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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-12 · 28 (12.7.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
28 (12.7.1895)
Date
1895-07-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 516 Herr Redacteur! Ihre Erwiderung gegen den anscheinend jüdischen Correspoudenten des „Freien Blattes" bezüglich der! Wahl in Proßnitz hat durchaus das Richtige getroffen. Wir Juden sind ja ungefähr die Einzigen, welche die „do ut des"= Politik nicht betreiben, und es rächt sich allerdings, daß wir unter lauter Geschästsleuten die einzigen sentimentalen Politiker sind. Es handelte sich bei denl gemachten Vorschläge aber gar nicht um solche Politik des do ut des. Wir verlangen, wie mit Recht bemerkt, nichts für uns, sondern wir verlangen nur die Anwendung der Staatsgrundgesetze. Daß man von seinem Candidaten über gewisse Grundfragen Erklärungm verlangt und diese zum Ausgangspunkt der Abstimmung macht, ist doch kein unerhörter Ausnahmefall, sondern allgemeine Regel. Wie sehr wir Juden aber recht thun, auf unserer Hut zu sein, beweist dieselbe Nummer des „Freien Blattes", in welcher der do ut des-Brief steht. Er enthält nicht weniger als drei Fälle, in denen wir Juden „Wurzen" waren. Erstens den auch von Ihnen behandelten Fall des angeblich für Laibach veranstalteten Festes. Zweitens die Ablehnung einer Subvention des deutschen Schulvereines für Gaya, well dort zu wenig Kinder im Kindergarten seien, und zumeist jüdische („Fr. Bl." 186, S. 5). Drittens die Hergabe des Prager deutschen Casinogartens für die antisemitische Liedertafel (ebenda S. 2). Diese Fälle sind nicht etwa gesammelt, sondern Ereignisse der letzten Tage, etwa in einer Woche vorgekommen. Weiß das Blatt drei Fälle aus einer einzigen Woche zu melden, in denen wir mißbraucht worden sind, in zwei Fällen sogar von angeblichen „Bundesgenossen", trotzdem es diesen Fällen, die chm bei seiner Stellung peinlich sein müssen, uicht besonders nachspürte, so thun wir Juden gewiß dreimal recht, mit dem Geben Vorsicht zu üben. Beim Geben unseres Geldes sowohl, wie beim Geben unserer Stimmen. Teutobold über Alles und gar Nichts. Schreibebrief dss vormals deutsch-nationalen Studenten XXX. Wien, in Schwitzmond 1895. Liebwerther Kumpan Pumpo! Argschlimm, sag' ich Dir, geht es her in dieser verjudetsten aller.Welten. Böse Dinge habe ich erleben müssen in diesen jüngsten Tagen. Ich bin auch darüber verstimmt, lote ein alter Tastenkasten. Soll ich Dir meines Kummers Abgründe enthüllen — Dir, o bis in das fünfte Glied racenreiner Freund meiner urarischen Seele? Soll ich die kaum verharschten Wunden wieder aufreißen durch Neubericht von meiner germanisch-teutonischen Deutschvolklichkeit widerfahrener Unbill? Nein und aber nein. Erlasse mir des Allzupeinlichen Schllderung, es genüge Dir an dem kurzen Hinweise, daß auch die — Rigorosen Dornen tragen und daß sie mich aus einer christlichen Wählerversammlung gewaltigen Schwunges 'rausbefördert haben, weil sie mich — mich! — für einen Juden hielten für einen eklen Judentinterich noch dazu. Hab' ich nicht Pech? Hätten mich die gestrengen Verjudeten am grünen Tisch nicht lieber für einen Hebräer halten können? Dann hätte ich glänzend bestanden wie alle die anderen Jüdlein. Aber nein—um g ekeh rt mußte es kommen. Während der Rede unseres Erbführers fielen sie über mich her und als ich ihnen sagte: „Sie irren sich, meine Herren: ' „Ich bin der Teutobold, der Racenreine, der Urarier", da wurden sie erst recht wild und brüllten: „Nieder mit Teutelbaum! Teitelbaum hinaus!!" Nun mit „nieder" und „hinaus" hatte es denn auch bald seine genaue Nichtigkeit und der große Wurf war rasch gelungen. Ich habe mir, mußt Du nämlich wissen, den jüdischen Ttnfall und die semitische Sprech- und Ausdrucksweise derart angewöhnt, daß mich Alles für einen echten Semiten hält. Daher mein tragikomischer Mißerfolg. Ich bitte Dich, unsereiner kommt täglich einige Male in die Lage, mit jüdischen Hausirern Nr. 28 in ihrer Landessprache zu verkehren und sie ein wenig zu necken. Mau