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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-05 · 27 (5.7.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
27 (5.7.1895)
Date
1895-07-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 Dr. Bloch's Worstenschrifk. Seite 497 Menschheit ist, das ist Alles null und nichtig und darf auch gar nicht gehalten werden. Kein Mensch darf sich auf solche Schwüre verlassen, keiner darf deren Erfüllung fordern, keiner möge sich auf solchen Eid verlassen. Das wäre nun die andere höhere ethische Bedeutung des Kol-nidre, mit der auch die sprachliche Construction des Satzes vollkommen übereinstimmt. Wir stellen uns am Versöhnungstage auf den Weg zu Gott, wollen uns ihm und dem Guten völlig anschließen, sollten sich aber auf diesem Wege unsere früheren Verbindungen, Verpflichtungen, Schwüre und Gelöbnisse hindernd entgegenstellen und uns im Banne halten, da bedeutet uns Lol-nidre: Alle Gelübde, Schwüre, Zusagen, durch die wir uns für's nächste Jahr, von diesem Versöhnungstage an bis zum kommenden, der cintreffen möge zum Guten, schon im Voraus gebunden haben sollten, durch die wir also unsere Freiheit ein-' gebüßt hätten, zu Gott zurückzukehlen, bereuen, bedauern wir, erklären wir als null und nichtig; aller wollen wir uns entledigen; alles, was uns im Banne hält und hindert, gute, edle Menschen zu werden, sei von uns losgelöst, solche Gelübde sind keine Gelübde, solche Schwüre sind keine Schwüre! Frei, wie Gott es haben will, stehei» wir hier, zu allem bereit, was wir sollen, an nichts gefesselt, was wir nicht dürfen! * -i- Wollen nun die Antisemiten den Kol-nidre vor den Richterstuhl ziehen, wohlan, das Judenthum wird für ihn einstehen müssen! Aber nein! Kein Parlament, keine Regierung darf es zugeben, daß sich solche inferiore, gottverlassene Menschen als die höheren Sittenrichter aufzuspielen berechtigt erachten, das altehrwürdige, vieltausendjährige Judenthum durch ihre Gosse vor das Tribunal der Moralität zu schleifen. Jeder religiöse und auch jeder gesittete Mensch muß vor einer Religion Ehrfurcht bekunden, wenn diese auch nicht Christenthum, ja selbst auch, wenn sie Judenthum heißt. Englische Nebrlbilder. II. The Jewish Historical Society of England. In literarischen Dingen hatten unsere Glaubensgenossen im britischen Reiche ihre Augen stets nach dem Continente — und neuerdings sogar nach Amerika — gerichtet, dessen Bewegungen auf diesem Gebiete sie getreulich nachahmen, oder richtiger carikiren. Besonders der Umstand, daß die Verhältnisse der Gegenwart die Bildung jüdisch-wissenschaftlicher Vereine in Oesterreich und Deutschland stark gefördert haben, hat seine Wirkung auch über den Canal erstreckt. England könnte mit Genugthuuug sagen, daß es nun auch eine groß angelegte Gesellschaft zum Studium der jüdischen Geschichtswissenschaft besitze, wenn der kurze Lebenslauf, auf den der hier bestehende Verein dieser Tendenz bis jetzt zuruckblickt, nicht gar zu sehr die Kritik herausfordern würde. In ihres Nichts durchbohrendem Gefühle haben die famosen „Makkabäer" vor etwa zwei Jahren den immerhin lobenswerthen Gedanken gehabt, ihre Festräume zu den Versammlungen einer zu bildenden jüdisch-historischen Gesellschaft herzugeben. Gesagt, gethan. Volltönende Ausrufe, aus denen man vor dem begleitenden Trompetengeschmetter nur mit Mühe eine Melodie heraushören konnte, luden zur Theilnahme ein, und von den Kanzeln wurde der Beitritt als religiöse That gepredigt. Wenn man kaum erwarten dürfte, Männer ersten Ranges an die Spitze des neugebildeten Vereines treten zu sehen, hätte man sich auch mit weniger glänzenden Namen zufrieden geben können, wenn nur ernste Arbeit in Aussicht gestellt war. Es war gleich eine Ernüchterung, als die oberste Leitung. in die Hände von Personen gelegt wurde, deren Bekanntschaft mit der jüdischen Literatur und besonders mit ihren Quellen wenig Vertrauen einflößte. Eine