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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-05 · 27 (5.7.1895) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
27 (5.7.1895)
Date
1895-07-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 502 Nr. 27 Dr. Bloch's Wochenschrift. Juden auszuweisen!.') und 2406 Rubel für die Kanzlei des Stadthauptmannes! Die Einwohnerzahl des Gouvernements Minsk beträgt nahe an zwei Millionen, darunter 361.071 Juden (etwa 18 8 Percent). _ Ego. Rrmbrandt ein Jude? L. H—i. Daß Shakesp ear e ein literarischer Betrüger war und seine Werke von Lord Bacon gedichtet sind, leuchtet wohl jedem richtigen Ein äs sieole-Menschen ein. Auch daß Rembrandt's Gemälde eigentlich durch seinen Schüler Ferdinand Bol gemalt wurden, wird seit Lautner's famosen Buche schwerlich Jemand bezweifeln wollen. Den beiden falschen Größen ist es so übel ergangen als sie es verdient haben; dem Maler aber neuerdings doch noch schlimmer, denn während der Beweis, daß Shakespeare ein Jude gewesen, noch von keinem Menschen unternommen worden, ist dies seit Kurzem hinsichtlich R embrandt's so viel wie erwiesen. Der Friedensrichter Osias U. M o r a r y in Boston ist der ebenso kühne als glückliche Führer dieses Beweises. Das Fragezeichen im Titel seines Buches („Bembrandt a Jew? a critical disquisition. Boston, Hullo and Co. 1894“) bedeutet wohl mehr die Gewissenhaftigkeit des Juristen als einen kunstkritischen Zweifel, den Kunstkritiker, die einen neuen Fund gethan zu haben glauben, zweifeln niemals. Und Richter Morary ist jedenfalls höchst befugt in der Sache, denn er hat, wie sein Vorwort mittheilt, lange Zeit als jüdischer Dolmetsch bei Gericht gedient, obgleich er von Haus aus ein guter Christ und Mitglied der methodistischen Gemeinde von Westhill-Square ist. Wie die meisten großen Entdeckungen, so ist auch die seine einem ganz winzigen Keime entsprossen. Unter der Photogravure einer Zeichnung, die Rembrandt's Frau, Saskia, vorstellt, sah er einige Zeilen von des Künstlers Hand und hielt sie im ersten Augenblick für jüdische Cursivschrift. Es waren die Charaktere einer Hand, die in stoßweise hingesetzten Einzelbuchstaben solche Schrift zu schreiben pflegt, und zwar von rechts nach links. „Der Eindruck war ganz frappant," schreibt Richter M o r a r y, „und ich staunte, als ich bei näherer Betrachtung dennoch einen christlichen Text von links nach rechts lesen mußte." Jndeß war seine „analytisch-combinatorische Phantasie" einmal erregt, und er gab ihr nach. Er suchte Abbildungen von Allem, was Rembrandt gemalt, radirt und gezeichnet, und seine Verdachtsgründe „wurden immer fetter". Selbst für eine ererbte Neigung der Hand, von. rechts nach links zu ziehen, fand er merkwürdige Beweise. Er weist z. B. sehr scharfsinnig auf die Wendeltreppen in mehreren Bildern R e m b r a n d t's (so im „grübelnden Philosophen" des Louvre, im Porträt des Ephraim Bonus u. s. w.) hin, die ihre Schwenkung sämmtlich von rechts nach links nehmen, während ein christlich gewöhnter Darsteller seine christlichen Wendeltreppen höchst wahrscheinlich von links nach rechts gedreht hätte. Er weist auf das radirte Blatt „Dr. Faustus" hin, wo die mystische Erscheinung als eine lichtumstrahlte kabbalistische Inschrift oder Formel dargestellt ist. Er macht auf das Schwanken in Rembrandt's eigener holländischer Unterschrift aufmerksam,wo derNamebald mit „d",bald mit „t", bald mit „dt" endet; ein Beweis, daß der Name erst seit Kurzem in der geltenden Landessprache geschrieben zu werden pflegte. Das sind ohne Zweifel auffallende Beweisgründe, obgleich man Einiges dagegen einwenden kann. Vor Allem ist die Schrift kein sicherer Beweis, denn dann war auch der hochkatholische Lionardo da Vinci Jude, der seine großen Foliobände von rechts nach links in Spiegelschrift vollschrieb. Und die Richtung der Schneckenstiege ändert sich schon durch den Abdruck von einer Platte, so daß Rechts und Links sich vertauschen. Die unsichere Schreibung des Namens endlich hat Rembrandt mit seinen meisten