Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 28 (12.7.1895)
- Date
- 1895-07-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 28 Seile 523 De. Bloch's Wochenschrift. die Rednertribüne und ruft: „Es hat ein Anhänger gesagt, daß er nichts dafür könne, daß Vergani gestohlen hat!" (Demonstrativer Beifall.) Die „Ostdeutsche" vom 10. Juli berichtet darüber wie folgt: „Der Obmann L'ugert meint, was Dr. .Lueger gesagt haben würde, hätte er dem Bürgermeister von Wien Nachweisen können, daß er auch nur fünf Kreuzer gestohlen. Und der Vergani hat als Bürgermeister 562 st. 75 kr. unterschlagen (Ruse: Gestohlen!), und die Partei duldet ihn noch immer unter sich. Dr. Lueger sagt, das geht ihn nichts an. Wo liegt denn da die Corrnption? Herr A r n o s ch t ergreift das Wort. Es sind keine Beschimpfungen, so führt er ans, sondern reine Thatsachen, die er vorbringe. Ich habe dem Vergani fünfmal öffentlich Unterschlagung vorgewoifen, und er hat mich gerichtlich nicht belangt. Was nun die Berkrauenskundgebung anbelangt, die im „Deutschen Volksblatt" unter „Zur Darnachachtung" erschien, so kann ich nur Folgendes sagen: Vergani vertritt einen großen Wahlbezirk (Rufe: Aber hoffentlich nicht lange!), zu dem sieben Gerichtsbezirke gehören. Er bemühte sich vergeblich, die Vertrauenskundgebung zusammenzubringen. Sen,s Bezirke versagten sie ihm, nur im Pöggstaller Bezirk hat er sieben Gemeindevorsteher angeblich aufgebracht. In dieser Notiz „Zur Darnachachtnng" steht, daß mich zwar die Unterzeichneten nicht kennen, aber an meiner Glaubwürdigkeit zweifeln. Ich überreichte beim Kremser Schwurgerichte die Klage, über welche im September verhandelt wird. Unterdessen erklärten die sieben Bürgermeister, daß sie von den Unterschriften überhaupt nichts wissen. (Heiterkeit.) Herr Stein ergreift nochmals das Wort, um den Christlich- Socialen ihre Gemeinschaft mit einem Individuum von der Sorte Bergani's vorzuhalten. Ein Christlich-Socialer ruft: „Ich kann doch nichts dafür, daß er gestohlen hat!" Dr. Förster springt auf die Tribüne und beantragt, diese bezeichnende Aeußerung zu protokolliren. (Verblüffung der Christlich-Socialen, stürmischer Beifall und Heiterkeit der Deutschnationalen.)" Bismarck und der Antisemitismus. In der Berliner antisemitischen Bewegung hat Herr Friedrich L u ck h a r d t eine große Rolle gespielt. Verlagsbuchhändler und ein unternehmender, geschäftskundiger Mann, war er ein brauchbares und nützliches Object für eine Reihe hochstehender Persönlichkeiten, um ihn sozusagen als „Factor" zu verwenden. Er hat seine Sachen ganz gut gemacht, und wenn er heute gleichwohl von seiner Höhe gesunken ist, so sind widrige Verhältnisse Schuld daran und die Mißgunst der Zeiten, keineswegs der schlechte Wille des Mannes. So hat sich denn Herr Luck- Hardt auf das Schreiben von Broschüren geworfen, deren erste: „I u d e n u n d Christen, Skizzen aus dem modernsten Geschäftsleben" eben erschienen ist. Es sind eigentlich „alte Geschichten", die da erzählt werden, aber viele derselben haben ein actuelles Interesse, da die Menschen noch leben, von denen sie allerlei Intimes und Merkwürdiges in naiver Weise ausplaudern. Ganz besonders interessant sind die Mittheilungen über B i s m a r ck's Stellung zum Antisemitismus. Sie zeigen mit überraschender Deutlichkeit, daß der geniale Politiker auch in dieser Frage nicht anders gewesen ist, als eben — der Politiker. Bismarck, den man den Urheber des Antisemitismus nennt, ist nichts weiter als Opportunist. Ein Tischgespräch des Fürsten mit dem jüdischen Kaufmann Behrend aus Köslin mag hiefür den Beweis liefern. Das Gespräch hatte im November stattgefunden. Fürst Bismarck äußerte seinem Gefährten gegenüber seine entschiedene Mißbilligung des Kampfes gegen die Juden, sei es, daß dieser Kampf sich auf konfessioneller Basis oder gar auf Grundlage der Abstammung bewege. Dies faßte die Redaction des antisemitischen „Deutschen Tageblattes", dessen Herausgeber Luck Hardt war, als eine Kriegserklärung auf und stellte ein Ultimatum für den Widerruf. Und der Widerruf erfolgte auch; schon an der Spitze seiner nächsten Nummer brachte ihn das antisemitische Organ und triumphirte. Luckhardt aber erzählt dazu folgende Reminiscenz. Zufällig traf am Tage, da dieser Widerruf erschien, Freiherr von H a m m e r st e i n bei Bismarck in Barzin ein. der nach dem Diner das Gespräch aus B i s m a r ck's Unterhaltung mit dem Kaufmanne B e h r e n d lenkte. Da wies ihm der Reichskanzler die eben eingetroffene Nummer des „Deutschen Tageblattes". „Lesen Sie das?" sagte er, auf seinen Widerruf deutend, und: „Sind Sie nun zufrieden?" fragte er, als der