Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. Blvch's Wochenschrift Seite 537 unauffälliger Weise seinen Abschied, um mit den Seinen, seiner Frau und drei erwachsenen Töchtern, in die Sommerfrische zu übersiedeln. Wo diese Sommerfrische gelegen ist, weiß man allerdings nicht, die ehemaligen Hausgenossen des „suspendirten" Chefredakteurs der „Kreuzzeitung" nehmen an, daß sie in einem möglichst auslieferungsvertragssicheren Winkel des Auslandes gelegen sei und daß Herr v. Hammerstein die Rückkehr vergessen dürfte. Der Vicewirth des Hauses hat sich wenigstens veranlaßt gesehen, die im ersten Stack gelegene, etwa dreizehn Zimmer große Wohnung durch die bekannten rothen Plakate als sofort vermiethbar zu bezeichnen, und der Wirth selber, der seinerseits verreist war, eilt nun in beschleunigtem Tempo heimwärts, um sich an das hinterlassene Mobilar auf Grund seines noch auf zwei Jahre laufenden Contractes zu halten. Er dürfte damit anderen Leuten einen unerwünschten Strich durch ihre Rechnung machen, denn am Samstag ist seitens des Gerichtsvollziehers im Aufträge einiger Gläubiger des flüchtigen conservativen Parteichefs Alles, was sich in der Wohnung desselben vorfand, mit dem üblichen blauen Siegel geschmückt worden. Etwaigen weiteren Leidtragenden zum Tröste sei hier mitgetheilt, daß die Kücheneinrichtung der H a m m er st e i n'schen Wohnung vorläufig noch frei und pfändbar ist. Von der bevorstehenden Sommerreise derFamilie v. Hämmerst e i n hatte man in dem oben genannten Hause schon seit geraumer Zeit gemunkelt. Wiederholt sah man die Frau oder eine der Töchter mit einem Koffer, einer Kiste oder dergleichen eine Droschke besteigen und, wie es schien, zum Bahnhof fahren; zur allgemeinen lleberraschung kehrten jedoch die vermeintlich Abgereisten immer wieder zurück. Jetzt nimmt man an, daß in den geheimnißvollen Koffern die Werthsachen der Familie, von denen sich nichts mehr vorgefunden hat, rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden sind. Der Abreise des Freiherrn. am Freitag ging denn auch der Besuch eines Gerichtsvollziehers voran, und diesem ist es angeblich gelungen, noch ei»er Kiste mit silbernen Löffeln und ähnlichen Werthartikeln habhaft zu werden. Unmittelbar auf dieses unliebsame Intermezzo erfolgte der allgemeine Aufbruch, nachdem übrigens, wie wir der Vollständigkeit halber bemerken wollen, kleinere Schulden in der Nachbarschaft, pünktlich beglichen worden waren. Eine der jungen Damen blieb aus unbekannten Griinden noch bis Samstag Vormittags in der Wohnung zurück. In Berliner gut unterrichteten Kreisen erzählt man sich — der „K. B. Z." zufolge — im Fall Hammerstein spiele außer de m Pensionsfond d e r „K r e u z z e i t r n g" n o ch ein anderer Fond eine bedeutende Rolle. Hier läge sogar ein Hauptangriffspunkt. Der königlich sächsische Antisemitismus! Die amtliche „Leipziger Zeitung" bespricht an der Hand der neuesten statistischen Feststellungen die eigenartige Stellung, welche das Königreich Sachsen auf verschiedenen Gebieten einnimmt. In diesem Artikel heißt es: „Daß es keine Ursache zu consessionellen Kämpfen hat, verdankt unser Land der Zusammensetzung seiner Bewohner in religiöser Beziehung; denn von 1000 Bewohnern sind evangelische Christen 957, katholische 37, sonstige 3 3. Auch in dieser Beziehung kann es kein größerer Staat mit Sachsen aufnehmen, denn es kommen, um nur die beiden großen Confessionen herauszuheben, im Reichsdurchschnitt auf 627 Evangelische 357 Katholiken, in Preußen auf 642 : 342, in Baiern auf 261:708, in Württemberg auf 691 :209, in