Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 26 Dr. Bloch's Wochrnfchrrfi. Seite 47I femiien ruhig sein und brauchen für ihre Zukunst sich keinen übertriebenen Besorgnissen hinzugeben. Allein, all dies nur nebenbei! Wogegen jedoch entschieden Einspruch erhoben werden muß, ist der Umstand, daß das „Freie Blatt" gegen die Stellungnahme, zu welcher sich die Judenschaft Mährens aufgerafft, eine übelwollende, nicht genug zu mißbilligende Haltung einnimmt. Weiß doch das „Freie Blatt" gut, daß vor Kurzem die Notablen der mährischen Judengemeinden gelegentlich der Session des mährischen Landesmassesonds den einstimmigen Beschluß faßten, eine „Demarche" an die deutschliberalen Abgeordneten in der Antisemitensrage zu richten. Nicht minder dürfte dem „Freien Blatt" bekannt sein, daß erst vorige Woche Vertreter aller Cultusgemeinden Böhmens in einer in Prag abgehaltenen Versammlung zur Antisemitensrage in einer an Deutlichkeit und Energie nichts zu wünschen übrig lassenden Weise Stellung genommen haben. Dieser Initiative in den Arm zu fallen, ist ebenso so sträflich als sündhaft. Es gewinnt den Anschein, als wollte man die Thatkrast in der Provinz nicht auskommen lassen, damit nicht ein Gegensatz zu Wien geschaffen würde, wo sich die Zustände durch die unverzeihliche Leisetreterei bis auf's Aeußerste zugespitzt haben. Auf die in Proßnitz abgehaltene Wählerversammlung übergehend, mochten wir die bei derselben von dem Proßnitzer Cultusvorstande, Herrn Josef Singer, abgegebenen Erklärung allen Denjenigen zur Beherzigung und Nachahmung empfehlen, welche groß und stark in Worten aber klein und schwach in der That sind. Gäbe es nur ein kleines Häuflein solch muthiger und thatkrästiger Bertheidiger und Kämpfer für die gerechte Sache der Juden, so stünde es lange nicht so schlimm um sie. Wenn die ausführlichen Berichte der Zeitungen über die Wählervcrsammlung in Proßnitz getreulich berichten, so erscheint eine Correctur einiger Einzelheiten nicht überflüssig. Der Reichsrathscandidat, Bürgermeister v. Engel, hat den deutschen Geist angerufen, denjenigen, welcher durch die Blätter der Weltgeschichte rauscht, nicht einzelne von seinen neuerfundenen Abarten. „Wir wissen von ihm", sagte Herr v. Engel, „daß er überall die Freiheit des Denkens, des F o r s ch e n s und des Glaubens vertritt, daß er d i e engen Schra n k en der Rare u n d derConfession nicht k e n n t und daß er offen und unverholen ein Reich der Gerechtigkeit und H u m a n i t ü t verlangt. Wir wissen ferner von ihm, daß er die schmählichen Angriffe auf eine ganze Classe von Staatsbürgern verdammt, wir wissen von ihm, daß er sich durch keine Rücksichten der Welt davon zurückhalten lassen wird, die Abstellung dieser gesetzwidrigen Feindseligkeiten nachdrücklich zu begehren." Herr v. Engel nimmt hier einen idealen Standpunkt ein, der seiner Individualität entspricht und Zeugniß von seiner geläuterten Auffassung und Anschauung gibt. Den historischen Thatsächen entsprechen seine Behauptungen jedoch nun und nimmermehr. Jedes Blatt der Geschichte des Judenthums gibt vielmehr Zeugniß davon, daß Germanismus und Intoleranz sich decken und congruente Begriffe sind; und ist die moderne antisemitische Seuche nicht germanisches Product? Dies soll und muß im Interesse der historischen Wahrheit festgestellt werden. Wir schätzen und anerkennen den lauteren Charakter und den guten Willen Herrn v. Enge l's, allein in einer Richtung müssen wir doch demselben entgegentreten. Derselbe bemerkte in seiner Candidatenrede: „Die bestehenden Gegensätze von Christen und Nichtchristen müssen durch eine weise Gesetzgebung ausgeglichen werden." Mit Verlaub, diese „weise Gesetzgebung" gesteht bereits in den Staatsgrundgesetzen, und daß sich selbe den Juden gegenüber nicht eingelebt und daß sie nicht gehandhabt werden, ist — es muß dies offen und unverhohlen ausgesprochen werden — einzig und allein die Schuld der. deutschliberalen Partei, welche mit den Antisemitisch-Deutschuationalen, welch letztere sie bekämpfen, liebäugelt, dagegen der Juden, die ihnen opfermuthige, opferfreudige Heerfolge leisten, sich nur dann erinnern, wenn es gilt, ihre Stimmen zur Sicherung