Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 26. öl*« Blocht Jahrgang m Crntralorgan für die gefammten Interessen des Indenthums. [5b--=-—--[J] ¥ K. k. Postlparcaffen-Amt Clearingverkehr Nr. 810.976. Krdsrkion und Administration: Wien H. Untere Vngarkenstrahr 1 u. leiepkon ^Ir. 6535. V-- Wien, 38. Juni 1895. ._ Erscheint jeden Freitag. Wan abvnnirt bei allen Pvstallstalken des In- und Auslandes. Igi=^=- Bezugspreis für Vesterrrirh: ' Halbjälirig l fl. — 8 Kr. Einzelexemplare 25 kr. Mr's Ausland: j Halbjährig 5 fl. — 10 Kr. i Ganzjährig 10 „ 20 „ i Aiizeig c ii: Tie tmal gespaltene Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Was sinnt Gras Hohenwart? — Zur Reichsrathswahl im Städtebezirk Olrnütz-Proßnitz. — Die Inden als „Wurzen". — Bon der communal-politischen Rennbahn. — Der städtische Lchulboykott gegen jüdische Lehrerinnen in Berlin. — Die Urgermanen und das Alte Testauient. — Der heilige Rabbi von Stolac. — B o m I a h r m a r k t d e s L e b e ns: Wieder eine judenreine Versicherungsgesellschaft, .,Unio catholica“. — Der Kinderränber von Währing. — Eine de- und wehmnthlge Abbitte. — Andreas von Rinn. — Riederrad-Straßenrennen. — DieRadineisterschast von Europa. — Annus. — Sänger oder Borbeter. — C o rresp ondenz en: Wien, Brünn, Prag, Budapest, Stanislau, Wadowice, Koztow, Berlin, London, New Bork, Ratal. Tunis, Melbourne. — Vermischtes: Wien, Lemberg, Krakau, Lugos, Ung.-Ostra, Triest, Paris, Bur-Szt.-Georgen. — Feuilleton: Vereint. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Was sinnt Graf Hohenwart? Die Coalitiou ist todt und zu ihrer Vernichtung hat ihr Erzeuger und Schirmherr Graf Hohenwart den ersten und vehementesten Anstoß gegeben. Graf Hohenwart ist nicht der Mann, der seine Entschlüsse nach plötzlichen Eingebungen und ohne klugen Borausblick in die Zukunft faßt. In dem Augenblicke, wo er die Hand erhob, um sein eigenes Gebilde zu zerschlagen, mußte er sich schon die Frage vorgelegt haben, auf welche Weise eine neue parlamentarische Majorität gebildet werden könne, da ja ohne eine solche, selbst wenn man den österreichischen Constitutionalismus als einen rein äußerlichen und formellen betrachtet, nicht regiert werden kann. DaS gegenwärtige Beamtenministerium des Grasen K i e l m a n s e g g hat nur eine vorübergehende Mission. Es ist dazu berufen, den Schutt hinwegzuschassen, welchen das Coalitionsministerium hinterlassen hat, es hat lediglich die Erledigung des Budgets durchzuführen, und es wird in dem Momente, wo diese That gethan ist, seine Aufgabe als beendet ansehen. Das wird zu Beginn des Herbstes der Fall sein. Was aber dann? Graf Hohenwart wäre nicht der providentielle Staatsmann, als welcher er thatsächlich gilt, wenn er nicht vorläufig — wenigstens in seinem Calcul — eine Antwort auf diese Frage bereits gefunden hätte; und der Calcul des Grafen Hohenwart pflegt so ziemlich auch derjenige unserer tonangebenden Kreise zu sein. Um über die Zukunftspolitik der Clericalen und Feudalen ein Urtheil zu gewinnen, muß man sich daran erinnern, was vor der Coalition war. Lange Jahre hindurch bestand der „eiserne Ring" der Rechten, welchen die Polen, dieAltczechen und die Conservativen bildeten und mit dessen Hilfe Graf Taaffe gegen die Linke regierte. Als die Altczechen von der Bildfläche verschwanden und die Jungczechen als Opposition in's Parlament traten, war dieser „eiserne Ring" zerfallen. Ueber Prag war der Ausnahmszustand verhängt und schwer lastete die Hand der Regierung auf dem czechischen Volke. An eine Verbindung der Jungczechen mit den Polen und Conservativen war natürlich nicht zu denken, und so schuf denn der große Equilibrist Taaffe die bekannte „dreibeinige Majorität". Er nahm einen Vertrauensmann der Lucken in sein Cabinet auf und die liberale Partei erklärte sich bereit, ohne engere Beziehung zu dem Hohenwart-Club von Fall zu Fall die Regierung zu unterstützen. An die Wiederkehr ähnlicher parlamentarischer Constellationen ist nicht zu denken. Optimistische Politiker haben zwar in den letzten Tagen die Möglichkeit einer Versöhnung der Jungczechen und damit der Neubildung des „eisernen Ringes" ventilirt, aber wenn man schon die Eventualität einer Zurückstellung der staatsrechtlichen Forderungen der Jungczechen in Erwägung ziehen kann, zu einem Verzichte auf ihre freiheitlichen Forderungen können sich dieselben nicht verstehen, wenn sie sich nicht selber das Schicksal der Altczechen bereiten wollen. Die jungczechische Partei hat eine, fast möchte man sagen elementare Agitationskraft entfaltet, sie hat das czechische Volk in seinen innersten Tiefen auf» gewühlt, sie hat die alten hussitischen Erinnerungen, welche seit jeher im Volksgeiste schlummerten, wieder wachgerüttelt — es ist eine bare Unmöglichkeit, all das ungeschehen zu machen und sich mit dem conservativen Adel und dem Clericalismus zu verbinden. Aber ebenso unmöglich ist cs, daß die Bereinigte Linke, nachdem sie aus eigener harter Erfahrung die Treulosigkeit der Conservativen kennen gelernt hat, die „dreibeinigeMajorität" wieder aufteben ließe. Man kann einem farblosen Geschäftsministerium gegenüber Neutralität beobachten, aber einem politischen Cabinet, welches unzweifelhaft wieder die Marke des Grafen Hohenwart tragen würde, kann man nach all Dem, was geschehen, kein Vertrauen mehr entgegen - bringen. Also weder „eiserner Ring" noch „dreibeinige Majorität"! Was aber sinnt Graf Hohenwart, der Schöpfer und Verderber parlamentarischer Majoritäten? Wenn er nichts an ihre Stelle zu setzen wüßte, warum hat er mit sorglicher Ueberlegung und bei einem untergeordneten Anlasse, wie Cilli, die Coalition zertrümmert? Wenn diesem Manne einmal in Oesterreich ein Denkmal gesetzt werden sollte — wir leben ja im Reiche der Unwahrscheinlichkeiten — dann sollte man ihn darstellen mit einer Angelruthe in der Hand, mit welcher er die Kraft der Volksströmungen gegeneinander abmißt. Auch die antisemitische Strömung hat er gemessen, und in dem Maße, als dieselbe anschwoll, belebte ein immer befriedigteres Lächeln das kluge Antlitz des Grafen Hohenwart. Als die Gemeinderathswahlen vom 1. April den