zweite, größere Enttäuschung folgte auf dem Fuße. Es wurde nämlich von vorneherein beschlossen, das große Gebiet der allgemeinen Geschichte und Literatur des Judenthums auszuschließen und das Arbeitsfeld auf die englische zu beschränken. Man krainte ein mageres Programm zusammen, das gehörig mit Redensarten aufgeputzt wurde, um der Menge zu imponiren. Um die Opposition stumm zu machen, sprach man erhabene Worte über die Gründung von Bibliotheken, Museen und Archiven zur Aufbewahrung von Büchern, Docnmenten und Abbildungen, die anglo-jüdische Geschichte betreffend; außerdem gelobte man, öffentliche Vorlesungen über allgemeine Geschichte der Juden im ganzen Lande einzurichten. Aber von diesen schönen Dingen hat man bis jetzt weiter nichts gehört und wird schwerlich je etwas zu hören bekommen. Ein Verein für englisch-jüdische Geschichte hat thatsächlich kaum eine Existenzberechtigung, da das Wichtigste auf diesein Gebiete von berufenen Gelehrten längst gethan ist. Das Wenige was noch übrig bleibt, kann von einem halben Dutzend Liebhabern in etlichen Jahren aufgearbeitet werden, ohne daß es dazu erst eines so großen und geräuschvollen Apparates bedarf. Geradezu kindisch ist indessen der Gedanke des JKesetblement Day. Weißt Du, was das bedeutet, lieber Leser? Ich will es Dir sagen; es ist der hellste Unsinn. „Obwohl," sagen die Acten der Gesellschaft wörtlich, „Juden zwischen 1290 und der Zeit Cromwells in England gelebt haben, beginnt die eigentliche moderne Geschichte der Juden erst seit ihrer formellen Duldung durch den Protector in der Mitte des 17. Jahrhunderts." Dieser unglaublich geistvolle Satz thut uns somit das große Geheimniß auf, daß die Periode zwischen dem Ende des 13. und der Mitte des 17. Jahrh. nicht zur modernen Geschichte gehört. Wer Hütte das gewußt, wenn es nicht hier gedruckt stände? — Nun hat man ein ganz imaginäres Datum, den 4. Februar, mit Anwendung der nöthigen Gewalt zum Resettlement Day gestempelt und feiert ihn alljährlich mit Reden und Essen. Ja, ein ganz besonders genialer Verehrer dieses denkwürdigen Tages hat ernstlich und öffentlich den Vorschlag gemacht, denselben als religiösen Festtag mit eigens für ihn zugeschnittener Liturgie einzusetzen. Der Tag hat ja auch diese Auszeichnung vollauf deswegen verdient, weil er den Juden die große Freiheit gebracht hat, in England, ohne bürgerliche Rechte und in gedrückter Stellung geduldet zu werden. Es geht doch nichts über Mannesstolz! — Die Mittel, deren diese unvergleichliche Gesellschaft sich zur Erfüllung ihrer Aufgabe bedient, bestehen in gelegentlichen Vorträgen und nachfolgendem Abdruck derselben in den jährlich auszugebenden „Verhandlungen". Der nunmehr vorliegende erste Band derselben soll allerdings Fernstehenden ein möglichst bestechendes Bild vom Charakter sowohl als von den Leistungen des Vereines während des ersten Jahres seines Bestehens geben. Wenn man auch billigerweise geneigt sein dürfte, aus dieser Erstlingsfrucht auf die spätere Entwicklung keinen allzu strengen Schluß zu ziehen, so läßt sich doch sofort der Geist erkennen, der über diesen Gewässern schwebt. Ein wissenschaftliches Urtheil lst hier nicht beabsichtigt, aber so viel muß gesagt werden, das, was der Band Wissenswerthes enthält, ist zum großen Theile bereits anderswo gedruckt, aber was er Neues bringt, sieht folgendermaßen aus: Die Piece de resistance der Verhandlungen bildet ein kurzer Artikel über das von König Heinrich III. gegründete Dcram8 conversonun, das ist das Hospiz, in welchem getaufte Juden Zuflucht, Pflege und Unterstützung fanden. Der von einem n i ch t j ü d i s ch e n Mitgliede das zugleich das Amt eines Vicepräsidenten bekleidet — verfaßte Aufsatz ist von Holzschnitten und prachtvoll ausgeführten Facsimiles der Quittungen, welche die Convertiten für empfangene Hilfsgelder ausgestellt hatten, begleitet. ir1 i fr,* % y

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