Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 28 (12.7.1895)
- Date
- 1895-07-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 28 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 521 seine Martyrologie begann erst, als es ihm gelungen war, das häusliche Joch .on sich abzufchütteln und nach Petersburg zu gelangen. Hier trat er in das Atelier des Professors^ der Sculptur, David I e n s e n, eines Dänen und talentvollen Schülers des berühmten T h o r w a l d s e n, ein. Professor Jensen gewann das kleine jüdische Jüngelchen mit dem pechschwarzen, krausen Haar und der kühn geschwungenen, semitischen Nase sehr lieb, doch materiell konnte er ihm nur wenig helfen, da der Professor selbst zwar mit einer zahlreichen Nachkommenschaft, aber mit keinen Glücksgütern gesegnet war. Und der Kampf um's Dasein, um das tägliche Brot lähmte die Schaffenskraft des genialen Bildhauers, und die gar zu zahlreichen Kinder und Enkel hingen bleischwer an den Flügeln des Genies, das Dank dieser Last sich nicht in den lichten Aether schwingen konnte, sondern auf Erden fortvegetiren und zum Himmel flehen mußte: „Unser täglich Brot gib' uns heute!* Und in dieser Schule der Leiden lernte Leopold Bernstamm, und wenn es ihm dabei recht oft an Brot fehlte, so mangelte es ihm nicht an einem leuchtenden Vorbild der Selbstaufopferung. Und der kleine Judenjunge aus Riga wurde ein bedeutender Bildhauer, und selbst die stolze kaiserliche Akademie der Künste in Petersburg konnte ihm ihre Thore nicht verschließen, sah sich gezwungen, seine Arbeiten aufzunehmen, obwohl er nicht an den Brüsten dieser hochmüthigen Alma mater großgesäugt worden war und sein Wissen und Können aus bescheidenem Privatborn geschöpft hatte. Es wurden ihm zahlreiche Preise, Anerkennungen, Diplome' und Ehrenbezeugungen zu Theil, und für die prächtige Büste des genialen Dostojewski erhielt Bern stamm die große goldene Medaille, welche eigentlich berechtigt, auf Regierungskosten in's Ausland zur Vervollkommnung geschickt zu werden. Doch Leopold Bern stamm war Jude, und Dank dieser Eigenschaft mußte er auf diese Gunst der Krone verzichten. Doch trotz alledem ging der junge und strebsame Künstler nach Rom, um in der classischen Siebenhügelstadt die classischen Vorbilder zu studiren. Die Mittel zu dieser Studienreise gab ihm Abraham Sack, Direktor der Discontobank in Petersburg, ein generöser Mäcenat und jüdischer Patriot — dessen Marmorbüste der junge Mann künstlerisch vollendet gemeißelt hatte — der vor etwas mehr als einem Jahre gar zu früh aus dem Leben geschieden. In Rom wirkte Bern stamm etwa drei Jahre und kehrte nach Rußland zurück. Er hatte seine Zeit gut ausgenützt, hatte fleißig studirt und gearbeitet — und gehungert und kam nach Petersburg voll freudigster Hoffnungen, rosigster Erwartungen. Doch sollten dieselben gar bald bei der ersten Berührung mit der Wirklichkeit enttäuscht werden. Es hatte sich in Rußland unterdessen ein Regierungswechsel vollzogen. Alexander II. war das Opfer eines mörderischen Attentats geworden und Alexander III. hatte den Thron bestiegen. Für die russischen Juden begann damit eine Periode schwerer Prüfungen. Die eiserne Hand eines despotischen Druckes lastete schwer auf den unglücklichen Parias. Einerseits der künstlich genährte Racenhaß und Glaubenshader, der sich in den wildesten Ausschreitungen gegen die Juden und ihren Besitz äußerte, da der insgeheim durch die Nihilisten aufgehetzte Janhagel wähnte, den Intentionen der Regierung gemäß zu handeln, wenn er das jüdische Eigenthum mit Feuer und Schwert zerstörte, bei welcher Gelegenheit die Anarchie hoffte, ihre Rechnung zu finden und vom Antisemitismus direct zum Communismus überzugehen. Die Juden sollten blos als Bersuchsobject dienen und das eigentliche blutige Drama erst später beginnen; andererseits eine kurzsichtige, ja mit Blindheit geschlagene Regierung, welche diese gewaltsamen Attentate des Pöbels gegen das geheiligte Eigenthumsprincip nicht nur nicht verhinderte, sondern denselben sogar offenkundig ermunterte. Es war eine schlimme Zeit, und allein bei der Erinnerung an dieselbe steigen die Blutwellen der Scham und des Unwillens in's Gesicht, wenngleich die düstere Gegenwart ebensowenig tröstlich ist als die finstere Vergangenheit und beide schwerlich zu einer freundlicheren Zukunft berechtigen . . . In dieser bösen Zeit der schweren Roth kehrte der junge jüdische Künstler aus der cwigen