Freiherr die Lectüre beendet hatte. Hammer st ein war zufrieden. Diese Episode ist classisch. Antisemiten und Juden waren gleichzeitig zufrieden und Fürst Bismarck jedenfalls auch. Seitdem streiten Antisemiten und Juden darüber, ob die Unterredung mit dem jüdischen Herrn Behrend erlogen oder ob die christliche Geschichte mit dem Brief aus Stolp und ob die Unterredung zwischen den Fürsten und Herrn von Hammerstein zugleich erlogen gewesen seien. Wir sind der Ansicht, daß in diesem Falle gar kein Grund vorliegt, anzunehmen, es hätte Herr Luckhardt ooer Herr von Hammerstein oder Herr Behrend gelogen. Wir sind der Ansicht, daß diese drei alle die Wahrheit gesagt haben. Das war der Höhepunkt des Luckhardt'schen „Einflusses" auf den Fürsten Bismarck; darauf kam es zur Katastrophe bei einer Gelegenheit, bei der es im Allgemeinen nicht zu einer Katastrophe zu kommen pflegt. Es rückte das Jahr 1885 heran, wo die Fürst Bismarck-Stiftung gegründet werden sollte. Mit Feuereifer stürzte sich Herr Luckhardt in die Agitation dafür; Herr Luckhardt wollte aber eine Bismarckspende zur Austheilung an Witwen und Kinder; das war gewiß ein guter Gedanke; Andere aber wollten — wie Herr Luckhardt sich ausdrückt: Juden und die Börse, — sie wollten, wie gesagt, mit dem gesammelten Gelde den Gutsbesitz des Fürsten Bismarck erweitern; auch kein übler Gedanke. Und da Herr Luckhardt bei seiner Ansicht blieb und der Gedanke der Juden und der Börse dem Fürsten Bismarck doch noch wesentlich besser erschienen sein muß. wie er ja schließlich dann auch ausgeführt worden ist — so fiel Herr Luckhardt in Ungnade ob dieser Frage über die Verwendung der Bismarckspende, so tief und so unrettbar, daß er dies Capitel seines Buches mit den wehmüthigen Worten schließt: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen." Das ist eine nicht völlig zutreffende Auffassung; der Mohr hatte eben nach Auffassung des Fürsten Bismarck seine Schuldigkeit zweifellos nicht gethan; manchmal wenigstens treffen „die Juden und die Börse" das Richtige, auch nach Bismarck'scher Auffassung. Die Broschüre enthält, wie man sieht, ein paar lebensvolle, wach der Natur gezeichnete Striche, die für die Zeichnung der jüngsten Vergangenheit des charakteristischen Nutzens nicht entbehren. Indische Wohlthätigkeit. Anläßlich des zehnten Sterbetages des Philanthropen Sir Moses Montefiore schreibt die „New-Porker Staatszeitung" über eine von Juden im Jahre 1884 begründete und erhaltene, nach dem großen Wohlthäter „Montefiore-Home" benannte Anstalt in New-Aork, welche hilfsbedürftigen Greisen undunheilbaren Kranken ohne Rücksicht a u s R e l i g i o n und A b st a m m u n g ein Asyl gewährt, wie folgt: „Wohl keinem der Hunderttausende, die jahraus, jahrein den prächtigen Grand Boulevard pasfiren, ist der in dunkelrothem Backstein aufgeführte, den majestätischen Hudson und die schön gewundene, blaue Hügelkette New-Jerseys überschauende Prachtbau entgangen, der sich seit einigen Jahren an der Ecke der 138. Straße und dem Boulevard erhebt. Es ist das „Montefiore-Heim für unheilbare Kranke", eine der zahlreichen Stiftungen unserer jüdischen Mitbürger, und fürwahr, eines der stolzesten Wahrzeichen hochherziger Opferwilligkeit und menschenfreundlicher, unermüdlicher Hilfsbereitschaft! Die Entstehung des Gedankens der Gründung dieser großartigen Anstalt datirt zurück bis in die ersten Achtziger-Jahre, in welchen, nebenbei bemerkt, das dicht beidem heutigen ,,Montefiore-Heim" belegene riesenhafte „Waisenhaus und Altenheim" ins Leben gerufen wurde. Wie in allen Hospitälern der Stadt New-Aork gilt auch im „Mount Sinai Hospital", dieser hervorragendsten aller hiesigen jüdischen Stiftungen, nothgedrungen die Regel, keine unheilbaren Kranken aufzunehmen, beziehungsweise Patienten, deren Leiden nach kürzerem oder längerem Verweilen in dem Hospital als unheilbar erkannt wird, zu entlassen. Dies implicirt natürlich vielfach Härten, die sich aber unter den obwaltenden Umständen leider nicht vermeiden lassen. Den Herren Louis Gans und Hyman Bloom, zweien der bekanntesten New-Aorker Bürger, die damals an der Spitze der jüdischen Hospitalgesellschaft standen und in derselben noch heute eine leitende Rolle einnehmen, gebührt das Verdienst, den Gedanken e'ner Gründung eines Heims für unbemittelte, unheilbare Kranke in Anregung gebracht und zu dessen Verwirklichung in erster Reihe beigetragen zu haben. Das Project fand in den begüterten Kreisen der jüdischen Bürger New- Porks großen Anklang, und obwohl damals die Errichtung des Waisenhauses und Altenheims bedeutende Veldopfer erforderte, wurden doch die nöthigen Summen aufgebracht, um ein