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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-05 · 27 (5.7.1895) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
27 (5.7.1895)
Date
1895-07-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 500 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 27 Los gehalten, daß man nichts Außerordentliches darin fand, um jede Bewegung des Kampfes aufzuzcichncn, cs wurden daher weder Familiennoch Gcmcindcarchive angelegt, und geistige Culturkämpfe gab es überhaupt keine denkwürdigen. Die Rabbiner und die Schulen stritten zwar untereinander, aber das Volk war in allen Lagern religiös und nach der Tradition lebend, daß, wer sie durchbrechen wollte, gleich in den Schoß der Kirche flüchtete. Wie ließ sich da Geschichte machen? Unsere neuen Geschichtschreiber haben eine Riesenarbeit vollbracht, die spärlich vorhandencn Quellen aufzusuchen und zu sammeln. Wenn auch, wie wir hoffen, unsere Kämpfe nach Außen endlich doch einmal enden werden, wird ffir die jüdische Geschichte doch noch Arbeit sein, dann wird cs auch keine politische, jüdische Geschichte mehr geben, wird es eine Geschichte innerer geistiger Kämpfe sein, auf deren Abschluß lange nicht zu rechnen ist. Aber unsere kommenden Historiographen werden cs schon leichter haben. Die jüdischen Blätter allein bieten ihnen schon reichliche Hilfsquellen. Dazu ist im jüdischen Schristthume doch auch jene Literaturgattung im Entstehen, die auf anderen Gebieten schon längst eingesührt ist — die Meinoiren-Literatur. Der greise, gelehrte Lector am Wiener Bet-Hamidrasch, Herr I. H. W e i ß, inaugurirtc sie zu seinem jüngst gefeierten 80. Geburtstage mit einer Schrift, betitelt: „Meine Erinnerungen".^) Die Person des Verfassers in diesem Buche ist eigentlich nur der Krhstallisationsfaden, an den sich die Schilderungen der Wandlung im geistigen Leben des Judenthums während des zur Neige gehenden Jahrhunderts anschließen. Es ist diese Wandlung eine der wichtigsten Epochen in der ganzen Geschichte des Judenthums. Siebenmal ist das Heiligthum gewandert, die Tradition ist durch viele Hände gegangen; aber niemals ist eine solche Verändermig mit dem Judenthumc im Ganzen vorgegangen, wie in der Neuzeit durch die Resormbestrebungen, und nicht der Orthodoxeste ist von dieser Wandlung ganz ftei geblieben, Diese Epoche harrt noch des Geschichtschreibers und er wird sich finden. Der achtzigjährige Greis Lector Weiß liefert in den frischesten Farben die Bilder des C h e d e r s und der I e s ch i b o t h in Mähren, Böhmen und Ungarn, schildert leib- und lebhaft die Rabbiner, welche den Jeschiboth vorstanden und die Bachurim, die sie besuchten, und er zeigt ganz seinen edlen Charakter" in denr Patriotismus, mit dem er den Jeschiboth in Mähren, seiner Heimat, doch noch einen Vorzug einräumt, in der Begeisterung, mit der er von seinen Lehrern und der Wärme, mit der er von befreundeten Collegen spricht. Aber ebenso kräftig sind seine Accente im Verurtheilen von Zuständen und Personen der ungarischen Jeschiboth. Besonders stark nimmt er die Preßburger Jeschibah her, an derer an Haupt und Gliedern kein gutes Haar läßt. Darin dürste ihm aber nicht einmal jeder äußerst Fortgeschrittene bcistimmen, denn aus der Preßburger Jeschibah sind, trotz ihres negativen Verhaltens zu den profanen Wissenschaften, Professoren, Schriftsteller, Gelehrte, Staatsmänner und Künstler hervorgegangen und die Spätlinge dieser Jeschibah sind gegenwärtig Rabbiner der ersten Gemeinden Deutschlands. Sicher wäre Herr I. H. Weiß derselbe große Forscher geworden, der er jetzt ist, wenn er ebenfalls vor 60 Jahren die Preßburger Jeschibah besucht hätte. Der greise Gelehrte hat in diesen! Punkte eine jugendliche, vorgefaßte Meinmrg gar zu treulich in seinen Erinnerungen bewahrt. Mit derselben wunderbaren, jugendlichen Kraft hält sich der greise Verfaffer auch die Sympathien und Anüpathim fest, die er vor einem halben Jahrhundert und mehr gegen die Männer gefaßt, die wieder am Webestuhl der neum Zeit saßen. So sindz.B.Krohmal, Luzzato, Lewiusohn seine Lieblingsgestalten und ist er dagegen Rap oport nicht besonders hold. JndeßHerrWeiß will ja in diesem Buche nicht Geschichte machen. Er nennt es ja blos „Meine Erinnerungen", wollte also nur seine subjectiven Meinungen und Urtheile über