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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 462 *H\ Nloch/s Wochenschrift. Nr. 25 einen Entloffcncu gewiß bald wieder bekommt. Man giebt einem, der einen Deserteur aufhält oder wiedcrbringt, eine gute Belohnung." — Der Entlaufene mußte als Strafe für jeden Tag, den er als Flüchtling verlebt hatte, eine Woche, für jede Woche einen Monat und für jeden Monat ein halbes Jahr zur Strafe „serviren". Wenn aber der Herr einen solchen Entlaufenen, den man ihm wiederbrachte, nicht behalten wollte, so konnte er ihn auf so viele Jahre verkaufen als derselbe noch dienstpflichtig bei ihm gewesen wäre. „Unsere Europäer, welche verkausfet werden, müssen immer hart arbeiten, weil man beständig neue Felder machet; dahero erfahren dieselben, daß warlich die eichene Stumpen so hart in Amerika als in Tcntschland stehen." Der ehrliche Mittelberger erzählt sehr „merkwürdige und höchst fatale Exempel" von dem Mißgeschick, welches manche Leute betroffen. Der Voigt Daser aus Nagold in Württemberg kam mit Frau und acht Kindern zu Philadelphia in sehr kläglicher Lage an. Auf See hatte man ihm 1600 Gulden gestohlen. Er verklagte deshalb den englischen Schisfscapitän, bekam aber Unrecht, mußte hohe Klagekosten und dann noch 600 Gulden Fracht zahlen. Aber das Geld war ihm geraubt wurden, man versteigerte also seine fahrende Habe. Als er Geld borgte, um einen Ackcrhof zu kaufen, wurde er von den Gläubigern schmachvoll betrogen; sie hatten einen gefälschten Schuldschein von ihm unterschreiben lassen und nahmen den Nest seiner Habe ab. Seine Kinder wurden dann verbundene Knechte und Mägde. Im Jahre 1752 lief in Philadelphia ein Schiff ein, das volle sechs Monate auf Sec herumgetrieben worden war. Von 340 Passagieren waren noch — 21 am Leben, die übrigen vor Hunger und Elend gestorben! Im Jahre 1754 kamen mehr als 22.000 Deutsche in Philadelphia an. Daran, meint Mittelberger, seien die Betrügereien und Beschwätzungen der Neuländer schuld, welche er in folgender Weise schildert. Diese Menschendiebe belügen Lcnte von allerlei Stand und Profession; auch Soldaten, Gelehrte, Künstler und Handwerker. Sie verführen den Fürsten und Herren die Leute und liefern sie zum Verkauf nach Rotterdam und Amsterdam, wo sie von ihren Kauflcutcn für eine jede Person, welche zehn Jahre und darüber alt ist, 3 Gulden oder einen Dncaten erhalten. Dagegen bekommen diese Kaufleute in Philadelphia für jede Person 60, 70, ja 80 Gulden, je nachdem eine Person auf der Reise mehr oder weniger Schulden gemacht hat. Der Neuländer lieferte seinen Transport ab, blieb den Winter über in Holland, nahm im Frühjahr von seinen Kaufleuten wieder Geld auf Menschen, reiste umher und log den Leuten vor, er komme aus Pennsylvanien, um Maaren einzukaufen. Er behauptete, Vollmacht zur Hebung von Erbschaften zu haben und V.rwandte abzuholen. Leichtgläubige fand er immer. Leute von Adel und hohem Rang, die in Pennsylvanien als gemeine Tagl'öhner oder verbundene Knechte dienten und der harten Arbeit nicht gewohnt waren, tractirt man mit Schlägen wie das Vieh, damit sie die harte Arbeit lernen. Oesters geschieht es, daß die Kauflcute in Holland mit ihrem Capitän und den Neuländern einen verborgenen Accord machen, damit diese die Schiffe mit den eingeladenell Menschen an einen anderen amerikanischen Platz führen sollen und nicht nach Pennsylvanien, wohin doch die Leute eigentlich wollen; sie gedenken dann die Leute besser zu verkaufen. Diese Darstellungen M i t t e l b e r g e r's entsprechen volllommen der Wahrheit und finden ihre Bestätigung durch andere gleichzeitige Nachrichten über die „Seelentreibcr". Als das Elend gar zu arg wurde, bildeten wohlhabende und wohlmeinende Leute deutsche Gesellschaften, deren jetzt in allen Eiuwauderungöhüfcn der Bereinigten Staaten vorhanden sind. Die erste war jene zu