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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-05 · 27 (5.7.1895) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
27 (5.7.1895)
Date
1895-07-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 504 bereits eine ebenso wackere Frau genommen; Rembrandt hat seine Mutter immerfort gemalt, meist mit der Bibel vor sich, oft orientalisch gekleidet, sogar mit dem Turban um den Kopf, aber auch geradezu jüdisch, zum Beispiel als früher sogenannte „Prophetin Anna" (Oldenburg), deren Haare, nach der Beschreibung eines berufenen Schilderers, „wie bei einer Jüdin unter einer weißen Haube verborgen sind". Die Untersuchungen Richter M o r a r y's über R e m - brandt's Vater ergeben, um kurz zu sein, eine höchst merkwürdige Thatsache. Bisher galt er als Müller, und man kennt auch alles dazu Gehörige genau. Allein G e r a r d D o u's Bild : „Der Zahnreißer" im Louvre steckt ein neues Licht auf. Gerard Dou war ein Schüler Rembrandt's und hat den Vater seines Lehrers als Zahnreißer dargestellt. Die Porträtmäßigkeit ist unbestreitbar und anerkannt. Was läge da näher als zu muthmaßen, daß der alte Rembrandt einer der jüdischen Acrzte in Amsterdam gewesen sei? Eine Bemerkung in A r e n t van B u ch e l's „8,68 pictoriae“ kann vielleicht dieses Licht verstärken. Van Büchel äußert sich unter Anderem über den aufstrebenden Rem b r a n d t: „Molitoris etian Leidensis filius magni fit" (auch der Sohn eines Leydener Müllers wird ansehnlich). Molitor (der Mahlende) bedeutet nun freilich für gewöhnlich Müller. Allein in dem willkürlichen Latein jener Zeit war es ganz gut auch für molaris (Mahlzahn, Backenzahn) zu verwenden. In der philologisirenden Humoristik von damals könnte der Satz dann bedeuten: „Der Sohn eines Meister Backenzahn aus Leyden", das heißt eines Zahnarztes. (Richter M o r a r y kennt leider den deutschen Familiennamen „v. Maltzan" nicht, der ihm ein unschätzbares Analogon geben könnte). Ist diese Voraussetzung richtig, dann erklärt sich auch so Manches in Rembrandt's Werk. Ohne Zweifel wird er seinem Vater als chirurgischer Gehilfe gedient, wohl auch selbstständig operirt haben. Jedenfalls beschäftigte er sich viel mit Anatomie; die berühmten „Anatomien", Secirsaalscenen, die er malte, sind classische Zeugnisse dafür. Kann es wundernehmev, daß Dr. T u l p sein Anatomiebild bei keinem Anderen als bei ihm best ellte. Oder daß R e mb ran dt die Freundschaft jüdischer Acrzte und kabbalistisch curirender Rabbis suchte? Durchmustert man seine Studien - blätter, so erstaunt man über die Menge elender Krüppel, die er mit Stift und Nadel dargestellt hat. Wo in aller Welt nahm er diese Sammlung von Bresthaften jeder Art her? Seine Patienten müssen sie gewesen sein. Unter seinen weiblichen Actstudien gibt es welche, die nur unter dieser Voraussetzung denkbar sind, da einerseits weibliche Modelle schwer zu haben waren und andererseits so abnorm häßliche Modelle von einem Künstler schwerlich, gewählt worden wären. S telzfiißige, wassersüchtige, einarmige, bucklige, gichtbrüchige Leute tummeln sich in buntem Gewirr auch auf dem berühmten „Hundertgulden blatt", das den krankenheilenden Christus darstellt; es sind augenscheinlich lauter arme jüdische Patienten aus der Amsterdamer Judenstadt, die den ärztlichen Rath durch das Modellstehen vergalten. Das wäre so in großen Zügen der Gcdankengang Richter Mora r y's. Vor seinem Richterstuhle kann, wie man zugeben wird, der bisherige Rembrandt ganz und gar nicht bestehen. Er begnügt sich aber nicht mit der Combination wohlkritisirter Thatsachen, sondern faßt die Frage auch vom Standpunkte des „ethnographischen Kunstpsychologeu" in's Auge. Er widmet zum Beispiel ein eigenes Capitel dem Helldunkel des Meisters und weist dessen national-jüdischen Ursprung ausführlich nach. „Dieses Helldunkel," sagt er, „ist nicht Anderes als der höchste ästthetische Ausdruck, die Jdealisirung jenes Dunkels, in dem die Vorfahren des unvergleichlichen Meisters fünfzig Generationen hindurch manipulirt oder, um