Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 27 (5.7.1895)
- Date
- 1895-07-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 27 Dr. Bloch's Wochenschrifk. Seite 499 führten daselbst auch nicht, wie bei uns, die Weiber den Vorsitz in der Gesellschaft, welches, wie es zunächst der Unterhaltung einen frivolen und läppischen Charakter crtheilt und jedes gehaltvolle Gespräch verbannt, gewiß auch sehr dazu beitrügt, daß in unseren guten Gesellschaft der persönliche Muth den Rang vor jeder anderen Eigenschaft behauptet, während er doch eigentlich eine sehr untergeordnete, eine bloße Unterofficierstugend ist, ja, eine, in welcher sogar Thiere uns übertreffen, weshalb man zum Beispiel sagt: „muthlg wie ein Völue". Sogar aber ist, im Gegcntheil obiger Behauptung, das ritterliche Ehrertprincip oft das sichere Asylum, wie tut Großen der Unredlichkeit und Schlechtigkeit, so im Kleinen der llngezogenheit, Rücksichtslosigkeit und Flegelei, iitbcm eine Menge sehr lästiger Unarten stillschweigend geduldet werden, weil eben Keiner Lust hat, au die Rüge derselben den Hals zu setzen. — Dem Allen entsprechend sehen wir das Duell im höchsteti Flor und mit blutdürstigem Ernst betrieben gerade bei der Nation, welche in Politisch ett uu d fi nanziellen An g eleg enh eiten M an g el an wahrer Ehrenhaftigkeit bewiese tt Hai; wie es damit bei ihr im Privatverkehr stehe, kann man bei Denen erfragen, die Erfahrung darin haben. Was aber gar ihre llrbanität itttb gesellschaftliche Bildung betrifft, so ist sie als negatives Muster längst berühmt." (IV., 427 f.) „Wie würdig stehen ihnen gegenüber die Franzosen da, mit ihrer redlichen Empirie, eingeständlich bestrebt, nur von der Natur zu lernen und ihren Gang zu erforschen, nicht aber ihre Gesetze vorzuschrciben. Blos auf dem Wege der Jnduction haben sie ihre so tief gefaßte wie treffende Eintheilung des Thierreiches gefunden, welche die Deutschen nicht einmal zu schätzen verstehen, sie daher in bcn Hintergrund schieben, nur ihre eigene Originalität durch sonderbare und schiefe Einfälle, wie die oben erwähnten, an bcn Tag zu legen, worüber sie sich dann untereinander bewundern — diese scharfsinnigen und gerechten Beurtheiler geistiger Verdienste. Welch ein Glück, unter einer solchen Nation geboren zu sein!" (V., 71.) „Die Deutschen thäten wohl, sich von der belobten Empirie und ihrer Handarbeit so weit abznmüßigen, als nöthig ist, Kant's metaphysische Anfangsgründe der 'Naturwissenschaft zu stndireu, um einnial nicht blos im Laboratorio, sondern auch im Kopfe aufzuräumeu. Tie Physik stößt, in Folge ihres Stoffes, sehr oft und unvermeidlich an die metaphysischen Probleme an, und da offenbaren denn unsere Physiker, die nichts als ihre Elektrisirspielzeuge, Volta'sche Säulen nnd Froschkenlen kennen, eine so crasse, ja schnsterhafte Unwissenheit und Rohheit in Sachen der Philosophie (deren Doctores sie heißen) nebst der die Unwissenheit nteistens begleitenden Dummdreistigkeit, vermöge welcher sie über Probleme, welche die Philosophen seit Jahrtausenden beschäftigen, wie: Materie. Bewegutlg, Verättderung, in den Tag hineinphilosophireu, wie rohe Bauern — daß sie keine andere Antwort verdienen, als die Xettic „Armer, empirischer Teufel! Du kennst nicht einmal das Dumme. In Dir selber, es ist, ach! a priori so dumm." (V., 127 f.) Schema.*) „Was aber die Deutschen betrifft, so entspricht ihr Urtheil über Goethe's Farbenlehre den Erwartungen, die man sich zu machen hat von einer Nation, welche einen geist- und verdienstlosen, Unsinn schmierenden und durchaus hohlen Philosophaster, wie Hegel, dreißig Jahre lang als den größten aller Denker und Weisen präconisiren konnte, und zwar itt einem solchen Tutti, daß ganz Europa davon widerhallte. Wohl weiß ich. daß cket-ipere esk juris gentium, d. h., daß Jeder das Recht hat, zu urtheilen, wie er's versteht und wie's ihm beliebt: dafür wird er sich dann auch gefallen lassen, von Nachkounnen nnd zuvor noch von Nachbarn nach seitten Urtheilen bcnrtheilt zu werden. Denn auch hier gibt es noch eine 'Nemesis." (V., 201 f.) „Indent, wie schon erwähnt in Deutschland jede Dummheit in der Literatur und jede Ungezogenheit im Leben Schaaren von Nachahtttern findet, und Keiner wagt, auf