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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-12 · 28 (12.7.1895) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
28 (12.7.1895)
Date
1895-07-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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^1JMLU* AJMH^LrJiLÜ8aiJ^>jmU.BlliLL. .'JHJ^. ■ -j,- '„Jk.U!,JL Dr. Bloitz's Wochenschrift. Nr. 28 Seite 520 das wegen des fürchterlichen Zusammendrängens einen Herd der Armuth, der infectiösen Krankheiten und der Brandschäden bildet. Diese Betrachtungen haben in der letzten Zeit einige leitende Preßorgane veranlaßt, die Frage ernstlich in Betracht zu ziehen, cb es nicht an der Zeit wäre, das Verbot gegen die Ansiedelung der Juden in Sibirien auszuheben und ihnen zu gestatten, dort Ländereien zu erwerben und Ackerbau zu treiben. Sogar solch' ein enragirter Judenfresier wie b-er erlauchte Finsterling Fürst Meschtscherksy sieht den zweifachen Bortheil einer solchen Maßregel für den Staat ein und plaidirt mit großer Wärme für die Zulassung jüdischer Ackerbauer in das asiatische Rußland. Und daß die große Masse des jüdischen Proletariats mit Freuden eine solche Erlaubniß begrüßen werde und gern bereit wäre, den fernen Osten ihrer Heimat zu colonisiren, daran ist nicht zu zweifeln. Leute, die in großen Schaaren nach den unwirthlichen Wüsten Argentiniens auswandern und sich allerhand Plackereien gefallen lassen, nur um sich dem Ackerbau widmen zu können,würden es entschieden vorziehen, diese Thätigkeit in ihrem Baterlande auszuüben, wenn auch in den fernsten Gegenden desselben. Wie unsere Staatsregierung über diese Frage denkt, ist vorläufig unbekannt. Aber es sind Zeichen dafür da, daß diese Frage in den höheren Sphären in Erwägung gezogen wird. Als Beweis dafür gilt uns die Haltung unseres Haupt- Hetzorgans, der „Nowoje Wremja", dieser so wichtigen Frage gegenüber. Seit einiger Zeit druckt das genannte Blatt eine Artikel-Serie, ab unter dem Titel: „Die Juden in Sibirien", worin die gemeinsten und zugleich lächerlichsten und widersprechendsten Beschuldigungen gegen die wenigen, auf Grund besonderer Privilegien dort ansässigen Juden vorgebracht werden. Dabei läßt aber der rohe Ton dieser Artikel eine gewisse Aengstlichkeit und Unruhe durchblicken, woraus zu schließen ist, daß das Hetzblatt die Gewißheit hat, daß jene für unsere blinden Judophoben höchst unbequeme Frage höherenorts berathen wird, und deswegen ist es bemüht, die Gemüther zu erregen . . . Hoffen wir aber, daß unsere Staatsmänner mehr politische Einsicht bekunden werden, als die vom blinden Haß geleiteten Publicisten der Hetzpreffe, und diese wichtige Frage im Sinne des wahren Staatsinteresses behandeln und entscheiden werden. Vor Kurzem ereignete sich auf dem Moskauer Bahnhof bei der Ankunft des Petersburger Zuges folgende aufregende Scene. Ein verabschiedeter russischer Rittmeister, der eben einem Waggon entstieg, trat auf einen jüdischen jungen Mann, den er im Bahnhofe erblickte, zu und schoß auf ihn aus einem Revolver mehrere Male, bis der Jude blutüberströmt und gefährlich verwundet zu Boden stürzte. Als der Verbrecher ergriffen wurde, sagte er aus, er wäre seit längerer Zeit zur Ueberzeugung gelangt, daß die Juden an allem Unglück schuld sind, sie beherrschen die Welt und vernichten Alle, die ihnen Hindernisse bieten. Kurz, der Mann leidet an Verfolgungswahn und so hätte er beschlossen, den ersten testen Juden, den er bei seiner Ankunft in Moskau treffen werde, zu erschießen, was er auch ausführte. — Das sind die Folgen der wüsten Hetze der Antisemitenpresse; Die Russification der Dorpater (jetzt „Ju'jcwsche^') Uni' versität hat für die jüdische studierende Jugend schlimme Folgen. Bis jetzt wurden dort zehn Percent und mehr Juden ausgenommen; gegenwärtig macht der russische Rector der Universität bekannt, daß vom nächsten Semester ab der Percentsatz für Juden auf fünf Percent aller Jmmatriculirten festgesetzt ist! DaS ist der „russische Geist", den man in die baltische Hochschule einführen, will! Und diese Neuerung ist unter der gegenwärtigen liberalen Regierung eingeführt worden! i Ich bin wieder in der traurigen Lage, eine erfreuliche Nachricht, die durch die gcsammte russische und ausländische Presse die Runde gemacht hat, zu dementiren. Es handelt sich um die „Emancipation der Juden in Finnland", die nach Zeitungsmeldungen nahe bevorstehend oder gar schon durchgeführt wäre. Leider ist daran kein wahres Wort. Ein Correspondent des „Hamelitz" meldet aus Helsingfors. daß einige russische Juden, die auf Grund obiger Zeitungsnachrichten