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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-05 · 27 (5.7.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
27 (5.7.1895)
Date
1895-07-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 496 Nr. 27 Dr. Bloch's Wochenschrift. entweihe n", heißt es in der Schrift. „Was aus Deinem Munde herauskam, sollst Du bedacht sein, zu erfüllen. Wenn Du nicht erfüllst, was Du Dir gelobt, bist Du sündhaft." Der Talmud zumal macht die Hölle noch heißer, indem er den Ausspruch enthält: „Wegen der Schuld ob nicht erfüllter Gelöbnisse sterben den Eltern die Kinder in zartem Jugendalter ab." Eine vor sich selbst ausgesprochene Vornahme, ohne daß man es erst durch Schwur oder Geloben befestigt, hat nach dem Talmud schon den Charakter eines Gelübdes. Die Schuld ist da, selbst wenn das Wort bereits der Erinnerung entschwunden ist. Solche Schuld, die etwa bestehen könnte, obwohl sie dem Bewußtsein gar nichts gegenwärtig ist, soll zur Gemüthsbcruhigung durch diesen Kol-nidre gesühnt werden. Wer erinnert sich dabei nicht an das von religiösen Juden unzählige Male im Tage gebrauchte Wort „Vsli-uedsr". So oft der religiöse Jude irgend eine Vornahme, was er zu thun gedenkt, ausspricht, fügt er hinzu: Beli-neder d. h. cs gelte dies aber nicht als ein Gelübde, falls ich darauf vergesse, oder ich sonstwie davon absehen möchte. Unser Kol-nidre ist nun eben nichts Anderes als das so vielfach angewendete „Beli-neder“. Und es genügt nicht, das Wort bloß in Gedanken zu haben, es muß laut ausgesprochen werden. Es steht überdies so fest wie die Sonne am Firmament, daß Schwüre, Gelübde, Zusagen, welche zur Versicherung und im Interesse Anderer g e l e i st e t werden, h i e v o n n i ch t b e rü h r t werden können; da s o l ch e v o n k e i n e m M e n s ch e n u n d s e l b st v o n keinem Propheten gelöst werden könnten. Hat mau jedoch das Verbrechen begangen, einen falschen Eid abzulegen, und bereut man es später, so gibt es dafür rcligionsgesetzlich nur die einzige Sühne, daß man die Schuld bekennt, den angerichteten Schaden, um ein Bußgeld vermehrt, vergüte und sich überdies nachher mit seinem Gott durch ein Schuldopfer oder durch Kasteiung und dgl. aussöhne. Kol-nidre erstreckt sich einfach und ausschließlich nur darauf, was jeder Mensch mit seinem eigenen Gewissen auszumachen hat, und was irgend einen anderen Menschen außer ihm ganz und gar nicht angeht. Man könnte bestens nur noch fragen, ob es moralisch ausreicht, sich durch Hersagen einer liturgischen Formel mit seinem Gewissen in's Reine zu bringen? ob es nicht allzu scrupulös gewissenhaft sei, da es sich nur um ein Vielleicht, um etwas handelt, was dem Bewußtsein gar nicht gegenwärtig ist? Immerhin bleibt es jedoch eine eindrucksvolle Mahnung, seiner inneren Vornahmen eingedenk zu bleiben, und es nicht leicht damit zu nehmen. In Gefahr und Noth faßt man gewöhnlich die besten Vorsätze und vergißt sie bald wieder, sobald man darüber hinaus ist. Kol-nidre macht zum Mindesten darauf aufmerksam, daß dieses.nicht löblich sei. Hiemit wäre nun über Kol-nidre das Wesentlichste gesagt, wenn nicht das Liturgiestück eine sprachliche Schwierigkeit enthielte, die noch zu überwinden wäre, wenn Alles bis zur völligen Klarstellung geleistet werden soll. Einerseits sind alle Zeitwörter in dieser Formel perfectivisch: „Die Gelübde, die wir gelobt habe n", „die Vornahmen, durch die wir uns gebunden haben", „die Schwüre, die wir geschworen haben". Danach ist ja die Behauptung, daß man sich da für künftig abzulegende falsche Eide schon im Vorhinein saniren wolle, an und für sich unsinnig. Andererseits jedoch heißt cs im Weiteren „von diesem Versöhnungstage bis zum nächsten, der uns eintreffen möge zum Guten", demnach „was wir gelobt haben von jetzt bis am Ende dieses Jahres". Das erinnert ja unwillkürlich an die Sprache jener Kinder, welche noch sagen: „Morgen habe ich gespielt." Es fordert überdies auch den Psychologen heraus, wissen zu wollen, wie dieses Liturgiestück gerade als Einleitungsstück für den feierlichsten Tag des ganzen Jahres in Gebrauch kam. Da bekleiden sie sich mit