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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-19 · 29 (19.7.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
29 (19.7.1895)
Date
1895-07-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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!?,^.L..A» ->^!UE, Jtr■,'-" Seite 532 feindlich in Bezug auf die Juden verhalten haben, begannen letzthin einen anderen, Ton anzuschlagen: „In dem engen Ghetto eingeschloffen, vieler bürgerlicher Rechte beraubt," sagt eines von ihnen „vegetiren die jüdischen Parias auf die elendeste Weise, in den Städten und Ortschaften zusammengepfercht. Man kann sich schwerlich einen Begriff von der äußersten Armuth und den antihygienischen Bedingungen, unter welchen die Juden leben und sich entwickeln, machen. Sie sind in dem Ghetto wie Häringe in einem Faß zusammengepreßt; es ist unmöglich, diesen entsetzlichen verzweifelten Kampf um's Dasein zu schildern, welcher nicht umhin kann, auf die moralische und öconomische Lage aller Einwohner der gegebenen Oertlichkeit zu wirken. Die Regierung hat wiederholt ihre Aufmerksamkeit auf diese anormale und den elementarsten Gerechtigkeitsbegriffen Hohn sprechende Lage der Juden gerichtet, jedoch die principielle Lösung dieser brennenden Frage stets offen gelassen, wodurch von Jahr zu Jahr die radicale Heilung dieser Beule in unserem staatlichen Organismus hingeschleppt wird." Das Journal berührt dann die Frage über die seit 1892 erfolgte erhebliche Beschränkung des Antheiles der Juden an der Communalverwaltung, wodurch die jüdische Bevölkerung keine Bertheidiger ihrer vitalsten Interessen mehr hat und sie der Willkür einer rohen Majorität preisgegeben ist, ganz abgesehen davon, daß, indem man die Juden des activen und passiven Wahlrechtes ohne jeglichen Grund für verlustig erklärt (ne elettori, ne eletti, doch wider ihren Willen), man sie in den Augen der übrigen Bevölkerung erniedrigt, den Racenhaß und Glaubenshader schürt und den Abgrund zwischen der christlichen und nichtchristlichen Bevölkerung erheblich erweitert. Selbst der „Kiewljanin", ein bisher von Judenhaß triefendes Blatt, bekundet jetzt menschliches Rühren und spricht sich entschieden in dem Sinne aus, daß die die Rechte der Juden einschränkenden Gesetze nicht nur dem Separatismus der Juden Vorschub leisten und der Affimilirung hindernd im Wege stehen, daß diese Gesetze und Verordnungen nicht nur einen Act der höchsten Ungerechtigkeit für Diejenigen bilden, welche davon betroffen werden, sondern daß sie das größte Uebel auch für den Theil des Volkes sind, dessen Schutz sie angeblich bezwecken. Die beschränkenden Gesetze demoralisiren die Administration, da sie gewöhnlich die Bestechlichkeit der Beamten, die Nichterfüllung und Umgehung der Gesetze Hervorrufen. Die logische Folge ist — Nichtachtung der Gesetze, Gesetzlosigkeit und sehr bedenkliche Erschütterung der Regierungsautorität. Und in diesem entschiedenen Tone spricht ein Blatt, das mehr oder weniger officiös inspirirt ist und das sich bisher in Bezug auf die Juden stets außerordentlich feindlich und gehässig verhalten hat. Auch der hochofficiöse „Warschawskij Dnjewnik", das Regierungsjournal für das Königreich Polen, hat einen anderen Ton in Bezug auf die Judenfrage angeschlagen, wobei sich jedoch sehr schwer entscheiden läßt, ob an dieser Sinnesänderung der neue Chefredacteur oder der neue Statthalter Schuld sei. Der ehemalige Statthalter von Polen, General-Feldmarschall Gur ko, war ebenso judenfeindlich als der Redacteur des „Warschawskij Dnjewnik", Oberst Krestowskij. Beide verschwanden fast gleichzeitig von der Scene (Letzterer starb). Anstatt des despotischen Gur ko kam der humane Graf Schuwalow und anstatt eines Uhlanen-Obersten ward ein Universitätsprofessor Redacteur — und ganz andere Anschauungen kamen zum Durchbruch. Von der Petersburger Presse wüthen noch immer in antisemitischem Sinne die„Nowoje Wremja" und der„Graschdanin". DerChefredacteurdes letzteren, FürstWladimirMeschtschewski, brachte dieser Tage folgende schwermüthige Enunciation: „Der römische Kaiser Titus hielt jeden Tag für verloren (äiem perdidi) an welchem er nicht etwas Gutes vollbracht. Was uns anbetrifft, so betrachten wir den Tag für farblos, für verloren, an welchem wir nicht irgend Jemand durch Verleumdung oder Bosheit zu Boden geschlagen, an welchem wir nicht uns an irgend einem Unheil ergötzt, das unseren Nächsten betroffen, an welchem wir uns nicht an irgend einem Scandal delectirt . . . ." Was sagen Sie zu dieser Kasteiung und Selbstgeißelung des fürstlichen