Stadt in die Heimat zurück, voll froher Hoffnungen, voll freudiger Erwartungen. Die Illusionen währten nicht lange. Die heilige Hermandad zerstörte dieselben gründlich. Dazumal stand an der Spitze der Residenzpolizei General Grefser, ein Judenfresser ersten Ranges (trotzdem oder vielleicht eben weil er eine getaufte Jüdin zur Frau hatte), dessen ganzes Sinnen und Trachten darauf gerichtet war, den Juden das Leben sauer zu machen, ihnen den Aufenthalt in Petersburg zu erschweren. Als erstes Opfer dieser Polizeiwillkür fiel Leopold Bern stamm. Da er keinen akademischen Grad besaß,' noch Großhändler war (was allein zum Aufenthalt außerhalb des Ghetto überhaupt und in der Residenz insbesondere berechtigt), so wurde er einfach ausgewiesen und peremptorisch ersucht, die Thüren Petersburgs von Außen zuzumachen. Mit schwerem Herzen verließ der junge Sculptor die nordische Palmyra, tiefen Groll im Herzen, wenngleich er nicht wie Hannibal in die rachedürstenden Worte ausbrach: „InZrata patria, ossa mea non habebas.“ Aber gleich Bismarck sprach Bern stamm, als er Petersburg und Rußland den Rücken kehrte: „Leroi mereverra!“ Der junge jüdische Bildhauer könnte gleich dem Schiller'schen jungen Taucher von sich erzählen: „Da ließ ich los der Koralle schützenden Zweig, da faßt mich der Strudel in wüthendem Toben, doch ward's mir zum Heil, denn er riß mich nach oben." Die Ausweisung Bernstamm's aus Petersburg ward ihm in der That zum Heil. Von dem ihn betroffenen Schlag ganz niedergeschmettert, ganz mittellos, ging er nach Paris und fand in der Se'nestadt das Glück, welches ihm Newababel, so schroff versagte. Auch in Paris ging es anfangs nicht ohne Leiden und Entbehrungen ab. Doch war diese Aera der Prüfungen eine relativ sehr kurze. Die Sonne des Glückes durchbrach siegend das düstere Gewölk, welches seinen Lebenshorizont belegte. Er lernte Grevin, den bekannten Gründer des nach seinem Namen benannten berühmten Museums, kennen. Der unternehmende Franzose erkannte sofort, von welchem Nutzen ihm solch ein Talent wie der junge russische Bildhauer, dessen Arbeiten er gesehen, werden könnte und trug ihm die Stelle eines artistischen Leiters des Museums mit einem anfangs bescheidenen Gehalte, der jedoch successive erhöht werden sollte, an. Bernstamm schlug freudig ein, und von diesem Augenblicke an nahm sein Schicksal eine ganz andere Wendung. Dank seinem Talent und seiner Energie ward er bald in Paris eine bekannte Persönlichkeit. Man machte sich anfangs lustig über sein kauderwälsches Französisch, aber man ließ seiner künstlerischen Begabung Gerechtigkeit widerfahren. Und nachdem Bern stamm eine charmante französische Jüdin, ein echtes Pariser Kind, geheiratet und sich, dank dieser Entente cordiale franco-russe, mit dem Künstl''r ein vollkommener Umschwung vollzog, sich die rauhen Seiten schliffen und glätteten und auch sein Französisch erträglicher wurde, vollzog sich in dem Leben des jungen Mannes eine merkwürdige Metamorphose. Er ward populär, und sein Atelier diente als Rendezvous der Celebritäten aller möglichen Kategorien. Er modellirte und porträtirte mit einer merkwürdigen Schnelligkeit und waren seine Porträtbüsten von einer gar wundersamen Ähnlichkeit. Grevy und Mac Mahon, Sadi Carnot und Casimir-Perier.Henry Rochefort und Francisque Sarc>y. Charcot und Pasteur, Admiral Gervais und General Boulanger, Pierre Loti und Alexandre Dumas, sämmtliche hervorragende Staatsmänner, Dichter, Journalisten, Gelehrte (auch berühmte Verbrecher) wurden von Bernstamm reproducirt in Thon und GyPs, iu Bronze und Marmor, und als der Graf von Paris starb, ward er nach England berufen, um die Todtenmaske des orleanischen Prätendenten zu modelliren. Ja, in dem Atelier des aus Petersburg polizeilich ausgewiesenen rechtlosen russischen Juden konnte man Mitglieder der russischen Kaiserfamilie sehen: den Großfürsten Wladimir (nebst seiner charmanten Gemahlin, der Großfürstin Marie), die Großfürsten Alexis und Paul, ja selbst den so judenfeindlichen General - Gouverneur von Moskau Großfürsten Sergius, den Gemahl der Enkelin der Königin Victoria; diese Prinzen wurden von ihm alle modellirt. und fanden die Arbeiten die glänzendste Anerkennung. In dem bescheidenen Atelier in der Rue Douai traf ich häufig den russischen Botschafter in Paris Baron Mohrenheim und andere höchste Vertreter der russischen Colonie. So weit hatte es das jüdische Jüngelchen aus Riga in Paris gebracht.