Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 29. Jahrgang XII. Dr. Bloch’s Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. R. ft. PostsparftassLn-Amt Clearingverkehr Nr. 810.976. Drdaction und Administration: Wien »., Untrrr Augarkrnfiratzr 1 s. Telephon - Nr. 6535. - Wien, 19. Juli 1895. -4- Erscheint jeden Freitag. K Wan abonnirt bei allen Pvstanfiattrn des In- und Auslandes. Bepigapceta für Srsterrrich Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. Einzelexemplare SS kr. Für'a Ausland: halbjährig S fl. — 10 Ar. ganzjährig 10 * — 20 „ Anzeigen: Die 4-nal gespaltene Pelitzeile 12 kr. .- Inhalt: Leitartikel: Der Wiener Bakonyerwald. — Die „rumänische Culturliga" und die Deutschnationalen. — Beitrag zur Geschichb der russischin Inden. — Teutobold im Lannersaal. — Zur Regelung des israelitischen Religionsunterrichtes in den Mittelschulen Galiziens. — V o m Jahrmarkt des Lebens: Zur Praxis der Gleichberechligung. Verspätete Einsicht. Ein Fürst Liechtenstein. „Woßn?!" Der königlich sächsische Antisemitismus! Wer richtet den Mittelstand zu Grunde? Wenn das ein Jude gethan hätte! Schwarze Juden. — Corresponden zen: Wien, Budapest, Lemberg, Lubin, Suezawa, Bielitz, Jglau, Tarnow, Gablonz, Neustraschitz, Berlin. — Vermischtes: Wien, Lemberg, Jglau, Franzensbad, Brünn. — Die beiden Blinden. — Feuilleton: Vereint. — Briefkasten. — Inserate. Der Wiener VaKonyerwald. Leben wir in Wien oder leben wirimBakonyerwalde? Wenn der officielle Telegraph heute nach Paris, London und Berlin die Kunde trüge, daß die Räuberbande des berüchtigten Patku Jancsi am hellichten Tage in Wien aufgetaucht sei und in verschiedenen Straßen der Innern Stadt zu plündern und zu morden versucht habe — alle Welt würde diese Nachricht im ersten Momente für einen unzeitgeniäßen Fastnachtsscherz halten; und käme dann doch die Bestätigung, welche Vorstellung würde man sich im Auslande von dem Zustande der öffentlichen Sicherheit in der österreichischen Reichshauptstadt und von einer politischen Verwaltung machen, unter welcher so ungeheuerliche Dinge sich ereignen können? Und sie haben sich wirklich ereignet, wenn auch der officielle Telegraph so schamhaft sein wird, sie nicht in die Welt hinauszuposaunen. In den Straßen der Wiener City sind tatsächlich Mitglieder einer großen Räuberbande erschienen, haben schonungslos friedliche Bewohner in ihren Häusern und Läden überfallen und blutig geschlagen, und nicht an ihnen lag es, wenn dabei nicht eine Plünderung im Großen, ein Morden und Brennen der schlimmsten Art stattfand. Ob der Räuberhauptmann Patku Jancsi oder — Ritter Stampiglius heißt, ob die Mordgesellen declassirte Bauern aus dem ungarischen Tieflande oder „Kappelbuben" aus den Wiener Vororten sind, ist ja vollständig gleichgiltig und ändert an dem Wesen der Sache nichts. Wir wiederholen also die Frage: „Leben wir in Wien oder im Bakonyerwalde?" Auf die Vorgänge vor dem Lannersaale zum Schlüsse der vorigen Woche folgte Anfangs dieser Woche eine Reihe der frechsten Angriffe auf Leben und Eigenthum der Juden. Am Sonntag wurde ein jüdischer Universitätshörer, welcher bei einem Feste des deutschnationalantisemitischen Turngaues „Ostmark" zufällig und ahnungslos in die Nähe des Festplatzes gerathen war, von Mitgliedern dieser Turnerverbindung geohrfeigt und sodann von einer heulenden Menge unter den Rufen: „Eini mit ihm in die Donau!" verfolgt. Nur dem rechtzeitigen Erscheinen zweier Gendarmen und ihrem energischen Eingreifen hatte er sein Leben zu danken. Am Montag Nachmittag erschien ein unbekannter Mann mit einem schweren Krückenstocke im Bureau des jüdischen Armenrathes Hor s chetzky, welcher an der Wählerversammlung im Lannersaale theilgenommen und beim Verlassen des Saales mit mehreren Antisemiten ein heftiges Rencontre gehabt hatte, und verlangte Herrn H or s chrtzk y allein zu sprechen. Als dieser um den Namen des Besuchers fragte, weigerte sich derselbe, ihn anzugeben und verließ mit der Drohung: „Wir werden Sie schon allein finden, aber dann passen Sie aus!" das Bureau. Eine Stunde später traten vier reducirt aussehende Burschen in das fast ausschließlich von Juden besuchte Cafe Müller am Salzgries (früher Cafe Abel es), fingen absichtlich Streit an, überfielen den Cafetier und schlugen solange auf ihn los, bis er, aus zwei Kopfwunden blutend, bewußtlos auf dem Billardtische liegen blieb. Dann wendeten sich die Strolche unter fortwährenden Schimpfworten auf die Juden gegen die Gäste und schlugen aus dieselben los. Dabei riß ein Bursche dem aus Ungarn zugereisten Eierhändler Lauser das Gilet aus und brüllte: „S aujud', gib Deine Brieftas ch'n her!" Erst den vereinigten Bemühungen sämmtlicher Gäste gelang es, die Excedenten aus die Straße hinauszudrängen, wobei auch der Eierhändler A l t m a n n eine Verletzung am Kopse erlitt. Und wieder eine Stunde spater attakirte ein Strolch in der Judengaffe einen alten polnischen Juden, indem er ihm mit den Worten: „Fahr^ a Saujud!" mehrere wuchtige Stöße versetzte. Als mehrere Passanten den „Pülcher" wegen seiner Rohheit zur Rede stellen wollten, stürzte sich derselbe mit dem lauten Rufe: „Nieder mit den verfluchten S a u j u d e n!" auf einen der Umstehenden und schlug ihn auf den Kopf. Der Ruf: „Nieder mit den Sanjuden!" schien ein Signal gewesen zu sein, denn plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, standen Hunderte von Vagabunden in der Judengasse und brüllten: „Schn eidt's d en Iud en die Gurgel ab!" — „Sie sollen die Sachen, d ie sie uns g est o hle n h a b en, zurück geben!" — „Erstech t's die Jude n!" Die tobende Menge setzte sich