Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 28 (12.7.1895)
- Date
- 1895-07-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 28 Dr. Blvrtz's Wochenfchrifi. Seite 519 ist die Stadt nicht ganz katholisch, noch sind ebenso schädliche ketzerische Kirchen hier, die abgeschafft werden müssen". „Ich habe", sagte der Gast, „bevor ich nach Amerika hinüberzog, für einige tausend Gulden Staatsrente gelaust, die ich hier wieder verkaufen möchte." „Gut", antwortete Herr Hartkopf, „ich führe Dich zu einem christlichen Wechsler". Dort fragte er um den jetzigen Cours, zu welchem sie gekauft werden. „Ich kann", sprach der Wechsler, „Ihnen prompt keinen Preis anbieten, sondern muß erst, da hier keine Börse ist, in Budapest anfragen". Der telegraphische Bericht kam, Cours der Mai-Rente 72'/-. „Wie! höre ich recht?" ruft erstaunt der Gast aus, „ist der Staats- Credit so herabgesunken, war doch der Preis derselben bei meiner Abreise 101, es war ja seitdem kein Krieg, keine Revolution oder sonstige Katastrophe." Achselzuckend antwortete der Wechsler. „Auch daran sind die Inden schuld, die selbst von der Fremde aus uns schädigen, unsere Verhältnisse an den ausländischen Börsen, wo sie dominiren, als deroute schildern, das Vertrauen zu Oesterreich untergraben, so daß draußen alle Staatspapiere in großen Massen abgestoßen wurden und hereinströmen". Mißmuthig mußte er die Papiere mit Verlust hergeben. Sie traten in ein Kaffeehaus ein und bestellten zum Kaffee Zeitungen. Der Marqueur bringt: Das „Deutsche Volksblatt", die „Reichspost", den „Kikeriki" und Blätter ähnlichen Calibers. „Ich möchte auch die Wiener Journale anderer Richtung, die „Neue Freie Presse", das „Wiener Tagblatt" und ähnliche lesen", sagte der Fremde. „Diese Judenblätter gibt es bei uns nicht mehr", sprach Herr Hartkops. „Bei Strafe der Concessionsentziehung ist es den öffentlichen Localen verboten, dergleichen aufzulegen und sie werden jetzt in Budapest und Lemberg, den Judennestern, ausgegeben". „Abei", war die Gegenfrage, „woher haben dann die antisemitischen Blätter ihren Stoff, wenn keine Juden mehr hier sind?" „Die helfen sich schon, sie lassen sich von auswärts berichten, wo irgend in einem weltentlegenen Orte ein Jude einen Betrug verübte, und wenn sie keine solchen Cvrrespondenzen fi lden, so erfinden sie eine Geschichte mit allen Schauerlichkeiten, wie C)ristönkinder von Juden irgendwo geschlachtet wurden. Nur dem Vergani geht es schlecht, es fehlen die Banken, bei welchen er früher um Inserate bettelte, außerdem ist er gekränkt, weil er bei der Aemtervertheilung leer ausgegaugen ist, man spricht davon, daß er abtrünnig werden wird und in Stanislau ein Judenblatt herausgeben möchte." „Wie geht es im Gemeinderathe zu?" fragt der Fremde. ..Sehr gemüthlich. Oberbürgermeister ist der allbeliebte Herr Greg orig. Zwar geräth er häufig in Cvuflict mit der deutschen Sprache und Grammatik, doch die Verhandlungen leitet er weise und objectiv, läßt Jedem volle Freiheit, zu schwätzen, was und wie viel er will. Ihm secuudiren wacker die beiden Vicebürgermeister I e d l i c z k a und H a w r a n e k. Es gkcht auch sehr amüsant zu. Kürzlich wurden aus England zwei Meister der Boxkunst bestellt, um Unterricht im Faustkampfe zu ertheilen, welcher bei den Debatten eine große Rolle spielt." „Für heute wollen wir unsere Rundgänge beenden", sprach der ermüdete Gast. Des anderen Tages setzten sie dieselben fort und besichtigten alle die durchgreifenden Veränderungen, welche das neue Regime verursacht hat, die aber zu weitläufig sind, um sie alle herzuzählen. Am Abend des Tages führte er seinen Gast in eine Wählerversammlung, welche behufs neuer Gemeinderathswahlen stattfand. Es ist eine ungemein zahlreiche Versammlung, aus den ärmeren Schichten der Bevölkerung des dritten Wahlkörpers. Ein Candidat trat auf und brachte die gewöhnlichen Schlagworte vor, von Beglückung des kleinen Mannes, von der Befreiung aus dem Joche der Sclaverei des Judenthums, von dem christlichen Staate u. dgl. Da sprang einer aus der Versammlung auf und rief: „Genug des Gesalbaders und des nur zu lange andauernden Geschwätzes, mit welchem ihr uns seit Jahren bethört und am Narrenseile führt. Was ist von allen Verheißungen eingetroffen, von unsererBeglückung?Goldene Berge habt ihr uns versprochen und statt dessen ist Noth und Elend unser Los. Die reichen Juden, die uns Erwerb und Verdienst gegeben, sind weg, alle Fremden meiden Wien wie die Pest, wie verödet ist