Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-28 · 26 (28.6.1895) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
26 (28.6.1895)
Date
1895-06-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021088--04671-3028869
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

^'..>.'^<E«»tt«!^EEWSiS J-. '.■FUWJJI Seite 474 Dr. Bloch/s Wochenschrift. Nr. 26 mächtigen Aufschwung zum Ausdrucke brachten, welchen die antisemitische Bewegung in Wien genommen, schien ihm die Zeit zu einem entscheidenden Schlage gegen die liberale Partei gekommen. Weg mit der Coalition — und die Probe daraus gemacht, ob die antisemitische Partei bereits zu einem Machtsactor geworden ist, mit dem sich auch parlamentarisch rechnen läßt l Das ist der Calcul des Grafen Hohenwart und damit fällt ein erhellendes Licht auf die Ereignisse der letzten Wochen, damit wird es begreiflich, warum Dr. Lueger die Wahl zum Bürgermeister nicht annahm und der Wiener Gemkinderath aufgelöst werden mußte. Im Feuer allgemeiner Neuwahlen soll die Härte und Kraft der antisemitischen Partei geprüft werden. In eingeweihten parlamentarischen Kreisen ist man sich klar darüber, daß die Berufung des Grafen Kiel m ansegg zum Minister des Innern vor Allem im Hinblicke auf die bevorstehenden Gememderathswahlen erfolgt ist. Graf K i e l m a n s e g g ist von den Antisemiten im Landtage nicht glimpflich behandelt worden und es besteht unleugbar ein gewisser persönlicher Antagonismus zwischen ihm und den Führern dieser Partei. Aber man würde sich sehr täuschen, wollte man annehmen, daß der neue Minister des Innern sich durch jene persönlichen Kämpfe bestimmen lassen könnte, die Position der liberalen Partei in dem bevorstehenden Wahlkampf auch nur durch seinen moralischen Einfluß zu stärken. Die Kraftprobe, die da gemacht werden soll, wird eine vollständige sein, kein höherer Wille wird das freie Spiel der Kräfte beeinflussen. Erweist sich die Rechnung des Grafen Hohenwart als richtig, erringt die antisemitische Partei bei der bevorstehenden Gemeinderathswahl einen großen Sieg, entreißt sie die Verwaltung der Rcichshauptstadt den Händen der Liberalen, dann ist der Weg, welchen die clerical-feudale Reaction weiterhin zu nehmen hat, klar vorgezeichnct. Unter der Führung des Prinzen L i e ch t e n st e i n, der ja, als er die antisemitische Uniform angelegt hat, damit auf seinen Rang und Charakter als General der clericalen Armee nicht verzichtete, wird die antisemitische Partei aus einer localen Organisation eine Reichspartei werden und eine Agitation wird zu ihren Gunsten entfesselt werden, von deren Intensität wir uns heute kaum noch eine Vorstellung machen können. Einem entscheidenden Wahlsiege der Antisemiten in Wien würde die Auflösung des Reichsrathes und die Ausschreibung von Neuwahlen auf dem Fuße folgen, und bei diesen Ncuwahlen würden die gewaltigsten Anstrengungen gemacht werden, um die parlamentarische Vertretung der antisemitischen Partei unter dem Commando Liechtensteins auf 40 bis 50 Köpfe zu bringen, eine Zahl, die vollständig ausreichen würde, mit den Polen und Conservativen eine neue regierungsfähige Majorität zu bilden. Das ist das Ziel, welches die Reaction im Auge hat. Bei den bevorstehenden Gemeinderathswahlen wird also nicht blos um die Macht im Wiener Rathhause, es wird um eine neue Gestaltung der inneren Verhältnisse des Gesammtreiches gekämpft werden! Der Ehrgeiz des Grasen H o h e n w a r t strebt darnach, au Stelle der Zufallsmajoritäten im Parlamente eine h omogene Majorität zu setzen, die er schrankenlos zu beherrschen vermag. Und Fürst Liechtenstein ist ganz der Mann dazu, um sich für diese Zwecke brauchbar zu erweisen. Die innige Verschmelzung der nationalen und der christlich-socialen Antisemiten, die Schmeicheleien, mit welchen die Lueger und Genossen heute bereits ihren ehemaligen Gegner, den Grafen K i e l m a n s e g g, umwerben, sind deutliche Symptome dafür, wie energisch man sich in jenem Lager für den großen Feldzug rüstet. Wird derselbe unternommen, dann gehen unsere Glaubensgenossen in