Personen und Zustände ehrlich niederschreibcn, und diese Blätter werden eine reiche Quelle für den Geschichtschreiber sein, der einst das endgilüge Urtheil über die alten Jeschiboth und über die großen Männer der neuen Zeit festzustellen *) Bei Jakob Ginzburg, Buchhandlung, Bobrinsk, Rußland. haben, dem die Ausgabe zufallen wird, die bedeutendste Epoche im geistigen Leben des Judenthums mit ihren Ursachen und Folgen, mit ihren Tugenden und Sünden den kommenden Geschlechtern zu vergegenwärtigen. Herr Lector Weiß, der in diesem Buche zwischen den zwei Welten, dem alten und neuen Judenthumc steht, sieht nicht aus, als ob er um das alte, wie Jeremias auf den Trünunern Jerusalems weinte; aber schon um dieses Buches willen nurß der Leser, mag er auch den fortgeschrittensten Standpunkt einnehmen, bedauern, daß das alte Judenthmn gar so untergegangen ist. Wie viele Juden gibt cs denn noch, speciell in seinem geliebten Mähren, das der Verfasser als das Land preist, welches für die von Berlin ausgegangene Aufklärung zuerst empfänglich war, und welches gleichsam der erstgeborene Sohn der Reformation ist, die sich noch für ein derartiges Buch interessiren, von dem meisterhaften hebräischen Stpl desselben einen Genuß haben oder es überhaupt nur lesen können? Gibt es ein rührenderes Bild, als einen Greis, der seiner Umgebung von seinem Erlebten erzählen will und von ihr nicht mehr verstanden wird? Ja, in Galizien, dem Lande, das sich so hartnäckig der Reform widersetzt, in Preßburg, wo die „Nacht" noch in den Hellen Tag hinein währt, da könnte dieses Buch noch als Lecture in jedem Hause dienen, doch für die hat ja Herr Weiß sein Buch nicht geschrieben. Wir fürchten nur, daß das Buch nur als schwer zugängliches Quellenwerk wird dienen können, weil die kommenden jüdischen Geschichtschreiber nicht mehr — Hebräisch werden lesen können. Sefer Haschlamah zum Talmud. Tractat Bcrachot von R. Meschullam 6. Mose (um 120V). Nach einer Handschrift in der Hamburger S tad tb i b li o th ek. Her ausgegeben von M. Schocher, Wiesbaden, m i t einer Einleitung von Anmerkungen versehen v o n Heinrich Brody, Berlin. Für Diejenigen, die noch die Tradition verehren, ist es gewiß tröstlich und erhebend, zu wissen, daß noch jetzt selbst in Deutschland Werke halachischen Inhaltes herausgegeben und gekauft werden, denn wenn dies nicht der Fall wäre, würden ja die Herausgeber nicht aus ihre Kosten kommen, also doch noch nicht Tora nisclitakcliet m’jisrael ist, wie die Pessimisten sagen. Bei der Achtung, die noch das halachische Schriftthun! genießt, ist es nur selbstverständlich, daß inan diese Achtung den Werken der älteren Rabbiner in erhöhtem Maße bringt, die ja immer als größere Autoritäten galten als die späteren. Das vorliegende Werk hat aber noch einen idealen Werth mehr — cs ist ein Erwachen nach einem fast siebcnhundcrtjährigen Schlaf als Manuscript in den Bibliotheken. Der Verfasser gehörte einer der berühmtesten Gelehrtenfamilien des 12. Jahrhunderts in Frankreich an, deren Wohnsitz und Wirkungskreis Lunel war, aber in innnerwährendem Contact mit den Gelehrten in Spanien stand und in dem Kaurpfe gegen M a i m o n i d e s für diesen Partei nahm. Das Sefer Haschlamah, von dem der jetzt herausgegebene Theil zu Berachot nur ein Theil ist, war bis jetzt nur als Manuscrivt vorhanden. Die Gelchrtenwelt weiß dem Herausgeber Dank, daß er sich der Mühe unterzog, dieses Stück von dem fast siebcnhundertjährigen Bibliotheksbanne zu befreien. An der Echtheit des Werkes ist nicht zu zweifeln. Es ist in Inhalt und Styl dasselbe, das von Zeitgenossen und Nachkommen des R. Meschullam erwähnt wird — eine Ergänzung des Rif. Herr Brody hat nur das Manuscript von Schreibfehlern gereinigt und einige Anmerkungen zur Erklärung dunkler Textstellen geschrieben, um den Fund der Welt in seinem vollen Glanze zu geben. Die Gutachten erster rabbinischer Größen, wie H i l d e r s h e i m e r in Berlin und Adler in London, sind gewiß Bürgen, daß das Buch einen seltenen literarischen Werth hat. Es ist daher zu erwarten, . daß Freunde talmudischer Literatur und jüdischer Wissenschaft sich das Werk anschasfen werden und der Herausgeber in seiner Hoffnung auf einen 'materiellen Erfolg seines so schweren Unternehmens nicht getäuscht werde.

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