dort in der Absicht, sich in Finnland niederzulassen, eingetroffen sind, sofort von der finnländischen Polizei ausgewiesen und über die Grenze expedirt wurden. Nach wie vor dürfen in Finnland nur solche Juden wohnen, die die Militärpflicht nach dem alten Modus (sogenannte Nicolajew'sche Soldaten) abgeleistet haben. Alle anderen Juden, russische, wie ausländische dürfen den finnläudischen Boden nicht betreten. Nun wurde kürzlich vom finnländischen Senat folgende Erleichterung eingeführt: Anstatt daß bisher die gewesenen Ni'cokajew'schen Soldaten ihres Domicilrechtes in Finnland verlustig wurden, sobald sie sich aus diesem Lande für längere Zeit entfernten, ist es ihnen jetzt gestattet, auch nach längerem Wegbleiben dorthin zurückzukehren. Auch wurde den Töchtern jener jüdischen Soldaten der Aufenthalt im Lande auch nach ihrer Verheiratung gestattet (was bis jetzt nicht der Fall war), natürlich können sie aber ihr Domicilrecht auf ihre Ehemänner nicht übertragen! Das sind also die Reformen, die das Entstehen der falschen Ansichten von einer vollständigen „Judenemancipation" in Finnland veranlaßten.Et voila comment on icrit l’histoire! Der jüngste Erlaß, welcher den Juden verbietet, die kaukasischen Bäder zum Curgebrauche zu besuchen, ist nicht aufgehoben worden. Ebenso besteht noch das vorjährige Verbot gegen den Sommeraufenthalt der Juden in dcm durch seine Schwefelbäder berühmten Curort Kemmern (in Livland). Dagegen wurde den Juden in diesem Sommer gestattet, die Schlammbäder von Simferopol und den Curort Dribbeln (in Livland) während der Saison zu besuchen. Auch gut. Ego. Beitrag zur Geschichte der rufllfchrn Juden. xvm. (Fortsetzung aus Nr. 23.) Biographische Skizze eines jüdischen Bildhauers. Im Beginn des vorigen Sommers besuchte ich in Paris das Atelier des bekannten rufsisch>jüdischeu Bildhauers Leopold B e r n st a m m und bewunderte daselbst die kolossale (zwei Meter hohe) Büste Alexander III., welche der junge talentvolle Künstler nach einer Photographie angefertigt und die nicht nur von einer frappanten Ähnlichkeit war (was bei einem Porträtisten wie Bern stamm selbstverständlich ist), sondern von einer wundersamen künstlerischen Ausführung. In dem in der Rue Dronnet unweit dem Boulevard Clichy gelegenen Atelier des jüdischen Bildhauers präsentirten sich die durchgeistigten Züge von Ernst Renan neben der Büste des berühmten geistvollen Journalisten Albert Wolfs; hier der 105 jährige Chemiker Chevreuil und dort der charaktervolle Kopf S a d i Carnot's, des so tragisch in Lyon ermordeten vierten Präsidenten der dritten französischen Republik Frankreichs. Gelegentlich des Letzteren muß ich bemerken, daß vor etlichen Jahren der bekannte Lector der französischen Sprache an der Petersbi rger Universität, Professor Graf de Suzor, eine öffentliche Vorlesung hielt, in welcher er auf Grund unumstößlicher historischer Daten nachwies, daß General Lazare Carnot, der Großvater des nachmaligen Präsidenten der französischen Republik, der heroische Organisator der Vertheidiguug Frankreichs gegen die in Waffen starrende europäische Coalition — Jude gewesen, der aus dem Judenthum aus Gründen ausgetreten, die auch Benjamin D i s r a e l i, nachmals Lord Beaconsfiel d, zum Austritt bewogen, und sich als confessionslos bekannte. Confefsionslos war auch sein Sohn, der Senator Carnot, und sein Enkel, Sadi Carnot, dessen Büste Leopold B e r n st a m m modellirte, wofür ihn der Präsident auch decorirte, indem er ihm sein eigenes Kreuz der Ehrenlegion an die Brust heftete. In dem B e r n st a m m'sch e n Atelier in Paris war dazumal, als ich auf der Durchreise im vorigen Sommer in Paris weilte, eine kleine Gesellschaft versammelt, unter Anderem auch der berühmte russische Marinist Professor Bogoljubow, den Kaiser Alexander lll. mit seiner besonder en Gunst beehrte. Bogoljubow, der seit Jahren beständig in Paris wohnt und nur für kurze Zeit nach Rußland kommt, protegirte Bern stamm ganz besonders. Der geniale greise russische Maler (er ist fast 80 Jahre alt, doch dieses hohe Alter hinderte ihn nicht, fortwährend Meisterwerke zu produciren) hatte den jungen, talentvollen jüdischen Sculptor in's Herz geschlossen und ihn aufrichtig lieb gewonnen, als er seine Leidensgeschichte erfuhr, als er mit der dornenvollen Jugend Bernstamm's bekannt wurde, während welchrr sein instinctives Streben zur Kunst für ihn zur Quelle von Verfolgungen ward, denen er seitens seiner nächsten Blutsverwandten ausgesetzt war. Ja, dornenvoll war die Laufbahn des jungen Bildhauers, und

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