der Mandate zu werben. E. B e e r. Ueber den Verlaus der Wählerversammlung wird uns gemeldet: Proßnitz, 24. Juni. In der gestrigen, aus allen drei Wabl städten des Bezirkes zahlreich besuchten Wählerversammlung entwickelte der deutsche Candidat, der Slmützer Bürgermeister Joses v. Engel, stürmisch acclamirt, sein Programm. Rebst der Betonung treuen Festhaltens am dentschliberalcn Programm nahm Enget auf das Entschiedenste Stellung gegen den Antisemitismus, den er als beklagenswerthen 'Auswuchs nationaler Verirrung verdannute, und begrüßte die Amlöfuug der Eoatition als den Moment, in welchem die Linke sicli selbst wiedergefunden. Hierauf meldete sich Herr Josef Sing c r zum Worte, um folgende Erklärung ab zu geben: „Die israelitischen Wähler von Proßnitz geben hiemit der tiefen Besorgnis; Ausdruck, daß die Bereinigte Linke, welcher Partei ihr Candidat im Abgeordnetenbanse, wie sie erivarten, sich anschließen wird, nicht mehr in jeder Beziehung auf der Höhe ihrer Aufgabe zu stehen scheint. Als Ausgabe dieser Partei betrachten es die israeliri scheu Wähler von Proßnitz bei Wahrung der nationalen Stellung des Deutschthums im Kaiserstaate, die freiheitlichen E rr u u g e u s ch asten der S e ch ziger- und S i e b z i g e r j a h r e nicht v e r k ü m nr e v n z u l a s f e n und insbesondere dem ersten Grundsätze jedes liberalen Progrannnes uneingeschränkte Geltung zu verschaffen, denr Grundsätze nämlich: Bor dem (*>> e st' tz e i st j e d e r S t a a t s b ii r g e r g l e i ch. In der Ber fechtnug dieses Grundsatzes hat aber die Bereinigte Linke in den letzten Jahren eine auffallende Lauheit bewiesen. Denn obgleich die Fälle, in denen dieser Grundsatz zu llngunsten der Staatsbürger mosaischen Bekenntnisses seitens der letzten beiden Regierungen durchbrochen wurde, sich häuften, obwohl die Grundrechte der jüdischen Staatsbürger ungestraft verletzt und die brutalsten Justincte der Massen gegen sie ^nckgestachelt wurden, haben diese fortdauernden Kränkllngen seitens der Regierung keine Abhilfe, haben diese perfiden Angriffe seitens der liberalen Partei nicht die entsprechende Zurück- Weisung gestlnden. Die Bereinigte Linke hatte diesem schreienden Rothstandc gegenüber in der Aera Daaffe nur die Politik des verdrossenen Gewährenlassens, und sie begnügte sich in der Coalitionsaera, in der sie doch einen Dheil der Regierungspartei bildete, mit der nicht minder verdrossenen Stellung von Interpellationen an die Regierung. Obgleich nun auch die von der hohen Regierung, insbesondere bei Beamtenernennungen, beobachtete llebung als ver s ch ä m t e Be g ü n st i g u n g des Anti s e m i t i s m u s aus die Entwicklung dieser freiheitsfeiudlichen Bewegung aufmnuternd wirken mußte, hat die Bereinigte Linke nichts unternommen, unr die Regierung zu einer entschiedenen Stellungnahme in dieser Frage zu nöthigeu. Run zählen aber die jüdischen Wähler, zumal in Mähren, zu den treuesten Bersechteru der deutschliberalen Partei, und insbesondere die jüdischen Wähler in Proßnitz haben ihre Gesinuungstreue lmd Partcidiseiplin seit Decennien in rühiulichst bekannt gewordenen Wahlkämpfen, unter Einsetzung ihrer materiellen Interessen, mitunter selbst ihrer Existenzen bekundet und bewährt. Diese jüdischen Wühler der mährischen Städte finden es mit dem Programm der liberalen Partei, der sie angehören, unvereinbar, daß diese Partei es ängstlich vermeidet, sich für die verletzten Rechte ihrer jüdischen Genossen ernstlich zu erponiren. Die Berstimmung hierüber ist eine tiefgehende und schon mehrfach wurde in diesen Kreisen die Frage aufgeworfen, ob es nicht nöthig sein werde, das Parteiprogramm, an dem die Juden Mährens festhalten, vor der Verdunkelung durch die Partei selbst zu schützen. Tie Wahl eines Abgeordneten kür unseren Bezirk bietet zum ersten Male, seit diese Stimmung nach Ausdruck ringt, Gelegenheit, einen Candidateu, der das Vertrauen auch der jüdischen Wähler nir sich in Anspruch nimmt, diese Beschwerden an's Herz zu legen. Do' jüdischen Wähler von Proßnitz erivarten, daß ihr Abgeordneter im Club der Bereinigten Linken dahin wirken werde, daß die d eutsch liberale Partei die verfassungsmäßig g e iu ä h r