eine bekannte Redensart zu gebrauchen: jenes Trüben, in dem sie gefischt haben." Rembrandt hat dieses „Trübe" geläutert, veredelt, verklärt, aber noch immer fischt er darin, wie alle seine Allvordcren, und was er herausholt, ist eitel Nr. 27 Gold und Edelgestein. Dies kann ebensogut wörtlich gelten. Rembrandt war der größte Schmuckmaler aller Zeiten, er hatte die altererbte Passion des Geschmeides. Er kaufte es überallher zusammen und überhäufte damit seine kleine, üppige, in Sammt und Brocat erstickende Saskia, wie alle Orientalen es thun. Ein genialer Trödlergeist hat sich hier in höchste Kunst umgesetzt. Und nun sehe man dazu den merkwürdigen Gegensatz, der allerdings im Judenviertel zu begreifen sein wird: das Inventar seines Nachlasses führt ganz auffallend wenig Leib- und Tischwäsche auf. Bei den echten christlichen Holländern war gerade dies bekanntlich die Hauptsache, ja der Stolz ihrer Frauen; im Hause Rembrandt trug man reiche Oberkleider und ärmliches Unterzeug. (Der Herr Friedensrichter übersieht dabei, daß Rembrandt zu S a s k i a's Lebzeiten sehr wohlhabend, bei seinem Tode aber ein vollkommener Habenichts war, dessen Ober- und Unterkleider sich in gleich jämmerlichem Zustande befanden.) Den Werth des Geldes habe R e mb r a n d t gar wohl gekannt, und es sei gewiß tief begründet, daß er die Scene malte, wo der reuige Judas dem Hohenpriester das Geld zurückbringt; diese Scene müsse ihm als die besondere Tragik in Judas Jscharioth's Leben erschienen sein. An den oft erwähnten Geiz R e mb r a n d t's glaubt er nicht, allein ebensowenig an dessen Verschwendungssucht. Er war einfach ein unsolider Geschäftsmann, der schließlich Bankerott machen mußte. Daß er den Vorstand der Bankerottkammer, den alten H a ar ung, und auch den jungen Ha arun g, und den Secretär der Kammer obendrein porträtirte, um sie sich günstig zu stimmen, oder daß er dem widerstrebenden Secretär des Prinzen von Oranien wegen der prinzlichen Bestellungen durchaus ein 10 Fuß hohes und 8 Fuß breites Bild verehren wollte, liegt ganz in der Natur solcher Leute. Das sind, wenn man will, verschämte Bestechungsversuche. „Die Juden," sagt Richter Morary, „sind vorzügliche Geschäftsleute; wenn aber einmal einer ein schlechter Geschäftsmann ist, dann ist er es auch so sehr, daß ihn darin kein Christ und kein Türke erreicht." Und einer dieser unglaublich schlechten Geschäftsleute sei Rembrandt gewesen. „Ungeschickt bis zum Schein der Unehrlichkeit." Die allzu scharfsinnige und darum etwas schartige Studie des Richters Morary in Boston ist ein Auswuchs jener modernen Kritik, die durch Skepsis bis auf's Messer und eine mikroskopirende Silbenstecherei aus dem gegebenen Stoffe Alles herauszudividiren vermag. Ist der Stoff reichhaltig, so läßt sich aus ihm durch Gruppirung und Beleuchtung der passenden Züge, bei Unterdrückung oder Beschattung der unpassenden, einfach jede These beweisen. Oder sollte Richter Morary nur eine Parodie dieser kritischen Richtung haben liefern wollen? Möglich ist ja auch das. Möglich ist sogar, daß irgend ein Bezweiflungskünstler seiner Schule ihm den Beweis führen wird, sein Buch sei eigentlich gar nicht von ihm geschrieben und er selber existire vielleicht nur im Gehirn irgend eines sensationssüchtigen Zeitungsschreibers, z. B. in dem meinigen. Armer Richter M o r a r y! „Pester Lloyd". Vom Jahrmarkt des Lebens. (Liquidation Günzburg.) Einer Petersburger Meldung zufolge. haben die Liquidatoren der Firma G ü n zb u r g mit den Creditoren der Firma nunmehr endgiltig abgerechnet. Die Letzteren haben nicht nur den vollen Betrag ihrer Guthaben erhalten, sondern auch noch 4 Percent für die ganze Zeck seit der Zahlungseinstellung der Firma. Die Kosten der Administration, die eine sehr beträchtliche Summe ausmachen, hat Baron Günzburg aus Eigenem bestritten. Man spricht davon, daß die Firma, deren Credit durch eine derartige Liquidation nur gestiegen sein kann, ihre Thätigkeit wieder aufnehmen werde. Dr. Bloch's Wochenschrift.

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