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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-28 · 26 (28.6.1895) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
26 (28.6.1895)
Date
1895-06-28
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 488 Wächters zu überzeugen. Die Cultusgcmeinde, sowie einzelne Mitglieder erstatteten die Anzeige bei der k. k. Staatsanwaltschaft in Brzezany und wird die erste Verhandlung beim Bezirksgerichte Kozowa am 28. d. M. stattfinden. Zur Verhandlung sind vorgeladen seitens der Angeklagten die in der Anzeige genannten Haupträdelsführer Josef I a r o c k i, Jaßko B e r n v c k i, Micha) Ba)dowski und Micha) Kusznier, und seitens der Cultusgemeinde der Vorsteher Herr Ire Stolzenberg. Das Resultat des Processes werde ich in diesen Blättern berichten. Nun geht cs auch bei uns lustig zu! Galizien macht Fortschritte! I o a ch i m N e i g e r. Berlin, 12. Juni. Seit 27a Jahren klagte Herr- Paul Friedmann gegen den Herausgeber der „Jüdischen Presse", Dr.Hirsch Hildesheimer, wegen Beleidigung. Herr Paul Friedmann, der jüdischer Abstammung, aber Protestant ist, hat seinerzeit Kraft und Geld der Durchführung eines romantischen Planes gewidmet. Als die Juden in Rußland immer mehr bedrängt wurden und sich Hilfscomites aller Orten bildeten, beschloß Herr Paul Friedmann, an dem alten Stammsitze des Volkes Israel, am Rothen Meere in dem Lande Midian eine „Jadencolonie" zu begründen und die in Noth und Elend getriebenen russischen Juden dorthin zu führen. Die Expedition ging auch von Statten; auf einem eigenen Dampfer zogen unter dem Oberbefehle Friedmann's 46 Colonisten hinaus, um die Colonie Midian zu begründen. Das Unternehmen, das mit vielen Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten zu kämpfen hatte, ist schließlich ganz in Brüche gegangen und die Colonisten waren froh, der Wüstenei glücklich entrinnen zu können. Ueber das Schicksal der Colonisten und ihre Behandlung durch Herrn Friedmann wurden in egyptischen Blättern bald haarsträubende Schilderungen geliefert, die durch die „Neue Freie Presse" aus Grund eigener Mittheilungen der Colonisten vielfach ergänzt und von der „Jüdischen Presse" des Herrn Hildesheimer zum Gegenstand ernster Erörterungen gemacht wurden. Nach den Berichten sollte Herr Friedmann einen widerspenstigen Colonisten geradezu in den Tod gejagt haben, indem er ihn aus dem Lager gejagt und ohne Kleider in der Wüste seinem Schicksal überlassen haben soll. Die Leiche des Ausgewicsenen soll später aufgefunden worden sein. Es war in den Berichten ferner behauptet worden, daß Herr Friedmann wie ein kleiner König mit drakonischer Strenge in der Colonie regierte, die Colonisten bei schwerster Arbeit schlecht xit essen bekämen, daß er sich eine phantastische Uniform zugelegt habe, daß er schließlich nach dem eingetretenen Krach seine Colonisten nicht nach Suez zurückgeführt, sondern einfach ihrem Schicksale überlassen habe rc. Die „Jüdische Presse" geißelte auf Grund dieser Mittheilungen die Expedition als ein „abenteuerliches Unternehmen", das „von vornherein einen phantastischen und abenteuerlichen Charakter hatte", sie beklagte die „grausame Behandlung der jüdischen Colonisten" und kritisirte Friedmann's Zug an's Rothe Meer als eine vollständig verfehlte und ungeschickt inscenirte Expedition. Durch diesen Artikel der „Jüdischen Presse" fühlte sich Herr Paul Friedmann beleidigt und strengte gegen Herrn Hirsch Hildesheimer die Privatklage an. Da Letzterer umfassenden Wahrheitsbeweis antrat, zog sich die Erledigung der Klage außerordentlich in die Länge. Es wurden in den verschiedensten Theilen der Welt Zeugen commissarisch vernommen und verschiedene Termine mußten nach längerer Verhandlung immer wieder vertagt werden. Gestern ist es nun endlich nach abermals fast neunstündiger Verhandlung zu einem Urtheile gekommen. Im gestrigen Termine war auch Herr Friedmann persönlich zur Stelle. Er bestritt, den einen Colonisten in den Tod gejagt zu haben und verwahrte sich entschieden gegen den Borwurf einer grausamen Behandlung, indem er -darlegte, daß den zusammengewürfelten Elementen gegenüber, die sich ihm angeschloffen, im exotischen Lande eine