Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-05 · 27 (5.7.1895) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
27 (5.7.1895)
Date
1895-07-05
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021089--04708-3028907
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 510 Dr. Bloches Wochenschrifk. Canals stattfand, hatte unser Glaubensgenosse, Herr M. W. H i nrichsen, den Ehrenplatz zur Linken des Staatsministers Herrn von B ö t t i ch e r. An der mit Recht vielbewunderten Ausschmückung der in derBinnenalster aufgeführten künstlichen Insel hat ein jüdisch er Tapezierer hervorragenden Antheil. Lindau a. H., 17. Juni. Der Banquier Philipp Granne ist mit Hinterlassung von M. 500.000 Schulden spurlos, verschwunden; der Concurs über das Vermögen ist eröffnet. Grau n e, der als gewaltiger Anttsemit stets auf das „unredliche Gebührender jüdischen Geschäftsleute" geschimpft hat, bctneb sein Bankgeschäft in Lindau a. H. unter Beihilfe seines Sohnes August und hatte viel Zulauf. Man wundert sich jetzt über die Plumpheit, Dreistigkeit und Frechheit, mit der das Geschäft betrieben worden ist und so viel Vertrauen hat gewinnen können. Lindau allein hat wohl an M. 150.000 eingcbüßt, und meistens sind cs Arbeiter, Witwen und Invaliden, welche ihr sauer Verdientes und Erspartes dem Granne anvertraut und nun das Nachsehen haben. Hirschberg, 20. Juni. Herr Banquier Hans Schlesinger in Berlin hat für das hiesige Krankenhaus M- 20.000 gespendet, deren Zinsen Heilungsbedürstigen aller Confessionen zu Gute kommen sollen. _ Feuilleton. Vereint. Novelle von ßkrse Hrzeszko; ausschließlich autorisirte Ilebersetzun aus den: Polnischen von Wakrvina ISlumverg. (Fortsetzung.) Nach einer Weile des Nachdenkens erwiderte der Graf mit einem Seufzer: „Natürlich! Die Jugend! Wir waren zusammen jung, mein Berek!" Ohne den Blick von den Zügen des Grafen wegzuwenden, fragte der Jude abermals leise: „Und jetzt?" „Jetzt? Nun! Jetzt sind wir zusammen alt..." Der Jude stützte die Hände auf die Knie und blickte zu Boden. Sein Rücken war gerundet, die Gestalt schien kleiner als vorhin. „Ja, ja!" sagte er, „warum sollen wir nicht sein geworden zusammen alt, wenn wir sind gewesen jung zusammen? Jeder Mensch auf der Welt, ob Jude, ob Christ, ob reich, ob arm, hat Jugend und Alter..., und Jeden freut die Jugend und Jedem bringt das Alter eine Traurigkeit, die ihn nicht mehr verläßt. . . bis zum Grabe. Das macht Jeder durch..." Er schwieg. Auch der Gras saß wortlos da, und nur die Uhren an den Wänden setzten ihre eintönige, hastige Unterredung ohne Unterlaß fort: „Tik-tak!" „Tik-tak!" „Tik-tik-tak!" „Tik-tik-tak!" Plötzlich begann eine der Uhren mit tiefer, klarer Baßstimme die neunte Stunde zu verkünden. Eins, zwei, drei! Beim vierten Schlage schloß sich, gleich einem Jüngling, der einem reifen Manne zu Hilfe eilr, ein dünnes Stimmchen an: eins, zwei! Beim sechsten Schlage erklangen mehrere Uhren, beim siebenten wurde die Zahl noch größer. Eins, zwei, drei! ertönten alle im Chor; dann begannen die Stimmen einzelweise zu verstummen, bis endlich der letzte Schlag der neunten Stunde nur mehr von zwei Uhren angekündigt wurde. Lächelnd blickte der Graf um sich. „Ein Concert!" flüsterte er, und nachdenklich fügte er hinzu: „Mein Berek! Wie viele Stunden hat die Zeit Dir und mir geschlagen!" „Nu," antwortete der Jude, „warum hätte sie das nicht sollen thun? Wir waren weit von einander entfernt, und Einer dachte nicht an den Anderen; aber die Zeit schlug ihre Stunden auf den Uhren, sowohl für mich, wie für Euer Gnaden, wie für alle Menschen auf der Welt . . ." Nr. 27 Eine Weile schwieg er; dann heftete