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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-05 · 27 (5.7.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
27 (5.7.1895)
Date
1895-07-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 498 Vr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 27 Der wissenschaftliche Werth oder Unwerth des Artikels soll uns hier nicht beschäftigen, sondern nur sein allgemeiner Charakter. Die Apostaten bilden die Nachtseite der jüdischen Geschichte. Die blutigsten Wunden, welche das Judenthum ourch alle Verfolgungen deS Mittelalters hindurch empfangen hat, sind ihm von seinen abtrünnigen Kindern geschlagen worden. Getaufte Juden sind es ja auch, die noch in der Gegenwart jene entsetzlichen Anklagen immer wieder erdichten, verbreiten und mit neuen Verleumdungen nähren. Und ein jüdischer Verein schämt sich nicht, jene Zeugnisse der eigenen Schande, die der Fluch ewiger Vergessenheit treffen sollte, im Prachtgewaude öffentlich zur Schau zu stellen. Ein traurigerer Mangel an Selbstachtung ist kaum denkbar. Oder redet man sich ein, das Verächtliche einer solchen Handlungsweise mit dem Mäntelchen sogenannter objectiver Forschung zu verhüllen? Wie lächerlich! Eine Gesellschaft, die sich anmaßt, als geistige Führerin von Tausenden von Glaubensgenossen sich^j aufzuspielen, muß mit mehr Tact und Verstand arbeiten. Nach einer derartigen Leistung hat sie überhaupt kein Recht, zu existiren. Denn hat sie kein Arbeitsmaterial, dann braucht man sie nicht; aber wenn sie den Mangel in solcher Weise ausgleichen will, dann schadet sic. Ein jüdischer Verein soll nicht die Arbeit einer Missionsgesellschaft thun. Es ist bei dieser Sachlage noch ein Glück, daß die Gesellschaft nichts weniger als populär ist. Ein Blick in die Mitgliederliste, die trotz aller künstlichen Mittel kaum über zweihundert Namen aufweist, zeigt, daß der Verein nur mit Mühe vor dem Zusammenbruch geschützt wird. Je schneller er von der Bildstäche verschwindet, desto besser. Ein gemeinsamer Mittelpunkt zur Verbreitung jüdischem Wissens in England und insbesondere in London ist durchaus eine Nothweudigkeit. Wenn aber etwas Achtunggebietendes geschaffen werden soll, dann fort mit Liebedienerei, Reclame und Humbug. Schopenhauer über die Deutschen. Zu den großen Geistern, die die Antisemiten als ihre Schutzpatrone feiern, gehört Arthur Schopenhauer, nach einzelnen Beurthcileru ein bedeutender Philosoph, nach anderen nur ein geistreicher Kopf. Seine gehässigen Aussprüche über die Juden zieren H. N a u d h's „Die Juden und der deutsche Staat" und schleppen sich aus einer judenfeindlichen Broschüre in die andere; sie sind gar zu einem Flugblatt zusammengestellt worden, das ihn als großen Antisemiten hinstellt. Aber wie so oft, haben die Antisemiten über Stellen hinweggesehen, die ihnen nicht in den Kram paßten. Er war nicht nur ein Feind der Juden, er war auch voll von Haß gegen seine eigene deutsche Nation. Wir haben keinen Satz in seinen „Sämmtlichen Werken" (herausgegeben von Ed. G r i s e b a ch, 6 Bände, Leipzig, Ph. R e c l a m) gefunden, der ein Wort der Anerkennung für die Nation enthielte, der er entstammte. Es mag keinen Mann gegeben haben, der so voll Gift und Galle war und der in seinem Haß und in seiner Polemik so niedrig und so pöbelhaft aufgetreten ist wie Arthur Schopenhauer. Die Stellen, die sich gegen den Philosophen Hegel z. B. richten, sind einzig in ihrer Art, denn sie zeigen einen Gaffenjungenton, wie man ihn in der deutschen Philosophie noch nicht vernommen hat. Die Juden, die Schopenhauer mit seinem Hasse bedrohte, sind in guter Gesellschaft, denn nicht nur Philosophen erster Ordnung, sondern das ganze deutsche Volk beehrte Schopenhauer in gleicher Weise mit seinem Groll und seinem Gift. Wir lassen ein paar Aussprüche folgen: „Die Deutschen sind gewohnt, Worte statt der Begriffe hinzunehmen; dazu lverdensic von Jugend auf durch uns dressirt; siehe nur die Hegeln, was ist sie Anderes als leerer, hohler dazu ekelhafter Wortkram? Und doch, wie glänzend war die Carrwre dieser philosophischen Ministercreatur! Dazu bedurfte es nichts weiter, als einiger feiler Gesellen, den Ruhm des Schlechten zu intoniren, und ihre Stimme fand au der leeren Höhlung von tausend Dummköpfcn ein noch jetzt nachhallendes und sich fortpflanzendes Echo! siehe, so war bald aus einem gemeinen Kopf, ja einem