Collegen gemein; der Delfter Vandermeer ist gar mit Vermeer identisch und trotzdem kein Jude. Doch betrachten wir den weiteren Forschungsgang Morary's, der sich übrigens, weder philonoch antisemitisch gibt und nur die reine, sachliche Wahrheit sucht. Ueberaus lehrreich ist schon der Katalog des R e mb r a n d t'schen Lebenswerkes. Wem muß es nicht auffallen, daß da nicht weniger als 41 Bilder aus dem alten Testament Vorkommen? Und es sind ihrer noch weit mehr, allein viele, gehen, falsch gedeutet, unter unrichtigen Namen, wie die berühmte „Danae" in der Eremitage, welche früher richtig „Sara" geheißen hat und diese biblische Dame darstellt, die ihren geliebten Tobias erwartet. Oder man zähle einmal die vielen berühmten „Rabbiner" Rembrandt'8, in deren Gruppe aber noch viele andere bärtige Gestalten gehören, die nur als Gelehrte, Philosophen und Eremiten bezeichnet sind. Der „Rabbiner" des Herzogs von Devonshire in Chatsworth kann sich am wenigsten verleugnen, benn er sitzt im Tempel, und hinter ihm ragt eine Säule, um die sich eine Schlange windet, natürlich wieder von rechts nach links. Man vergesse nicht, daß Rembrandt selbst zur Zeit seiner Blnthe in der Amsterdamer Judenstadt wohnte; in der Jnden- Breestraat stand sein Haus, und der portugiesische Jude Salvador R o d r i g u e war sein Nachbar. Dort fand er alle die krummnasigen Modelle für seine vielen alten Leute, unter denen die Geldwechsler auffallend häufig sind. Die „Geldwäger" sind eine seiner Specialitäten; selbst den holländischen Schatzmeister Uytenbogaerd conterfeite er als Geldwäger zwischen Geldsäcken ab, ja in Dresden gibt es sogar eine „Geldwägerin", und unter den radirten Landschaften ist eine der schönsten das „Landgut des Geldwägers". Es hat gewiß seinen Grund, daß schon zwei seiner ersten Bilder (1627) ein „Geldwechsler" und „Samson und Delila" sind. Nach den alten Juden seiner Nachbarschaft malte er auch viele christliche Heilige; so ist der herrliche Apostel Paulus in Wien einer der schönsten sogenannten Rabbiner von ehemals. Diese Rabbinerbilder nehmen auffallender Weise zu, als der Künstler durch den Tod seiner geliebten Gattin tief gebeugt ist. Offenbar sucht er in solchen Zeiten der Prüfung geistlichen Trost und bezahlt ihn durch Porträts. Aus jener Zeit (1645) stammt der berühmte Rabbi der Berliner Galerie, der auch von seinen Schülern oft gemalt wurde. Auch eines seiner besten Synagogenbilder (1648) ist in solcher Gemüthsstimmung gemalt. Damit steht es wohl im Zusammenhänge, daß er mit dem vorrückenden Alter sozusagen immer jüdischer wird, als zöge ihn etwas wie Reue aus der Christlichkeit zum verlassenen Ursprung zurück. Merkwürdig genug, daß ein Künstler von so glänzendem Namen, der zu den Berühmtheiten seines Wohnortes gehörte, keinerlei Verkehr mit den christlichen Geistesgrößen des damaligen Amsterdam pflegte. Dagegen waren zwei Juden seine besten Freunde, die er auch wiederholt gemalt und radirt hat. Der eine war der Rabbi Menaseh den Israel, dessen weißer Bart und schwarzes Barett in der Petersburger Eremitage sich weithin anmelden. Er stand fast in gleichem Alter mit Rembrandt, und sie waren als Nachbarn viel bei einander. Es ist gewiß eine höchst auffallende Thatsache, daß das einzige Buch, welches R e mbrandt jemals illustrirt hat, Rabbi Menasseh's „Ita Piedra gloriosa“ war; er illustrirte es, obgleich er den theosophischen Inhalt gar nicht verstand, so daß er in der That nur verworrene, ja unverständliche Bilder zu Stande brachte. Der andere jüdische Freund war der portugiesische Arzt Ephraim Bonus (ursprünglich Bueno), der auch sein Hausarzt gewesen zu sein scheint. Und in dieses Capitel schlagen endlich seine zahlreichen Bilder, die seit jeher unter dem Namen „Die Judenbraut" gehen. Sie sind sämmtlich bewunderungswürdige Meisterwerke, wie nicht minder die Radirungen der sogenannten großen und kleinen Judenbraut. Noch in seinem spätesten Alter fühlte er das Bedürfnis, eine Judenbraut, die soundsovielte, zu

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