Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 25 (21.6.1895)
- Date
- 1895-06-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Dr. Rloch's Wochenschrift Äir. L5 Seite 466 den reichsten Männern des Pa eifischen Gesenkes zählt. Sutro Heights, sein gegenwärtiger Wohnsitz, war 1880 eine öde Sandrvüste. Unter seiner'Leitung bohrte eine große Arbeiterschaar Brunnen und durchgrub Hügel, um Wasscrzufuhr zu gewinnen, pflanzte Millionen von Bäumen und Sträuchcrn, sprengte Felsen und verwandelte sie in Gänge, Brüstungen, Treppen und Boulevards, legte herrliche Gartcnplätze an und schmückte die Parterres, die Terrassen, die Nischen und die Höhen mit Copren der berühmtesten Statuen alter und neuer Zeit. Als Alles vollendet war, eröffncte er diesen schönen Park, der :J»0 Fuß über dem Meeresspiegel liegt, den Strand, die Scchundsfelsen, das goldene Thor, den Mount Olympus und die Farallone-Jnseln überblickend, unentgeltlich dem Publicum. Hieraus schickte sich Sutro an, die großartigsten Bäder zu bauen, welche die neue Welt kennt. Diese sind am 2t». April 1894 eröffnet worden, seinem fiinfnndsechzigsten Geburtstage, und liegen nördlich vom Cliff Housc. In genialer Weise sind die Röhren so gelegt, daß diese Kraft der Wellen die Bäder stets von selbst mit reinem Seewasscr versorgt und sie nach den Gebrauch reinigt. Das große Schwimmbad ist 30<> Fnß lang und 175 breit, und die Tiefe wechselt zwischen 2 und 11 Fuß. Das Badehaus hat ein Dach von 100.600 Quadratfnß Glas, und das Innere, das einem gewaltigen Amphitheater gleicht, faßt 16.000 Personen. In drei Restaurants in den verschiedenen Etagen speist man vorzüglich und genießt dabei den Blick aus die Brandung, und eine große Bühne sorgt fiir künstlerische Genüsse. Endlich beabsichtigt Sutro, der Stadt San Francisco eine öffentliche Bibliothek zu schenken, zu der er bereits rund 200.000 Bände gesammelt hat, darunter 4000 seltene alte Drucke, die Collection Talberg, 25.000 Flugschriften aus der Zeit des englischen Bürgerkrieges, eine Sammlung mexicanischer Bücher, 2500 japanische Maiiuscripte, eine ausgedehnte semitische Literatur, eine militärische, eine architektonische, eine botanische Bibliothek u. s. w. Ter Bauplatz für die Bibliothek liegt im Golden Gate- Park, doch wird cs wohl noch einige Jahre dauern, bis sie unter Dach und Fach kommt. In Anerkennung seiner außergewöhnlichen Verdienste um das Gemeinwohl hat das Volk von San Francisco den seltenen Mann zum Bürgermeister gewählt. (Ein liebenswürdiger Examinator) war der frühere Superintendent Lohmann zu Wesel. Einst hatte sich ein Candidat zur Prüfung gemeldet, welcher aber im Hebräischen ziemlich schlecht beschlagen war. Dieser klagte nun einem Freunde, der gleichfalls in das Examen ging, aber ein großer Hebräer war, seine Noth. Derselbe beruhigte ihn jedoch mit den Worten: „Mach' Dir keine Sorgen, ich werde schon veranlassen, daß Du durchkommst!" Halb zweifelnd hört der Aengstliche zu. „Setz' Dich nur neben mich; dann wird schon Alles gut gehen." Die Prüfung beginnt. Der Freund kommt zuerst an die Reihe und besteht so glänzend, daß L o h m a n n staunend fragt: „Aber woher haben Sie diese ausgezeichneten Kenntnisse?" — „Hier, von meinem Freunde neben mir," antwortet dieser. — „So? Nun dann brauche ich ja den Herrn gar nicht mehr zu fragen", erwidert der Examinator, entläßt die Beiden, und das Examen war bestanden. (Auch ein Blutmärchcnprocctz.) Wie gemeldet, wurde in Währing die Bedienerin Albertine Höslinger von einem Sicher" beilswachmanne arretirt, weil fie bettelnd von Geschäft zu Geschäft ging und dabei erzählte, daß ihre zwölfjährige Tochter Hermine seit Sonntag abgängig und von den Juden gestohlen worden sei. Sie behauptete, das Blut ihrer Tochter im Fürstengartcn gesehen zu haben, wohin ein rothhaarigcr Jude das Kind führte und zu rituellen Zwecken ermordete. Das Polizei-Commissariat Währing hatte sofort über den Verbleib der Tochter der Höflinger Erhebungen eingeleitet und festgestcllt, daß sich das Mädchen seit seiner Geburt bei der Blnttcr aufgchalten und sich in den letzten Tagen gar nicht vom Hause entfernt hatte. Hermine Höflinger wurde auch von den behördlichen Organen im Zimmer frisch und munter angetroffen. Albcrtine Höflinger harte bei ihrer Anhaltung einen falschen Namen angegeben