weißen Gewändern, als dem Symbole der Unschuld, des Hellen und Lichten, die Eltern legen segnend ihre Hände auf das Haupt der Kinder, sie küssen einander, Gatte und Gattin drücken einander die Hände, Feinde versöhnen sich, Beleidiger bitten Beleidigte um Verzeihung, Alle, die sich auf dem Wege zur Synagoge begegnen, rufen einander edle Wünsche zu; in solcher Stimmung kommt man in das Gotteshaus. Der Schauer dieses Abends ist ererbt, selbst die Freisinnigsten können sich seiner nicht erwehren, und selbst die meisten der getauften Juden sollen, wie man vielfach erfahren haben will, noch leise von dem Schauer dieses Abends durchzittert werden. Die religiöse Spannung erreicht da den denkbar höchsten Grad, und es ist, als ob Alles des ersten der Stimmung entsprechenden Wortes harren würde; dieses Wort ist nun Kol-nidre! Auch die Sangesweise des Kol-nidre ist ein Anzeichen dafür, daß wenigstens jenem Componisten eine tiefernste Bedeutung desselben vorgeschwebt haben mußte. Von dieser Sangesweise wurde einst der große Franz Liszt, wie er selbst berichtet, so sehr ergriffen, daß er in's Freie hinausstürzte, um das aufgeregte Gemüth zur Ruhe zu bringen. In der That läßt sich auch leicht dem Kol-nidre eine höhere ethische Seite abgewinnen. Denken wir uns einmal, um von der schwungvollen Höhe wieder in etwas niedrigere Sphären hinabzugleiten, es wollte einmal auch Herr Doctor Lueger in der Synagoge den Versöhnungstag mitfeiern, wie es ihm ja auch schon prophezeit wurde. Er käme da in die Synagoge, den Kopf voller Entwürfe, das Herz voller Entschlüsse. Seinen antisemitischen Freunden hat er erst vor einer Stunde eine volksvergiftende Hetzrede in Aussicht gestellt, den geistlichen Gesinnungsgenossen hat er geschworen, daß er die Schwarzröcke vor Verspottung in den Gassen durch eine Fluth von Schmähungen über Juden und Judenthum schützen werde, auf dem Wege zur Synagoge noch hat er sich's gelobt, weder Lüge noch Verleumdung zu scheuen, um endlich zum heißersehnten Ziele zu gelangen. Er ist eins mit sich geworden, im laufenden Jahre Alles daran zu setzen, daß endlich der Galgen aufgerichtet werde, auf dem alle Juden gehenkt oder die Flinren geladen werden, mit welchen sie alle erschossen werden sollen; aber Alle, auch die gerechtesten und edelsten, gelehrtesten und tüchtigsten, auch die unschuldigen Kinder und Säuglinge, die gottesfürchtigen Greise und sittsamen Frauen! Ihm, dem Dr. Lueger, erscheinen, sie Alle nichts Besseres werth, und mindestens hält er sich überzeugt, daß mittelalterlicher Spuk, völkervernichtender Wahn, herzbeklemmende und menschenbedrückende Reaction nicht früher die volle Auferstehung feiern werden, bis sie wieder, wie in Zeiten der Inquisition und Flagellanten, diese Kraftprobe des Massenmordes abgelegt haben. In der Synagoge jedoch würde er sofort in der ersten Stunde erfahren, daß solch bösartiges Thun und Streben mit dem ewigen Gott, zumal mit dem Gott Israels, sich nicht vereinen lasse. Schon das erste Gebet: „O Gott gib doch Ehrfurcht vor Dir in das Herz Deiner Geschöpfe, auf daß sie sich Alle zu einem Liebesbunde vereinen, um Dein Wohlgefallen zu erringen!" müßte ihn stutzig machen. Noch mehr der Flehensrus, „laß doch ausgemerzt werden das Reich der Bosheiten von der Erde", aber nicht, wie Herr Lueger sagt, „irgend ein Volk von der Erde", müßte seine Bedenken wachrufen. Er sähe sich vor die Entscheidung gestellt: Gott, Wahrheit und Gerechtigkeit oder seine Vorsätze, Schwüre und Gelöbnisse — eines von beiden muß aus dem Herzen weichen, Beides kann in einem und demselben Menschenherzen nicht weilen. Der Kol-nidre trifft nun für solchen Fall die Entscheidung, und wir wollen auch mit der vollen Wahrheit nicht hinter dem Berge halten und freimüthig sagen, was der Talmud darüber lehrt: Schwüre, Gelöbnisse, Verbindlichkeiten, die ein Verbrechen, ein Laster in sich schließen, sind null und nichtig. Schwört, gelobt, nimmt man vor, verspricht man einen Meuchelmord, einen Ehebruch, einen Diebstahl, einen Meineid, Haß, Rache, Parteilichkeit als Richter, überhaupt, was gegen Gott, Gesetz, Recht und

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