Baden auf 361:620. Die der Komik nicht ganz entbehrende Thats a ch e, daß nirgends mit solcher Inbrunst und so viel Beharrlichkeit „cnlturgekämpft" wird, gleichzeitig aber auch der Antisemitism n s nirgends so breiten Boden gefaßt hat wie hier, mag daher in anderen Charakterzügen unserer Rare ihre Erklärung finden: in den Verhältnisse!: des eigenen Landes ist sie jedenfalls nicht begründet. Gerade weil man im eigenen Lande wenig Grund zur Klage findet, glaubt man sich vielleicht in beiden Beziehungen zum Vorkämpfer für das übrige Deutschland berufen." Und so etwas schreibt dasselbe Blatt, das früher, indem es sich die berühmte Unterscheidung zwischen berechtigtem und Radau-Antisemitismus zu eigen machte, Alles gethan, um die Judenhetze „gesellschaftsfähig" erscheinen zu lassen, und das früher Sachsen als Wiege des Antisemitismus und der Reformation pries. In öffentlicher Sitzung der sächsischen Kammer hat es sich im Jahre 1890 von dem damaligen Minister des Innern v. Nostiz-Wallwitz sagen lassen müssen, daß sich seine antisemitischen Bemerkungen für ein Blatt, welches das Landeswappen an der Spitze trägt, nicht schicken. Zwei Jahre darauf hatten sich in den sächsischen Regierungskreisen freilich die Ansichten in dieser Hinsicht geändert. Als bei der Etatsberathung 1892 von freisinniger Seite wieder das Gebühren der „L. Z." gegeißelt wurde, fand der jetzige Minister des Innern, Herr v. Metsch, Worte der Entschuldigung. Er meinte: „Es hat nun der Abgeordnete B. weiter die Art und Weise bekämpft oder als unangemessen bezeichnet, wie die „L. Z." die Semitcnfrage bespricht. Meine Herren! Die Semitenfrage ist ein sebr heikles Thema, ich lasse mich auf diese Frage gar nicht weiter ein. Ich erkenne an, daß die Semiten Staatsbürger sind so gut wie jc'ccr Andere und daß sie der nöthigen Schonung und des nöthigen Schutzes des Staates bedürfen. Ich glaube aber, daß bei Besprechung der Semitenfrage.die Tendenz der „L. Z." dahin geht, nicht das Jndenthum als solches, das vorwurfsfreie Jndenlhum, zu bekämpfen, sondern nur das Jndenlhum im großen Sinne, auch das Jndenlhum in: Christenthume; und insoweit, das hat der Abgeordnete B. selbst zugegeben, ist diese Bekämpfung wohl nur eine berechtigte." Der Minister befand sich, als er dies sagte, über die Art, wie die „L. Z." die Judenfrage tatsächlich behandelte, im Jrrthum. Beweis dafür ist ihre Nummer vom 22. Juni 1892, in der sie über „p r a k t i s ch e n A n t i s e m i t i s m u s" sich wie folgt ausließ: „Alle Parteien, mit Ausnahme der radicalen, berathen jetzt antisemitische „Programme". Die sächsischen Conservativen haben es vorige Woche gethan, die ostpreußischen Conservativen sind ihnen gefolgt, die deutschconservative Partei im Reich will es heute thun, die „antisemitische Dolkspartei" hat Anfangs dieser Woche getagt, und selbst die nationalliberate Partei Sachsens hat am Sonntag einen Beschluß gefaßt, der unter feierlichem Pretest gegen die antisemitische Bewegung nichts Anderes war als eine, wenn auch noch so verschämte antisemitische Resolution. Sonderbar! Kein Staat in Deutschland hat sich bisher trefflich gegen die verderblichen Einflüsse des Judenthums zu schützen gewußt wie das Königreich Sachsen, und keine Stadt in Sachsen wiederum so rvirksam wie unsere gute nationalliberale Stadl Leipzig. Nicht ein Israelit ist unseres Wissens im sächsischen Staatsdienste, und keines der maßgebenden Geldinstitute von Leipzig ist in jüdsichen Händen. Von der Uebermacht jüdischen Capitals, die in der Reichshauptstadt jedes laute Wort gegen „unsere israelitischen