und hatte sich nun in der vergangenen Woche vor dem Bezirksgerichte Währing wegen Verbreitung falscher und beunruhigender Gerüchte und Falschmeldung zu verantworten. Unter den Zeugen, die zur Verhandlung vorgeladen waren, befand sich auch Pfarrer D e ck c r t aus W e i u h a u s, weil die Angeklagte a u ch b c i i h m g e b e t t e l t und ihm d a s M ä r ch e n v o n dem gestohlenen und gemordeten Kinde erzählt haben soll. Die Angeklagte leugnete anfangs, von Haus zu Haus gegangen zu sein und gebettelt zu haben, sic will nur in ein Bäckergeschäft getreten sein, um eine Semmel zu kaufen. Die Angeklagte bestreitet auch, erzählt zu haben, daß das Kind von Juden ermordet worden sei, sie will nur erzählt haben, daß ihre Tochter seit Sonntag abgängig sei. Albertine Höflinger, die fortwährend weint, gibt eine unzusammcnhängende Darstellung und behauptet schließlich, geistig nicht normal und zur Zeit der Verhaftung ein wenig betrunken gewesen zu sein. Der erste Zeuge Wachmann 0 ischka bestätigt die Anzeige vollinhaltlich. Zeuge Pins D e ck e r t, Pfarrer von Wein- Haus, gibt an, daß die Angeklagte wohl bei ihm gebettelt habe, ihm jedoch nichts vom „rothen Mann" erzählt hat. Sie habe nur bc; hauptet, ihre Tochter sei abgängig. — Richter: Hat sie von den Blutspuren erzählt V — Zeuge: Nein! — Nachdem mehrere Zeugen den Thatbestand bestätigt hatten, ging der Richter mit einem S ch u l d s p r ii ch e vor und verurtheilte Albertine Höflinger wegen llebertretung des 8 308 (Verbreitung beunruhigender Gerüchte) und 8 300 St.-G. (Falschmeldung) und 8 2 Vagabund engesetzcs (Betteinzu eine m M o n a t strengen A r r e st s. Die Angeklagte wurde gleich in Haft behalten. CorrespondenM. Wien, 18. Juni. (Todesfall.) Der Rabbinats- Assessor der israelitischen Eultusgemeinde zu Wien, Herr Marcus Pollak, ist heute Früh in seiner Wohnung, Leopoldstadt, Vereinsgasse Nr. 15, plötzlich im 65. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene hatte viele Jahre als Rabbiner in Mährisch-Weißkirchen und Holleschau fungirt und erfreute sich allgemeiner Beliebtheit. Die letzten Tage noch versah er sein Amt mit größter Pünktlichkeit und Frische; heute Morgens verrichtete er sein Gebet in der Synagoge. Gegen 10 Uhr Vormittags wurde er von einem Unwohlsein befallen und in wenigen Minuten gab er seinen Geist auf. Durch den Tod des Verblichenen ist seine Familie in die tiefste Trauer versetzt worden. Um seine Bahre trauert eine edle, gottesfürchtige Gattin, wackere Söhne, von denen einer Religionslehrer an der israelitischen Eultnsgemeinde ist, und mehrere unversorgte Töchter. Herr Rabbiner Pollak gehörte zu jenen jüdischen Seelsorgern, welche profanes Wissen mit gründlicher talmudischer Gelehrsamkeit in'sich vereinen. Er war in Kolin in Böhmen geboren, wuchs in einem sehr frommen Kreise heran. Schon in frühester Jugend genoß er einen gründlichen talmudischeu Unterricht, welcher die Grundlage seiner späteren Gelehrsamkeit auf dem Gebiete des jüdischen Schriftthums bildete. Später absolvirte er das Gymnasium in Prag und bezog die Prager Universität, wo er philosophischen und historischen Studien oblag. Er saß zu den Füßen R a p o p o r t's und hörte die Vorlesungen K ä m p f's. Nachdem er die Rabbinate Holleschau und Mährisch-Weißkirchen bekleidet hatte, wurde er auf den Posten eines Rabbinats-Assessors in Wien berufen. Obwohl selbst von strengster Observanz, zeichnete er sich durch große Milde und Toleranz aus. Er versah sein Amt mit aufopfernder Hingebung und Pünktlichkeit. Sein Hmscheiden weckt in den Herzen von Tausenden die wehmttthigsten Empfindungen; denn groß ist der Segen, den er verbreitete. Das Leichenbegängniß fand Donnerstag, Vormittags 9 Uhr, statt, über welches wir in der nächsten Nummer berichten. Wien. (Schönerer's Abdankung.) Die neueste Nummer der „Unverfälschten Deutschen Worte" bringt an der Spitze des Blattes folgende Erklärung: „Die Mitglieder des „Deutschen Volksvereines in Wien" stehen nicht wehr in geschloffener Einheit zu mir, dessen ausschließliche Führerschaft sie beim Eintritt in diesen Verein anerkannt haben. In sehr wesentlichen Dingen gehen die Meinungen weit auseinander Ich sehe mich daher naturgemäß veranlaßt, nicht nur meine Stelle als Obmann des „Deutschen Volksveremes" niederzulegen und gleich-