Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-12 · 28 (12.7.1895) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
28 (12.7.1895)
Date
1895-07-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021090--04714-3028914
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 28 Seite 515 Dr. Bloch's Wochenschrift ausspritzen kann, muß Dr. Bloch erst aufhören, Abgeordneter zu sein. Darum die täglichen Interpellationen an den Obmann des Legitimationsausschusses, darum das tägliche Gekläffe der antisemitischen Preßmeute gegen Dr. Bloch. Die beste Zeit für ihre Zwecke, die Coalition, haben sie freilich schon verpaßt und sie wittern bereits die Gefahr einer Regierung, welche gegen die Judenhetze minder duldsam sein wird, als die bisherigen. Die höchste Eile thut noth, soll das „Materiale" Schneide r's doch Verwerthung finden, und darum strampelt er in nervöser Hast mit Händen und Füßen nach dem Berichte des Legitimationsausschusses. Die „Reichspost" sagt ja ausdrücklich: „Der eine Mann wiegt für uns eine Armee auf". Nun denn — dieser Bericht wird nicht mehr lange auf sich warten lassen; aber die antisemitischen Bluthunde könnten eine Enttäuschung erfahren, auf die sie heute nicht gefaßt find. Zur Reichsretthswahl im Stüdtebrzirk Olmütz—Protznitz. In feiner letzten Nummer bringt das „Freie Blatt" in Forni einer „Correspondenz" aus Olmütz, die Reichsrathswahl betreffend, neuerlich eine der „Oesterreichischen Wocheuschrift" zngedachte Anrempelung. Ta die „Oesterr. Wochenschrift" blos meine Berichte pnblicirte, für welche ich mit meinem Namen eintrete, sollte der angebliche Berichterstatter des „Freien Blattes" sich nicht in den Mantel der Anonymität hüllen. 9 Was ist nun der Inhalt dieser Correspondenz, und was will sie besagen und bezwecken? Der Herr „Correspondent" heuchelt eine affectirte Entrüstung darüber, weil die historische Thatsache festgestellt werde, daß der moderne Antisemitismus ein germanisches Product ift,. unterläßt es aber wohlweislich, die „Ungeheuerlichkeit" zu widerlegen oder einen Gegenbeweis zu führen. Nicht ohne Absicht wurde vermieden, dieses Thema des Weiteren auszuspinnen. Weil es aber gerade gelegen ist, soll darauf hingewiesen werden, daß der größte Staatsmann der Germanen, Bismarck, den latenten Judenhaß — ad hoc gegen Lasker — wachgerufen und daß der bedeutendste deutsche Geschichtsschreiber der Jetztzeit, Tr eit s ch ke, ein in Wolle gefärbter Antisemit ist. Auch die Thatsache ist bezeichnend, daß alle germanischen Größen der Vergangenheit und Gegenwart von den Antisemiten als Gesinnungsgenossen mit mehr oder minder berechtigten Motiven reclamirt werden. Im Königreich Sachsen sind Volk und Dynastie, die Regierung und der ganze Staatsmechanismus und Organismus antisemitisch. Der Herr „Correspondent" aus Olmütz rennt übrigens offene Thüren ein. Wir haben von allem Anfang an constatirt, daß die Candidatur des Bürgermeisters von Olmütz, Herrn v. Engel, welchem wir, wie diesem wohl bekannt, seit mehr als einer Generation hindurch persönlich die größte Hochachtung entgegenbringen, allseitigen Sympathien begegnet, daß dessen Wahl außer Frage steht. Es handelte sich nur darum, gewisse Modalitäten festzustellen. Diese Aufgabe hatten diejenigen übernommen, welche als active Betheiligte bei der Versammlung der mährischen Notabeln sich über einen Actionsplan einigten, für dessen Durchführung die Olmütz-Proßnitzer Reichsrathswahl die erste passende Gelegenheit bot. Das „Freie Blatt" hat dies in einer etwas gar zu freien Weise geleugnet und setzt seinen Widerspruch und seine Negation auch noch weiter fort. Es sagt nämlich: „Und da soll es jüdische Wähler geben, welche vor der Wahl erst feilschen und schachern wollten? Nein, Dr. B l o ch's Wochenschrift würde, wenn sie Recht hätte, dem mährischen Judenthum keinen