Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 27 (5.7.1895)
- Date
- 1895-07-05
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 27 Dr. BIvrh's Wochenschrift. Seite 507 Ueberzahl von Franzosen, die endlich, von ihren nutzlosen Anstrengungen erschöpft, den Rückzug antraten. Allen Theilnehmern dieser Hkldenthat stellte der General Giacomo Medici eine besondere Belobung aus. In der kteinen Zahl der tapferen Italiener waren fünf Juden. Die Namen Oberst Enrico G u a st a l l a, Cesare Guastalla, Allessandro Levi. JsraeleLevi und Giacomo Veneziani, der bei diesem Kampfe seinen Tod fand, sind jedem italienischen Patrioten unvergeßlich geworden. — Bei dem Bataillon der Freiwilligen aus Toscana waren nicht weniger als 45 Juden, zum größten Theil aus Livorno. Ueberhaupt nahmen 1848/49 nicht weniger als 235 jüdische Freiwillige, 1859/60 sogar 260 an dem Unabhängigkeitskampse Theil, eine enorme Zahl, wenn man bedenkt, wie wenig Juden damals in Italien wohnten. Viele zahlten ihre Opferwilligkeit mit dem Leben, sehr viele aber errangen Tapferkeitsmedaillen und Beförderungen. Bekanntlich befanden sich auch in der Schaar der „Tausend von Marsala", in denen die Italiener die Blüthe der Helden verkörpert sehen, e l s I u d e n: Alfons Giacomo aus Padua, Bassani Enrico aus Ferrara, Colombo Donato aus Fossano, Giuseppe d'Ancona aus Venedig. G. Della Vida aus Livorno, Donati Agelo aus Padua, Ricardo Luzatti aus S. Daniele, Eugenio Rava aus Reggio d'Emilia, Giulio Rovighi aus Turin, Davidi und Enrico Uzielli aus Livorno. Die italienischen Juden dürfen stolz sein auf den Antheil, den sie an der Befreiung Italiens gehabt haben. (Antisemitische Abgeordnete und ihre Diener.) Bei den Kieler Festlichkeiten siel es aus, daß antisemitische Reichstagsboten, denen ihr ehrbares Agitatorenhandwerk noch keine Millionen eingetragen hat, dennoch mit Dienern „bewaffnet" auf der Bildsläche erschienen. Des Räthsels Lösung gibt jetzt die socialdemokratischc „Sächsische Arbeiter- Zeitung", indem sie schreibt: „Würdig repräsentirt wird die j antisemitische Partei bei der Feier der Eröffnung des Nord- Ostsee-Canals — Herr Z i m m e r m a n n hat sich eiiieix wirklichen, echten Diener dazu mitgebracht, der neben den Stiefelwichs- und sonstigen Geschäften auch die Aufgabe hat, seinem Herrn und Meister sehen zu helfen; zu helfen, all die Herrlichkeiten und Festlichkeiten und Fürstlichkeiten zu erschauen, was so ein nobler Herr doch nicht allein machen kann. Und was für ein Diener das ist — ein nobler Diener — keiner der Festtheilnehmer wird solchen Diener aufzuweiseu haben — Hirsch Hyacinthos, der selige Diener des seligen Barons v. Gumpalino, ist gar nichts gegen diesen Diener. Wir hatten das Glück, seine Festkarte zu sehen, also die Karte, die ihm gestattet, an den Eröffnungsfeierlichkeiten theilzunehmen — (ohne Eintrittsgeld), darauf stand zu zu lesen: „Louis Köhler, Diener d e s H e r r n ReichstagsabgeordnetenOswaldZimmerm a n n." Für Leute, denen dieser Louis Köhler unbekannt sein sollte und die darum ob unserer Erzählung ein ziemlich dummes Gesicht machen dürften, müssen wir allerdings noch eine kurze Erklärung hinzufügen : Herr Louis Köhler (der frühere Besitzer des Schillergartens in Blasewitz) besitzt ein Vermögen von mehr als einer halben Million Mark. Wer bei dieser Fahrt wohl die Zeche bezahlen wird — der Herr oder der Diener? —" Auch Abgeordneter Ahlwardt hatte sich, wie die „National-Zeitung" erzählt, einen Berliner Gastwirth als seinen angeblichen „Diener" mitgebracht, der an der Seite seines „Herrn" an dem Feste im Bremer Rathskeller theilgenommen haben soll. (Die Anwesenheit des Herrn Ahlwardt bei den Kieler Festen), schreibt die „Köln. Ztg.", gibt nachträglich zu einigen unliebsamen Erörterungen Anlaß. Unseres Erachtens war es sehr undankbar von der jetzigen Leitung der conservativen Reichstagsfraction, diesen Mann, dessen rührige»- Vorarbeit nicht wenige der conservativen Herren ihre Wahlsitze verdanken, so ganz