ganz Oesterreich schweren Tagen entgegen. Für die liberale Partei handelt es sich dabei mur um etliche Mandate, für uns Juden aber um die .ganze Existenz! So ist denn die „Wiener Frage" wirklich zur Reichsfragc geworden, und die Gemeinderathswahlen haben eine ganz außerordentliche Bedeutung gewonnen! An den Ausfall dieser Wahlen ist das Geschick unserer Glaubensbrüder auch außerhalb Wiens geknüpft! Das muß heute begriffen werden, von jedem Einzelnen und von Allen zusammen, und die äußerste Kraft muß ausgeboten werden, um den ebenso kühnen als unheilvollen Plan des Grafen Hohenwart zu durchkreuzen. Nicht nur die Juden Wiens, auch jene in der Provinz, sie alle müssen sich solidarisch fühlen in der Abwehr des verwegenen Angriffes. Was auch die liberale Partei an dem Geiste der Freiheit und der Gleichberechtigung gesündigt haben mag, in diesem kritischen Momente muß es vergessen und vergeben sein, und müssen wir unwandelbar zu ihr stehen, um das Schlimmste zu verhüten: die Anerkennung der Antisemiten als Regierungspartei! Zur Rrichsrathswahl im Städtebesirk Klmütz-Proßnitz. Das „Freie Blatt" bringt zu meinem in der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 14. Juni erschienenen Artikel „Zur Neichsrathswahl im Städtebezirk Olmütz-Proßnitz" in Form einer Correspondenz aus Olmütz eine Erwiderung, deren Natur schwer zu definiren ist. Eine Berichtigung ist diese Erwiderung nicht, denn sie gesteht ausdrücklich alles Dasjenige zu, was in obigem Artikel gesagt wird; auch eine Polemik ist darin nicht zu finden. Der unbekannte Verfasser hat es wohlweislich unterlassen, zu polemisiren, weil demselben jede Grundlage hiezu gänzlich mangelte. Wenn wir dessenungeachtet auf die sonst nicht so ganz harmlose Correspondenz reagiren, so geschieht dies deshalb, weil einige Behauptungen richtig gestellt werden müssen und weil seit dieser Zeit die Wählerversammlung in Proßnitz stattgefunden hat, die den classischesten Beweis für die Actualität und die vollständige Richtigkeit des in dem Artikel der „Oesterreichischen Wochenschrift" Enthaltenen erbringt. Zuvörderst ist es unrichtig, daß dem erwähnten Artikel zufolge es mit dem Mandate, das bisher in deutschen Händen war, „recht schlecht" stünde, ebenso unrichtig ist es, daß der Artikel „grau in Grau" male, constatirt sei aber, daß das „Freie Blatt" alle Einzelheiten des Artikels in minutiöser Weise zugesteht. Ein Novum ist wohl, was das „Freie Blatt" behauptet, die Antisemiten rufen und gröhlen in allen Tonarten : „O l m ü tz sei die Hochburg des I u d e n t h u m s!" Dies müßte wohl erst seit allerjüngster Zeit der Fall sein und ist wohl nur cum grano salis zu nehmen. Wie lange ist es her, daß der jüngst verstorbene Dr. Brecher, eine Zierde der Stadt, bei dessen Candidatur in die Gemeinderepräseutanz von den nicht jüdischen Wählern schmählich fallen gelassen wurde. Ich citire, was über diese seinerzeitige sensationelle Candidatur gedruckt wurde. „Die Geschichte der Candidatur Dr. Breche r's wird für alle Zeit ein Schandfleck in der Geschichte der Commune OlMütz sein." Wer erinnert sich nicht noch an eine höchst charakteristische, in der „Oesterreichischen Wochenschrift" publicirte Episode der letzten Zeit, in welcher ein jüdischer Beamtenaspirant eine active Rolle spielte. Besagter Aspirant wurde mit Rücksicht auf seine durch Zeugnisse bekräftigte Befähigung als Beamter der königlichen Hauptstadt Olmütz provisorisch bestellt und zur Beeidigung berufen. Als bei der feierlichen Eidesabnahme der Candidat anstatt des Kreuzes sich die Thora erbat, glaubte der eidabnehmende Stadtrath im Hinblick darauf, daß das Bekanntwerden des Umstandes, ein Jude sei in den Status der städtischen Beamten ausgenommen worden, eine Revolution in der sonst ruhigen Bürgerschaft heraufzubeschwören geeignet sei, den betreffenden Aspiranten zum Rücktritte zu bestimmen, was ihm freilich nicht gelungen ist. Wenn die „Hochburgen der Judenschaft" derart beschaffen sind, und sie sind es leider alle so, können die Anti-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.