die Stadt, die Werkstätten feiern, Handel und Wandel liegen gänzlich darnieder, wir darben und hungern, fort mit euch, ihr Volksverführer und falsche Propheten!" Und die Menge ringsherum johlte und tobte. Da erwiderte der Candidat: „Wie! Möchtet ihr die Blutsauger wieder herrufen?" Darauf erscholl die Antwort: „Als die Blutsauger da waren, hatten wir noch Blut, jetzt haben wir keines mehr, das man saugen könnte. Schafft uns die Juden wieder her. und war früher der Ruf hinaus mit den Juden, so rufen wir jetzt herein mit den Juden!" Da ließ es Herrn H a r t k o p f nicht mehr ruhen und er stürzte zur Rednerbühne hin und rief: „Habt ihr denn keinen Sinn mehr für das edle Werk, das wir vollbrachten? Wollt ihr kein Opfer bringen, der allgemeinen Segnung. Stellt ihr euer materielles Wohl höher, als euer geistiges, euer Seelenheil? Ihr Elenden!" Kaum sprach er dieses Wort, als ein Sturm des Zornes Alle ergriff. „Ihr seid Elende", riefen hundert Stimmen zugleich, und einer der robusteten der Menge sprang hin und versetzte ihm einen Stoß vor die Brust, daß er rücklings besinnungslos hinfiel. Da-durch diese starke Erschütterung erwachte er jählings aus seinem schweren Schlafe — er befand sich in seinem Bette, alles das war ein Traum gewesen, man warnöch im Jahre 1895. Gar viele, viele Antisemiten haben, wenn auch wachend, solche Träume. — ob sie wohl zur Wirklichkeit werden? Der Genius der Menschheit möge es verhüten. Aus Rußland. Das grandiose Project einer Verbindung Sibiriens mit dem europäischen Rußland mittelst eines Schienenweges schreitet seiner Verwirklichung immer näher. Der Bau der großen sibirischen Eisenbahn wird, trotz der außerordentlichen Schwierigkeiten und Hindernisse, die das uncultivirte Terrain und die nicht minderuncultivirteörtlicheBevölkerung diesem hochculturellen Unternehmen bieten, mit einer Energie und Ausdauer fortgesetzt, dieRcspect und Bewunderung verdienen. Daß die Durchführung dieses grandiosen Projectes grandiose Summen verschlingt, ist ja selbstverständlich; und ebenso selbstverständlich ist es, daß es die Hauptaufgabe der Regierung sein muß, das gegenwärtig fast unbevölkerte Sibirien in großem Mäaße zu colonisiren, Ackerbau, Handel und Gewerbe dort durch Hinzuziehung verschiedenartiger Ansiedler zu schaffen, damit die coloffalen Herstellungskosten der Eisenbahn den entsprechenden Nutzen bringen sollen und die culturelle Miffion derselben auch durchgeführt werde. Als wichtiges Element bei der Colonisiruug Sibiriens erscheint unzweifelhaft das jüdische Element, insbesondere wenn den jüdischen Ansiedlern gestattet werden soll, dort Land zu erwerben und Ackerbau zu treiben. Durch die Uebersührung eines großen Theiles der Inden aus ihrem engen, dumpfen und elenden Ansiedlungsrayon in die unermeßlichen Steppen Sibiriens würde der russische Staat ein zweifaches richtiges Resultat erzielen: Einerseits wird er dadurch ein thätiges, rühriges Element in die sibirische Bevölkerung hineinbringen, welches das Land beleben und seinen Handelsbeziehungen einen mächtigen Schwung geben wird. Und daß die Juden überall Handel und Industrie beleben, das bedarf nicht erst eines Beweises, und die russische Regierung weiß es am besten. Gar oft betont die vom Finanzministerium herausgegebene „HandelsundJndustriezeitung" den Bortheil, der den russischen Landwirthen durch die jüdischen Kaufleute zukommt, weil die Letzteren stets die höchsten Preise für die Landesproducte zahlen. Und nicht umsonst petitionirten und petitioniren unaufhörlich die Gutsbesitzer und Industriellen der innerruffischen Provinzen bei der Regierung um Widerrufung der Ausweisungsdecretc gegen die außerhalb des Ansiedlungsrahons sich aufhaltenden Juden. (Ln passant sei mitgetheilt, daß in letzterer Zeit einige dieser Petitionen seitens der Regierung berücksichtigt wurden. So gestattete der Minister des Innern das weitere Verbleiben von 13 jüdischen Familien in Gouvernement Orel auf Ansuchen der dortigen ruffischen Gutsbesitzer, die durch eine Ausweisung der sich mit dem Getreideexport befaffenden Juden sich der geradezu räuberischen Exploitation der orthodoxen russischen Aufkäufer (sogenannte »Kulaki«) ausgesetzt sahen.) Andererseits würde die Regierung durch eine Begünstigung der jüdischen Ueberfiedlung nach Sibirien, die nothwendige Auslösung der fürchterlichen Zusammenfperchung der Bevölkerung des Änsiedlungsrayons herbeiführen und so den unglückseligen „Rayon" wenigstens von einem Theil jenes Elements befreien,