Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 26 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 491 Feuilleton. Vereint. Novelle von Kkise Hrzeszko; ausschließlich aulorisirte Uebersetzung ans dem Polnischen von Wakwina Vkumöerg. (Fortsetzung.) Er stieg die wenigen, zur Thüre führenden Stufen hinauf und trat in den kleinen Laden. Es war eine enge, niedrige Kammer, in der ein eigenthümliches, eintöniges, dabei jedoch hastiges und unruhiges Geräusch vernehmbar war; ein Geräusch, welches den ganzen Raum von oben bis unten zu füllen schien. Kein Laut von der Außenwelt drang hier herein. An den Wänden hingen zahlreiche Uhren, die gleichzeitig zu sprechen oder über etwas Rath zu halten schienen, denn ununterbrochen erklangen ihre Stimmen: „Tik-tak, tik-tak, tik-tik-tak, tik-tik-tak!" Inmitten dieses Geräusches saß an einem Tischchen, ans dem eine Helle Lampe brannte und verschiedenes, einem Uhrmacher unentbehrliches Handwerksgeräth umherlag, ein alter Mann in einem langen, abgetragenen Rock. Ein weißer Bart deckte seine Brust und unter dem schwarzen Sammtkäppchen fielen Strähne weißen Haares auf seine gebückten Schultern nieder». Seine Stirn war von tiefen Runzeln durchfurcht und die Augen blickten mit großer Aufmerksamkeit auf die Arbeit, die er in der Hand hielt. Sein Ohr, an das fortwährende Geräusch gewöhnt, hatte den Eintritt des Fremden, der noch immer regungslos an der Thür stand, nicht gehört. Einen Augenblick später erklang, das Geräusch übertönend, eine einzelne Stimme: „Kn—kuk, Ku—kuk!" Eigenthümlich frisch und hell war dieser Laut: „Ku—kuk, Ku—kuk!" erklang es in regelmäßigen Zwischenräumen achtmal, worauf dann wieder der Chor aller Uhren sein trotz der Eintönigkeit hastiges Gespräch fortsetzte. Der alte Jude erhob sein Haupt; seine Lippen umspielte ein seliges Lächeln, seine Augen, die mit dem Ausdruck innerer Befriedigung im Zimmer umherblickten, begegneten denjenigen des Gastes. Er erhob sich ein wenig von seinem Scheinet, lüftete fein Käppchen und fragte: „Der Herr wünschen etwas?" Nachdem er jedoch den theueren Pelz, die goldene Brille und die trotz ihrer Gebücktheit vornehme Gestalt genauer in's Auge gefaßt hatte, wiederholte er seine Frage in etwas veränderter Weise: „Euer Gnaden wünschen etwas?" Ohne ihm indessen zu antworten, schritt der alte Herr auf die Uhr zu, die soeben den Kukukruf ausgestoßen hatte und blieb uumittelbar vor ihr steheu. „Woher habt Ihr diese Uhr? Das ist eiue Antike! Ein eigenthümliches Zifferblatt!.. . . Wie kommt sie zu Euch? Wem gehört sie?" Wie von einer Sprungfeder in die Höhe geschnellt, sprang der Jude von seinem Schemel empor und stand im Nu an der Seite seines Gastes vor dem schlanken Schränkchen aus Ebenholz, durch dessen Oeffnung die Uhr in die Welt blickte. „Wem diese Uhr gehört? Wem soll sie gehören? Sie ist mein! Wie ein Sohn gehört zu seinem Vater, wie ein Freund gehört zu seinem Freunde, so gehört diese Uhr zu mir! Und Euer Gnaden haben gedacht, daß diese Uhr mir nur wurde gegeben zum Verbessern, daß es wird kommen Einer und sie wieder wegnehmen? Ai, ai! Wenn mir wollte Jemand fortnehmen diese Uhr, ich würde ihn schlagen mit einem Stock! Ich würde machen einen solchen Lärm, daß Menschen würden zusammenlausen und sortjagen denjenigen, welcher mir wollte rauben diese Uhr . . . denn sie ist mein! . . Er sprach mit Eifer und