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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-19 · 29 (19.7.1895) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
29 (19.7.1895)
Date
1895-07-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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r^UUÜL: JUIIl-U. Seite 536 Dr. Blocht Wochenschrift. N!r. 29 gesetzt, welche seit 27 Jahren noch immer als tobte Buchstaben auf dem Papiere erstarrt stehen! Ganz richtig hat Abgeordneter P o d l a s z e c k i anläßlich der am 12. d. im Abgeordnetenhause über den Entwurf einer neuen Civilproceßordnung stattgefundenen Debatte bemerkt: „Wenn nur das neue Gesetz von guten Richtern ausgeübt wird, werde der Zweck des Gesetzes zum allgemeinen Besten erreicht sein!" Ja, so ist es! Nicht auf Rechte und Gesetze, sondern auf die gute gerechte Handhabung derselben kommt es an! Marienbad, 15. Juli 1895. Alexander Schorr, Cultus- und Gemeinderath in Drohobycz (Galizien). Vom Jahrmarkt des Lebens. Zur Praxis der Gleichberechtigung. Das verlogene Machwerk „Der Talmudjude" des Meineidcanonicus Rohling, besten Inhalt als schamlose Fälschungen gerichtlich nachgewiesen wurde, wird in Wiener Buchhandlungen öffentlich feilgeboten, ohne daß behördlicherseits eingeschritten wurde. Dagegen dürfen yLuther's Tischreden" in Meyer's Bolksbibliothek wegen einiger Bemerkungen gegen die Päpste im 16. Jahrhundert in Oesterreich (!) nicht verkauft werden. Verspätete Einsicht. Die „Wiener Allgemeine Zeitung" schreibt in ihrer Nummer vom 13. Juli: „Das Unnatürliche der Situation liegt darin, daß sich heute in Oesterreich Alles um eine künstliche Frage dreht, um die alberne Judenfcage. Die Staatsbürger jüdischen Glaubens haben gewünscht, daß die Coalitionsregierung sie ausgiebig gegenüber den ultramontanen. Anwürsen geschützt hätte. Mit Recht. Das wäre Aufgabe einer Regierung gewesen, in der die Liberalen ein Wort mitzureden haben. Mit Unrecht; denn der Liberalismus war in dieser Regierung selbst der Dupirte. Und dann noch ein Grund. Was haben die Juden die lange Zeit her, da sie vom Heerbann des Dr. Lueger verfolgt werden, für sich gethan? Wodurch haben sie bekundet, daß sie mit dem Antisemitismus nicht einverstanden sind? Sie Haben geschwiegen. Warum ärgern sie sich, daß die Liberalen nicht für sie eintreten? Warum wähnen sie, irgend Jemand müsse ihnen helfen, warum glauben sie, irgend Jemand müsse es mit ihnen beffer meinen als sie selbst? Wer Unbill nicht männiglich abzuwehren geneigt ist, dem wird sie mit Fug zugedacht. Die Juden Oesterreichs stehen noch hinter den Deutschen Oesterreichs an politischem Sinn zurück. Sie wissen ihre politischen Rechte nicht zu benützen. Als Staatsbürger stehen ihnen zur Wahrung ihrer Jntereffen drei bedeutsame Befugnisse zu: das Vereinsrecht, das Bersammlungsrecht, das Petitionsrecht. Die Juden haben sich bisher nicht zu einer Petition aufgerafft, in welcher sie die Gesetzgebung um Maßnahmen gegen die Verhetzung aufgefordert hätten. Die Juden haben keine Staatsbürgerversammlung ab gehalten, in der sie gegen die erlittene Herabwürdigung durch eine Resolution protestirt hätten. Die Juden haben zumal bisher keine feste, auf dem Bereinsrecht fußende Organisation versucht, um ihre politischen Rechte zu wahren. Das politische Leben ist ein Kräftespiel. Wer seine Macht nicht übt, der wird über den Haufen gerannt. Die Juden sind tolerant gegenüber der Intoleranz. Dadurch sägen sie den Zweig ab, auf dem sie sitzen." Wir freuen uns herzlich, endlich einmal auch in einem liberalen Blatte denselben Anschauungen zu begegnen, denen wir in der „Oesterreichischen Wochenschrift" so häufig Ausdruck gegeben haben. Bon jeher stehen wir auf dem Standpunkte, daß unsere Glaubensgenossen nicht erst auf den gnädigen Schutz irgend einer der politischen Parteien warten dürfen, sondern daß sie sich kraft ihrer staatsbürgerlichen Rechte selbstständig organisiren und die ihnen gesetzlich zustehende Macht gebrauchen müssen! Wir predigen das seit 10 Jahren allwöchentlich. Freilich wären wir in anderer Situation, wenn man unsere Mahnung vor 10 Jahren beachtet hätte. Ein Fürst Liechtenstein l Prinz Alois Liechten st ein steht bekanntlich an der Spitze der christlich-socialen Antisemiten, die angeblich die „jüdische Corruption" bekämpfen. Ein anderer Fürst Liechtenstein ist vor Kurzem gestorben und hinterließ 