er den Blick auf seinen Gast und begann schüchtern: „Wissen Euer Gnaden, daß ich Ihre Eltern denke so genau, als hätte ich sie gesehen gestern? Der Vater von Euer Gnaden war kleinen Wuchses, aber eine vornehme Erscheinung, und die Frau Gräfin, die hatte Hände! . . . o, so weiß und schön, wie die Blumen im Garten, welche der Schloßgärtner nannte Lilien. Wann ich sah die Hände der Frau Gräfin, sielen mir immer ein die Lilien. Verzeihen Euer Gnaden meine Frage; aber leben die Eltern noch?" Ein bitteres Lächeln umspielte die Lippen des Grasen. „Wo denkst Du hin, mein Berek," entgegnete er, „wäre es möglich, daß meine Eltern noch am Leben sein sollten? Die weißen Lilien, von denen du sprichst, ruhen längst schon in der Erde." Seine Stimme erbebte, doch unterdrückte er die ihn zu übermannen drohende Wehmuth und fragte: „Und Deine Eltern? Des Vaters erinnere ich mich fast gar nicht, aber Deine Mutter denke ich sehr deutlich. Schmächtig, nicht großen Wuchses, die Hände immer voll Arbeit, hatte sie ein welkes Gesicht, aber noch sehr schöne Angen. Schwarz und feurig ..." Die Antwort des Juden erfolgte nicht sogleich. „Diese schönen, schwarzen Augen," erklang es endlich leise von seinen Lippen, „an die Euer Gnaden 'sich erinnern, sind längst schon begraben in der Erde." „Tik-tak!" „Tik-tak!" „Tik-tak!" flüsterten die Uhren und wortlos saßen die beiden Männer einander gegenüber. Sie konnten nicht sprechen. Ihre Seelen lauschten den Klängen der entschwundenen und entschwindenden Zeit. Der Jude war der Erste, der aus dem Sinnen erwachte und das Schweigen brach. „Und welchem Umstande habe ich zu verdanken diese Gnade von Gott, daß mich hat ausgesucht ein alter Bekannter?" Als Mntwort entnahm der Graf seiner Westentasche eine alterthümliche Uhr und reichte dieselbe dem Juden. „Haben Euer Gnaden schon selber etwas mit ihr vorgenommen? Nun, einerlei! Ich sehe schon, es steht nicht gut mir ihr. Sie ist sehr krank. Man muß das Werk auseinandernehmen und curiren die Kranke . . ." In den Augen des Grasen blitzte es auf. Er war besorgt aber auch erfreut. „Kannst Du das gleich thun?" „Warum nicht? Ich werde sein sehr zufrieden, wenn Euer Gnaden hier bleiben ein bischen und sich selber überzeugen, daß ich dieser Kranken thue nichts zu Leide. Nur muß ich anzünden eine hellere Lampe, denn um auszuführen bei diesem Licht so eine feine Arbeit, dazu sind meine Augen schon zu schwach ..." „Da hast du es jedenfalls besser als ich," erwiderte der Graf, der sichtlich heiterer wurde, „du kannst Dir eine größere Lampe anzünden, aber ich kann mir gar nicht helfen, denn die Brille, die ich bei derartiger Arbeit anfzusetzen pflege, habe ich zu Hause gelassen . . ." „Ai, ai! Wie schade! Aber ich habe verschiedene Brillen. Vielleicht werden Euer Gnaden finden darunter eine passende. Bitten die Augen von Euer Gnaden auch schon, daß man sie soll entlassen ans ihrem Dienste?" „O ja, mein Berek, und wie sehr . . . und das ist keine kleine Qual. Ohne Brille kann ich nicht vom Fleck, und manchmal wird es mir auch mit der Brille schwer." „Das ist just so, wie bei mir," sagte der Jude, indem er seiner Schublade mehrere Brillen entnahm, „unsere Augen sind zusammen alt geworden." Nach einigen Minuten lag das auseinandergenommene Uhrwerk auf dem Tische, und die beiden Alten, m die Betrachtung der verschiedenen Bestandtheite des kunstvollen Mechanismus vertieft, saßen dicht nebeneinander. Sie hatten Beide große Hornbrillen aufgesetzt, und ihre Augen, in denen das Licht der Lampe silberne Funken entzündete, waren unverwandt aus die Uhr gerichtet. Dieselbe bil-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.