Liebesdienst erweisen. Die mährischen Juden, waren, sind und werden deutsch und freisinnig bleiben, komme was da wolle." Ja, hat denn das „Freie Blatt" schon die Erklärung vergessen, welche der wackere, um das Judenthum hochverdiente Cultusvorsteher, Herr Josef Singer, in der Wähler - versammlung in Proßnitz in Vollmacht und namens der jüdischen Wähler von Proßnitz abgegeben, diese Erklärung, von welcher sich jeder Passus als eine schwere Anklage gegen die deutschliberale Partei gestaltet; diese Erklärung, welche als der Ausfluß der erbitterten Stimmung der ganzen Judenschaft Mährens zu betrachten und als ein „Nt a n i f e st" für die Zukunft hinzunehmen ist, wenn, wie zu erwarten, für dieses Viani fest alle Gemeinden einstehen werden, welche durch Delegirte bei der Notabeln-Versammlung in Brünn bevollmächtigt waren. Das „Freie Blatt" meint, äo nt des passe nicht für Juden. I du mein Gott! Was verlangen die biederen Arier nicht Alles von ihren Wahlcandidaten. Er soll Eisenbahnen, Bezirksstraßen, Gerichte, Garnisonen und weiß Gott was noch Alles für jed en Marktflecken des Wahlbezirkes beschaffen. Die Abgeordneten müssen den Befähigungsnachweis für Schuhmacher, Bäcker. Gastwirthe und Kellner, verlangen und gleichzeitig die C a s s i r u n g der T h i e r ä r z t e fordern, weil die bäuerlichen Wähler das wünschen. Ein und derselbe Abgeordnete forderte in derselben Rede die Ausdehnung des Befähigungsnachweises auf das Schank- und Handelsgewerbe und Abschaffung der Thierärzte. Den jüdischen Wählern wird es verargt, wenn sie fordern, daß die bestehenden Gesetze nicht zu ihren Ungunsten gehandhabt werden und daß ihnen der gleiche Schutz gegen Verhetzungen und Unbilden wie den Staatsbiirgern anderer Confessionen zutheil werden. Die Repräsentanz der Judengemeinde Olmütz hat freilich einen separatistischen Standpunkt eingenommen, welcher berechtigtes Aufsehen hervorgerufen hat. Dies läßt sich damit motiviren, daß O l m ütz die jüngste Cultusgemeinde Mährens ist. Den Olmützer Juden ist es wohl kaum dem Hörensagen nach bekannt, welche Drangsale die Juden in Olmütz zu erdulden hatten, in jenem Olmütz, das im Vormärz ein Privilegium ä la Saybusch besaß, welches es so eifersüchtig hütete, daß es die Juden, die es wagten, Freitag nach der Mittagsstunde noch in Olmütz zu verweilen, ohne Rücksicht auf die Person oder die Witterung mit dem Schub in die benachbarten Judengemeinden beförderte. Die gegenwärtigen Olmützer Paradejuden nehmen leider eine isolirte Stellung ein. Sie empfinden, Dank den: Umstande, daß Bürgermeister v. Engel thatsächlich ein humanes, von den edelsten Gesinnungen erfülltes Stadtoberhaupt ist, gegenwärtig nichts von der Misöre, welche ihre Glaubensbrüder anderswo erdulden müssen. Und weshalb ist ihnen dies Martyrium auferlegt? Aus keinem anderer: Grunde, als weil sie Juden sind, dem Glauben ihrer Väter treu bleiben und nicht materiellen Vortheiles halber die Religion, in welcher sie erzogen worden, verlassen. Es sind deutsche Antisemiten, welche alle Kronländer der Monarchie als Emissäre bereisen, um die Bevölkerung gegen die Juden aufzureizen; sie verbinden sich mit den Rumänen, Slovaken, Croaten, Czechen u. s. w. — Alles, um das Judenthum zu vernichten. Die Juden aber sollten keine andere Aufgabe kennen, als gegen die slavischen Landesgenossen einen Kampf auf Leben und Tod zu führen, um den „deutschen Besitz" zu erhalten?! Die Ziele des „Fr. Blattes" sind übrigens zu durchsichtig, um nicht von jedem Juden durchschaut zu werden. Ed. Beer. * * In der gleichen Angelegenheit erhält die Redaction aus Berlin von einem hervorragenden, in der Abwehrbewegung seit Jahren in vorderster Reihe stehenden Glaubensgenossen nachstehende Zuschrift:! .! i 1 * -;; : ' v: . ■y; i'i n . V 't ■

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.