Mitbürger" verbietet oder mindestens nicht als besonders preiswerthe Heldenthat erscheinen läßt, ist in der Stadt Leip;ig nirgends etwas zu spüren und die gesellschaftliche Rolle des Judenthums ist hier gleich Null. Und das Alles, ohne daß hier zu Lande früher eine antisemitische Bewegung nach der jetzigen lärmenden Art zu bemerken gewesen wäre. W e kommt das/ Man denke doch hierüber gefälligst ein wenig nach, um zu begreifen, daß es wirklich keines schriftlich svrmulirten „Programms" bedarf, um sich des unberechtigten Einflusses eines kleines Bruchtheiles der Bevölkerung aus das Ganze mit Erfolg zu erwehren, wenn man nur ernstlich will. Es gibt eben Gebiete, auf denen man mit ungeschriebenen Gesetzen weiter kommt als mit noch so schön formnlirten „Programmen"." Heute nennt es die „L. Z." eine der Komik nicht ganz entbehrende Thatsache, daß gerade in Sachsen der Antisemitismus so breiten Boden gefaßt hat. Wenn sie sich nur besinnt, was sie selbst in den letzten Jahren gehetzt, wird sie leicht die Erklärung für diese nichts weniger als komische Thatsache finden. Wer richtet den Mittelstand zu Grunde? Auf diese Frage werden eingeschworene Antisemiten stets antworten: Die Juden! Und doch ist diese Antwort grundfalsch. Gewiß ist es schwer, auf diese Frage eine einzige klare und runde Antwort zu geben, weil eben zahllose Factoren an dem Ruin des Mittelstandes arbeiten. Einer dieser destructiven Factoren ist die Zunahme der Großbetriebe. Einen interessanten Beitrag dazu gibt die „Volksrundschau" vom 6. Juli. Darin heißt es über das Zurückgehen der kleinen Brauereien: Die Aufsaugung der Kleinbetriebe in der Bierbrauerei durch den Großbetrieb hat erheblich zugenommen. Im Jahre 1874 waren im deutschen Brausteuergebiet noch im Betriebe 10.696 Brauereien, im Jahre 1893/94 nur noch 7405, eingegangen sind demnach 3290 Betriebe oder 307 von Hundert. Das redet doch eine deutliche Sprache, wenn man zudem bedenkr, daß die Bierproduction sich mehr wie verdoppelt hat! Selbstverständlich sind es die kleinen und kleinsten Betriebe, welche eingegangen sind, gerade die Lebensstellungen, in denen sich ein Mann selbstständig machen konnte, ohne ein großes Capital zur Verfügung zu haben. — Die „Wochenschrift für Brauerei" schreibt in ihrer Nr. 13, daß erst eine Brauerei mit über 1500 Centner sährlichem Malzverbrauch als selbstständiger Gewerbebetrieb anzusehen sei. — Eine Brauerei mit 1500 Centner Einmaischung erfordert, ohne Grund und Gebäude zu rechnen, eine Einrichtung von 30.000 Mark und ein Betriebskapital von 20.000 Mark, zusammen 50.000 Mark. Das ist also der kleinste Betrieb, der eine Berechtigung hat, zu bestehen. 6000 Brauereien aber verbrauen weniger als 1500 Centner Malz, die sind nicht mehr zeitgemäß. Aber nicht nur diese Existenzen satten zum Opfer, sondern noch manch' anderer Betrieb bis zu 5- und 6000 Centner Einmaischung, der das Unglück hat, von großen Actienbrauereien eingeschlossen zu sein, wird ausgeiangt; solche Brauereien haben schon ein Anlagecapital von 500.000 Mark nöthig und sind noch Kleinbrauereien. Die Ausdehnung der Großbranerei wird noch besonders unterstützt durch eine niedrige Besteuerung. Der Deutsche Brauerbund gibt zu, daß der Unterschied ans jeden Centner Mal; 40 Pfund beträgt zwischen Groß- und Kleinbetrieb. Eine Brauerei mit 50.000 Centner Einmaischung spart also 20.000 Mark: dafür kann sie 20.000 Flaschen Bier auf 75 Kilometer verfrachten lassen. Es ist daher das Bestreben der kleinen Brauereien untcrstützungswerlh, : welches eine gerechtere Besteuerung durch Staffelung anstrebt.