Philadelphia, 1764. Der Hauptzweck war, den armen Landsleuten Unterstützung zu gewähren und Hilfe zu leisten. Ein deutscher Vertrauensmann ging in ihrem Auftrag an Bord des ankommenden Schiffes, überwachte den Menschenverkanf und fertigte die Dienstbriefe aus, damit der verbundene Knecht ein richtiges Document in Händen habe. Auch sorgte die Gesellschaft für Krankenhäuser. So waren diese Knechte oder Käuflinge (Servants, Redemptionürs) doch nicht mehr ganz vogelfrei, und nach und nach gestaltete sich das Verhältnis; besser. Seit Anfang unseres Jahrhunderts kam es völlig in Abgang. Zum.Mrotowsky"-Schwindel. Dem braven Bergan i ist da eine geradezu kostbare Geschichte passirt. Er hat die bekannte antisemitische Taktik, alle europäischen Spitzbuben seit Christi Geburt zu Juden oder Judenstämmlingen zu stempeln, zu ihrer höchsten Blüthe ausgebildet, und boshafte Menschen haben schon die Frage aufgeworfen, warum er just bei seiner eigenen „zaubergewaltigen Persönlichkeit" eine Ausnahme macht. In Verfolg dieser Taktik hat er vor einiger Zeit einen von sittlicher Entrüstung strotzenden Artikel über einen angeblichen Baron Krotowsky von S r o l l veröffentlicht, der nach Verübung einer ganzen Reihe von Schwindeleien schließlich in Klosterneuburg landete und daselbst mit dem Gclde einer steinreichen „Freundin" ein Gut kaufte. Selbstverständlich unterließ es Vergani nicht, der liebenswürdigen Schilderung dieses interessanten Individuums die Behauptung beizufügen, daß dasselbe jüdischer Abstammung sei. Kurze Zeit darauf trat der tapfere Berga ui jedoch einen schier fluchtartigen Rückzug an. Er widerrief nicht nur alle in seinem ersten Artikel gegen Herrn v. Krotowsky vorgebrachten Anschuldigungen, sondern er erklärte denselben sogar für einen tadellosen Ehrenmann, mit welchem zu verkehren sogar für den ehemaligen Bürgermeister von Mühldorf keine Schande wäre. Und dieser Neinwaschung wurde noch die bestimmte Versicherung beigesügt, daß Krotowsky rein anscher Abstammung sei. Wir haben seinerzeit von diesem Widerruf des Herrn V e r g a n i Notiz genommen und es als recht lustig bezeichnet, daß Jemand, der wegen seiner vermeintlich jüdischen Abkunft als Erzgauner und Spitzbube hingestellt wird, in den antisemitischen Blättern sofort zu einem Gentleman erster Classe avancirt, wenn sich nachträglich sein Arierthum herausstellt. Diese unschuldige Bemerkung hat nun dem Abgeordneten Dr. Bloch als Herausgeber der „Oesterreichischen Wochen-, schrift" zu der höchst amüsanten Ehre vcrholfen, von der gesummten antisemitischen Presse Oesterreichs und Deutschlands als classischer Zeuge citirt zu werden. Man denke! Der Abgeordnete Dr. Bloch als oberste Autorität der Antisemitenblätter! Durch all diese Hetzblätter geht folgende Notiz: „Der österreichische Reichsrathsabgeordnete Dr. Bloch hat zu dieser Angelegenheit noch das Weitere festgestellt, daß Herr Krotowsky von St oll gar nicht jüdischer Abstammung, sondern gut arischer Abkunft ist nn) von den Antisemitenblättern nur deshalb so maßlos beschimpft worden ist, weil sie ihn für einen Juden hielten." Diese Selbstcharakterisirung der antisemitischen Presse ist doch recht heiter. Im Uebrigen muß der Abgeordnete Dr. Bloch die ihm zugedachte Rolle eines Kronzeugen für die unverfälschte arische Abstammung des angeblichen Ritter v. Krotowsky dankend ablehnen. Er hat weder dessen jüdische noch dessen arische Abstammung behauptet, sondern lediglich die Taschenspieler-Geschicklichkeit Vergani' s charakterisirt, der Herrn v. Krotowsky sofort zum Ausbund aller Bürgertugenden machte, weil er ihn für einen Arier hielt. Nachträglich scheint sich nun herauszustellen , daß Krotowsky die ihm durch Vergani widerfahrene Reinwaschung durchaus nicht verdient hat und daß der Letztere mit seinem „Widerruf" gründlich 'reingefallen ist. Wird

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