eiserne Disciplin durchaus notwendig gewesen sei. Der Gerichtshof hielt einen Theil der Beschuldigungen, durch die sich der Privat¬ Nr. 26 klüger beleidigt fühlte, für erwiesen, namentlich was die Ausweisung und den Tod eines Colonisten, sowie die unterbliebene Zurückführung der Colonisten nach Suez betrifft. Für nicht erwiesen hielt der Gerichtshof den Vorwurf, daß die Colonisten unzureichende Nahrung erhalten hätten. Mit Rücksicht auf die ganze Sachlage verurtheilte der Gerichtshof den Privatbeklagten zu M. 20 Geldstrafe. Berlin, 19. Juni. (Die antisemitische Buchhandlung von A. Dewald), von der aus die Stadt Berlin und die Provinz mit den bekannten Preßerzeugnissen überschwemmt wurde, ist seit heute Früh 10 Uhr geschlossen. Der Gerichtsvollzieher hat den Kehraus abgehalten; der größte Theil des Lagers erwies sich als Commissionswaare, der Rest nebst Einrichtung wurde meistbietend versteigert und von dem Hauptgläubiger, dem Wirth des Hauses, Herrn Capitän R e s ch k e, für M. 810 erstanden. Uebrigens hat Herr Dewald durch Anwendung eines nicht ganz neuen Mittels versucht, sich dem ihm drohenden Verderben zu entziehen. Seit einiger Zeit verkündeten Placate, welche am Schaufester angebracht waren, einen großen Ausverkauf wegen Aufgabe des Geschäftes. London, 14. Juni. Das war ein vorzeitiger Anfang der „drei Wochen" für die große Londoner jüdische Gemeinde. Drei Todesfälle, jeder für sich ein Ereigniß: Heute vor acht Tagen traf hier besuchsweise und in Angelegenheiten der Anglo Jewisch. Association der Oberrabbincr der bulgarischen Juden, Dr. M. G r ü n w a l d, ein, dem Anscheine nach in voller Gesundheit, aber mit dem Todeskeim im Inneren. Am Sabbath Vormittag stellte sich ein Unwohlsein ein, das sich im Laufe des Tages derart verschlimmerte, daß die Kunst der berühmtesten Aerzte machtlos war. Ein altes inneres Leiden war plötzlich wieder zum Ausbruch gekommen und Montag in der Frühe hauchte er, umgeben von den Chewra-Mitgliedern, seine Seele aus. Der Verstorbene, obgleich erst 40 Jahre alt, war einer der bekanntesten, erfolgreichsten und fruchtbarsten jüdischen Schriftsteller, langjähriger Mitarbeiter der „Oesterreichischen Wochenschrift", sowie vieler anderer periodischer Zeitschriften. Im Jahre 1882 zum Rabbiner in Belovar (Croatien), einige Jahre darauf nach Jungbunzlan in Böhmen gewählt, wurde Dr. Grünwald 1892 zum Oberrabbiner von Bulgarien ernannt, wo er eine hohe Ehrenstellung einnahm und noch vor wenigen Wochen bei seiner Anwesenheit in Constantinopel mit großen Ehren überhäuft wurde. Ihm ist hauptsächlich die Besserung in den Verhältnissen unserer Glaubensgenossen im Orient zu danken; in den verschiedenen Wohlthätigkeitsanstalten hatte er ein entscheidendens Wort, so daß sein Verlust nach dieser Seite hin ein fühlbarer sein wird. Seine Beisetzung fand auf dem jüdischen Friedhofe in London statt; sämmtliche in London anwesenden jüdischen Notabilitäten, geistliche wie weltliche, an ihrer Spitze der Oberrabbiner, gaben seiner Leiche das Geleite, während Menschenmassen die Straßen, welche der Leichenzug passirte, an beiden Seiten umsäumten. Und kaum waren die rituellen Ceremonien der am am Montag Nachmittag stattgefundenen Taharo Dr. G r ü nw a l d's beendet, als die Mitglieder der Chewra an das Sterbelager eines Mannes berufen wurden, den thatsächlich jedes jüdische Kind in London kannte, und mit dessen Hinscheiden die englische Judenheit einen schweren, unersetzlichen Verlust erlitten. Nathan Löb David Z i m m e r, ein wahrer orthodoxer Mann im besten Sinne des Wortes, hatte seine Seele ausgehaucht und an seiner Bahre betrauert und „beweint ganz Israel die Zerstörung, die Gott in seinem unerforschlichen Rathschluffe bestimmt". Mil wenigen Worten die Bedeutung des Verstorbenen für die Londoner Judenheit zu schildern, ist unmöglich. 37 Jahre lebte und wirkte er in unserer Mitte. Geboren zu Fürth als Sohn des seligen Rabbiners David Z i m m e r, mußte er in Folge der politischen Vorgänge von 1848 sein Vaterland verlassen und etablirte hier einen Handel in Blattgold; ein streng orthodoxer Charakter, achtete er die Dr. Wloch's Wochenschrift.

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