Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 27 (5.7.1895)
- Date
- 1895-07-05
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 Or. Bloch's Mochrnfchrist. Seite 511 dete jetzt den einzigen Gegenstand ihres Gespräches. Alles Uebrige war in diesem Augenblicke ihrem Gedächtnisse entschwunden. Von Zeit zu Zeit verstummten sie, athmeten vor Anstrengung laut und gedehnt. Dann wieder vernahm man kurze, abgerissene Sätze. „Siehst Du, siehst Du, da steckt's!" „Wenn es da steckt, so werden wir es schon Hinaustreiben. Aber ich glaube, es steckt anderwärts." Manchmal entspann sich ein Streit. „Was thust Du?" fragte der Graf voller Unruhe. „Das wird nicht so gemacht." „Aengstigen sich Euer Gnaden nicht," erwiderte der Jude beschwichtigend, „Euer Gnaden werden gleich sehen, wie das wird werden." „Aber gar nichts wird daraus werden! . . . Da mußt Du drücken . . . dort Jenes entfernen ..." „Euer Gnaden irren sich," rief der Jude, die Stimme erhebend und fast schreiend, „Euer Gnaden sehen hier nicht die Sprungfedern, weil sie sind so fein ..." Der Graf jedoch erwiderte mit ebenso lauter Stimme: „Nein, das gefällt mir aber! In dieser Uhr sollte ich etwas nicht sehen!" Nach einer Weile jedoch, als er sah, daß der Jude die Sache auf seine Weise, aber gut machte, flüsterte er leise : „Wirklich, wirklich! Du hattest Recht!" Und der Jude, bereits besänftigt, murmelte: „Bei meiner Arbeit Hab' ich immer Recht." Wiederum schwiegen sie und arbeiteten; ihre gerunzelten Stirnen näherten sich einander, die gepflegten Hände des Grafen vereinten sich mit den welken Händen des Juden, und die Uhren, die von den Wänden hinabschauten, setzten ihr eintöniges, hastiges Geflüster ohne Unterlaß fort. Plötzlich begann eine der Uhren, das Geräusch übertönend, mit tiefer, reiner Baßstimme die zehnte Stunde zu verkünden: Eins, zwei, drei! Beim vierten Schlage schloß sich, gleich einem Jüngling, der einem reisen Manne zu Hilfe eilt, ein dünnes Stimmchen an: Eins, zwei! Beim sechsten Schlage erklangen mehrere Uhren, beim siebenten wurde die Zahl noch größer: Eins, zwei, drei! ertönten alle im Chor. Dann begannen die Stimmen einzelweise zu verstummen, bis endlich der letzte Schlag der zehnten Stunde nur mehr von zwei Uhren angekündigt wurde. Die beiden Männer erhoben ihre Häupter, ließen die Hände fallen und der Jude sagte lächelnd: „Nu, Euer Gnaden, verstehen sich auf Uhren . . . Ich sehe schon, daß Euer Gnaden finden Gefallen an Uhren, so wie einst an feurigen Pferden und schönen, jungen Fräuleins ..." Ebenso heiter erwiderte der Graf: „Das ist wirkich wahr, mein Berek, daß ich eine ganz besondere und unbegründete Vorliebe für Uhren habe. Im Alter wird man eben wunderlich . . ." „Wunderlich?" wiederholte der Jude, und in seiner Stimme klang Unzufriedenheit. „Warum soll das sein Wunderlichkeit? Eine Uhr ist eine schöne Maschine und gereicht zur Ehre ihrem Erfinder. Tödtet sie etwa einen Menschen, wie z. B. eine Flinte oder eine Kanone? Vergiftet sie Jemanden, wie die Maschinen in den großen Fabriken, welche den Leuten schütten Gift in die Mäuler? Eine Uhr ist ein Freund; sie bleibt bei ihrem Besitzer, wenn er ist heiter und wenn er ist traurig; sie spricht zu ihm, wenn Niemand zu ihm spricht; sie lehrt ihn, daß die Zeit vergeht und daß er zusammen mit der Zeit hinabströmt in ein unendliches Meer . . ." Und mit der Hand durch die Luft fahrend, schloß er: „Wissen Euer Gnaden was? Eine