gemeinen Charlatan, ein großer Philosoph gemacht." (HI., 52 f.) „Aber ich wollte froh sein, wenn das Plagiat die größte Unredlichkeit wäre, welche die deutsche Literatur befleckt: es gibt deren viel mehr, viel tiefer eingreifende und verderblichere, zu welchen das Plagiat sich verhält wie ein wenig pieki'ooketing zu Capitalverbrechen. Jenen niedrigen, schnöden Geist meine ich, vermöge dessen das persönliche Interesse der Leitstern ist, wo es die Wahrheit sein sollte und unter der Maske der Einsicht die Absicht redet. Achselträgerei und Augendienerei sind an der Tagesordnung, Tartuffiaden werden ohne Schminke aufgeführt, ja Kapuzinaden ertönen von der den Wissenschaften geweihten Stätte; das ehrwürdige Wort „Aufklärung" ist eine Art Schimpfwort geworden, die größten Männer des vorigen Jahrhunderts, V o l t air e, R o us s e a u, L o ck e, H u»i e, werden verunglimpft, diese Herren, diese Zierden und Wohlthäter der Menschheit, deren über beide Hemisphären verbreiteter Ruhm, wenn durch irgend etwas, nur noch dadurch verherrlicht werden kann, daß jederzeit und überall wo Obscuranten auftreten, solche ihre erbitterten Feinde sind — und Ursache dazu haben. Literarische Fractionen und Brüderschaften auf Tadel und Lob werden geschloffen, und nun wird das Schlechte gepiesen und ausposaunt, das Gute verunglimpfte oder auch, wie Goethe sagt, „durch ein unverbrüchliches Schweigen sccrctirt, in welcher Art von Jnquisitionscensur es die Deutschen weit gebracht haben." (Tag- und Jahreshefte, 1.1821). Die Motive und Rücksichten aber, aus denen das Alles geschieht, sind zu niedriger Art, als daß ich mit ihrer Aufzählung mich befassen möchte. Welch ein weiter Abstand ist doch zwischen der von unabhängigen Gentlemcn der Sache wegen geschriebenen Udlnburgb Review, welche ihr edles, dem Publius Syrius entnommenes Motto: ckuckex damnatur, eom nocens absolvitur, mit Ehren trägt, und den absichtsvollen, rücksichtsvollen, verzagten, unredlichen deutschen Literaturzeitungen, die großentheils von Söldlingen des Geldes wegen fabricirt, zum Motto haben sollten: Accedas socius, laudes, lauderis ut absens. — Jetzt, nach 21 Jahren, verstehe ich, was Goethe mir 1814 sagte, in Berka,' wo ich in beim Buch der S t a e l „De rAllemagne“ gefunden hatte und nun im Gespräch darüber äußrrte, sie mache eine übertriebene Schilderung von der Ehrlichkeit der Deutschen, wodurch Ausländer irregeleitet werden. Er lachte und sagte: „Ja freilich, die werden den Koffer nicht anketten, und da wird er abgeschnitten werden." Dann aber setzte er erst hinzu: „Aber wenn man die Unredlichkeit der Deutschen in ihrer ganzen Größe kennen lernen will, muß man sich mit der deutschen Literatur bekannt machen." (HI., 216 f.) »Ich denke, es ist nicht schwer einzusehen, daß wer Dergleichen voranschickt, ein unverschämter Charlatan ist, der die Gimpel bethören will und merkt, daß er an den Deutschen des XIX. Jahrhunderts seine Leute gefunden hat." (IV., 36.) „E i n e Kunst hat dieser Hegel wirklich verstanden, nämlich die, die Deutschen bei der Nase zu führen. Das ist aber keine große." (IV.. 43.) „Ich soll wohl auch, als ein guter Patriot, mich im Lobe d er D eutsch en und des D eu tschth um s ergehenund mich freuen, dieser und keiner anderen Nation an gehört zu haben? Meines ist, wie das spanische Sprichwort sagt: eado uno cuenta de la feria. coino le va en alla. (Jeder berichtet von der Messe, je nachdem es ihm darauf ergangen.) Geht zu den Demokolaken und laßt Euch loben. Tüchtige, plumpe, von Ministern aufgepuffte, brav Unsinn schmierende Charlatane ohne Geist und ohne Verdienst, das ist's, was den Deutschen gehört; nicht Männer wie ich. Dies ist das Zeugniß, welches ich ihnen beim Abschiede gegeben habe. Wieland (Briefe an Merk, S. 239) nennt es ein Unglück, ein Deutscher geboren zu sein: Bürger, Mozart, Beethoven u. A. m. würden ihm beigestimmt haben; ich auch." (IV., 118.) „Sodann aber wird behauptet, der gute Ton und die feine Sitte der Gesellschaft hätten zum letzten Grundpfeiler jenes Ehrenprincip mit seinen Duellen, welche die Wehrmauer gegen die Ausbrüche der Rohheit und Ungezogenheit wären. Allein in Athen, Korinth und Rom war ganz gewiß gute, und zwar sehr gute Gesellschaft, auch feine Sitte und guter Ton anzutreffen, ohne daß jener Popanz der ritterlichen Ehre dahinter gesteckt hätte. Freilich aber

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