Journalisten, der in der That einen jeden Tag und jede Nummer seiner Zeitung für unwiederbringlich verloren hält, an welchem er nicht ein unglückliches, jüdisches Wild mit allen Hunden gehetzt, an welchem er nicht das Judenthum denuncirt, gegen die Juden insinuirt, verleumdet, gelogen! Nr. 29 Doch über diesen Gegenstand und dem ähnliche erbauliche Materien mehr, an denen unser Leben in der Neuzeit so überreich ist, nächstens. Die Martyrologie der russischen Juden ist endlos und unerschöpflich, und ließen sich ganze Bände darüber schreiben, Bände voll Blut und Thränen, voll Seufzer und Stöhnen. Und dazwischen Krawalle des süßen Pöbels, die ihre furchtbaren Accorde in weithin hallenden Tönen erklingen lassen, und hoch aufleuchtet die Brandfackel, die Fanatismus oder Bosheit in das jüdische Ghetto werfen und ganze Städte und Dörfer in Flammen aufgehen, zu Asche machen. Daß dabei auch christliches Gut zu Grunde geht, daß neben verkohlten Judenleichen an den Brandstätten auch christliche Opfer gefunden werden — kühlt den Haß, mäßigt die Wuth nicht. XX. Der russische Kaiser und der jüdische Bildhauer. Es hat sich dieser Tage in Petersburg ein Ereigniß zugetragen, welches geradezu sensationell genannt werden darf und das in allen gesellschaftlichen Sphären der Residenz eine ungewöhnliche Bewegung hervorbrachte. Obgleich ich die optimistischen Schlußfolgerungen, die man in jüdischen Kreisen Petersburgs aus diesem Ereignisse ziehen möchte, durchaus nicht theile und dieser mein Skepticismus leider nur gar zu wohlberechtigt ist und durch traurige Facta der Neuzeit bestätigt wird, so kann doch anderseits nicht in Abrede gestellt we'rden, daß die Thatsache an und für sich nicht ignorirt werden kann, da sie ein Streiflicht auf unsere abnormen Verhältnisse wirft, wo sich die Gegensätze nur gar zu häufig begegnen und collidiren. Dieser Tage hat Seine Majestät Kaiser Nikolai II. den jüdischen Bildhauer Leopold Bern stamm im Peterhofer großen Palais zu empfangen geruht und demselben seine Anerkennung für den „Christus und die Sünderin" und „die Schlangenbeschwörerin" ausgesprochen und sich einverstanden erklärt, daß der jüdische Sculptor ihn, den russischen Czaren, modellire und ferne Büste anfertige. Das ist bereits das zweite Mal, daß der junge Monarch jüdische Künstler mit diesem schmeichelhaften Aufträge beehrt. Zuerst war es Marcus Antokolski, der, wie ich bereits mitgetheilt, dieser hohen Ehre theilhaftig wurde, und jetzt ist es Leopold B e r n st a m m, der durch diese Mission ausgezeichnet wird. Und dieses Resultat kam umso überraschender, da es in gewissen Kreisen nicht an unterirdischen Bestrebungen fehlt, um das Ganze zu Hintertreiben. Leopold Bern stamm war aus Paris nach Petersburg gekommen, um die bei ihm noch durch Alexander III. bestellten zwei Kunstwerke zu überliefern und hatte dieselben in einem der Säle des Winterpalais ausstellen lassen. Da jedoch der Kaiser währenddeffen aus Zarskoje - Selo nach Peterhof übersiedelt war, so wurde es sehr fraglich, ob Seine Majestät nach Petersburg kommen würde, um die von seinem Vater bestellten Arbeiten zu besichtigen. Von einer Audienz des jüdischen Bildhauers beim russischen Czaren konnte überhaupt nicht die Rede sein, da die jetzige vorherrschende antisemitische Strömung diese Eventualität nicht zuließ. Dank der Vermittlung des Patriarchen unserer Maler, Professor Boguljubow (der Name lautet in deutscher Uebersetzung „die Liebe Gottes", und ist der achtzigjährige Künstler in der That von Gott begnadet, ein Liebling der Musen), der dem jungen jüdischen Sculptor sehr wohl wollte, wurden gewisse Jntriguen vereitelt. (Wollte man sogarB e r n st a m m polizeilich ausweisen, da er doch nicht das Recht hat, in Petersburg zu wohnen!) Der Kaiser erklärte sich bereit, nicht nur die Kunstwerke B e r n st a m m's in Augenschein zu nehmen, sondern auch den Sculptor zu empfangen. ^)ie Statuen sollten nach Peterhof transportirt und im Saale des großen Palais aufgestellt werden, wo auch die Audienz stattfinden sollte. Professor Bogoljubow und zwei seiner Schüler hatten gleichfalls im Aufträge des verstorbenen Kaisers drei Gemälde angefertigt, welche den Einzug der russischen Flotte unter Admiral A v e l a n in Toulon darstellen sollten. Diese drei Bilder, in welchen die franco-ruflische Freundschaft aus der Leinwand verewigt wird, sind als Geschenke für die Städte Paris, Marsaille und Toulon bestimmt. Am Bahnhof in Peterhof wurden Bogoljubow, Bern stamm und die zwei anderen Maler in Hofequipagen Dr. Bloch's Wochenschrift.

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