steigender Lebendigkeit. Plötzlich verstummte er und begann seinen Gast mit großer Aufmerksamkeit zu betrachten. Dieser jedoch schenkte.dem Inden gar keine Beachtung. Erhobenen Hauptes stand er vor der Uhr, ganz in ihren Anblick versunken.' „Gebt mir nur einen Schemel und eine Lampe," rief er endlich, „ich kann das Bild nicht deutlich unterscheiden .. . „Ich sehe zwar daß es eine Landschaft ist, weiß jedoch nicht welche ..." Bei den letzten Worten stieg er mit fast jugendlicher Elasticität auf den Schemel, den ihm der Jude bereits hingeschoben hatte. „Und nun die Lampe!" „Gleich, gleich. Euer Gnaden!" Und schon stand der Jude, mit der Lampe in der Hand, auf einem zweiten Schemel neben seinem Gaste. „Genf!" rief der alte Herr, „ja, ja! Eine Schweizer- Fabrik! Wißt ihr nicht, welche?" „Warum sollte ich das nicht wissen? Kann ich etwas nicht wissen von dieser Uhr?" Triumphirend nannte er den Flamen einer seit Langem nicht mehr existirenden Fabrik. „Das war eine Fabrik! Solch eine gibt es nicht mehr auf der Welt!" „Das ist wahr! Ach, das ist leider wahr, daß solch eine Fabrik nicht mehr zu finden! Aber wie wird die Uhr ausgezogen?" Schon hielt der alte Jude den Schlüssel irr der Hand, als habe er ihn aus dem Aermel geschüttelt. Thatsächlich jedoch hatte er ihn einem geheimen, im Schränkchen befindlichen Schnbfache entnommen. „Sehen, Euer Gnaden, so zieht man sie auf. Und wie gut, daß ich sie heute noch nicht habe aufgezogen, da kann ich es zeigen Euer Gnaden. Ei. wie fein! Solch' alter Schlüssel und geht wie geschmiert!" „So, aha! Und ich dachte, daß man sie von der anderen Seite aufzieht, denn diese Uhren . . ." „Euer Gnaden irren sich . . . Diese Uhren werden nie von jener Seite aufgezogen . . . Das sind ganz andere. Und jetzt betrachten Euer Gnaden diese kleinen Gesimse, was für reizende Arbeit . . . wie fein die Schnitzerei und die Vergoldung ..." „Empire!“ flüsterte der alte Herr. „Freilich, Empire! Ha ha ha! Auf mein Ehrenwort, Euer Gnaden verstehen sich auf Uhren wie, mit Verlaub, ein Uhrmacher! Echt Empire! Die Uhr ist fast hundert Jahre alt!" „Wartet nur, wartet! Und diese Sprungfeder!" „Nu, die Sprungfeder? Wenn ich drücke darauf, fliegt aus dem Gehäuse ein Vogel, schlägt mit den Flügeln und ruft: „Ku-kuk!" „Ja, richtig! Ich habe schon einmal etwas Derartiges gesehen . . ." „Nu, dann will ich es zeigen Euer Gnaden noch ein zweites Mal ..." Sie standen auf den Schemeln nebeneinander, ungleiche Gestalten, denn der Hausherr war kleiner und schmächtiger als der Gast, aber die ungleichen Gesichter, auf die das Licht der Lampe siel, waren beide von gleich tiefen Runzel» durchquert. Und durch die blitzenden Brillengläser blickten zwei Angenpaare mit gleichem Entzücken auf die Uhr. Der Jude drückte auf die Feder und plötzlich schwang sich über den beiden weißen Häuptern und den von Runzeln durchfurchten Gesichtern ein metallener Vogel in die Luft. Er schlug mit den Flügeln und laut und hell erklang es in dem Raume: „Ku-kuk! Ku-kuk!" Der Hausherr stieg vom Schemel herunter, und nachdem er dem Gaste ein Gleiches zu thun behilflich gewesen, blieb er, mit der Lampe in der Hand vor demselben stehen. „Mit Verlaub, Euer Gnaden," flüsterte er schüchtern, „vielleicht irre ich mich, aber ich glaube, daß meine alten Augen haben erkannt Euer Gnaden." „Wartet nur, wartet!" entgegnete der alte Herr mit