Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 27 (5.7.1895)
- Date
- 1895-07-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021089--04699-3028898- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 27 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 501 Nus Rußland. „Ah! Da kommt schon wieder der Hiobspostmeister aus Rußland!" So ruft gewiß mancher Leser unmuthig beim Erblicken dieses Artikels. Und, ich muß es ja gestehen, meine Berichte „aus dem Jammerthale" sind durchaus nicht geeignet, die Herzen der Menschen zu erfreuen (nur die Antisemiten, die UZtes humaines, könnten an der Lecture derselben Gefallen finden). Aber — ich kann ja nichts dafür. Glauben Sie mir, liebe Leser, das Schildern und Rapportiren der traurigen Facta, das unaufhörliche Klagen und Jammern ist ein viel schwereres Amt als das Durchlesen derselben. Wie gerne hätte ich Ihnen nur frohe Botschaft verkündet, aber wo soll ich sie hernehmen? Ich bin ja schon sehr rücksichts- und mitleidsvoll, ich mache ja recht lange Pausen zwischen meinen Artikeln, obwohl ich die Absicht hatte, wöchentliche Berichte zu liefern. Ich verschweige viele traurige Thatsachen, und warte,, und warte, vielleicht ereignet sich etwas Erfreuliches, vielleicht ist eine Besserung zu verzeichnen — aber, ach, Erfreuliches trifft nicht ein, von einer Besserung ist nichts zu merken, und der bedrückende Status quo dauert fort. Und so bringt auch heute mein Bericht nichts Erfreuliches, nichts Hoffnung Verkündendes. Zuerst muß ich die schmerzliche Pflicht erfüllen, zwei erfreuliche Nachrichten, die mehrere ausländische Blätter brachten, zu dementiren. 1. Es ist nicht wahr, daß der neue General-Gouverneur von Polen den Bauern gestattet hat, ihre Landhäuser den Juden zum Sommeraufenthalt zu vermiethen. Wahr ist vielmehr, daß die polnischen Landleute beim General- Gouverneur um Aufhebung des Verbots seines Vorgängers, den Juden Sommerwohnungen zu vermiethen, petitionirt haben, die Petition aber abschlägig beschieden wurde. 2. Es ist nicht wahr, daß es den Juden gestattet wurde, in der Thee-Handelsstadt Kkachta (Sibirien) ungehindert zu wohnen (wie es seinerzeit in der „Neuzeit" und in anderen deutsche» Blättern zu lesen war). Vielmehr theilt ein Correspondent aus Ostsibirien dem „Woseliod“ mit, daß in Kiachta, wie überhaupt in Sibirien, den Juden auch ein kurzer Aufenthalt streng verboten ist, und speciell in genannter Stadt läßt man die zum Einkauf von Waaren anreisendcn Juden nicht einen Tag verbleiben. Und nun zu den traurigen Tagesneuigkeiten. Vor Kurzem brachten einige gut informirte, russische Blätter folgende Nachricht: „Die Frage der Errichtung einer medicinischen Facultät für weibliche Studirende ist im positiven Sinne entschieden worden. Die Eröffnung dieser so lange ersehnten weiblichen Hochschule ist nahe bevorstehend. Das Schulstatut enthält aber die Bestimmung, daß nur christliche Studentinnen in dieses Institut aufzunehmen sind." So die Zeitungsmeldung. Nun wußte man wohl, daß diese einschränkende Bestimmung erst in den letzten Jahren der verflossenen Regierung, als der allerhöchste Antisemitismus seinen Höhepunkt erreichte, in das ursprünglich im liberalen Sinne abgefaßte Project der medicinischen Frauencurse hineingebracht wurde (wahrscheinlich auf die persönliche Veranlassung des verstorbenen Kaisers). Doch hoffte man, daß bei der endgiltigen Durchsicht des Projects unter der gegenwärtigen liberalen Regierung jene drakonische, oder vielmehr barbarische Bestimmung aufgehoben oder wenigstens in dem Sinne gemildert wird, daß jüdische Studentinnen nach einem bestimmten Percentsatze ausgenommen werden sollen. Deswegen wollten die liberalen Blätter jener Zeitungsmeldung nicht recht glauben. Nun bringt aber der „"Woschod“ in seiner letzten Nummer die authentische Mittheilung, daß bei der e n d g i l t i g e n Beschlußfassung über das Project einer weiblichen, medicinischen Facultät der fragliche Punkt, betreffend die