macht sie auf den großen Unterschied zwischen ihrer niedrigen semitischen und unserer hohen arischen Bildungs- und Culturstufe in den ihnen gemäßen Lauten aufmerksam. Begegnet man langbärtigen Gestalten, spricht man sie leutselig an und fragt herablassend nach dem Geschäftsgänge, wie viel Christenkinder sie diese Woche schon rituell geschächtet u. s. w. So gewöhnt sich unsereiner ihre Sprache und Sitte allgemach an und hat dann unter den Folgeübeln zu leiden. — Die biederen Keingewerbetreibenden haben mir leiderwotans auch den wunderschönen, nagelneuen Sommeranzug ganz verruinirt, auf den ich bereits die erste Rate glücklich schuldig war und es entsteht nunmehr die schwierige Rechtsfrage, ob ich überhaupt verpflichtet bin, dem jüdischen Schneider — kauft nur bei Christen und borgt nur bei Juden! — der mir ihn geliefert hat, die restlichen Raten weiter schuldig zu bleiben. Ich glaube — n e i n. Wir sind quitt. Es ist ein Gewitter im Anzuge gewesen und Anzüge, in denen ich Juden, Namens Teitelbäumen, gleiche — die brauch' ich doch nicht zu schulden? Gewiß steckte so eine jüdische Tücke und Bosheit dahinter. O, diese Semitlein, die sind grundschlecht und in ihre koschere Haut' hinein verdorben. Jetzt verbreiten sie gar selber Bültmärchengerüchte, streuen sie eigenhändig ans, hetzen die arme Bevölkerung gegen sich auf, wühlen und untergraben, als ob sie eine Concurrenzlinie zur Stadtbahn beabsichtigten — und Alles nur, um uns, die Antisemiten, dafür hinterher verantwortlich zu machen. Sie schicken individuell bezeichnete Individuen mit breunrothen Vollbärten in alle Vororte herum, um sie von Schulkindern, die sie dafür besonders entlohnen, verspotten und verhöhnen zu lassen. Ja, unsere Presse hat das Alles aufgedeckt und unumstößlich bewiesen. Was haben denn diese Kerle rothe Bärte zu tragen? Das ist doch eine jü ische Frechheit, eine Schmähung unseres edlen germanischen Kaisers Rothbart. Und das duldet die Regierung! Ob wirklich Christenkinder behufs ritueller Vertilgung thatsächlich eingefangen wurden, wird sich erst zeigen. Die arische Bevölkerung muß erst ein Bischen Nachsehen, ob ihre Sprößlinge abgängig sind. Das läuft den, ganzen Tag straßauf und. straßab, wälzt sich in allen Gossen — und ist nicht gar so einfach in Evidenz zu Hallen. Daß ein Paar abgingen — das ginge gerade noch ab! Der Pfarrer D e ck e r t, der bekannte Großindustrielle in Ritualmorden, der mit getauften Juden so viel Pech hat und sich doch in angeborener Herzensgüte von getauften Juden vertreten läßt — der hat, wie du sicher gelesen haben wirst, wieder mal was — angezettelt. Er läßt in der Kirche Zettelchen vertheilen, harmlose geschäftliche Ankündigungen, rein gewerblicher Natur, als: „Erfahrener Patent-Kuppler sucht Stelle" — „Behördlich überprüfter Luftvillenarchitekt empfiehlt sich zur Arrangirung von Lotterien" — „Frisch geschächtete Christenkinder stets auf Lager" — „Das Neueste in Keuschheitsgürteln soeben eingetroffen, elegant, dauerhaft und billig. Wiedertäufer Rabatt. Auch werden solche zum Putzen übernommen" — „Catilinarische Existenzen werden in und außer dem Hause wie neu hergerichtet." Das nahm die gestrenge Behörde gewaltig übel. Ich finde meinetheils gar nichts Besonderes daran. Das ist eine rein gesstliche Angelegenheit, in die sich die Behörde nicht dreiuzumiengen hat. In seinem Gotteshause ist D e ck e r t der Herr und ob er auf der Kanzel für seinen Busenfeind B lo ch die Reclametrommel rührte oder ob er vor dem Hochaltar einen Annoncenkiosk errichtet, so hat sich doch — wie unser altes Studentenlied läutet: — „so hat sich doch kein Mensch, kein Mensch dadrum zu kümmern!" Im Rathhause ist idyllische Ruhe und süßer Friede eingezogen, -seitdem die gewerbemäßigen Hetzer, Lärmmacher und Scandalerreger — die Judenliber alen nämlich — glücklich draußen sind. Der Friebeiß ist der Platzhalter für unseren kommenden Mann, ob der nun Lueger, Liechtenstein, Schneider, i Pattai oder Gregorig heißt. So genau haben wir das Dr. Bloch's Wochenschrift.

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