Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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LSJÄ-J USeite 530 gegen die Läden der jüdischen Trödler in Bewegung und begann bereits die ausgehängten Maaren herabzureißen, als zwei Wachmänner erschienen, bei deren Anblick das Gesindel Fersengeld gab. Die Strolche haben noch immer ihre Heldenthaten zu leugnen versucht und sich für unschuldig Gekränkte ausgegeben. Die Antisemitenhäuptlinge im österreichischen Parlament fabriciren die Interpellationen nach demselben Recept. Allein öffentliche Vorgänge in einer Millionenstadt lassen sich nicht weglügen. Und nun: was gedenkt der Herr Minister des Innern, Graf Kielmansegg, zu thun, um die Straßen der Reichshauptstadt von den judenmörderischen Banden zu säubern und unsere Glaubensgenossen in ihrem Leben und Eigenthum zu schützen? Man sicht, wir sind bescheiden, wir verlangen gar nicht so luxuriöse Dinge, wie den Schutz unserer politischen Rechte; wir sprechen nicht von Verfassung und Gleichberechtigung, wir sprechen nur von unserer und der Existenz unserer Weiber und Kinder! In die City Wiens sind Wegelagerer eingebrochen, die gezeigt haben, daß sie es mit dem Morden, Plündern und Brennen ernst meinen. Was sich am Montag innerhalb weniger Stunden dreifach ereignete, kann jeden Tag, jede Stunde sich hundertfach wiederholen. Wir wollen die Polizei nicht kritisiren und am allerwenigsten dem Grafen Kielmansegg einen Vorwurf machen. Er hat diese Geister nicht gerufen, aber seine Aufgabe ist es, chrer los zu werden. Wien steht heute in einen! schlimmeren Rufe als der Bakonyerwald und die Ebenen an der Theiß. Wir erinnern den Grafen Kielmansegg an die Energie, mit welcher seinerzeit die ungarische Regierung dem Räuberunwesen zu Leibe ging. Der eiserne Graf Radü wurde als königlicher Commissär entsendet und in kurzer Zeit bevölkerten sich alle Galgen im Lande, während die Wälder von dem Raubgesindel sich leerten. Der Graf Radü zerstreute in unglaublich kurzer Frist den in gewissen Gegenden Ungarns vorhandenen Wahn, als ob Mord und Brand im GÄiete der Stephanskrone erlaubte Dinge seien. Dieser selbe Wahn aber lebt heute im Umkreise der Wiener Stephanskirche, und die Vorgänger des Grafen Kielmansegg haben wahrhaftig nach ^Kräften das Ihrige gethan, um diesen Wahn zu nähren. Der Ruf nach einem Schußgeld auf die Juden blieb ungeahndet, die Aufforderung eines Antisemitenblattes, die Besucher des Saatenmarktes in die Donau zu werfen, passirte anstandslos die Censur des Staatsanwaltes. Auf den Rädelsführer des mit Judenhaß getränkten Wiener Janhagels deutet seit Jahren schon alle Welt mit dem Finger, Graf Schönborn aber ließ chn entschlüpfen, als er sich selbst in seinen Netzen gefangen hatte. Aus solchem Untergrund sind die Ereignisse der jüngsten Tage herausgewachsen und können andere, blutigere und schreckensvollere herauswachsen. Solange die antisemitische Partei nur eine Figur mehr aus dem politischen Schachbrette der österreichischen Regierung war, solange sie d ie Juden insgesammt in ihrer öffentlichen Stellung, nicht aber den Juden in seinem Hausfrieden bedrohte, konnte man noch allenfalls die Kälte und Gleichgiltigkeit gegenüber dm Lehren eines Schneider und Lueger begreifen. Aber auf diesem Punkte steht die antisemitische Bewegung längst nicht mehr. Sie hat einen allerpersönlichsten und alleraggressivsten Charakter angenommen und unsere Glaubensgenossen in Wien sind ernstlich beunruhigt. Als am vorigen Freitag in die liberale Wählerversammlung im Lannersaale das Geheul der antisemitischen Belagerungsarmee hineindrang, da rief der ehemalige Gemeinderath Frauenberger aus: „Wissen Sie, wie lange der Antisemitismus leben wird? Solange, als die Regierung ihn will!" Das Wort ist wahr! Die Regierungen des Grafen T a a f f e