links liegen zu lassen. Geräde bei dieser Gelegenheit und schon aus collegialer Rücksicht auf die anderen Parteien hätte ihm ein Ehrenplatz zwischen seinem warmen Gönner, Freiherrn v. Lange n, dem demnächstigen Erretter des deutschen bürgerlichen Gesetzbuches aus den Klauen des römischen Rechts, und einem der Führer der conservativen Fractiou gebührt. (Roch einmal: Sänger oder Borbeter k) Ich will nicht mit Herrn Obercantor Kläger in theologicis disputiren, nur dies möchte ich betonen, daß gerade der von ihm angeführte § 53 des Schulchan Aruch Orach Chajim am besten beweist, wie Scheliach Zibbur (Gesandter der Gemeinde) und Chasan (Vorsänger) ursprünglich zwei verschiedene Begriffe waren und im Laufe der Zeit zusammensielen. Mischna und Gemara unterscheiden noch scharf zwischen beiden. Im Talmud wird der Ausdruck Chasan in dreierlei Bedeutung angeführt: 1. Der Chasan der Stadt in der Bedeutung: Aufseher der Stadt, 2. der Chasan des Gerichtshofes, in der Bedeutung: Diener des Gerichtshofes, endlich 3. der Chasan der Synagoge, in der Bedeutung : Vorsänger und Diener der Synagoge. Die Wurzel des Wortes Chasan ist nach allen Wörterbüchern chasah. (sehen), wie auch nach Ansicht des Beer Hetew, von Herrn Kläger angeführt. Der angeführte Satz kommt übrigens schon wörtlich im Aruch des Rabbi Nathan vor, weil auch damals schon der Chasan Borbeter war. (Ausführlich schreibt darüber Landau in der Note zum Artikel Chasan.) Daß aber der Vorbeter in der talmudischen Zeit etwas ganz Anderes war, beweist die Mischna Tanith II, 1 ganz klar, von anderen Stellen gar nicht zu reden. Im Orach Chajim wird noch darauf gedrungen, daß der Chasan wenigstens kein llnwürdiger oder Ungelehrter sei. So hat sich die Sache genau in's Gegentheil verkehrt. In der Gemara Tanith 16 wird verlangt, daß der Chasan, der vorzubeten bestimmt ist, auch wenn möglich eine angenehme Stimme besitze, fast genau ein Jahrtausend später wird verlangt, daß der Chasan, der vorzubeten bestimmt ist, wenigstens nicht ganz ungelehrt sei. Herr Obercantor Kläger ist so gnädig, dem Rabbiner, als dem Würdigsten der Gemeinde, zu gestatten, das Nülahgebet an Stelle des Cantors vorzubeten, weil der Cantor am Jom Kippur- Ausgang schon ermüdet ist und weil nur der Würdigste in der Gemeinde berufen sein darf, den ermüdeten Cantor zu vertreten. 8. (Des „Vaterland" — EndeDer „Pester Lloyd" meldet von einer Action des „Vaterland", die geeignet ist, die geänderte politische Situation zu illustriren. Wie der Wiener Correspondent des „Pester Lloyd" erfährt, ist seitens des „Vaterland" an den conservativen Adel ein vertrauliches als Manuscript gedrucktes Circular zur Versendung gelangt, daS in beweglichen Worten die prekäre finanzielle Lage des Blattes schildert, an die Schädigung durch die „Reichspost" und das „Deutsche Volksblatt" erinnert und schließlich um Schaffung eines Garantiefonds in der Höhe von fl. 30.000 jährlich bittet — sonst würde am d. M. das „Vaterland" — nach 30jährigem Bestände zu erscheinen aushör^n müssen. Bisher habe das „Vaterland" Subventionen von ungefähr sl. 30.000 jährlich erhalten. Nach dieser Meldung des „Pester Lloyd" scheint die Demission des Grafen Falkenhayn für daS „Vaterland" recht verhüngnißvoll geworden zu sein. CorrejpondenM. E. B. Wien. Die Lpecies antisemitischer Bertheidiger in Strafsachen. Gelegentlich des Processes Siegt spielte sich im Gerichtssaale eine peinliche Scene ab, hervorgerufen durch einen, die Collegialität höchst verletzenden Ausfall Dr. P o rz er's. Letzterer sagte nämlich in seinem, die Manipulationen seines Clienten T a uferer rechtfertigenden Plaidoyer, aus die Bertheidiger der Angeklagten hinzielend, daß diese Bertheidiger zu den Zweifeln an der Rechtschaffenheit T a u s e r e r's und zu ihren Conclusionen wohl mir aus dem längeren Berkehr mit den Angeklagten gelangt seien. Dr. H e r z b e r g - F r ä n k e l erwiderte hierauf in schlagfertiger Weise, daß, wenn er auch die Bemerkung des Borredners nicht per-