250.000 Gulden Schulden. DieVerwandten des Fürsten Carl L i e ch t e n st e i n, an die sich die Gläubiger wiederholt wegen Bezahlung ihrer Forderungen gewendet hatten, lehnten es ab, für die unsäglich leichtfertigen Streiche des Fürsten auszukömmen, und einer seiner Anwälte hatte einem allezu stürmischen Gläubiger bei einer Gelegenheit gesagt, wenn er durchaus etwas haben wolle, so könne er zwei Sachen bekommen, nämlich ein Paar alte Hosen und ein Paar alte Stiefel — mehr sei eben nicht da ... . Was sagt denn der Prinz Alois hierzu?? „Wotzu?!" Man erinnert sich jetzt in Deutschland, wie Herr von Ha mm erst ein im Reichstage „mauschelte", um den Abg. Dr. Stern (Redacteur der „Fr. Ztg.") zu verspotten. Im „Vorwärts" wurde damals „nachgewiesen", daß v. Hammerstein eigentlich Chammerstein heiße. Der „Vorwärts" hatte nicht ganz Unrecht. Von der „Franks. Ztg.", respective der „Kl. Presse", geht jetzt der Sturz H a m m e r st e i n's aus. Das „Woßu" erschallt in seinen Ohren? Allein er wahrte seine racenreine, adelige Abstimmung. Freiherr v. Hammerstein war einer der Führer der Conservativen, er hat sie zum antisemitischen Tivoli-Programm fortgeriffen und in der „Kreuzzeitung" die crassesten, antisemitischen Ausschreitungen begangen. Noch ehe Stöcker, Henrici und Consorten ihre Hetzthätigkeit begannen, hat er schon mit vollen Backen in das Horn der Judenhetze geblasen, und bis in die jüngste Gegenwart hinein war er es, der die wüthigsten, in der Rohheit der Form wie des Inhaltes verletzendsten Angriffe auf nnseren Stamm und unser Bekenntniß richtete. Braucht an den Antheil, den die „Kreuzzeitung" an der Xantener Affaire genommen, an die schamlosen Ausfälle gegen die jüdischen Religions-Lehrbücher, welche ihre staatliche Prüfung zur Folge hatten, erst erinnert zu werden? Man müßte die ganze Geschichte der schmachvollen Bewegung, auf deren Blätter jedesmal obenan sein Name „prangt", analysiren, um den vergiftenden Einstuß, den Freiherr v. Hammerstein auf dieselbe seit Jahr und Tag geübt, erschöpfend darzustellen. Vor zwei Jahren ließ Herr Stöcker ein Buch erscheinen, unter dem Titel: „Wach' auf, evangelisches Volk", und widmete dieses 624 Seilen starke Werk unter Anderem seinem „lieben Freunde und Mitstreiter, ChefredacteurFreiherrn v. Hammer st ein in treuer Bundesgenossenschaft". Der gute Mann ist inzwischen durchgegangsn. Die Gründe, welche seine „Suspendirung" zur Folge hatten, sind bekannt. Die Gerichte hätten sich demnächst damit zu beschäftigen und festzustellen gehabt, ob es wirklich wahr ist, daß dieser lungenkräftigste Polterer gegen „jüdische Unmoral", „j üdischen Betrug" rc. sein Mandat zu diesem Splitterrichterthum durch Intimitäten mit einer jü d i sch en „Dame", durch widerrechtliche Verwendung von Pensionsgeldern und betrügerische Papierlieferungsgeschäfte dargethan hat. Ueber den Ausgang dieses Processes war er nicht im Zweifel und konnte nach der „Suspendirung" auch bei minder Kundigen kein Zweifel sein. Er zog es vor — das Weite zu suchen, um die Sorge für christliche Moral und Sittlichkeit dem Freunde Stöcker zu überlassen. Wer von dem Walten einer höheren Gerechtigkeit noch nicht durchdrungen ist, dem müßte allein schon durck die unerbittliche Sicherheit, mit der die Tageshelden der Judenhetze, die Abgötter der Antisemiten, Einer nach dem Anderen, von ihrem selbstbereiteten Schicksal ereilt werden, den Glauben beibringen an jene „furchtbare Macht, die richtend im Verborgenen wacht." Siegreich und unwiderstehlich schreitet sie von Stadt zu Stadt, von Land zu Land und reißt den Elenden der Reihe nach die Maske vom Antlitz, welche unter dem Hasse gegen die Juden und ihre Religion die sittlichen Defecte des eigenen Charakters eine Zeit lang heuchlerisch zu verhüllen verstanden. Wer zählt sie alle die Namen der Hetzcumpane, welche, zuvor die lautesten Rufer im antisemitischen Streit, mit dem Stigma richterlicher Verurtheilung und öffentlicher Verachtung unauslöschlich gezeichnet, von der Bildfläche verschwanden? Eine nachträgliche Meldung aus Berlin lauiet: „Bekanntlich hatte Herr v. Ham in erste in schon vor einiger Zeit angezeigt, daß er eine Reise antrete, jedoch hat er sich noch bis zum Freitag den 12. d. in seiner in der Kleiststraße, Ecke der Kalckreuthstraße gelegenen Wohnung aufgehalten. Dann nahm er in möglichst

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