Nichtaufnahme jüdischer Studentinnen, ganz unverändert beibehalten wurde! Das ist die neueste Manifestation des humanen Geistes der neuen Aera . . . Der Gedanke, Juden den Ackerbau in Rußland zu gestatten, taucht von Zeit zu Zeit sogar in manchen antisemitischen Blättern auf, und sogar der enragirte Judophob Fürst Meschtscherskh macht in seinem Organ „Graschdanin“ eifrige Propaganda für diese Idee, die thatsächlich eines der rationellsten Mittel zur Lösung der sogenannten Judenfrage wäre. Natürlich stehen aber die antisemitischen Blätter diesem Projecte feindlich entgegen. Ich sage „natürlich", weil die Erfüllung dieses sehnlichsten Wunsches der großen, russisch-jüdischen Masse unseren Hetzaposteln ihr beliebtes Thema über die „nichtproducirenden Parasiten" nehmen würde. Daher greifen sie zu den albernsten Einwänden gegen dieses Project. Ja, Manche geniren sich nicht zu behaupten, daß durch die Zulassung der Juden zum Ackerbau eine gefährliche C o n c u r r e n z für die russischen rechtgläubigen Bauern entstehen würde, während dieselben Hetzer bei anderer Gelegenheit behaupten, die Juden wären gar nicht fähig und hätten keine Neigung zum Ackerbau! So gerathen die Antisemiten in die lächerlichsten Widersprüche, wenn es gilt, eine den Juden und dem ganzen Reiche nützliche Maßregel zu verhindern. Und .da muß man dem genannten Fürsten M e s ch t s ch e r s k y die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er seinen antisemitischen College» tüchtig den Text liest über ihr unqualificirbares Verhalten gegenüber dieser außerordentlich wichtigen Frage, und noch in voriger Woche hat er die albernen Faseleien des ofsiciösen „Warscliawsky Dnewnik“ über diese Frage mit sehr scharfen Worten zurückgewiesen. Dagegen findet es das Hauptorgan der Hetzbande, die „Nowoje Wremja“, für klüger, sich über diese brennende Frage — auszuschweigen. So sind unsere ehrlichen Publiciften! Bekanntlich existirt in Rußland eine Fleischsteuer (sogenannte Korobka-Steuer) für Juden. Die ungeheueren Einnahmen dieser für die jüdische Masse ungemein drückenden Steuer sollen, nach den ausdrücklichen Bestimmungen des diesbezüglichen Gesetzes ausschließlich zu jüdischen Zwecken verwendet werden. In der Praxis aber werden diese stricten Bestimmungen leider nicht befolgt. Die Juden bekommen nur einen sehr winzigen Theil dieser kolossalen Summe für ihre, vom Gesetze vorhergesehen Bedürfnisse, so daß sich im Laufe der Zeit ungeheuere Ueberschüsse der Einnahmen über die Ausgaben anhäufen, und schließlich werden diese Ueberschüsse, die nach Millionen zählen, zu Zwecken verwendet, die nicht im Entferntesten mit jüdischen Interessen in Berührung stehen. Zum Beispiel hat im vorigen Jahre eine Gräfin Branicki 26.000 Rubel aus dem „jüdischen" Fond zur Pflasterung ihres Städtchens Belzy (in Beffarabien) bekommen, und nachdem sich das Pflaster in diesem Jahre als völlig untauglich erwies, gab ihr der Minister eine zweite Subsidie im selben Betrage aus den jüdische» Mitteln! Ja, es kam sogar vor, daß man aus diesen jüdischen Mitteln Schulen errichtete, wo Juden nicht ausgenommen werden, oder gar — Kirchen erbaute. — Nun ist jetzt bei der Brandmisere, die den jüdischen Ansiedlungsrayou betroffen hat, die Idee aufgetaucht, bei der Regierung zu petitioniren, den Abgebrannten eine beträchtliche Unterstützung aus jenen Korobka-Ueberschüffen zu verabreichen. Viele Stadtverwaltungen haben schon darum petitionirt, und wartet man mit großer Spannung aus die ministerielle Entscheidung. Aus dem Rechenschaftsbericht der O d e s s a e r Stadtverwaltung über die Einnahmen und Ausgaben der dortigen jüdischen Gemeinde im Jahre 1894 ersehen wir, daß die Fleischsteuer dort 220.600 Rubel einbringt. Diese Summe wird auch, bis auf einen kleinen Rest, verausgabt. Unter den Ausgaben für speciell „jüdische Zwecke" finden wir folgende curiose Posten: 19.312 Rubel zur Verstärkung der dortigen Polizei (die damit beschäftigt ist, die ausländischen