Uhr ist dem Menschen manchmal ein besserer Freund als sogar ein anderer Mensch, denn sie beißt nie! Hi, hi, hi!" Er lachte leise. Der Graf jedoch, der den Worten des Juden sinnend zugehört hatte, erwiderte ernst: „Du hast das sehr verünftig erklärt: Diese redende Maschine leistet dem Menschen Gesellschaft, sowohl wenn er heiter, als wenn er traurig ist . . . Weißt Du, daß diese Uhr bereits in meinem Besitze war, als ich, wie Du sagst, an feurigen Pferden und schönen Fräuleins Gefallen fand . . ." „Ai, ai!" schnalzte der Jude, „ein so junger Herr und hatte schon so eine kostbare Uhr!" Der Graf lächelte. „An theueren Gegenständen hat es mir nie gefehlt, wohl aber an Menschen, die meinem Herzen theuer waren.. Niemals werde ich die letzten Stunden meiner Mutter vergessen . . . Der Arzt hatte gesagt, wenn der Puls zu schlagen aufhören wird, tritt der Tod ein ... Ich stand am Bett der theueren Kranken; in der einen Hand hielt ich die Uhr, die Finger der anderen umschlossen das Handgelenk meiner Mutter ... Bon Zeit zu Zeit blickte ich auf das Zifferblatt.. . Kommt er schon, der Tod? .. . Und je näher er kam, desto seltener wurden die Pulsschläge und desto rascher — so schien es mir — bewegten sich die Zeiger der Uhr. Vorwärts gingen sie, vorwärts, ohne auch nur eine Secunde innezuhalten. Und in der weißen Lilie, die ich umklammert hielt, wurden die Pulsschläge immer schwächer, schwächer, immer seltener, seltener, bis sie. . . zuletzt. . . ganz aufhörten. Die Uhr zeigte 5 Minuten und?) Secunden nach Mitternacht. . Der Jude, dessen Augen feucht geworden waren, nickte mit dem Haupte. An den Wänden flüsterten die Uhren: „Tiktak, tiktak, tiktak"! Doch der Graf suchte der Rührung, die sich seiner bemächtigt hatte, Herr zu werden. „Dabei glaubst Du nicht, mein Berek," sagte er lächelnd, „wie lebhaft sie manchmal sein kann. Ich liebte einst eine Dame, mit der ich jedoch immer nur sehr kurze Zeit beisammen sein konnte. Dann lief die Uhr so schrecklich, daß ich sie am liebsten an die Erde geworfen hätte. In Gedanken schalt ich sie: „Du Närrin! bleib' doch ein wenig stehen! Vielleicht wird die Zeit dann auch Stillstand halten!" Sie hörte nicht auf mich; sie eilte ununterbrochen weiter, und mein Glück. .. flog auch davon!" „Und gut geschlafen haben Euer Gnaden immer?" fragte der Jude leise. Der Graf machte eine ironische Bewegung mit der Hand. „Und wenn Euer Gnaden nicht schliefen, hatten Sie immer heitere Gedanken? Nu, ich weiß schon selber, daß dies nicht immer konnte sein der Fall. Und wenn Euer Gnaden so lagen im Finstern, mit trüben Gedanken, da ging die Uhr wohl sehr langsam, wie?" „Aber sie ging," antwortete der Graf, „und die schwarzen Nächte zogen vorüber ..." „Aber während ihrer Dauer und wenn Alle schliefen, dann war die Uhr das einzige Wesen, das sprach zu Euer Gnaden .. . Und was sagte sie? Sie tröstete Euer Gnaden, daß auch diese Trauer wird gehen vorüber ..." „Wie Alles vorübergeht", schloß der Graf und verfiel in tiefes Sinnen. Er war erstaunt. Warum sitzt er hier so lange und spricht mit diesem Juden? Er kannte ihn nicht. Nun freilich, war das aber etwa ein Grund? Dieser Mann und er können doch unmöglich gemeinsame Erinnerungen haben? Der Graf war nicht hochmüthig und zeichnete sich sogar durch angeborene Menschenfreundlichkeit aus. Nichtsdestoweniger war er sich der Tiefe des Abgrunds, der ihn von Berek trennte, sehr genau bewußt. (Fortsetzung folgt.)