eigenen Beinen zu stehen, weil eben, wie ich nicht bergen kann, die Urtheilskraft nicht zu Hause ist, sondern bei den Nachbarn, auf Visiten —(V., 558.) „Blos der Deutsche tltacht keine Umstände, sondern geht nach seiner Laune, nach seiner Kurzsichtigkeit und Uttlviffenheit mit der *) S. Ed. Boas: „Schiller und Göthe im ^enienkampf". (Th. I, S. 121.) Sprache ttttt, wie es seiner geistreichen Natioualphysiognotnie entspricht." (V., 56 l.) „Die aus der besagten deutschen Eigenthümlichkeit entspringende Manie der Sprachverhunzuug ist universal: Alles greift zu, die Sprache zu demoliren, ohne Gnade und Schonung; ja wie bei einem Vogelschießett sucht Jeder ein Stück abzulösen, wo und wie er nur kann." (V., 568.) „Die Deutschen hingegen zeichnen sich durch Nachlässigkeit des Styls wie des Anzuges vor anderen 'Nationen aus. und beiderlei Schlamperei entspringt aus derselben, im 'Nationalcharakter liegenden O.uelle." (V., 575.) „Die Fichte'schen und Schelling'schen Antecedentien dieser elendesten aller je gewesenen Philosophastereien wurden von ihr nachgezogen in den Abgrund des Discredits. Dadurch komntt nunmehr die gänzliche philosophische Jncontpetenz der ersten Hälfte des auf Kant in Deutschland folgenden Jahrhunderts an den Tag, während man sich, dent Auslande gegenüber, mit den philosophischen Gaben der Deutschen brüstet, besonders seitdem ein englischer Schriftsteller die boshafte Ironie gehabt hat, sie ein Volk von Denkern zu nennen? (V.. 503 f.) Diese galligen Bemerkungen Schopenhauers gegen die Deutschen geben den Antisemiten keinen Anlaß, ihn als Schutzpatron zu verehren. Hebräische Literatur. Die Memoiren von I H. Weiß. Nicht erst seit Nestor ist die Mittheilsinukeit ein Attribut des Alters, sie rrtuß cs ja naturgemäß sein. Kann doch nur das Alter von Erlebtem erzählen, und muß in seinem Alleinstehen in einer fremdgewordeuen Zeit den Drang fühlen, die Vergangenheit nochmals heraufznbeschwören. Fast wie das religiöse Gefühl ist deui Menschen die Pietät für die durchlebte Zeit angeboren. Auch der Hurone, bevor ihn der große Geist in seine ewigen Gründe abbernft. erzählt gewiß den Kindern seine bestandenen Jagdabenteuer. Solche Mittheilungen bildeten anfangs den ganzen geschichtlichen Schatz der Familien, und als man sie aufzuzeichnen begann, wurden sie die O.uellen der Geschichte. Aus derartigen Aufzeichnungen der Familien mehrerer Geschlechter hintereiuandcr entstand die Stantmesgeschichte, deren mehrere wieder zusammengefaßt zur Universalgeschichte wurden. Wenn nicht von allem Anfänge an itt der Natur der Greise der Drang zur Mittheilung ihrer Erlebnisse gelegen wäre, würde es niemals einen Herodot gegeben haben. Ehemals nanttte ntcut solche Aufzeichnungen der Erlebnisse Chroniken; wir neunen sie heute Memoiren; der ganze Unterschied .wischen Beiden liegt nur darin, daß in jenen der Schreiber einen objectiven Standpunkt einnimmt, in diesem aber sich zum Mittelpunkte macht. Die Mentoiren-Literatur nimmt gegenwärtig einen breiten Raunt des Schriftthums jedes Volkes ein, das die neuere Geschichte den Zufluß der Hilfsquellen fast nicht mehr bewältigen kann. Und daraus wird es klar, warum irrt jüdischen Schriftthum dem doch an Reichhaltigkeit kein anderes gleichkommt, das historische Fach so schwach vertreten ist. Feinde des Judenthums wollen den Jttden den Beruf und die Befähigung zttr Geschichtschreibung absprechen, was doch lächerlich ist, denn die Bibel ist ja Geschichte, wahre, unparteiische Geschichte, wie jeder Stein, der in Niniveh und Phönizieu ausgegraben und jede Hieroglyphe, die enträthselt wird, erweist. Und warum doch haben wir seit achtzehnhundert Jahren, bei so unendlich vielen Bücherruachern so wenig Geschichte geschrieben? An Stoff hat es mts doch wahrlich nicht gemangelt, haben wir doch mehr Kämpfe mitgemacht als jedes andere Volk und Schlachtopfer mehr gehabt als alle Anderen zusainuten. Der Grund der Armuth unserer Geschichtsliteratur liegt aber eben darin, daß die O.uellen zu spärlich stoffen, aus denen die Geschichte zusammengesetzt werden sollte. Jeder einzelne hervorragende Jude und jede Gettteiude, auch die kleinste, stand in einemfort int Kantpfe nach außen, aber dieses Schicksal wurde eben für das beständige jüdische