und des Fürsten Windischgrätz haben diese anarchfftische Bewegung gezüchtet, an dem Grafen Kielmansegg ist es nun, zu wollen, daß sie aufhöre. Ein Federzug, ein einziges Donnerwort, und der ekle Spuk zer¬ Nr. 29 stiebt wie der Hexentanz am Blocksberg beim ersten Hahnenschrei! Aber freilich, wir haben ja ein „provisorisches Geschäftsministerium", das der künftigen Constellation der politischen Parteien nicht vorgreifen will. Wir begreifen ganz gut die Schwierigkeiten dieses Provisoriums, wir bitten daher nur um die kleine Vergünstigung, dafür zu sorgen, daß während desselben wir Juden nicht definitiv erschlagen werden! Die „rumänische Culturliga" und die Drutschnationalen. Die Wiener „Deutsche Zeitung" geberdet sich als officielles Organ der rumänischen Culturliga. Der Haß gegen Ungarn hat die „Wiener Christlich-Socialen" und „Deutschnationalen" zu Bundesgenossen der rumänischen Agitatoren gemacht und Herr Dr. Lueger wurde zum Ehrenmitgliede der rumänischen Culturliga ernannt. Die „Wiener Christlich- Socialen" denuuciren die Juden und die Liberalen als Freimaurer, aber die rumänische Culturliga wandte sich an die Mitglieder des Freimaurerbundes um gegen Ungarn mobil zu machen und der Leiter der Culturliga, Senator Urechia, erhielt auf Anschreiben von vielen berühmten und weniger berühmten Franzosen und Italienern Sympathiekundgebungen, die er in einem luxuriös ausgestatteten Sammelband veröffentlichte. Daß thatsächlichhierbei die Organisation der Freimaurer mißbraucht worden ist, geht aus diesem Sammelwerk hervor, besonders deutlich aus einer Zuschrift des Architekten Loiseau aus Paris. Mit der Ueberschrift T.*.C.*.F.4.0... beginnend, schreibt Loiseau unter Anderem: „Sie können überzeugt sein, mein lieber T . . C . * . F . * . daß die Loge „Schottisches Jerusalem" lebhaft an dem schrecklichen und schmachvollen Proceß von Klausenburg Antheil nimmt und in ihrer nächsten t . * . solen . * . l’at . . sicherlich die Adresse an Ihre Mitbürger beschließen wird, die unser F . * * Scliaere vorbereiten soll. Auch bekanntere französische Juden haben Zuschriften gesendet, wie beispielsweise Naquet und James Darmesteter. So sind Freimaur er und Juden in der Protestkundgebung vertreten, zu Gunsten eines Volkes, welches die Juden auf die gehässigste Weise bedrückt, gegen ein Land, welches nur deshalb gehaßt wird, weil es liberal ist, und dem man den schärfsten Vorwurf entgegenschleudert, daß es von Freimaurern regiert wird! Herr Lueger schimpft ununterbrochen auf die „Freimaurer" als die schlimmsten Feinde der Christenheit und Herr Urechia ernennt ihn zum Ehrenmitglied der rumänischen Culturliga; gleichzeitig wendet sich Urechia an alle Freimaurer um Kundgebungen der Sympathie für die Culturliga und auch das erreicht er. Aber das ist noch nicht der ganze Widersinn. Die Rumänen rühmen sich, wie die Italiener und Franzosen lateinischer Abkunft zu sein. Daher konnte mit Erfolg die „lateinische Race" glorificirt werden. Das Titelbild des Urechia'schen Sammelbandes zeigt dem entsprechend den Triumphbogen des Constantin mit der Kopfschrift: Voci latini Latina Ginte — Io Regina la frat. Wer sichs nicht verdrießen läßt, den Band durchzulesen, wird denn auch finden, daß — Elsaß-Lothringen und der Krieg 1870/71 darin eine fast ebenso bedeutende Rolle spielen, wie der Proceß von Klausenburg. Als aber die große rumänische Deputation in Wien erschienen ist, um das „Memorandum" dem Kaiser Franz Josef I. zu überreichen, sah man in ihrer Begleitung den Mitarbeiter der preußischen „Kreuzzeitung", den berüchtigten S ch w e i n h a g e n, als intimen Berather. Wie tief eingewurzelt aber gerade der Deutschenhaß bei den Rumänen ist, zeigt folgende Stelle aus einem Artikel des bekannten rumänischen Politikers Demeter Bratianu im Dr. Blvch's Wochenschrift.