—sind von einer fröhlichen Menge — Juden und Christen — besücht. und wir können nicht umhin, zu bemerken, daß unsere galizischen Landsleute anstatt Baden bei Wien—was mit großen Unkosten verbunden — den hiesigen galizischen Curort Lubin, der mit billigen Wohnungen, billiger Kost, schönster Gegend Nadelhölzern und Fichtenhölzern versehen ist. aufsuchen. Schließlich kann ich nicht einen edlen Zug des Herrn Directors unerwähnt lassen. Als eine jüdische arme Kranke zu ihm kam, um für Bäder einzuzahlen und Klage führte, daß es ihr an Nahrung mangelte, gab er ihr Gratisbad und Aufzahlung dazu. J. H. Lemberg,Juli. UnterVorsitzdes Herrn Edlen von H or o v itz und der ComitemitgliederJulius Hochfeld, Dr. Caro, Naftaly Bach, Jacob Dische, Dr. Holzer, wurde beschlosten, von dem für Abbrändler Komarno-Gliniany gesammelten Betrage von 1200 fl. 1000 fl. an das Rettungscomite für Komarno und 200 fl. für Gliniany zur Vertheilung einzusenden und wurden erwähnte Beträge an die Bestimmungsorte abgeführt. Suczawa, 8. Juli. Wir erhalten von einem andern als unserem gewöhnlichen Correspondenten einen Bericht über den Verlauf des Samstag stattgefundenen Jwanfestes, bei welchem Archimandrit Czuntuleak folgende bemerkenswerthe Predigt hielt: „Die Mäßigkeitsbewegung, die bei uns im letzten Jahre einsetzte, wirft ihre Wellen übers ganze Land und weil curch Nüchternheit die Arbeitskraft und die Arbeitslust sich steigern, erhöht sich der Wohlstand des Volkes und die fröhlichen Feste werden nimmer besudelt von jenen rohen Gewaltacten, welche die traurige Gefolgschaft des Branntweinrausches bilden. Dies erfreuliche Bild wird aber bereits durch trübe Flecken verunziert, denn nicht überall blieb die Prorokbewegung in jenen -Grenzen, die ein geordnetes Staatswesen setzt, um die Eintracht unter seinen Bürgern ungestört zu erhalten. Im Uebermuth, öfter sogar im frevlen Vorsatze wurde der Stein, der das Branntweinfaß treffen sollte, gegen den Schanker geschleudert und es gewann ein Ansehen, als sei nicht der böse Geist des Alkohols zu bekämpfen, sondern der Andersgläubige, der friedlich mit uns lebt. General Am Horst schenkte den Indianern Wolldecken, die von Scharlachkranken herrührten und zu Hunderten wurden die Aermsten dahingerafft, die sich durch die Gabe beglückt wähnten; auch der Antisemitismus ist ein solches Geschenk, nur daraus berechnet, das Christenthum aus des Menschen Brust auszulöschen und wir Priester Christis müffen uns dagegen erheben, um die Lehren unseres Heilands rein zu erhalten. Gebietet er euch nicht: Liebe deinen Nächsten? Nicht deinen Bruder allein, denn solches thun auch die Heiden, sondern liebet selbst die, die euch Haffen. Wer also will als Christ die Augen zu Gott emporheben und traget Haß in seinem Herzen? In der Neujahrsnacht dieses Jahres celebrirte ich das Hochamt in der heiligen Grabeskirche zu Jerusalem an der Seite Seiner Heiligkeit des Patriarchen Hierasimus und wie ich, im brünstigen Gebete für das Wohl unseres glorreichen Kaisers und seiner Getreuen versunken, den gebenedeiten Boden küßte, durchflog mein Geist die vielen Jahrhunderte des Drangsals und der Verfolgung der Christen. Wie unendlich wehe muß es thun. unschuldig zu leiden für die Ueberzeugung, für den Glauben? Und es durchzuckte mich schmerzlich, wie viel gewaltiges Unrecht verübt wird. Aus diesem kargen Stück Erdreich erhebt sich ein blüthenschwerer Baum, dessen reiche Krone den Himmel überdeckte. DerBaumderChristenheitistdem Boden desJudenthums entsprossen! Darf der starke Sohn seine Hand gegen die schwache Mutter erheben? Mit brutaler Gewalt wird keine Ueberzeugung geändert und durch die schimpfliche Verfolgung erreicht man, höchstens als trauriges und beschämendes Resultat, jene trostlosen Bekehrungen, die um gemeinen Bortheiles willen wir alltäglich sich vollziehen sehen. Das Christenthum erhält jenen überz-mgungs- und glaubenslosen Zuwachs von Carriöremachern, die den heiligen Act der Taufe zur unsittlichen Farce profaniren, weil sie diese Station passiren müffen, wenn sie auf demLebensocean nicht Schiffbruch erleiden wollen. Machet euch keiner Verfolgung schuldig, sie ist vom Hebel und jeder sei euch Bruder, der seine Hände emporhebt zu Gott, ob er einer eueres Glaubens sei und eueren Stammes oder nicht." Bielitz, 11. Juli. Das Leichenbegängnis des leider zu früh verstorbenen hiesigen Gemeinderathes Dr. Wilhelm Münz gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung der Bevölkerung. Der gesammte Gemeinderath mit dem Bürgermeister Carl Steffan, die Gerichts- und politischen Behörden, der Cultusvorstand, die zahlreichen Vereine, deren Vorstandsmitglied der Verstorbene war, und viele Taustnde gaben ihm das letzte Geleite. Prächtige Kranzspenden der Stadt und der Corporationen deckten den Sarg. In der Beileidkundsgebung des Gemeinderathes an die Familie heißt es: „Ausgezeichnet durch eine seltene Fülle wahrer Mannestugenden hat sich der Verstorbene die Sympathien aller Mitglieder des Gemeinderathes erworben, welche in ihm den charaktervollen, von edlem Gemeinsinne erfüllten eifrigen Mitarbeiter im Dienste der Stadt und der öffentlichen Wohlfahrt schätzen und achten gelernt haben. Der Gemeinderath in Bielitz verliert in dem leider allzu früh Ver-